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Agon(ie) – ein Komplement an „Zwei Gedanken zur Subsistenz in der Verwalteten Welt“

Ein Hinweis zu Beginn: Dieser Text enthält die Beschreibung eines sterbenden Patienten, zitiert aus einem Werk eines amerikanischen Arztes. Diejenigen unter Euch, die diese Beschreibung nicht lesen wollen, sei angeraten, den ersten zitierten Teil (in kursiver Schrift) zu überspringen. Ich habe zugleich vor der Stelle die „Weiterlesen“-Funktion gesetzt, sodass ihr um sie (und den Rest dieses Artikels) zu lesen den Artikel im ganzen aufrufen müsst.

Nach längerer Pause hat Alex nun endlich seine Gedanken zur Ideologisierung der Gesundheit zu „Papier“ gebracht. Da sie erheblich konträr zu meinem späteren Arbeitsfeld der Medizin gemünzt scheinen und Alex mir seinen Wunsch nach einer Entgegnung meinerseits an mich herantrug, möchte ich dieser Bitte hier nachkommen. An einigen Stellen differieren unsere Ansichten sicherlich, aber in erster Linie möchte ich das nun folgende als komplementär zum Ausgangstext verstehen,  vor einem weit naturwissenschaftlicheren und medizinischen Hintergrund verfasst.

Prämisse der Gesundheitsideologie

Die Stärke der WHO-Definition ist, dass sie auch Krankheiten erfasst, bei welchen sich der Patient nicht „krank fühlt“, also der Zustand der Krankheit nur mittelbar, teilweise im Verlauf über Jahrzehnte, erlebt werden kann. An der WHO-Definition von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit und die Anwesenheit von bio-psycho-sozialem Wohlergehen ist trotzdem entschieden Kritik zu üben. Sie bestimmt keine Rangfolge, differenziert nicht explizit zwischen notwendigem und hinreichendem Argument und ist auch nicht geeignet, etwa die Arbeitsdomäne der Medizin abzustecken.

Es ist logisch einleuchtend, dass ein bio-psycho-soziales Wohlergehen nicht unter unmittelbar wirksamer Erkrankung erreichbar ist.  Ein Patient mit einem fieberhaften Infekt oder mit einem akuten, symptomatischen Bandscheibenvorfall kann kein bio-psycho-soziales Wohlergehen mehr empfinden (salopp würde man „sich gut fühlen“ sagen), selbst wenn er es vorher im Überfluss hatte.

Hier offenbart sich auch die Schwäche der modernen Medizinethik, die vom autonomen Patienten ausgeht – und alteingesessene Chefärzte, also die letzten Verkörperungen der reaktionären Kräfte in einem nach Zukunft strebenden Feld,  haben Recht, wenn sie in eine  Diskussion einwerfen, dass Patienten nicht autonom, sondern krank sind. Eine akute Krankheit – ob lebensbedrohlich oder nicht – ist ein Zustand, der unser gesamtes Sein durchdringt, eine chronische Krankheit natürlich ebenso sehr, auch wenn das durchdringen hier viel subtiler ist und oftmals für das ungeübte Auge unsichtbar bleibt.

Andersherum ist aus medizinischer Sicht mit der Abwesenheit von Krankheit ein Patient nicht behandlungsbedürftig. Es ist ein Trugschluss von der Definition der WHO ausgehend zu sagen, es ginge in der Medizin um ein ganzheitliches „Wellness“-Programm im modernen Sinne des Kultes um die „widerwärtige Haut“ (Malaparte). Das bio-psycho-soziale Wohlergehen ist in erster Linie Arbeitsgebiet der Psychologie, der Wirtschaft und der Politik. Insofern kann (seriöse) Medizin kein Bestandteil eines bedingungslosen Körperkultes sein, als ihr eine Erhöhung  des Profanen aus der Notwendigkeit des Gottlosen fremd ist. Sie zieht ihre Daseinsberechtigung aus dem Dienst am Leben und wirkt nur mittelbar über den Körper – sie ist also zugleich Wegbereiter der „Krankheit zum Tode“ (Kierkegaard) als auch Wegbereiter der Kultur, der Philosophie und der Kunst.

Agonie und Agon

Alex hat Recht, wenn er in der Krankheit eine schöpferische Kraft sieht. Wie oben umrissen kann und muss sich dies jedoch in einem für das schöpferische Individuum in einem Rahmen bewegen, in dem es keine lähmende Krankheit ist. Sie muss sich im Rahmen eines inneren Wettstreites (der Agon, ein Motiv, dass sich bei Platon/Sokrates findet – der Begriff ist angelehnt an die heiligen Wettkämpfe der Antike) besiegen lassen, das ist nicht möglich, wenn sie das gesamte Sein durchdrungen hat und es beherrscht oder in überwältigender Macht auftritt.

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Laesio lucri

„Sind Sie eigentlich Masochist?“

Warum?

Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abreißen, genüsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger „trivialer“ Dinge. Von modischen Ohrsteckern bis hin zu Naturvolk, das sich lange Stäbe durch die Wangen sticht, ist die Laesio lucri (das bedeutet: die gewinnbringende Verletzung) ein omnipräsentes Element menschlicher Natur 1 .

Grenzen – oder was sie nicht ist

Bevor wir uns nun mit den Erfahrungen befassen, die wir zugleich als genuin schmerzhaft und zugleich als positiv erleben, muss es nun darum gehen, was nicht mit einer Laesio lucri gemeint ist.

Baron von Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel, Zeichnung von August von Wille, 1872; Quelle

Zum einen sind damit weder selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“ und seine Artverwandten) noch Konversionsstörungen oder gar das Münchhausen-Syndrom gemeint. Während der Selbstverletzung am häufigsten eine psychiatrische Grundstörung zu Grunde liegt und die Selbstverletzung daraus resultiert, handelt es sich bei Konversionsstörungen am einfachsten gesagt um die Verkörperlichung seelischer Spannungszustände und ist im erweiterten Sinne der Psychosomatik zu zuordnen.  Auch das Münchhausen-Syndrom ist hier nicht gemeint – dabei erfinden Patienten relativ unspezifische Krankheitssymptome wie bei der Hypochondrie, gehen aber teilweise so weit, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften, um glaubhaft in ärztlicher Behandlung zu bleiben und entziehen sich zugleich einer psychiatrischen oder neurologischen Begutachtung und Behandlung.

In all diesen oben genannten Fällen lässt sich (mehr oder weniger, die Suche nach den Ursachen mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen und wird nicht wenig ärztliches Geschick erfordern) eindeutig der psychiatrische Krankheitswert feststellen. Dies ist bei den Beispielen der laesio lucri jedoch nicht der Fall.

Marquis de Sade, in dessen Romanen sexuelle Handlungen und Gewaltfantasien beschrieben wurden; danach der Begriff des Sadismus, geprägt von Richard von Krafft-Ebing; Bild: Quelle

Zum anderen ist damit nicht der Sadomasochismus gemeint. Also der erotische Lustgewinn sowohl aus dem Erleben körperlicher Schmerzen als auch durch das Zufügen derselben (die Elemente der Macht und Demütigung sind für diese Betrachtung nicht weiter entscheidend). Hierbei handelt es sich um ein Beispiel sogenannter sexueller Devianz, dessen Krankheitswert aber immer weiter eingeschränkt wird – lediglich Personen, die nur noch dadurch in der Lage sind, sexuelle Lust zu verspüren, werden z.B. nach aktuellen Diagnosekriterien des DSM IV als an Sadomasochismus erkrankte definiert.

Zumindest auf die Frage, ob man denn Masochist sei, sollte an dieser Stelle jeder eine klare Antwort für sich vor Augen haben, egal ob zustimmend, ablehnend oder nicht näher erprobt. Doch wie funktioniert nun die Laesio lucri?

Hedonismus

Zum Einen über einen biologischen Mechanismus, der uns in Extremsituationen ermöglicht hat, trotz Schmerzen zu überleben: die sogenannten Endorphine 2. Sinn dieser Substanzklasse (nach bisherigen Theorien) ist, dass wir sie uns selbst verabreichen3, sobald wir in eine Situation geraten, in der wir einen Schmerz unterdrücken müssen, um nicht dadurch gelähmt zu werden. Sicher wissen wir, dass sie nach Schmerzreizen Glücksgefühle auslösen können, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine schmerzhafte Situation, so sie nicht unmittelbar existentiell bedrohlich ist, in der Lage ist, ein Gefühl der Zufriedenheit und der „Belohnung“ auszulösen, das bis zur Euphorie steigerbar ist.

Utilitarismus

Gewinn sozialer Bewunderung durch ein schmerzhaftes Erlebnis; Szene aus Thailand bei einer Festwoche der chinesischen Minderheit; Quelle

Zum Anderen über die Erwartungen und Normen der Gesellschaft, die sich in unseren Religionen, unserer Erziehung und unserem Freundeskreis (Neudeutsch der „Peer Group“) niederschlagen. Diese normieren die Erwünschtheit schmerzhafter Erfahrungen in beide Richtungen: ein Mitglied eines Volkes, das sich Spieße rituell durch die Wangen sticht, vermag sozialen Kapitalverlust (Ehrverlust)/Unlust zu vermeiden, in dem er den Affront des Bruches mit der Tradition vermeidet und vermag zugleich soziales Kapital/Lust zu gewinnen, in dem er diese gesellschaftlich wichtigen Regeln befolgt, also seine Position in einer exklusiven Gruppe festigt.

Ebenso vermag eine strikte Abneigung gegenüber bestimmten Praktiken selbstverständlich zu einer größeren Unlustgenerierung führen – bis hin zur Vermeidung der Praktik, um soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Jedoch scheint dieser Zustand in unseren Breiten immer weiter aufzuweichen: wenn sichtbare Tätowierungen oder übermäßiger Körperschmuck (betroffen sind ausdrücklich Mitglieder von Subkulturen, d.h. gesamtgesellschaftlich Minderheiten) ausreichender Grund sind, eine Anstellung eines Menschen in einem Betrieb zu verhindern. Hier hat im betroffenen Individuum, wenn auch möglicherweise unbewusst, eine Abwägung zugunsten der Peer Group und gegen die breitere Basis der Gesellschaft stattgefunden. Der Nutzen der Anpassung und Abgrenzung gegen das große Ganze muss offensichtlich schwerer (im Nutzen) wiegen, als die Anpassung an den Mainstream und die damit verbundenen verbesserten wirtschaftlichen Lebenschancen.

Womit wir leben

Nun jedoch zu den alltäglichen Beispielen, diejenigen, die für jeden von uns greifbar machen sollten was eine Laesio lucri ist und wo sich in ihnen die hedonistisch-utilitaristischen Widersprüche verbergen. Zwischen denen entscheiden wir uns nur all zu oft zugunsten der Laesion und handeln damit sogar in manchen Fällen fahrlässig.

Feuer

Schweißperlen auf der Stirn, ein Quälen, ein Brennen. das mittlerweile den gesamten Mund ausfüllt, von den Lippen über die Zunge leckt das Feuer über den Gaumen und reicht bis in den Rachen hinein –  wieder und wieder schaufelt jemand den Brennstoff hinein, wie ein Heizer, der verzweifelt Kohlen in den glühenden Schlund der Lokomotive wirft.  

Lediglich der Dampf aus den Ohren fehlt zur obigen Analogie, wenn man beim Inder eine Portion Lamm Vindaloo verspeist.  Nicht minder trifft sie auf Menschen zu, die sich eine Currywurst mit einer Soße bestellen, die jenseits der natürlich vorkommenden Schärfegrade extra hergestellt wurden, ja sogar zur Currywurst eine Milch und ein Haftungsausschluss mit serviert werden.

Entgegen der landläufigen Vorstellung befindet sich das meiste Capsaicin der Chilishoten nicht in den Samen, sondern in der Plazenta und der Samenscheidewand. Quelle

Die weit bekannte Ursache für den Schmerz beim Verzehr scharfer Speisen – Capsaicin – wirkt über die nozizeptiven (d.h. Schmerz wahrnehmenden) freien Nervenendigungen und aktiviert dort Ionenkanäle, die sonst auf starke Hitzereize reagieren sollen. Daher empfinden wir den Verzehr scharfer Speisen als Schmerz wie bei einer Verbrennung. Obwohl nichts daran angenehm ist, essen trotzdem zahllose Menschen, sogar ganze Völker, besonders gerne Schmerz. Auf Nachfrage warum, werden die meisten antworten, dass sie sich danach „irgendwie besser“ fühlen. Hedonistisch im Vordergrund steht dabei der oben beschriebene, biochemische Mechanismus. Doch wie steht es um den utilitaristischen Konflikt?

Auf der „Verlust“-Seite steht nur bei extremen Dosen (gemessen an der eigenen Verträglichkeit) eine wahrhaftige gesundheitliche Gefährdung durch eine übermäßig starke Stressreaktion des Körpers auf den Schmerzreiz4, der jedoch konventionell selten erreicht werden kann. In „handelsüblichen“ Mengen (die schärfsten Currywürste dieser Welt sind damit nicht gemeint) steht also höchstens das Erröten und die Schweißentwicklung als situatives Problem da, wenn in der Peer Group, in der man sich gerade befindet, diese Art des Auftretens potentiell sanktionierbar wäre.

An „Haben“ gewinnt ein Scharf-Esser unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hohen Umgebungstemperaturen, wo die Erweiterung der oberflächlichen Blutgefäße und die erhöhte Schweißproduktion zu einer besseren Wärmeabgabe führen können. Dies erklärt sicherlich anteilig die Popularität scharfer Speisen in den besonders warmen Klimata der Erde.

In erster Linie entscheidet der Scharf-Esser also hedonistisch geleitet, nach Lustgewinn. An zweiter Stelle erst kommen Situativ utilitaristische Überlegungen in die Abwägung hinein, dürften jedoch im Regelfall nachrangig bleiben, es sei denn eine Situation verlangt besonders seriöses, neutrales Auftreten.

Hörner

Ein eingewachsenes Haar, eine verstopfte Pore. Man gebe dazu ein paar Bakterien  und schwupps: Pickel und Mitesser, wohin das Auge wandert.

Was für manche die Plage der Pubertät gewesen sein mag, stirbt auch Jahre danach nicht aus. Ebenso wenig die Angewohnheit, sie zu zerquetschen, diese ästhetisch lästigen Makel, die – kaum schaut man in den Spiegel – gleich penetrant ins Blickfeld springen. Der Entschluss der Mehrheit ist hier eindeutig: der Pickel muss Platz machen und platzen.

Ebenso klar ist der utilitaristische und hedonistische Grund dafür: so der Pickel bereits eine ausgeprägtere Entzündung zeigte lässt das Druckgefühl nach, es ist eben kein „Horn“ mehr auf der Stirn zu fühlen, so lange man nicht darüber fährt. Außerdem ist allein der Glaube an die ästhetische Bereinigung des Antlitz‘ hier Berge versetzend/Finger bewegend.

Hippokrates von Kros, ca. 460-370 v. Chr., Begründer der noch heute gültigen Lehre: Ubi pus, ibi evacua (Wo Eiter ist, da entleere ihn). Quelle

Wie steht es aber um den negativen Aspekt des Handelns? Die meisten werden schon Geschichten darüber gehört haben, dass einen Pickel auszudrücken ein medizinisches Risiko darstellt. Dies stimmt in doppelter Hinsicht: erstens besteht die Gefahr, durch den aufgebauten Druck Bakterien in tiefere Hautschichten zu drücken, wo sie  abszedieren  (eine Ansammlung von Eiter unter der Haut bilden) können – mit der Folge, dass ein Chirurg den Abszess aufschneiden muss, um getreu des hippokratischen Lehrsatzes den Eiter abfließen zu lassen. Zweitens besteht die Gefahr einer Einschwemmung der Bakterien in dabei verletzte Blutgefäße. Vor allem im Bereich um die Augen, auf dem Nasenrücken und auf der Stirn ist dies von Bedeutung, weil der Blutabfluss aus diesen Bereichen über die Vena angularis mit den großen Hirnvenen in Verbindung steht, sodass hierüber eine von dort ausgehende Entzündung der Hirnhäute/des Gehirns (Meningitis/Meningoencephalitis) denkbar ist.

Trotz dieses Wissens – oder gerade mangels seiner Verbreitung – gibt es fast keinen sozialen Handlungsdruck, einen Pickel nicht auszudrücken. Im Gegenteil ist der ästhetische Anpassungsdruck weit größer, selbst bei denjenigen, die um der potentiell negativen Auswirkungen ihres Verhaltens wissen.

Zum Schluss

Die Beispiele ließen sich weiter führen – im Interesse des Schlusses, der zugleich eine Einleitung hätte sein sollen, möchte ich die weiteren jedoch nur noch auf Bedarf über die Kommentare ausführen.

Ich hoffe ich konnte zeigen, was unter einer Laesio lucri zu verstehen ist; was sie ausmacht: sie ist ein genuin schmerzhaftes Erleben, das wir dennoch als positiv empfinden, dabei aber keinen pathologischen Wert hat, also nicht in einem schadhaften Übermaße stattfindet5 – und was nicht notwendig, aber hinreichend ist, dass wir sie selten reflektieren. Sie ist also ein hedonistisch-utilitaristisches Paradoxon, das uns tagtäglich begleitet, aber meistens ungesehen bleibt.

Zum Abschluss möchte ich Alex danken, der sich dieses Thema aus meiner „Feder“, aus meinen Augen gesehen, gewünscht hat. Ich bin mir sicher, dass er die eine oder andere Formulierung wiedererkannt hat, die er dafür ganz treffend über hatte. Außerdem möchte er mir nachsehen, dass ich seinen Vorschlag des Namens für dieses Phänomen zu Gunsten der Laesio lucri übergangen habe.

Fußnoten

Ich habe lange überlegt, ob ich hier Kultur oder Natur schreibe. Angesichts des biochemischen Mechanismus‘ (s.o.) halte ich jedoch Natur hier für die treffendere Wahl, auch wenn es möglicherweise der eine oder andere für streitbar halten mag, gerade angesichts der Integration und Adaptation dieses Verhaltens in einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen.

Der Begriff leitet sich auf Grund der Ähnlichkeit in der Wirkung vom Morphin ab: Endogenes Morphin

3 Gemeinst ist natürlich die reflexartige Ausschüttung des Botenstoffes im Gehirn

4 Jeder Schmerzreiz vermag prinzipiell zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems führen, demzufolge also eine Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdruckes und der Schweißentwicklung sowie eine erhöhte Durchblutung von unter Bedrohung von außen lebenswichtiger Organe (Herz, Gehirn, Muskulatur, ggf. Haut)

5Es ist vielleicht noch wichtig, dass die Sucht (Rauchen, Alkohol, Medikamente, …) aus der Definition heraus auch nicht dazu gehören kann. Diese hat einen pathologischen Wert, und die Betroffenen erleben sie nicht als genuin schmerzhaft.

Gedanken zur deutschen Einheit – von der Mauer im Kopf

„Seit Jahren pumpen wir das Geld rüber und hier verfällt alles.“ Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte.

Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie 1989

Genau obigen Satz jedoch hörte ich heute auf meiner Reise von Northeim nach Leipzig im Zug, gesprochen aus einer Gruppe von Frauen. Nach meinem nun schon vier Jahre andauernden Wahlexil in den neuen Bundesländern und geboren nach dem Fall der Mauer (wenn auch knapp vor der gesetzmäßigen Wiedervereinigung, die vorgestern ihr 24. Jubiläum feierte) fühle ich mich als Kind der deutschen Einheit. Die physische Teilung Deutschlands, wie es unter Preußen erst von Bismarck geschaffen wurde und es nach 1945 die Alliierten festlegten, ist für mich nur noch ein abstraktes Konzept, das ich nicht länger zu greifen vermag.

Mauern in Köpfen

William James, amerikanischer Philosoph und Pragmatiker

Was mir nicht fremd ist, ist die Mauer in den Köpfen der Menschen um mich herum. So bei den Damen vom Kaffeekränzchen im Zug: Sie führten mich zurück auf eine Beobachtung von William James. Er stellt in seinem Buch „Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking“ (1907) heraus, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an vorgefassten Vorstellungen und Regeln darüber hat, wie die Welt sich zusammensetzt und wie die Welt funktioniert (ich vermeide hier bewusst den Begriff des Vorurteils, da es nicht die Tragweite des hier gemeinten erfasst, auch wenn es vermutlich die bestmögliche Übersetzung wäre). Diese Vorstellungen konserviere nun ein jedes Individuum bis zum äußersten; d.h. neu gewonnene Eindrücke werden entweder in das bestehende System als regelkonform eingearbeitet (und dafür die Eindrücke bei Bedarf auch „verzerrt“ und „verbogen“) oder bei mangelnder Kompatibilität die bestehenden Regeln in so geringem Umfang wie möglich verändert (und nur in Ausnahmesituationen Regeln durch neue ersetzt).

Nun kommt die Frage auf: Was hat James mit der Frau im Zug und der deutschen Einheit zu tun?

Von Ossis und Wessis

Zum Einen ihre vorgefertigte Denkweise, ihre Regeln darüber, wie die Welt zu funktionieren habe; Sie hat ein stereotypisches Bild eines „Wessis“ in ihrem Denken und diesem Satz zum Ausdruck gebracht: ein latentes Gefühl der Überlegenheit über die „Ossis“, „die da drüben“, die anscheinend nicht in der Lage wären trotz Unsummen eine alleinständige Wirtschaft aufzubauen – also auf die Hilfe des „großen Bruders“ Westdeutschland angewiesen zu sein scheinen – und den „Unrechtsstaat“ zu unrecht (oder unter falscher Prämisse) verteidigten. Darüber hinaus kommt hier ein kindisches dürsten nach Aufmerksamkeit zum Ausdruck: Das Gefühl über die ganze Fürsorge dem Sorgenkind, dem Nesthäkchen „Neue Bundesländer“, gegenüber, nicht gesehen zu werden, obwohl man doch so bemüht und fleißig um die Aufmerksamkeit des Vaters (das ist: der Staat) gebuhlt hatte, während man noch für „den Kleinen“ mit gesorgt hat.

Stereotype Satire des „Ossis“, Titanic Magazin, Ausgabe 11/1989

Nun ist die Frau in keiner Weise dem „Ossi“ überlegen, der sich über die hoch gestellte Nase des „Wessis“ ärgert, der in den Augen des „Ossis“ meint, sich alles erlauben zu können, nur weil er das von Anfang an (gemeint ist 1990) einfachere Leben hatte. Zugleich hört man nicht selten von solchen Vertretern Sätze wie „In der DDR hatten wir noch richtigen Zusammenhalt“, oder: „Bei uns hatte ja jeder ein Grundrecht auf Arbeit!“ Und nicht selten sind es diejenigen, deren körperliche und geistige Ausstattung nicht darauf ausgelegt war, in einem darwinistischen System, wie es auch die soziale Marktwirtschaft ist, erfolgreich zu sein. Hier kommt ein unberechtigter Neid, in gleicher Analogie zur Familie wie oben, auf den erfolgreichen „großen Bruder“ zum Ausdruck – unter der irrigen Annahme, er habe ein erfolgreiches Leben ohne Widerstände und Probleme.

Beide sind Ausdruck der selben Mauer im Kopf, von der James sprach. Ihre vorgefertigten Regeln, Vorstellungen, ja Vorurteile, bestimmen ganz wesentlich, wie sie die Welt sehen – und mangels eines Eindruckes, der ihre Regeln zu Fall bringen muss, weil er ein so eindringliches Moment hat, laufen sie damit bis an ihr Lebensende durch die Weltgeschichte. Nun will ich jedoch nicht sagen, dass dies der alleinig betroffene Schlag Menschen wäre, es ist viel mehr universales Prinzip unserer Funktionsweise, damit auch fester Bestandteil unserer Natur – und hier lediglich in seiner negativen Form besonders sichtbar. Man sollte dies jedoch immer im Hinterkopf behalten, erst recht, wenn man eine Situation erlebt, die unsere eigenen Regeln über die Funktion der Welt in Frage stellt.

Vom Nutzen der Geographie

Zum Anderen verbog sich die Frau die Situation, in der sie sich befand, damit diese ihrer Wirklichkeit entsprach (wenn ich auch mutmaßen muss, dass dies unbewusst oder zumindest fahrlässig geschah).

Historische Weltkarte, Abraham Ortelius, 1570

Dazu wichtig die folgende Schilderung der Umstände: Einfahrt in einen Bahnhof, der aktuell offensichtlich renoviert wird. Dabei wurde alles runderneuert, von den Pflastersteinen des Bahnsteiges bis zu Schildern und Unterständen. Daraufhin stellte sie das Offensichtliche fest und äußerte sich in ihrem Redefluss sinngemäß dahingehend, dass hier (gemeint war: der Osten) ja jetzt alles hübsch gemacht werde und zuhause (gemeint war: der Westen) alles verfalle.

Hätte sie sich ein wenig besser geographisch ausgekannt – oder hätte sie das Schild am Bahnsteig gelesen – hätte sie bemerkt, dass es sich noch um einen niedersächsischen Bahnhof handelt. Dies tut ihrem Standpunkt nichts zur Sache und würde sie mit Sicherheit nicht in ihrer Grundvorstellung umstimmen, illustriert aber recht amüsant, welche Auswüchse die Anpassung der Realität in unserer Wahrnehmung haben kann. Und von welchem Nutzen zumindest rudimentäre Kenntnisse der Geographie sind.

Mauerfall

Vor über 25 Jahren nun begann die Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ging dabei nicht einmal von Anfang an um die Auflösung der DDR oder um die Angliederung an den Westen. Das Ziel war es, an den wideren äußeren Umständen des Lebens in der DDR etwas zu verändern – und am Ende fiel die Mauer.

Weitaus schwieriger nun ist es, an den eigenen Mauern zu arbeiten. An den Vorstellungen, Vorurteilen, Regeln, nach denen man lebt. Es verlangt Klugheit, Tapferkeit und Maß, also gleich drei Kardinaltugenden, diejenigen zu erkennen, die man verändern oder einreißen sollte, und noch mehr Urkraft, neue an ihrer Statt zu errichten. Und das ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Aber es ist ein lohnendes.

Denn wenn jeder einzelne Mensch nun versucht, die bestmögliche Form seiner Selbst zu werden, wäre die Welt – mit Erich Kästner gesprochen – wahrhaftig ein besserer Ort. Und selbst wenn nicht, ist die Genugtuung der Selbstüberwindung Lohn und Reichtum für ein ganzes Leben.