Archiv der Kategorie: Bildkritik

Die Prophezeiung Hundsmutter

Vor einigen Monden, etwa einem halben Dutzend Sonnenzyklen, fiel zwei Archivaren des Skurrilen im Zuge ihrer Studien des Kodex Γοογολ Τρανςλατις (lat. googol translatis) ein ungewöhnliches Schriftdokument in die Hände. Nach ausführlicher Übersetzungs- und Interpretationsarbeit waren sie in der Lage den zusammenhängenden Textcorpus der sogenannten „Prophezeiung Hundsmutter“ zu präsentieren. Die horrende Ambiguität und interpretative Variabilität des Textes ließ sie doch zuletzt daran zweifeln, ob das Dokument der Öffentlichkeit verfügbar gemacht werden sollte. An dieser Stelle soll nun zum ersten Mal ein Einblick in dieses theologisch und kulturgeschichtlich brisante Dokument erlaubt werden.  Es mag dabei fragwürdig bleiben, inwiefern es sich bei der Prophezeiung „Hundsmutter“ um eine virtuell-analoge Überlieferung einer semiexistenten Kultur, eine Abduktion der Écriture automatique oder gar eine Epiphanie qua Selbstoffenbarung des Kodex Γοογολ Τρανςλατις handelt.

Dramatis personae

Neews, der Priester, von Afghanistan
Zhu Mrdoak
Der Dukelijia
Shui Nyusurudyuku
Mary
Großvater Ace
Morris
Ivan
Dorsten Pickel?
Mona [eine Mutter der Freiheit]
Falten der Wahnsinnige?
Nicholas Azaala Fine Arts
Egesne Ahrend Jade
Steben?
Anna [Egesne Ahrend Jades Witwe?]
Nazi Knuppe
Phong Phu Trinh
Linda Fernandes
Hybson Eber?
Ravenna, der Regent
Der hl. Ganze
Reinhard Messe, der Koch
Desiree Löwe
Adam

So und so ähnlich müssen die Entdecker der Prophezeiung Hundsmutter ausgesehen haben
So und so ähnlich müssen die Entdecker der Prophezeiung Hundsmutter ausgesehen haben

Es folgt der Wortlaut der Prophezeiung:

Neews, der Priester: der nächste Schritt

Der Redaktions-Ausschuss der Green Party wurde von den Parteien präsentiert. 27 der Präsidenten und Minister von Fehlern – Neews von Afghanistan und ein Feuerbericht. Plötzlich war das Kind ignoriert. Nach mehreren Stunden und Informationen investierte Zhu Mrdoak in der Regel mit einer halben Geschwindigkeit der Sowjetunion in den Tourismus. Am Ende der ersten Hälfte des neuen kleinen Bruders, Bosnien – Harcagobinha, Kroatien, tanzte der Dukelijia energisch und unbekleidet: „Telefon, das Land hat Erfahrung und Bildung“. Magic verschwand. Gestern Nachmittag verkleinerte Dukelijia den Ball auf der linken Seite. Zur gleichen Zeit, verglichen mit Dukelijias Erwartungen, erhob Shui Nyusurudyuku seine Hände nicht gegen alle Päpste. Das konnte passieren, doch jetzt ist alles sehr schlecht.
Nyusurudyukus Investitionen mit der Entstehung der Situation haben sich verändert. Mrdoaks Tod ist durch Neews Lösung bedingt: Shui Nyusurudyuku fürchtete Neews und dieser sprach: „Sie wählen das Kind Dukelijia, Angst, und Sie werden es bekommen.“

Dukelijas Tagebuch:

Außerhalb aufgelösten Ausbruchs

Gutes Angebot läuft im Dezember wieder zueinander. Optimalitäten sind im Darm und das Muskel-Feld „schmilzt“ .. Langeweile. Immerhin akzeptiert Mary die Testanwendung; würde die Zeit? Ich sterbe. Halbnackte Männer tropfen von der Straße, alleine die venezolanische Wang Akne mit dem Ergebnis etwas überwiegende Teppiche und Stoff zu sammeln: Großvater Aces Spendentag. und schlimmer –….. neue Sterne und trinken dazu beigetragen Gesang.

Blattlaus-Dispersion Maschine

Sharp-Technologie könnte ganz gut .. Eastville Muskel sechs läuft wieder. Ein anderes Feld oder Falschdarstellung in das weite Land: Am Miettag haben Morris und Ivan geheiratet. Sie rollen Garn. Ohne dass nachts nach dem Schlag Dorsten Pickel bereits Palmen und Tee verzweigt hatte und auch wenn Schulden eingesetzt wurden, rennt die Akne gerade. Schweinefleisch oder kaufen –….. Die Leser sollten sich fragen: Jahre?

Die folgenden beiden Abschnitte der Prophezeiung entziehen sich weitgehend der interpretativen Zugänglichkeit. Allein durch rekurrente Motive wie Nazi Knuppes „Kirchenschiff“ lässt sich die Konsistenz der gesamten Prophezeiung ahnen.

So ähnlich und so muss das Original der Prophezeiung Hundsmutter ausgesehen haben
So ähnlich und so muss das Original der Prophezeiung Hundsmutter ausgesehen haben

Monas traumartiger Traum

„Oh, das ist nicht so, dass die Sau und, yo, und die Söhne des hohlen Falten des Wahnsinnigen, er wird nicht zum Charme des Biochemie-Axial-Jade-Chen-Krieg.“

Sci-Schlacht ragt in den Tag der Regel von IL durch die zweite Allee, die ihm abgekürzt nach Sternen, Nicholas Azaala Fine Arts [von Biochemie-Axial], zu Dörfern schien. Von einer Taube stirbt in Nüchternheit Egesne Ahrend Jade [von Jade-Chen], aus der technischen Kapazität des Führers, gebend die Angst Stebens Sterben. Bevor sie ihn stirbt, lassen die Spender Stebens die 100 Größten von Anna [Egesne Ahrend Jades Witwe?] sterben.

Die Kavallerie einer Mutter, eine der Freiheit, [irrt] und [weiß,] daß sie den Tag des Todes der Vereinten Nationen kennen. Vom Nationenfest geht eine der Töchter zu Nazi Knuppes Kirchenschiff, eines der großen eines Schauspielers in Andorra, Frankreich. 1000 sterben; verkürzt sich der Tag des Todes, von den Göttern werden, welche angesichts der Zusammenarbeit der Technischen Kunst und Macht sind,
alle Sterben hören, sehen die Götter der Vergangenheit. Oder allen wird von Phong Phu Trinh in ihrer Lenham Hefei Chiara IP, Kentucky [das Zentrum der UN?], genommen werden. O Zeitleiste, unter seinem Boot auf dem Greifensee hat Mona [eine Mutter der Freiheit] Schlaf.

Das Gleichnis von den vereinten Saflorsamen:

Um zu sterben der Nationen Vereinten Kodex der Betrieb einen Geist der Stellungnahme pflanzte einen Starb Linda Fernandes im Moskau in den früheren Zeiten der Regisseur, und Sechzig Blattmaterial von der Freiheit katalytischen Perot wolkig Hybson Eber von der Kapazität Tag unterstützung und Ich Weiss zu geben. Silizium Silizium von der Rechte der Tag des Sterbens Seasons Milliarde Hommage oder Höhle Zellen von Ravenna, der Regent, Starb am Tag der Seine Heimat für
Schule von der Sonne Shanghai Wolle, am Tag der Weisheit verwendung von IE. Am Tag des hl Ganze Sie sind der Tag, als er eingerichtet Werden keine Kraft des Staates einen Koch Reinhard Messe des Urteils Welle. Natürlich!! Hauptstadt der Welt erhob, Von Allen ungeschulten saflorsamen Vereinten Nationen, Ich Möchte mehr gefallen Höhle Sauberer Geländeläufer Leib Der arme zu Folge. Desiree Löwe Am Kirchenschiff Frag Tag Der Wald ist der Reis C. Der Tag der Welt des verurteilen

Gesetzt so, in den Tag Oh La La Theorie der Sie trauert Das Land des Kopfes meiner Tage hier Wehe Acridin Lieblings-Schuh Bild: Harte Kaka – Ruhetage Schleife Tage hier, Ja, es oh oh, oh Oh, Den Krieg auf Angst als deine Haare so Adams Akkon Wir nähern uns den Tagen der Wagen Schlamm verlust,
dass. sterben Leute, ah Penis Kalb wächst. In den Tag, Wenn ich Ein Geschenk der Gnade mehr als sterben Schildkröten hier.

Ästhetische Kontemplationen zur Pose

Die Zwiegestalt der Pose

πάντα ῥεῖ, nichts verharrt, so spricht die Erfahrung siegessicher -blickt sie doch ins nackte Wirrsal des bloß Tatsächlichen. Nichts Ewiges, kein Wunder birgt der Alltag, mag sich die Erfahrungswissenschaft auch skeptisch plagen: Was bleibt, ist die Strömung des Fließenden, der Luftzug der Hast. Das Diktat der Vernunft gebietet, den Schein der Dauer als Zeitpunkt zu entzaubern. Wer ihm gehorcht, gewinnt den kalten Stolz der Gewissheit, nichts zu wissen, die närrische Schadenfreude, nie unrecht zu haben, und sein triumphales Selbst als relatives Zentroid des frei rotierenden Kosmos. Allein, was verliert der Alleszermalmer und Bezwinger der Dauer, unser Zeitgenosse?

Mit Gottfried Benns Gedicht „Menschen getroffen“ (1955) möchte ich beginnen, woran der Vernunftmensch verlustig gegangen ist, zu entbergen:

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr
– Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.

Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle
Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle

Es ist Frederic Leightons Bild „Nausicaa“ (1878), das diesem Gedicht ein Gesicht schenkt. Hier steht in gotischer Tiefe die junge Nausikaa, das Ebenbild der keimenden Liebe, auf einer beinahe entrückten Treppe. Es ist als wäre die junge Frau so leicht, dass sie levitierte, als schwebte sie über dem schweren Stein und bedürfte der Säule, gegen die sie lehnt nicht, um sich abzustützen, sondern um sich an ihr zu vergewissern, dass sie den Kontakt zum Boden noch nicht verloren hat. Weiter noch ist es aber erst die lehnende Haltung ihres Leibes, die die Zaghaftigkeit und Vorsicht ihres Ausdrucks, aber auch den sehnenden Blick, den Nausikaa auf Odysseus wirft, schafft. Was der Präraffaelit Leighton malte, ist eine Pose, eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst genügt. Zugleich ist dieses Bild jedoch nur möglich als die Wiedergabe einer Wirklichkeit, die in ihm Ausdruck findet, weil sein Maler in der Welt nach ihr gesucht hat.

Zu sehen ist hier kein Zufall, kein flinkes Foto und kein Alltag. Nausikaas Anmut ist von keinem Kontext, sie steigt nicht herab und hält nicht ein. Sie ist in dieser Pose nur in der Dauer des ausgestreckten Moments, nicht zum Zeitpunkt vor und nach einem anderen. Ist sie deswegen irreal? Mitnichten! Die Zwiegestalt der Pose ist die Deckung vom leiblichen Ideal und der situativen Wirklichkeit. Es ist Fräulein Christian aus Gottfried Benns Gedicht, in deren Leben dieser Moment vorgekommen sein wird. Es kostet eine Person, um eine Situation zu gewinnen. Mit einer Situation ist indes kein ewiglich Wandelndes, sondern ein trotzig Gegenwärtiges bezeichnet. In anderen Worten: Situationen gibt es nicht an sich im angeblichen Molekülstrom der Empirie, sondern nur im bewussten Erlebnis. Zu glauben, dass nur erlebt wird, was sich unmittelbar aus dem Atommodell ableiten lässt, ist die Hybris des Vernunftmenschen. Ihre wesentliche Grenze findet sie im Moment der dringlichen Gegenwart der Pose.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist nicht die Sonderbegabung John Franklins, dessen Augen und Ohren „jeden Eindruck eigentümlich lang“ festhalten, aus Stan Nadolnys Roman nötig, um dem Wesen der Pose im Strom der Tatsachen zu begegnen – nicht jedoch, weil etwas anderes vorausgesetzt ist, sondern weil das Phänomen in der Erfahrung gegeben sein muss. Es helfen vielleicht Achtsamkeit oder gar Interesse, doch die Gelegenheit lässt sich nicht erzwingen. Die Langsamkeit ist unterdessen in einer anderen Hinsicht zu entdecken: Sie zeichnet die lebendige Pose wesentlich aus. Es ist der Bruch mit dem Alltag, das Innehalten, das die Anmut eröffnet. Am Ende des Laufstegs vor dem Rückweg zu verlangsamen, einzuhalten und in einer Pose einzukehren ist die Magie der Modenschau. Die Ausdruckskraft des Models rekrutiert sich als Zentromer der Blicke im Klimax des Stillstands.

Wäre es nicht die kulturindustrielle Kulisse, die Erwartung einer Dienstleistung und der Unort des Laufstegs, der eine modische Expropriation einfordert, so ließe sich von der Modenschau gewiss als mehr denn einer Reminiszenz authentischer Posen sprechen. Tatsächlich deutet sich hier allerdings der pejorative Gebrauch des Ausdrucks ‚Pose‘ an. Von der Pose zu sprechen, meint auch eine artifizielle Mittelbarkeit der Darstellung zu bezeichnen. So ist die Pose der Freundschaft eine falsche, weil erzwungene. Beide Verwendungsweisen rekurrieren allerdings auf dieselbe Bedeutung, sodass eine klare Scheidung umso wichtiger wird. Ist die Pose eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst genügt, so kann ihre Imitation instrumentalisiert werden. Diese Mimikry gilt es nicht mit der reinen Pose zu verwechseln. Die Pose der Freundschaft in diesem pejorativen Sinne beansprucht also nur, Freundschaft leiblich zu vergegenwärtigen.

Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Quelle
Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Quelle

Die eigentliche Pose zu identifizieren, bedeutet sich nicht ihrem Schein hinzugeben, sondern die Haltung des Leibes einer ästhetischen Prüfung zu unterziehen. Ob Jean-Léon Gérômes „Phryne vor dem Areopag“ (1861) wahrhaftig in der authentischen Pose der Scham entblößt wird, sieht nur der, der fragt, was er sehenden Auges wahrnimmt. Hier hilft keine Psychologie der Scham, sondern vornehmlich die Gewahrwerdung des Anderen in der unmittelbaren Situation. Ist es Pose der Scham, in der Phryne verharrt, so wird sie sich eindrücklich bewähren, indem sich die Idee der Scham in Phrynes leiblicher Gegenwart selbst genügt.

Die eigentümliche Schönheit der Frau

Dass Johannes der Täufer als Lohn für den Tanz der Salome geköpft wurde, mag erschütternd sein, doch zugleich ist es Ausdruck der Größe leiblicher Gewalt. Die Natur der Pose gründet in derjenigen des Leibes. Mag die sakrale Schönheit ernsthafter Andacht im Gebet, beim Musizieren oder Denken asexuell sein, so sind einige Posen doch den beiden Geschlechtern vorbehalten. Théodore Jouffroy findet in „Le cahier vert“ (1842) die entsprechenden Worte:

Die Gesetze der gewöhnlichen Liebe lassen sich in der Naturliebe wahrnehmen. Jedes Geschlecht neigt hier dazu, den Schönheiten, die dem des anderen analog sind, den Vorzug zu geben. Die Frauen sind mehr verführt von dem, was energisch und stark ist, die Männer von dem, was anmutig und heiter ist; das Erhabene wirkt mehr auf sie, das Schöne mehr auf uns. Es wäre auch möglich, daß die Frauen die Hunde lieben und die Männer die Katzen.

Jean Benner  (1899): Salomé; Quelle
Jean Benner (1899): Salomé; Quelle

Wichtig ist nun aber, dass auch hier die Pose nicht zum Instrument wird und dass „das Vergnügen, ihre Schönheit zu zeigen, […] besonders den Frauen angeboren [ist], deren Gestalt schöner ist als ihr Gesicht“, wie Joseph Joubert in seinen Tagebüchern (1774-1823) konstatiert, und somit keine Tugend ist. Die authentische Pose ist immer in ihrer Unmittelbarkeit erschöpfend motiviert, sie bedarf keiner psychologischen, kulturellen oder symbolischen Zutat. Dieser Zwecklosigkeit der Pose ist, wie Adorno in „Das Schema der Massenkultur“ (1942) feststellt, das erste Opfer jeder Kulturindustrie und muss dem kitischigen Zauber, der den Zuschauer illusionslos anspringt, weichen:

Die Allgegenwart der Technologie prägt sich den Gegenständen auf und tabuiert das Geschichtliche, die Spur vergangenen Leidens an Menschen und Dingen, als Kitsch. Prototypisch ist die Schauspielerin, die noch in den schrecklichsten Gefahren, im tropischen Taifun und in der Gewalt des Mädchenhändlers, frisch gebadet, sorgfältig geschminkt und makellos frisiert einherschreitet. Sie wird so scharf, genau und unerbittlich photographiert, daß der Zauber, den ihr make-up ausüben soll, durch die Illusionslosigkeit sich erhöht, mit dem er als buchstäblich wahrer und unübertriebener den Zuschauer anspringt. Massenkultur ist ungeschminkte Schminke. Mehr als mit allem anderen assimiliert sie sich dem Reich der Zwecke durch den nüchternen Blick. Die neue Sachlichkeit, die sie äfft, ist in der Architektur entwickelt worden. Sie hat in deren Zweckbereich das ästhetische Recht des Zweckmäßigen gegen die Barbarei vertreten, die der Schein des Zwecklosen dort mit sich bringt. Sie hat Standardisierung und Massenproduktion zur Sache der Kunst gemacht, wo deren Gegenteil zum Hohn wird aufs Formgesetz, das von draußen stammt. Um so schöner ist das Praktische, je mehr es auf den Schein von Schönheit verzichtet. Sobald aber Sachlichkeit von den Zwecken losgerissen wird, entartet sie zu eben jenem Ornament, das sie zu Beginn als Verbrechen denunziert hat.

Und in der „Ästhetischen Theorie“ (1970) weiter:

Das schönste Mädchengesicht wird häßlich durch penetrante Ähnlichkeit mit dem Filmstar, nach dem es am Ende wirklich präfabriziert ist: noch wo die Erfahrung eines Natürlichen als eines ungeschmälert Individuierten sich gibt, wie wenn sie vor der Verwaltung geschützt wäre, betrügt sie tendenziell. Das Naturschöne geht im Zeitalter seines totalen Vermitteltseins in seine Fratze über; nicht zuletzt bewegt die Ehrfurcht dazu, vor seiner Betrachtung solange Askese zu üben, wie es mit den Abdrücken der Ware überzogen ist.

Vor dem Spiegel – insbesondere demjenigen des Zeitgeists – zu posieren, verdirbt jede Pose. Es ist erst das Erlebnis der Situation, das die in ihr verpflichtete Person in einem reinen Akt zur Ruhe der Pose kommen lässt, und einen dauerhaften Moment einfordert. Wer diese Wahrnehmung nicht zulässt, lebt im nie versiegenden Strom des physikalischen Zeitstrahls „gleich dem Tor, der Tag für Tag an des Flusses Ufer wartet, bis die Wasser abgeflossen, die doch ewig fließen“ (Wolf Biermann).

Die Geburt des Wissens aus dem Geiste der Musik: Kommentar zum Beethoven-Motiv aus dem Film „Knowing“ (2009)

Der nötige Ernst

Nachvollziehbarkeit, wie Verständlichkeit, ist nicht voraussetzungslos. Im Gegenteil wird sie bisweilen erst durch mannigfache vorhergehende Bemühungen erreichbar. Zugleich beruht ein Großteil (wichtig: nicht alle) der Versuche, die Kommunikation aufzunehmen, auf der Hoffnung, nachvollziehbar zu handeln, zu sprechen oder zu wirken. Je feingeistiger, je komplexer und je ungewohnter nun die Aufforderung zum Mitvollzug ist, umso größer ist die gestellte Herausforderung. Zugleich ist diese Größe eine hervorragende Skala, um zwischen seinen Mitmenschen zu differenzieren – während der eine bereits daran scheitern mag, sich um den Mitvollzug zu bemühen, sobald der Anspruch zu sehr gestiegen ist, hält der Bruder im Geiste womöglich sogar noch bis dorthin mit, wo es einem selbst eine Erschwernis wird, die eigen Gedanken nachzuvollziehen. Diese

Juri Michailowitsch Lotman; Quelle
Juri Michailowitsch Lotman; Quelle

Pointe lässt Undeutlichkeit eine Funktion zukommen. Sie begründet meine Verehrung des Missverständnisses. Ihren theoretischen Ausdruck findet sie etwa in Juri Michailowitsch Lotmans Unterscheidung von Rhetorismus und Antirhetorismus in dem Werk „Die Innenwelt des Denkens“ (2010). Seine fixe Idee ist, dass Sprache nicht ursprünglich eindeutig, sondern mehrdeutig ist – und die antirhetorische Bemühung um Verständnis erst künstlich hinzutritt. Trotz Rhetorismus nachvollziehbar sein zu wollen, ist also nicht zwingend ein Zeichen von Unverständnis oder unangebrachter Überforderung, sondern manches Mal eine freundschaftliche Herausforderung: Es gibt nichts besseres, als ein gutes Missverständnis.

Um für den nachstehenden Gedanken empfänglich zu sein, um ihn nachvollziehen zu können, erfordert es meines Erachtens eine distinkte Stimmung. Sie ist geprägt von synästhetischer Empfänglichkeit für die Bedeutung von Musik für Geisteszustände und einen authentischen Pathos, der sich selbst ernster nimmt, als es nötig ist – in anderen Worten: eine reiche Stimmung, wie etwa die Manie, der Fiebertraum oder die Euphorie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass durch diese Stimmung die Argumente, die ich vorzubringen gedenke, gültig oder gelungen werden, sie sind es unabhängig von ihr, doch die Relevanz des zu Sagenden hängt fundamental davon ab, ob der der Leser dazu bereit ist, den indifferenten, diffusen und entropischen Status zu verlassen, der das Medium Internet so suggestiv macht.

Eine Pilgerfahrt zu Beethoven

Richard Wagner; Quelle
Richard Wagner; Quelle

In Richard Wagners Novelle diesen Namens, die er 1840 nach E. T. A. Hofmanns Vorbild verfasste, trifft der Musiker R. auf Ludwig van Beethoven, um mit diesem über eine Aufführung des Fidelios zu sprechen. Wagner nun legt Beethoven einige Worte in den Mund, die eine Atmosphäre zu schaffen in der Lage sind, in deren Licht Beethovens Werk so zu erscheinen tendiert, wie es mir für die anstehende Filminterpretation im Geiste steht. Beethoven sagt also: „Wenn ich eine Oper machen wollte, die nach meinem Sinne wäre, würden die Leute davonlaufen; denn da würde nichts von Arien, Duetten, Terzetten und all dem Zeuge zu finden sein, womit sie heutzutage die Oper zusammenflicken, und was ich dafür machte, würde kein Sänger singen und kein Publikum hören wollen. Sie kennen alle nur die glänzende Lüge, brillianten Unsinn und überzuckerte Langweile. Wer ein wahres musikalisches Drama machte, würde für einen Narren angesehen werden, und wäre es auch in der Tat, wenn er so etwas nicht für sich selbst behielte,

Ludwig van Beethoven, 1803; Quelle
Ludwig van Beethoven, 1803; Quelle

sondern es vor die Leute bringen wollte“. Gewiss kommt in dieser Aussage gleichermaßen Ressentiment wie Chauvinismus zum Ausdruck, mir geht es jedoch um das existentiell reinere Moment des Individualismus. Die Aussage Beethovens, die Wagner hier fingiert, begreift sich im authentischen Kern in Abgrenzung vom Kollektiv; nicht erst, weil die Masse nicht verständig genug ist, sondern vielmehr wesentlich weil sie unverständig ist – weil sie nicht anders sein könnte. In anderen Worten: Beethoven denkt an Musik für das Reich des Geistes, nicht das Reich der Macht.

Von der annähernden Irrelevanz des Kontextes

Filmplakat; Quelle
Filmplakat; Quelle

Hier soll nun die Rede von einem Filmausschnitt sein, der ein Teil des 2009 veröffentlichten Films „Knowing“ von Alex Proyas ist. Von dem Film selbst soll hier indessen nicht die Rede sein; nicht jedoch weil seine Thematisierung den Rahmen dieses Textes überdehnt, sondern weil er irrelevant werden muss. Hierunter ist zu verstehen, dass die anstehende Impression der Szene ihre Wirkung losgelöst und unverbunden mit der übrigen Handlung und Szenerie entfaltet. Die Kontextualisierung ist somit gleichsam schädlich wie irreführend, denn sie kann nichts beitragen und weist nicht über die Szene hinaus. Der Grad, in dem der Film einen Beitrag zur Interpretation der Szene liefern kann, beschränkt sich auf ein Höchstmaß an Generalisierung. Die entscheidende Information ist, dass der Protagonist, gespielt von Nicolas Cage, der im Verlauf der Szene hinter die Musik in den Hintergrund tritt, Bewusstsein von der Tatsache erlangt hat, dass das Leben aller Menschen verwirkt ist. In der Passage, die ich kommentieren möchte, befindet er sich in seinem Automobil. Für die weitere Ausdeutung des Films ist das Ziel seiner Fahrt ebenso relevant wie der soziale Status seiner Rolle, doch hier soll nun mehr nicht berücksichtigt werden, als dass er im Bewusstsein vom Ende der Welt ein Auto navigiert.

Das Geschehnis

Der relevante Abschnitt beginnt mit der Einfahrt des Protagonisten in eine nordamerikanische Großstadt, seinem Blick zum Himmel und der Aktivierung des Autoradios und endet mit seiner Ankunft am Zielort. Die Szene dauert mehr als eineinhalb Minuten und hat keinen gesprochenen Text. In ihrem Mittelpunkt steht der Ton; es beginnt mit diffusem Stimmengewirr, bis mit dem Tastendruck auf das Radio der zweite Satz von Beethovens siebter Symphonie einsetzt. Im Verlauf der Szene bleibt einzig die Musik zu hören, bis an ihrem Ende eine Kamerafahrt von dem Fahrzeug hinweg in die Höhe stattfindet und zu der Musik erneut das Stimmengewirr einsetzt. Die Fahrt selbst spielt keine Rolle, ist vielmehr der Anlass für den Blick in die auf der Straße wogende Masse an desorientierten Menschen.

Robert Musil; Quelle
Robert Musil; Quelle

Diese Masse ist desindividuiert, sie trägt kein Gesicht und besteht aus nicht mehr als Frag-mentationen leiblicher Entitäten. Sie ist kein acrylfarbenes Portrait, sondern das Fresko eines Großstadtpanormas, wie es seit der Industrialisierung in der kulturpessimistischen Belletristik skizziert wurde. Die anonymen Glieder dieser Masse sind also Instanziierungen des „Manns ohne Eigenschaften“ (Robert Musil), d. h. ihr Verhalten ist durch einen Herdentrieb bestimmt, ohne dass sie aus ihrem rasenden Treiben jemals hinaus geraten könnten. Die symbolische Auslegung dieser Szene wird erst dann möglich, wenn dieser antirealistische Modus der Darstellung nicht durch gemeinen Menschenverstand unterminiert wird. In anderen Worten: Es liegt nahe, dem irrenden Treiben der Massen durch psychologische Projektionen Vollständigkeit zu attribuieren, d. h. ihnen Intentionen, Pläne und Sinn zuzuschreiben, doch in dieser Szene ist es essentiell, dem wilden Treiben mehr nicht als sein ureigenes Chaos einzugestehen.

Die Pointe

Leicht lässt sich die Szene rationalisieren, solange der das Gefährt manövrierende Protagonist als dem Geschehnis extern verstanden wird. Die Ruhe und die Feierlichkeit seines Auftritts scheinen der Konzentration auf die Fahrt geschuldet und nicht von der allgemeinen Konfusion ergriffen zu sein, ist Resultat der routinierten und automatisierten Handlungsabfolge des Autofahrens. Inmitten der Weltuntergangsstimmung fokussiert die Kamera jedoch ein stillstehendes Paar. Der seine Partnerin in den Armen haltende Mann wirft dabei der anscheinend die Fahrt des Automobils nachvollziehenden Kameraperspektive einen tiefen, unverwüstlichen und bedeutungsschwangeren Blick zu. Hier manifestiert sich nun die künstlerische Aussage in einem Einbruch des Sakralen in die Profanität des tobenden Chaos‘. Dieser Blick ist eine Transformation des Augurenlächelns in eine der Tragik der Szenerie entsprechende Form – es ist der Blick des Wissenden, der sich an einen Mitwisser richtet.

Zwei Auguren bei der Vogelschau; Quelle
Zwei Auguren bei der Vogelschau; Quelle

Das Medium des Blicks wird künstlerisch indessen erst durch Beethovens siebte Symphonie zugänglich. Das gewählte Stück mag zwar nach der Intention des Drehbuchs in erster Linie eine feierlich-sakrale Atmosphäre erzeugen, doch, was relevant ist, wird hier erneut in erster Linie durch die Rezeptionsästhetik inauguriert. Tatsächlich enthält der zweite Satz besagter Symphonie eine motivische Anleihe an den zuvor erwähnten Fidelio – hier schließt sich ein Kreis. Der Kontrast des navigierenden Protagonisten sowie dem Paar und der tosenden Masse ist Wagners Unterschied zwischen den „Leuten“ und „es für sich selbst behalten“. Es ist das Wissen der Kassandra, das es zu verkünden nicht lohnt, weil es nie ernstgenommen würde. Beethovens orchestrale Musik ist der reinste Ausdruck dieses Urphänomens (im Sinne Goethes).

Schnell lässt sich hier die Frage danach anschließen, unter welchen Umständen dieses Urphänomen zur Geltung komme. Hier meine ich nun, dass es dem einen oder anderen freien Geist intuitiv bereits intim vertraut sein mag, der ruhigen Gemütes durch eine geschäftig treibende Hauptstraße wandelt oder statt das Aufsehen erregende Ereignis zu beachten, seinen Blick auf die aufmerksame Menge der Beobachter wendet. Es ist ein Ethos der Selbstdistanz, das nicht auf Intelligenz oder Macht beruht, sondern aus der Klarheit der Einsicht und des Selbstbewusstseins hervorgeht.

Paratheologische Bissen

Vom Sinn der Bildkritik

 Kulturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Reflexionen über symbolische Bedeutung und ästhetischen Wert von Kunstwerken sind im akademischen Selbstverständnis moderner Kulturen etabliert. Sie sind eine bewährte Tradition, deren Gegenstand im Regelfall der Menge geschichtlich relevanter Klassiker oder zeitgenössischer Avantgarde entstammt. Die Auseinandersetzung mit dem instrumentellen Einsatz von Bildern, etwa zur medialen Kommunikation oder politischen Meinungsbildung, lässt sich demgegenüber vielmehr in Medien- und Politikwissenschaften finden. An dieser Stelle soll nun allerdings keines der beiden Lager bezogen werden; zunächst weil ein Blog keinen unmittelbaren Beitrag zum gesellschaftlichen System der Wissenschaft leisten kann, dann weil der Gegenstand der Bildkritik selbst aus dem Rahmen der genannten Disziplinen fällt.

Französischer Originaltitel der "Mythen des Alltags" (1964/57)
Französischer Originaltitel der „Mythen des Alltags“ (1964/57); Quelle

Ich möchte stattdessen einen unvoreingenommenen undmethodologisch naiven Blick auf etwas werfen, was ich mit Roland Barthes die „Mythen des Alltags“ nennen möchte. Das Internet bietet eine billige Verfügbarkeit diverser, suggestiver Reize, die in zahlreichen Fällen nur oberflächlich und peripher verarbeitet werden. Die Wahrnehmung dieser Inhalte ähnelt demjenigen des Mythos, d. h. sie geschieht ohne Berücksichtigung ihrer internen Struktur und ihrem Bezug zur eigenen Person. Ich meine, dass ein entschleunigender Beitrag zur αἴσθησις (aisthesis: Wahrnehmung, Empfindung) der flüchtigen Inhalte des Internets deren Genuss bereichern kann.

Über Paratheologie

Als ich mich auf die digitale Suche nach dem fraglichen Begriff begeben habe, stieß ich auf folgende Definition:

Paratheology recognizes that despite the tremendous advances in mankind’s understanding of the world around him, there are still phenomena that can only be classified as unexplained. (http://www.alienjesus.com)

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„Der gemeinsame Hintergrund von Religion, Wissenschaft und dem Paranormalen“ – Ebenfalls eine missverstandene Interpretation des Begriffs Paratheologie, denn hier reicht der etablierte Begriff „Esoterik“; Quelle

Dies‘ ist hier gewiss nicht gemeint. Mehr noch – der Definitionsversuch scheint am rudimentären Unwissen des Autors zu scheitern, der eine akzeptable Definition des Agnostizismus liefert. Nach meinem Dafürhalten, ergibt es wenig Sinn, diese beiden Termini als synonym zu verstehen. Für diese Behauptung spricht allerdings keine lexikalische Autorität, denn der Begriff der Paratheologie findet keine verbreitete Verwendung. Es handelt sich um ein Kompositum
der Theologie als wissenschaftlicher Beschäftigung mit Religion und dem Präfix para-, das im übertragenen Sinne gleichermaßen neben wie gegen bedeuten kann. Im Spannungsfeld dieser beiden Varianten möchte ich die Paratheologie an dieser Stelle verstanden wissen: Die Überlegungen widersprechen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Religion oder stehen neben ihr. In beiden Fällen ist wichtig, dass es sich hierbei in erster Linie um einen formalen Unterschied handelt, denn im Gegensatz zu den Erwartungen des Autors des obigen Zitates kann sich die Theologie selbstredend auch mit unreligiösen Phänomenen auseinandersetzen. Paratheologie jedoch weicht entschieden von der Methodik der Theologie ab, ist bisweilen ihr unwissenschaftlich Stiefkind. Einen paratheologischen Gedanken zu fassen, soll hier heißen,  dass ein Pfad beschritten wird, der einer orthodoxen Theologie verborgen bleibt, weil ihre Prämissen ihr die Einsicht verbieten.

Das strittige Exponat

Paratheologie
Quelle

Dem Bild, das mich dazu angeregt hat, die Bildkritik und den paratheologischen Standpunkt zu bemühen, begegnete mir durch Zufall in den Weiten des Internets, in einer namenlosen Bildersammlung, die die Luft des „optischen Zeitalters“ (Karl Pawek) atmete, d. h. dem kulturell erzeugten Bedürfnis nach visueller Reizflut genügt. Es handelt sich um eine graphisch komprimierte, minimalistische Kombination einer Nahaufnahme einer Figur aus der Fantasie des amerikanischen Autors George Lucas mit einem in das Bild geschriebenen Kommentar. Hier soll nun die Geschichte des Bildes skizziert werden, um seine Bedeutung anschließend voll entfalten zu können. Die Wirkung des Bildes konstituieren drei stilistische Komponenten: Der Diskurs um Gottesbeweise im Medium des Internets, die Analogie zu sportlichen Erfolgsmaßen und die Fiktionalität des Imaginären.

Gottesbeweise

Anselm von Canterbury: Autor der Urform des ontologischen Gottesbeweises: aliquid quo maius nihil cogitari potest - das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann
Anselm von Canterbury: Autor der Urform des ontologischen Gottesbeweises: aliquid quo maius nihil cogitari potest – das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann; Quelle

Der Gottesbeweis ist der philosophische Zugang zu Fragestellungen der Theologie. Der Schein mag trügen, dass sie in erster Linie eine Angelegenheit der Theologie seien, doch tatsächlich insofern diese sich mit göttlicher Existenz auseinandersetzt, ist sie unstrittig. Erst philosophisch lässt sich nämlich nach der Gültigkeit dieses Axioms fragen. Die Relevanz dieser Grundfrage theologischer Philosophie indes reicht in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals über den akademischen Diskurs hinaus. Intuitiv verständlich fragen sich Religiöse in einem rationalistischen, aufgeklärten Kulturkreis nach den Bedingungen ihres Glaubens. Diese Fragestellung kontinuiert sich selbst im Internet und kulminiert in Phrasen, die den Beweis ex negativo wagen: „If god isn’t real, then how come[s]…“. Die Philosophiegeschichte liefert hier zahlreiche Prototypen. Klassisch lassen sich der ontologische, kosmologische und der teleologische Gottesbeweis unterscheiden. Sie werden durch die nicht-klassischen Beweise flankiert, etwa der moralische oder der grammatische. Für eine Übersichtsarbeit empfiehlt sich bei Interesse Joachim Bromands und Guido Kreis‘ „Gottesbeweise“ (Frankfurt am Main 2011).

Im vorliegenden Fall handelt es sich jedoch nicht um einen Gottesbeweis im argumentativen Sinne. Worum es sich tatsächlich handelt, ist dieweil höchst fragwürdig. Zunächst aktiviert die erwähnte Phrase, mit der die Bildinschrift beginnt, die Assoziation eines Gottesbeweises. Was folgt, ist auf den ersten Blick sprachlich nicht konsistent mit derselben. Selbst unter Bezugnahme auf den Kontext der fiktionalen Äußerung des Textes lässt sich nicht von einem Verweis auf einen Gottesbeweis sprechen. Aus diesem Blickwinkel ist das Bild scheinbar kein Beitrag zum philosophisch-theologischen Diskurs. Die naheliegende Option zur Erklärung dieser Inkonsistenz scheint nun zu sein, dass es sich um eine Parodie des Diskurses selbst, also um Meta-Kommunikation handelt. In diesem Fall kann das Bild entweder den hämischen Vergleich zwischen den Teilnehmern des tatsächlichen Diskurses mit thematisch irrelevantem Nonsens bedeuten, oder diesen Vergleich zumindest inhaltlich anstellen, um zu zeigen, dass der Regelfall des Gottesbeweises absurd ist. Es ist gewiss nicht auszuschließen, dass der Autor des Bildes diese satirische Intention gehabt hat, doch interessant wird dessen Auslegung in diesem Fall nicht. Deswegen soll hier eine alternative Lesart vorgeschlagen werden.

Der Punktestand

Einen Vorsprung oder Sieg durch Ziffern zu illustrieren, scheint eine Selbstverständlichkeit. Es erinnert an den sportlichen Wettkampf, bei dem erzielte Tore, Körbe oder Punkte auf diese Weise festgehalten werden. Die Analogie nicht-sportlicher Wettkämpfe zu dieser Zählweise ist in die Alltagssprache übergegangen. Selbst die Übertragung auf andere Wettkämpfe als Zweikämpfe stört nicht, sodass es keiner Verrenkung bedarf, um den Punktestand im vorliegenden Bild deuten zu können. Diese Griffigkeit allerdings täuscht schnell darüber hinweg, dass es eigentlich fragwürdig ist, ob hier eine dritte Partei teilnehmen kann. Der Wettstreit von „Christians“ und „Atheists“ hat ein offensichtliches Thema, die Existenz oder Inexistenz Gottes. Logisch handelt es sich um ein exklusives Verhältnis: entweder existiert Gott, oder er ist illusionär. Die Beweislast liegt beim Nachweis seiner Existenz, beim Gottesbeweis. In anderen Worten: Wäre der Pseudo-Gottesbeweis, der hier auf Jabba the Hutt attribuiert wird, tatsächlich nur eine Karikatur, die aller authentischen Versuche des Gottesbeweises spottet, hätte Jabba für die Atheisten gescoret. Wird der Punktestand jedoch genaugenommen, liegen die Atheisten im Rückstand.

Hier mag nun eingewendet werden, dass das tertium non datur (der Ausschluss einer dritten Alternative) nicht notwendig ist. Statt für Atheisten oder Religiöse („Christians“) zu argumentieren, könnte Jabba Agnostiker sein, d. h. die Ungewissheit über die Existenz des Göttlichen behaupten. Diese Sichtweise ist verkürzt, denn Gottesbeweise sind keine Glaubenssätze, sondern logische Formalisierungen – sie unterstehen eindeutiger Beurteilung durch logische Regeln. Der Gottesbeweis muss gültig oder ungültig sein (richtig oder falsch) und zudem gelungen oder ungelungen (wahr oder unwahr). Obwohl es keine dritte Position geben kann, bezieht Jabba diese. Was bedeutet dieser Umstand für das Bild?

Über Fantasie

Jabba the Hutt hat nie einen theologisch-philosophischen Diskurs geführt, er wurde auch im eigentlichen Sinne nicht geboren, wuchs nicht heran und seine Sprache ist womöglich nicht einmal grammatikalisch vollständig. Er ist das Produkt der Fantasie und bloß in einer möglichen Welt stipuliert. Das bedeutet jedoch nicht, dass für ihn andere logische Wahrheiten gelten. Sein Universum ist eine Variation des unsrigen, und sich Jabba vorzustellen, bedeutet, die identischen Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz zu berücksichtigen, wie sie für alles Reale vorliegen. Wie nun kann Jabba mit Religiösen und Atheisten in Konkurrenz treten, ohne Atheist zu sein?

Die Antwort auf diese Frage kann nicht auf der Objektebene des Gottesbeweises und Jabbas Verhältnis‘ zu diesem gefunden werden. Stattdessen müssen wir seinen Mythos regressiv – von hinten – dekonstruieren. Zu beginnen ist also unter der Annahme, dass Jabbas Argument gültig und gelungen ist. Um dies‘ zu rechtfertigen, muss die Phrase „If god isn’t real, then how come[s]…“ neu interpretiert werden. Statt sie als stereotypen Anfang eines im Internet anzutreffenden Gottesbeweises zu interpretieren, muss sie wörtlich genommen werden. Normaler Weise ist die Funktion dieser Satzkonstruktion, durch inneren Widerspruch aufzuzeigen, dass sofern Gott nicht existierte, etwas evidenter Weise Wahres nicht wahr wäre. Jabba jedoch nennt etwas für Gottesbeweise Bedeutungsloses. „[P]eecha chakka  no wookie boonowa tweepi solo“ ist zwar sprachlich, doch es bezeichnet nur im Star-Wars-Universum etwas. Die Fantasie des Star-Wars-Universums jedoch beinhaltet keine Gespräche über die Existenz des Göttlichen. Jabbas Argument funktioniert also anders, als bloß etwas Absurdes zu behaupten. Während nach der Eingangsphrase strukturell etwas Evidentes, ein Gottesbeweis gefordert ist, nennt Jabba etwas, das einem Kontext bar jeden Gottesbeweises entstammt. Mit anderen Worten: Hier gilt die logische Wahrheit „ex falso quodlibet“:

Quelle
Quelle

Die Crux dieses Gedanken ist jedoch, dass Jabba keinen Gottesbeweis nennen kann, er kennt keinen. Sein Schluss aus dem Argument kann also weder sein, dass Gott existiert, noch dass er nicht existiert.

Die paratheologischen Chromatinfäden des Skurrilen

Eine von Andy Warhols "Campbell’s Soup Cans" (1962)
Eine von Andy Warhols „Campbell’s Soup Cans“ (1962); Quelle

Gewiss ist es angesichts des Mediums Internet kontraintuitiv, die vorgestellte Alternativinterpretation zur Karikatur für die Intention des Künstlers zu halten. Indes, Kunst hat nicht nur eine produktionsästhetische Seite, sondern wichtiger noch eine rezeptionsästhetische. Oft steht in Anbetracht junger Kunststile wie etwa Andy Warhols Pop-Art die Frage im Raum, weswegen sie Kunst betitelt wird. Zurecht antworten Künstler auf diese Provokation damit, dass es des richtigen Publikums bedarf. Auch Jabbas Argument kann auf die vorgestellte Weise nur gewürdigt werden, wenn es außerhalb seines reizüberfluteten Kontextes interpretiert wird.

Insgesamt sind wir also zu dem Ergebnis gekommen, dass Jabbas Pseudo-Gottesbeweis gelungen ist, weil er misslungen ist. Erst die Referenz auf die Star-Wars-Fantasie gestattet mit einem Taschenspielertrick, zugleich auf den Internetdiskurs nach Art „If god isn’t real“ Bezug zu nehmen, und seine logischen Limitationen zu transzendieren, indem ein Argument angeführt wird, das in einer Welt evident sein mag, in der Gottes Existenz irrelevant ist. Der Gewinn dieses Gedankenspiels zuletzt ist, dass zur Distanz gegenüber der logischen Dichotomie von Existenz und Inexistenz des Transzendenten eingeladen wird. Der Diskurs dieser Art muss nicht lächerlich gemacht werden, um sich nicht mit ihm beschäftigen zu müssen – er muss aber auch nicht ernst genommen werden.