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Agon(ie) – ein Komplement an „Zwei Gedanken zur Subsistenz in der Verwalteten Welt“

Ein Hinweis zu Beginn: Dieser Text enthält die Beschreibung eines sterbenden Patienten, zitiert aus einem Werk eines amerikanischen Arztes. Diejenigen unter Euch, die diese Beschreibung nicht lesen wollen, sei angeraten, den ersten zitierten Teil (in kursiver Schrift) zu überspringen. Ich habe zugleich vor der Stelle die „Weiterlesen“-Funktion gesetzt, sodass ihr um sie (und den Rest dieses Artikels) zu lesen den Artikel im ganzen aufrufen müsst.

Nach längerer Pause hat Alex nun endlich seine Gedanken zur Ideologisierung der Gesundheit zu „Papier“ gebracht. Da sie erheblich konträr zu meinem späteren Arbeitsfeld der Medizin gemünzt scheinen und Alex mir seinen Wunsch nach einer Entgegnung meinerseits an mich herantrug, möchte ich dieser Bitte hier nachkommen. An einigen Stellen differieren unsere Ansichten sicherlich, aber in erster Linie möchte ich das nun folgende als komplementär zum Ausgangstext verstehen,  vor einem weit naturwissenschaftlicheren und medizinischen Hintergrund verfasst.

Prämisse der Gesundheitsideologie

Die Stärke der WHO-Definition ist, dass sie auch Krankheiten erfasst, bei welchen sich der Patient nicht „krank fühlt“, also der Zustand der Krankheit nur mittelbar, teilweise im Verlauf über Jahrzehnte, erlebt werden kann. An der WHO-Definition von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit und die Anwesenheit von bio-psycho-sozialem Wohlergehen ist trotzdem entschieden Kritik zu üben. Sie bestimmt keine Rangfolge, differenziert nicht explizit zwischen notwendigem und hinreichendem Argument und ist auch nicht geeignet, etwa die Arbeitsdomäne der Medizin abzustecken.

Es ist logisch einleuchtend, dass ein bio-psycho-soziales Wohlergehen nicht unter unmittelbar wirksamer Erkrankung erreichbar ist.  Ein Patient mit einem fieberhaften Infekt oder mit einem akuten, symptomatischen Bandscheibenvorfall kann kein bio-psycho-soziales Wohlergehen mehr empfinden (salopp würde man „sich gut fühlen“ sagen), selbst wenn er es vorher im Überfluss hatte.

Hier offenbart sich auch die Schwäche der modernen Medizinethik, die vom autonomen Patienten ausgeht – und alteingesessene Chefärzte, also die letzten Verkörperungen der reaktionären Kräfte in einem nach Zukunft strebenden Feld,  haben Recht, wenn sie in eine  Diskussion einwerfen, dass Patienten nicht autonom, sondern krank sind. Eine akute Krankheit – ob lebensbedrohlich oder nicht – ist ein Zustand, der unser gesamtes Sein durchdringt, eine chronische Krankheit natürlich ebenso sehr, auch wenn das durchdringen hier viel subtiler ist und oftmals für das ungeübte Auge unsichtbar bleibt.

Andersherum ist aus medizinischer Sicht mit der Abwesenheit von Krankheit ein Patient nicht behandlungsbedürftig. Es ist ein Trugschluss von der Definition der WHO ausgehend zu sagen, es ginge in der Medizin um ein ganzheitliches „Wellness“-Programm im modernen Sinne des Kultes um die „widerwärtige Haut“ (Malaparte). Das bio-psycho-soziale Wohlergehen ist in erster Linie Arbeitsgebiet der Psychologie, der Wirtschaft und der Politik. Insofern kann (seriöse) Medizin kein Bestandteil eines bedingungslosen Körperkultes sein, als ihr eine Erhöhung  des Profanen aus der Notwendigkeit des Gottlosen fremd ist. Sie zieht ihre Daseinsberechtigung aus dem Dienst am Leben und wirkt nur mittelbar über den Körper – sie ist also zugleich Wegbereiter der „Krankheit zum Tode“ (Kierkegaard) als auch Wegbereiter der Kultur, der Philosophie und der Kunst.

Agonie und Agon

Alex hat Recht, wenn er in der Krankheit eine schöpferische Kraft sieht. Wie oben umrissen kann und muss sich dies jedoch in einem für das schöpferische Individuum in einem Rahmen bewegen, in dem es keine lähmende Krankheit ist. Sie muss sich im Rahmen eines inneren Wettstreites (der Agon, ein Motiv, dass sich bei Platon/Sokrates findet – der Begriff ist angelehnt an die heiligen Wettkämpfe der Antike) besiegen lassen, das ist nicht möglich, wenn sie das gesamte Sein durchdrungen hat und es beherrscht oder in überwältigender Macht auftritt.

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Zwei Gedanken zur Subsistenz in der verwalteten Welt

Lagebericht

Wolf Biermanns „Legende vom sozialistischen Gang“ beginnt mit den entscheidenden, aber trügerischen Worten: „Ihr großen Helden macht Pause!“. Es folgt eine fiktive biografische Eskapade eines Allerweltsmenschen, Paul Kunkel, im Kampf mit der Bürokratie der DDR. Der Anhaltspunkt dieses Textes ist die Intuition, dass im Zeitalter der Digitalisierung mehr denn je niemand, auch kein Held, der oktroyierten Vereinnahmung durch Institutionen, ob öffentliche Regulationen oder sozialisierte Gewohnheiten, entkommt.

Dass das Heldenhafte Pause hat, ist dennoch gültig. Ob bloße Klage oder strategische Gesellschaftskritik, in jedem Fall verdrängt die Analyse realgesellschaftlicher Themen das Ephemere, wie Kunst und Philosophie. Gesellschaftskritik suggeriert Relevanz, sie betrifft jeden und macht ihn betroffen. Heldenhaft wird sie dadurch noch nicht, ein Abenteuer ebenso wenig. Sicherlich braucht es Zorn oder Mut, Unabhängigkeit trotz Abhängigkeit und einen klaren Blick, um die Relationen zeitgenössischer Missstände adäquat zu konstatieren, der Ort der Gesellschaftskritik ist dennoch nicht von Höhenluft oder der Abgrund, sondern die dringliche Immanenz knapp über dem Meeresspiegel. Deswegen gelten die ersten Worte dieses Textes den Helden, die Pause haben, also den sublimen und exaltierten Themen, die eines lichteren Tages harren müssen.

Die Ideologisierung der Gesundheit

Curzio Malaparte
Curzio Malaparte

Gesundheitsbewusstsein ist der zentrale Ausdruck der Gesundheitspsychologie. Sein zentrales Anliegen ist die Förderung von dem, was sich abstrakt als gesund klassifizieren lässt. Häufig zitiert ist dabei die Definition der Weltgesundheitsorgansisation, die Gesundheit durch zwei Komponenten bestimmt, die Abwesenheit von Krankheit und die Anwesenheit von bio-psycho-sozialem Wohlergehen. Die Kritik der Gesundheitsideologie setzt dort an, wo die Geltung dieser beiden Aspekte unfraglich ist, der Indoktrination des Alltags.

Es sind zwei Formulierungen desselben Gedankens, die den Zugang zu einer kritischen Perspektive erlauben. Curzio Malaparte (La pelle, 1949) sind sie eingedenk der Leiden des zweiten Weltkriegs aufgekommen, doch gelten sie sich auch für befriedete und spätere Zeiten:

„Es macht mir wenig Freude zu sehen, wieweit der Mensch sich erniedrigen kann, um zu leben. Mir war der Krieg lieber als die „Pest“, die nach der Befreiung uns alle beschmutzt, verdorben, gedemütigt hatte, alle, Männer, Frauen, Kinder. Vor der Befreiung hatten wir gekämpft und gelitten, um nicht zu sterben. Jetzt kämpften und litten wir, um zu leben. Es besteht ein tiefer Unterschied zwischen dem Kampf, um nicht zu sterben, und dem Kampf, um zu leben. Menschen, die kämpfen, um nicht zu sterben, bewahren ihre Würde, verteidigen sie eifersüchtig, alle, Männer, Frauen, Kinder, mit grimmiger Entschlossenheit. […] Aber nach der Befreiung hatten die Menschen kämpfen müssen, um zu leben. Es ist eine demütigende, entsetzliche Sache, eine schmachvolle Notwendigkeit, zu kämpfen, um zu leben. Nur um zu leben. Nur um die nackte Haut zu retten. Es ist nicht mehr der Kampf gegen die Verknechtung, der Kampf für die Freiheit, für die Menschenwürde, für die Ehre“ (Die Haut, S. 53f).

Der zweite Ausdruck dieses Gedankens findet sich an anderer Stelle:

„Es ist die moderne Zivilisation, diese Zivilisation ohne Gott, welche die Menschen zwingt, ihrer eigenen Haut eine solche Bedeutung beizumessen. Es ist nichts als die Haut, was heute zählt. An Sicherem, an Faßbarem, an Unbestreitbarem gibt es nichts außer der nackten Haut. Sie ist das einzige, was wir besitzen. Was uns gehört. Das vergänglichste Ding, das es in der Welt gibt. Nur die Seele ist unsterblich, o Jammer! Aber was gilt die Seele heutzutage? Nichts als die Haut zählt. Alles besteht aus menschlicher Haut. Auch die Fahnen der Heere sind aus menschlicher Haut. Man schlägt sich nicht mehr für Ehre, für Freiheit, für Gerechtigkeit. Man schlägt sich für die Haut, für diese widerwärtige Haut“ (Die Haut, S. 158f).

Leicht lässt sich hier der Bezug auf das Thema der Gesundheit leugnen, wenn eine Deutung der Passagen im Kontext einer allgemeinen Materialismuskritik gesucht wird. Gewiss ist die Haut hier auch eine Metapher für alles bloß Weltliche, doch das ist zu kurz gedacht. Der Kampf, der hier angesprochen wird, ist kein symbolischer, er ist existenziell. Der Kampf, um zu leben, nimmt den Tod in Kauf, weil das Leben nicht bedingungslos ist. Gesundheit ist ihm eine Ressource. Für ein Ideal ins Feld zu ziehen, ist Grund genug, den Verlust körperlichen Wohlergehens und Krankheit zu riskieren. Der Kampf, um nicht zu sterben, ist demgegenüber bedingungslos. Mag dieser Kampf existentiell auch nicht mehr dringlich sein, so dauert er doch über das Ende des zweiten Weltkriegs fort, weil der Grund zu leben verloren wurde. Die Definition der Gesundheit durch die WHO ist ein Tribut an die Haut.

Søren Kierkegaard; Quelle
Søren Kierkegaard; Quelle

Spricht Malaparte von Gott, so ist es nicht notwendig, eine theistische Gesinnung zu vermuten, die hier der Ideologisierung der Gesundheit entgegengehalten wird. Oft muss zwischen dem Gott der Religion und demjenigen der Philosophie unterschieden werden. Für Malaparte ist die Zivilisation „gottlos“ im Sinne Søren Kierkegaards, für den sich das autonome Selbst in der Welt für den Glauben entscheiden muss. „Die Krankheit zum Tode“ (Sygdommen til Døden, 1849) ist kein körperliches Leiden, sondern ein geistiges. Es ist die Verzweiflung des Individuums ohne festen Stand auf einer geistigen Gewissheit: „Es ist nämlich gerade nicht so, daß man, im wörtlichen Sinne, an dieser Krankheit stirbt, oder daß diese Krankheit mit dem leiblichen Tod endet. Im Gegenteil, die Qual der Verzweiflung besteht gerade darin, daß man nicht sterben kann. Sie hat insofern mehr mit dem Zustand des Todkranken gemeinsam, wenn er daliegt, sich mit dem Tod quält und nicht sterben kann“ (S. 14).

Der Körperkult ebenso wie die Bemühung um ausgeglichenes Temperament ist ein Ausdruck einer geistigen Verzweiflung. In Zeiten einer hypertrophen Egomanie scheint kein Motiv stark genug sein zu können, um den „toten Seelen“ (im Sinne Gogols), die nur leben wollen, Leben zu verleihen. Nicht zuletzt erwächst diese Krankheit zum Tode aus einer horrenden Armut an Idealen, für die es die Gesundheit zu investieren sich lohnte.

John Elroy Sanford (Redd Foxx); Quelle
John Elroy Sanford (Redd Foxx); Quelle

Scheinheilig, wenngleich mannhaft ist es, dem nackten Überleben ein hedonistisches Streben nach sinnlichen Genüssen  entgegenzuhalten. Eine Überwindung der geistlosen Verzweiflung ist dieses Streben jedoch nicht. John Elroy Sanford resümiert solch‘ eine Haltung in seiner Rolle als Redd Foxx:

„I smoke and drink. A lot of you don’t drink, no smoke. Some people here tonight, they don’t eat butter; no salt, no sugar, no lard. ‚Cause they want to live [!], they give up that good stuff. Neckbones, pig tails… You’re gonna feel like a damn fool laying at the hospital dying of nothing“.

Gegen das liberale Wissenschaftsparadigma: Die Mystifizierung des Künftigen

David Hume; Quelle
David Hume; Quelle

Durch die Jahrhunderte ist die abendländische wissenschaftliche Publikationspraxis von einem Polymorphismus befallen gewesen, der beispielsweise im Mittelalter einen Tribut an das Christentum und im real existierenden Sozialismus an die kommunistische Kaderdoktrin gewesen ist. In David Humes „Dialoge über natürliche Religion“ beispielsweise (dialogues concerning natural religion, 1779) zollen die Dialogpartner dem christlichen Dogma wechselweise ihren rhetorischen Respekt, unabhängig von inhaltlichem Religionsskeptizismus oder Theismus.

So hoch der Anspruch an die Befreiung von selbst verschuldeter Unmündigkeit in der Wissenschaft der Gegenwart auch sein mag, der besagte Polymorphismus ist hartnäckig. Er lässt sich in willkürlich erwählten Diskussionsabschnitten diverser Zeitschriftenartikel wiederfinden, z. B.:

„To summarize, we have raised many important questions
that require further investigation for a better understanding
of the mechanisms underlying deliberate forgetting of autobiographical memories. At this point,
little doubt remains that intentional forgetting of autobiographical
events is possible“ (Joslyn & Oakes [2005]: Directed forgetting of autobiographical events).

Oder:

„More generally, findings from the present research can contribute to improved
understanding of divorce-related motivations and cognitions and might help to direct
future research or counseling efforts in this domain“ (Stalder [2011]: The role of dissonance, social comparison, and marital status in thinking about divorce).

Oder:

„Science, too, may in the future add new data to the familiar facts which have been rehearsed here“ (Pears [1991]: self-deceptive belief-formation).

Der Polymorphismus hat die Form eines abstrakten prospektiven Optimismus angenommen: Künftige Forschung habe die eventuelle Gültigkeit der eigenen Hypothesen zu bestimmen. Seine Herkunft ist zwischen methodologischem kritischem Rationalismus, gesellschaftlichem Individualismus und epistemologischem Relativismus zu finden; wissenschaftliche Forschung sei nie abgeschlossen und somit weder ganz gültig noch je ungültig.

Das Problem dieser Formulierungen ist nicht wesentlich eine direkte Gefahr. Vielmehr ist es eine ideologische Vereinnahmung durch dasjenige, was bereits an anderer Stelle als das „ewige Gespräch“ (im Sinne der Romantik, vgl. von Krockow) diskutiert wurde. Diese Vereinnahmung hat zwei Facetten. Erstens wird dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Handeln jede Entscheidungsmacht vor dem unendlichen Horizont der Zukunft abgesprochen. Der Zahn der Zeit scheint jede vermeintliche Gewissheit in Frage zu stellen. Zweitens wird das Urteil über die Relevanz eines Gedankens an die vollkommen abstrakte, d. h. unbestimmte, eigenschaftslose, Zukunft delegiert. Mag die eigene Forschung augenscheinlich vollkommen trivial oder irrelevant sein – erst am Ende aller Tage ist ihr Stellenwert bekannt.

Diese Geisteshaltung ist nicht nur der Freischein für vollkommen redundante Forschung – was erträglich und mitunter nützlich sein mag -, sondern auch der Todesstoß für jedes wirklich große Werk, da ihm der Boden des gerechtfertigten Geltungsanspruchs unter den Füßen entrissen wird. Dadurch zuletzt, dass die Referenz auf künftige Forschung zur Floskel wird, verliert der Gedanke seinen eigentümlichen Nutzen. Während in der Gegenwart darüber disponiert werden könnte, womit sich die Auseinandersetzung auch in Zukunft lohnte, verliert ein undifferenziertes Inaugurieren der eigenen Arbeit – zu behaupten weiterer Berücksichtigung würdig zu sein – jeden Kontakt und Nutzen zu späterer Wissenschaft. Implizit werden die eigenen Errungenschaften gleichsam dem Zufall übergeben, dass einst ein anderer Kopf an das eigene Denken anschließen wird – eine Perpetuierung großer Willkür gewiss; drastischer noch wird aber zugleich die Themenwahl in der Wissenschaft anderen Mechanismen als der Erkenntniskritik überlassen, etwa der Popularität.

Laesio lucri

„Sind Sie eigentlich Masochist?“

Warum?

Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abreißen, genüsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger „trivialer“ Dinge. Von modischen Ohrsteckern bis hin zu Naturvolk, das sich lange Stäbe durch die Wangen sticht, ist die Laesio lucri (das bedeutet: die gewinnbringende Verletzung) ein omnipräsentes Element menschlicher Natur 1 .

Grenzen – oder was sie nicht ist

Bevor wir uns nun mit den Erfahrungen befassen, die wir zugleich als genuin schmerzhaft und zugleich als positiv erleben, muss es nun darum gehen, was nicht mit einer Laesio lucri gemeint ist.

Baron von Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel, Zeichnung von August von Wille, 1872; Quelle

Zum einen sind damit weder selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“ und seine Artverwandten) noch Konversionsstörungen oder gar das Münchhausen-Syndrom gemeint. Während der Selbstverletzung am häufigsten eine psychiatrische Grundstörung zu Grunde liegt und die Selbstverletzung daraus resultiert, handelt es sich bei Konversionsstörungen am einfachsten gesagt um die Verkörperlichung seelischer Spannungszustände und ist im erweiterten Sinne der Psychosomatik zu zuordnen.  Auch das Münchhausen-Syndrom ist hier nicht gemeint – dabei erfinden Patienten relativ unspezifische Krankheitssymptome wie bei der Hypochondrie, gehen aber teilweise so weit, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften, um glaubhaft in ärztlicher Behandlung zu bleiben und entziehen sich zugleich einer psychiatrischen oder neurologischen Begutachtung und Behandlung.

In all diesen oben genannten Fällen lässt sich (mehr oder weniger, die Suche nach den Ursachen mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen und wird nicht wenig ärztliches Geschick erfordern) eindeutig der psychiatrische Krankheitswert feststellen. Dies ist bei den Beispielen der laesio lucri jedoch nicht der Fall.

Marquis de Sade, in dessen Romanen sexuelle Handlungen und Gewaltfantasien beschrieben wurden; danach der Begriff des Sadismus, geprägt von Richard von Krafft-Ebing; Bild: Quelle

Zum anderen ist damit nicht der Sadomasochismus gemeint. Also der erotische Lustgewinn sowohl aus dem Erleben körperlicher Schmerzen als auch durch das Zufügen derselben (die Elemente der Macht und Demütigung sind für diese Betrachtung nicht weiter entscheidend). Hierbei handelt es sich um ein Beispiel sogenannter sexueller Devianz, dessen Krankheitswert aber immer weiter eingeschränkt wird – lediglich Personen, die nur noch dadurch in der Lage sind, sexuelle Lust zu verspüren, werden z.B. nach aktuellen Diagnosekriterien des DSM IV als an Sadomasochismus erkrankte definiert.

Zumindest auf die Frage, ob man denn Masochist sei, sollte an dieser Stelle jeder eine klare Antwort für sich vor Augen haben, egal ob zustimmend, ablehnend oder nicht näher erprobt. Doch wie funktioniert nun die Laesio lucri?

Hedonismus

Zum Einen über einen biologischen Mechanismus, der uns in Extremsituationen ermöglicht hat, trotz Schmerzen zu überleben: die sogenannten Endorphine 2. Sinn dieser Substanzklasse (nach bisherigen Theorien) ist, dass wir sie uns selbst verabreichen3, sobald wir in eine Situation geraten, in der wir einen Schmerz unterdrücken müssen, um nicht dadurch gelähmt zu werden. Sicher wissen wir, dass sie nach Schmerzreizen Glücksgefühle auslösen können, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine schmerzhafte Situation, so sie nicht unmittelbar existentiell bedrohlich ist, in der Lage ist, ein Gefühl der Zufriedenheit und der „Belohnung“ auszulösen, das bis zur Euphorie steigerbar ist.

Utilitarismus

Gewinn sozialer Bewunderung durch ein schmerzhaftes Erlebnis; Szene aus Thailand bei einer Festwoche der chinesischen Minderheit; Quelle

Zum Anderen über die Erwartungen und Normen der Gesellschaft, die sich in unseren Religionen, unserer Erziehung und unserem Freundeskreis (Neudeutsch der „Peer Group“) niederschlagen. Diese normieren die Erwünschtheit schmerzhafter Erfahrungen in beide Richtungen: ein Mitglied eines Volkes, das sich Spieße rituell durch die Wangen sticht, vermag sozialen Kapitalverlust (Ehrverlust)/Unlust zu vermeiden, in dem er den Affront des Bruches mit der Tradition vermeidet und vermag zugleich soziales Kapital/Lust zu gewinnen, in dem er diese gesellschaftlich wichtigen Regeln befolgt, also seine Position in einer exklusiven Gruppe festigt.

Ebenso vermag eine strikte Abneigung gegenüber bestimmten Praktiken selbstverständlich zu einer größeren Unlustgenerierung führen – bis hin zur Vermeidung der Praktik, um soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Jedoch scheint dieser Zustand in unseren Breiten immer weiter aufzuweichen: wenn sichtbare Tätowierungen oder übermäßiger Körperschmuck (betroffen sind ausdrücklich Mitglieder von Subkulturen, d.h. gesamtgesellschaftlich Minderheiten) ausreichender Grund sind, eine Anstellung eines Menschen in einem Betrieb zu verhindern. Hier hat im betroffenen Individuum, wenn auch möglicherweise unbewusst, eine Abwägung zugunsten der Peer Group und gegen die breitere Basis der Gesellschaft stattgefunden. Der Nutzen der Anpassung und Abgrenzung gegen das große Ganze muss offensichtlich schwerer (im Nutzen) wiegen, als die Anpassung an den Mainstream und die damit verbundenen verbesserten wirtschaftlichen Lebenschancen.

Womit wir leben

Nun jedoch zu den alltäglichen Beispielen, diejenigen, die für jeden von uns greifbar machen sollten was eine Laesio lucri ist und wo sich in ihnen die hedonistisch-utilitaristischen Widersprüche verbergen. Zwischen denen entscheiden wir uns nur all zu oft zugunsten der Laesion und handeln damit sogar in manchen Fällen fahrlässig.

Feuer

Schweißperlen auf der Stirn, ein Quälen, ein Brennen. das mittlerweile den gesamten Mund ausfüllt, von den Lippen über die Zunge leckt das Feuer über den Gaumen und reicht bis in den Rachen hinein –  wieder und wieder schaufelt jemand den Brennstoff hinein, wie ein Heizer, der verzweifelt Kohlen in den glühenden Schlund der Lokomotive wirft.  

Lediglich der Dampf aus den Ohren fehlt zur obigen Analogie, wenn man beim Inder eine Portion Lamm Vindaloo verspeist.  Nicht minder trifft sie auf Menschen zu, die sich eine Currywurst mit einer Soße bestellen, die jenseits der natürlich vorkommenden Schärfegrade extra hergestellt wurden, ja sogar zur Currywurst eine Milch und ein Haftungsausschluss mit serviert werden.

Entgegen der landläufigen Vorstellung befindet sich das meiste Capsaicin der Chilishoten nicht in den Samen, sondern in der Plazenta und der Samenscheidewand. Quelle

Die weit bekannte Ursache für den Schmerz beim Verzehr scharfer Speisen – Capsaicin – wirkt über die nozizeptiven (d.h. Schmerz wahrnehmenden) freien Nervenendigungen und aktiviert dort Ionenkanäle, die sonst auf starke Hitzereize reagieren sollen. Daher empfinden wir den Verzehr scharfer Speisen als Schmerz wie bei einer Verbrennung. Obwohl nichts daran angenehm ist, essen trotzdem zahllose Menschen, sogar ganze Völker, besonders gerne Schmerz. Auf Nachfrage warum, werden die meisten antworten, dass sie sich danach „irgendwie besser“ fühlen. Hedonistisch im Vordergrund steht dabei der oben beschriebene, biochemische Mechanismus. Doch wie steht es um den utilitaristischen Konflikt?

Auf der „Verlust“-Seite steht nur bei extremen Dosen (gemessen an der eigenen Verträglichkeit) eine wahrhaftige gesundheitliche Gefährdung durch eine übermäßig starke Stressreaktion des Körpers auf den Schmerzreiz4, der jedoch konventionell selten erreicht werden kann. In „handelsüblichen“ Mengen (die schärfsten Currywürste dieser Welt sind damit nicht gemeint) steht also höchstens das Erröten und die Schweißentwicklung als situatives Problem da, wenn in der Peer Group, in der man sich gerade befindet, diese Art des Auftretens potentiell sanktionierbar wäre.

An „Haben“ gewinnt ein Scharf-Esser unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hohen Umgebungstemperaturen, wo die Erweiterung der oberflächlichen Blutgefäße und die erhöhte Schweißproduktion zu einer besseren Wärmeabgabe führen können. Dies erklärt sicherlich anteilig die Popularität scharfer Speisen in den besonders warmen Klimata der Erde.

In erster Linie entscheidet der Scharf-Esser also hedonistisch geleitet, nach Lustgewinn. An zweiter Stelle erst kommen Situativ utilitaristische Überlegungen in die Abwägung hinein, dürften jedoch im Regelfall nachrangig bleiben, es sei denn eine Situation verlangt besonders seriöses, neutrales Auftreten.

Hörner

Ein eingewachsenes Haar, eine verstopfte Pore. Man gebe dazu ein paar Bakterien  und schwupps: Pickel und Mitesser, wohin das Auge wandert.

Was für manche die Plage der Pubertät gewesen sein mag, stirbt auch Jahre danach nicht aus. Ebenso wenig die Angewohnheit, sie zu zerquetschen, diese ästhetisch lästigen Makel, die – kaum schaut man in den Spiegel – gleich penetrant ins Blickfeld springen. Der Entschluss der Mehrheit ist hier eindeutig: der Pickel muss Platz machen und platzen.

Ebenso klar ist der utilitaristische und hedonistische Grund dafür: so der Pickel bereits eine ausgeprägtere Entzündung zeigte lässt das Druckgefühl nach, es ist eben kein „Horn“ mehr auf der Stirn zu fühlen, so lange man nicht darüber fährt. Außerdem ist allein der Glaube an die ästhetische Bereinigung des Antlitz‘ hier Berge versetzend/Finger bewegend.

Hippokrates von Kros, ca. 460-370 v. Chr., Begründer der noch heute gültigen Lehre: Ubi pus, ibi evacua (Wo Eiter ist, da entleere ihn). Quelle

Wie steht es aber um den negativen Aspekt des Handelns? Die meisten werden schon Geschichten darüber gehört haben, dass einen Pickel auszudrücken ein medizinisches Risiko darstellt. Dies stimmt in doppelter Hinsicht: erstens besteht die Gefahr, durch den aufgebauten Druck Bakterien in tiefere Hautschichten zu drücken, wo sie  abszedieren  (eine Ansammlung von Eiter unter der Haut bilden) können – mit der Folge, dass ein Chirurg den Abszess aufschneiden muss, um getreu des hippokratischen Lehrsatzes den Eiter abfließen zu lassen. Zweitens besteht die Gefahr einer Einschwemmung der Bakterien in dabei verletzte Blutgefäße. Vor allem im Bereich um die Augen, auf dem Nasenrücken und auf der Stirn ist dies von Bedeutung, weil der Blutabfluss aus diesen Bereichen über die Vena angularis mit den großen Hirnvenen in Verbindung steht, sodass hierüber eine von dort ausgehende Entzündung der Hirnhäute/des Gehirns (Meningitis/Meningoencephalitis) denkbar ist.

Trotz dieses Wissens – oder gerade mangels seiner Verbreitung – gibt es fast keinen sozialen Handlungsdruck, einen Pickel nicht auszudrücken. Im Gegenteil ist der ästhetische Anpassungsdruck weit größer, selbst bei denjenigen, die um der potentiell negativen Auswirkungen ihres Verhaltens wissen.

Zum Schluss

Die Beispiele ließen sich weiter führen – im Interesse des Schlusses, der zugleich eine Einleitung hätte sein sollen, möchte ich die weiteren jedoch nur noch auf Bedarf über die Kommentare ausführen.

Ich hoffe ich konnte zeigen, was unter einer Laesio lucri zu verstehen ist; was sie ausmacht: sie ist ein genuin schmerzhaftes Erleben, das wir dennoch als positiv empfinden, dabei aber keinen pathologischen Wert hat, also nicht in einem schadhaften Übermaße stattfindet5 – und was nicht notwendig, aber hinreichend ist, dass wir sie selten reflektieren. Sie ist also ein hedonistisch-utilitaristisches Paradoxon, das uns tagtäglich begleitet, aber meistens ungesehen bleibt.

Zum Abschluss möchte ich Alex danken, der sich dieses Thema aus meiner „Feder“, aus meinen Augen gesehen, gewünscht hat. Ich bin mir sicher, dass er die eine oder andere Formulierung wiedererkannt hat, die er dafür ganz treffend über hatte. Außerdem möchte er mir nachsehen, dass ich seinen Vorschlag des Namens für dieses Phänomen zu Gunsten der Laesio lucri übergangen habe.

Fußnoten

Ich habe lange überlegt, ob ich hier Kultur oder Natur schreibe. Angesichts des biochemischen Mechanismus‘ (s.o.) halte ich jedoch Natur hier für die treffendere Wahl, auch wenn es möglicherweise der eine oder andere für streitbar halten mag, gerade angesichts der Integration und Adaptation dieses Verhaltens in einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen.

Der Begriff leitet sich auf Grund der Ähnlichkeit in der Wirkung vom Morphin ab: Endogenes Morphin

3 Gemeinst ist natürlich die reflexartige Ausschüttung des Botenstoffes im Gehirn

4 Jeder Schmerzreiz vermag prinzipiell zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems führen, demzufolge also eine Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdruckes und der Schweißentwicklung sowie eine erhöhte Durchblutung von unter Bedrohung von außen lebenswichtiger Organe (Herz, Gehirn, Muskulatur, ggf. Haut)

5Es ist vielleicht noch wichtig, dass die Sucht (Rauchen, Alkohol, Medikamente, …) aus der Definition heraus auch nicht dazu gehören kann. Diese hat einen pathologischen Wert, und die Betroffenen erleben sie nicht als genuin schmerzhaft.

Überlegungen zu Determinismus und Willensfreiheit: Von Verantwortung, Kausalität und der Lebenswirklichkeit

Ausgangspunkt: Die Lebenswirklichkeit

In unserem täglichen Leben treffen wir viele Entscheidungen. Wir beschließen, bewusst oder unbewusst, etwas zu tun oder zu unterlassen. Das beginnt morgens etwa mit der Frage, ob wir aufstehen oder lieber noch ein wenig im Bett bleiben, uns Frühstück zubereiten oder nicht, und, wenn ja, was genau wir hierzu auswählen sollen. Ebenso stellt sich am Abend die Frage, wann es andere Tätigkeiten einzustellen und zu Bett zu gehen gilt. So banal diese willkürlich ausgewählten Beispiele für alltägliche Entscheidungen auch anmuten mögen, können sie doch gewichtigen Einfluss haben auf den weiteren Verlauf unseres Tages und unseres Lebens. Nicht nur hängt davon ab, wo wir wann welchen Menschen begegnen, welchen Eindrücken wir uns aussetzen, sondern auch in welcher körperlichen, emotionalen oder geistigen Verfassung wir uns befinden und welche Entscheidungen wir als nächstes zu treffen haben.

Betrachten wir den Entscheidungsfindungsprozess selbst, vermögen wir oft nicht genau zu sagen, was uns genau zu der einen oder der anderen Entscheidung bewegt hat. Vielleicht haben wir spontan oder aus dem Bauch heraus gehandelt, vielleicht haben wir verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abgewogen und uns für die Variante mit den vermeintlich besten Folgen entschieden, vielleicht haben wir uns von einer persönlichen Vorliebe oder Abneigung leiten lassen, vielleicht haben wir auch bloß das Bekannte dem Unbekannten vorgezogen oder umgekehrt. Unsere Entscheidungen mögen rational oder irrational anmuten. Es mögen einige besonders dominierende Erwägungen ausfindig gemacht und als maßgeblich identifiziert werden können. Aber auch dort stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser Erwägungen und dem Grund für die Wahl dieser Herangehensweise an die Situation. Dies hängt von so vielen Einflussfaktoren ab und beruht wiederum auf so vielen vorgelagerten Fragen, dass eine vollständige Rekonstruktion unmöglich sein dürfte.

Dennoch sind wir uns unserer Selbst bewusst, können unseren Gedanken eine Richtung geben, Entscheidungen treffen, uns über einfache Triebe stellen, auch wider unsere Bedürfnisse handeln, sogar den eigenen Tod wählen. Hierdurch grenzen wir in unserem Selbstverständnis uns vom gewöhnlichen Tier ab, das als instinkt- und triebgesteuert interpretiert wird. Insoweit sei auf meine Kommentare zum cartesianischen Dualismus im vorangegangenen Artikel verwiesen. Unsere Umwelt erscheint uns als von bloßer Kausalität gesteuert, während wir selbst unseren eigenen Weg bestimmen. Wir sehen uns und erfahren uns als autonome Wesen, als Herren der eigenen Entscheidungen.

Vereinbarkeit der Lebenswirklichkeit mit deterministischen Ansätzen?

Eine Weltanschauung, die im Widerspruch hierzu die Vorbestimmtheit allen Seins, jeden Ereignisses, jeder Handlung oder Entscheidung, ja der gesamten Existenz selbst postuliert, muss daher zwangsläufig zunächst auf Widerstand stoßen. Jedoch stellt sich die Frage, ob dies berechtigt ist. Schließen sich Determinismus und Willensfreiheit tatsächlich aus? Muss ein deterministisches System die Selbstwahrnehmung des Menschen als Irrglauben, als Illusion verwerfen? Ich meine, dass dies nicht der Fall ist.

Kehren wir zurück zu den eingangs durchgeführten Betrachtungen: Unser Leben stellt sich als ein komplexes Geflecht von eigenen Entscheidungen und externen Einwirkungen dar, die sich mit voranschreitender Zeit gegenseitig beeinflussen. Wir existieren nicht isoliert, sondern sind Teil dieses Gefüges, sind dessen Einwirkungen ausgesetzt und interagieren mit ihm. Unser Handeln wirkt auf die Elemente dieses Systems ein, wird aber gleichfalls auch durch sie beeinflusst. Dies legt zumindest die Frage nahe, wie weit dieser Einfluss reicht, wie viel autonom und wie viel heteronom bestimmt ist.

Um diese Frage zu beantworten, gilt es zunächst zu überlegen, was uns eine autonome, also selbstbestimmte Entscheidung ermöglicht und worauf diese basiert. Als Antwort drängen sich Begriffe wie das eigene Selbst, die eigene Persönlichkeit, der Intellekt, die Vernunft, die Seele, etc. auf. Doch sind diese jeweils selbst ein noch zu ergründendes Mysterium und ihr Wesen liegt weitgehend im Dunkeln. Anhand der eigenen Lebenserfahrung können wir jedoch ein paar grundsätzliche Aussagen treffen: Wir leben in  der Zeit und haben eine Geschichte. Wir entwickeln uns körperlich, wie auch geistig, haben Erinnerungen, sind fähig Erfahrungen zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen und können diese zur Basis weiterer Schlussfolgerungen machen. Da wir also nicht bloß im Moment existieren, sondern Vergangenheit und Zukunft haben, uns ihrer bewusst werden bzw. diese antiziperen können und dies in unser Handeln bewusst oder unbewusst einfließen lassen, griffe eine rein empirisch motivierte Ablehnung des Determinismus mit der Begründung, dass man sich in einem Moment so oder so entscheiden könne, zu kurz. Denn uns macht unsere Geschichte aus, die Gesamtheit der vergangenen und gegenwärtigen Eindrücke, Erfahrungen, Gedanken, Erinnerungen, und deren Wechselwirkungen untereinander.

Die eigentliche Frage müsste daher folgendermaßen lauten: Wäre es mir – so wie ich jetzt gerade in diesem Moment bin – möglich, mich in dieser gegenwärtigen Situation auch anders zu entscheiden oder gibt mir mein Sosein bereits vor wie ich mich entscheide?

Hierzu drängt sich mir folgender Gedankengang auf: Wenn die Zeit linear voranschreitet, liegt die Ursache stets zeitlich vor der Wirkung und die Wirkung folgt der Ursache nach. Das, was in diesem Moment existiert, kann nur aus dem hervorgegangen sein, was in unserer Zeitlinie zuvor existierte. Selbst wenn wir fähig wären, durch die Zeit zu reisen und an einen Punkt in unserer Geschichte zurückzukehren, setzte sich unsere eigene Geschichte, unsere eigene persönliche Zeitlinie weiter fort und unser derzeitiges Selbst hätte sich immer noch aus demjenigen entwickelt, das in unserer persönlichen Vergangenheit liegt (auch wenn sich diese äußerlich nicht ereignet hätte). Dies führt dazu, dass wir dieselbe Situation nicht zweimal erleben, weil wir das zweite Mal bereits ein Anderer sind. Dieses Gedankenspiel führt also zu keinem Ausweg aus dem aufgezeigten Dilemma. Hierzu müsste man schon fingieren, dass sich der Fluss der Zeit umkehrte und man selbst und alles Übrige körperlich wie geistig in den damaligen Zustand zurückversetzt würde.  Wenn in dieser Situation ein anderer Verlauf, eine andere Entscheidung möglich wäre, wäre der Determinismus widerlegt. Aber wie sollte sich in einer absolut, also hinsichtlich jedes Moleküls und jeder Energieladung identischen Situation spontan etwas anderes ergeben, ohne dass hierzu eine Einwirkung von etwas außerhalb der Zeit befindlichem hinzugedacht wird?

Man mag hier Zufall ins Feld führen, doch wenn man sich auf den Grundsatz der Kausalität einlässt, stellt sich dieser selbst ebenfalls als eine, im Einzelnen unbekannte, Abfolge von Ereignissen dar und vermag keine abweichende Entwicklung zu begründen.

Wenn wir also behaupten wollen, nicht kausal determiniert zu sein, müssten wir darlegen, dass sich aus unserem Intellekt spontan etwas gewinnen ließe, das keine Beziehung zu etwas Vergangenem hätte. Da wir aber in Raum und Zeit leben und uns in ihr entwickeln, ist es das Spontane, das von Kausalität Losgelöste, das von unserer Lebenswirklichkeit abweicht und einer Begründung bedarf. Bis diese Begründung erfolgt, erscheint der Determinismus nicht nur mit der Lebenswirklichkeit vereinbar zu sein, sondern ihr sogar in besonderm Maße zu entsprechen.

Folgerungen aus deterministischen Ansätzen für die Lebenswirklichkeit: Wo bleibt die Verantwortung für das eigene Verhalten?

Was aber folgt aus diesem deterministischen Ansatz? Man könnte jetzt einwenden (was überraschenderweise selbst von Juristen getan worden ist), dass bei vollständiger Determination niemand für sein Tun verantwortlich sei, dass es keine Schuld gäbe und niemand zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, dass Strafgesetze keinen Sinn hätten und dass Generalprävention keinen Erfolg haben könne. Dies beruht jedoch auf einem entscheidenden Missverständnis: Nur weil der Willensbildungsprozess kausal determiniert ist, heißt das nicht, dass wir keinen eigenen Willen haben und nicht autonom handeln und entscheiden können. Denn wir haben in jedem einzelnen Moment unseres Lebens die freie Wahl zwischen allen zur Verfügung stehenden Alternativen, auch wenn diese Wahl selbst Teil des zeitlichen Kausalverlaufs ist. Schließlich gehören unsere Erfahrungen mit unserer Existenz, unserer Lebenswirklichkeit und mit unseren sozialen Systemen zu den wesentlichen Elementen, die unser Entscheidungsverhalten beeinflussen. Innerhalb dieser Systeme werden wir aber tagtäglich mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion konfrontiert. Unser Verhalten hat Konsequenzen. Bei einer derartigen Sozialisation bildet sich zwangsläufig ein Verantwortungsgefühl aus und die abzusehenden Folgen unseres Tuns fließen in unsere Entscheidungen ein. Hier setzt nun aber unsere Rechtsordnung und insbesondere das Strafrecht an: Sie sanktioniert unerwünschtes Verhalten und gibt so Impulse die unsere Entscheidungen beeinflussen. Letztlich bleibt auch bei einer deterministischen Weltsicht unsere soziale Realität bestehen. Sie fußt lediglich auf einem anderen weltanschaulichen Konzept, auf einer anderen Deutung des Bestehenden.

Vom Nutzen deterministischer Überlegungen

Man mag sich nun berechtigterweise fragen, welchen Nutzen deterministische Überlegungen haben, wenn sich letztlich sowieso nichts ändert. Diese Frage könnte man den Vertretern vieler Weltanschauungen stellen. Ohne eine praxisbezogene Komponente bleibt es oft bei funktionsloser Theorie und amüsantem Zeitvertreib.

Der wesentliche Nutzen, der sich aus diesen Überlegungen ziehen lässt, ist wohl die Erkenntnis, dass alle unsere Entscheidungen Konsequenzen haben, die oft nicht absehbar sind. Es wird der Blick dafür geschärft, dass wir selbst nicht nur im Moment existieren, sondern in einem komplexen Geflecht, sich gegenseitig beeinflussender Akteure. In diesem Bewusstsein sollten die Folgen unseres Tuns, soweit möglich, bedacht und bei der eigenen Enscheidung berücksichtigt werden. Dies führt im Idealfall zu einer stärkeren gesellschaftlichen Verantwortung und der Berücksichtigung des allgemeinen Wohls und dem unserer Umwelt.

So paradox es klingen mag: Durch die Erkenntnis der kausalen Verknüpfung wird das Ausmaß der eigenen Freiheit erst bewusst gemacht: Jeder ist des eigenen und des allgemeinen Glückes Schmied, auch wenn er dabei nach einem festgelegten Verfahren agiert.

Zum Abschluss

Vieles des hier Dargelegten mag zunächst als wirr und konfus empfunden werden. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Gedankenspiel, eine philosophische Übung, der Versuch einer alternativen Betrachtung der Welt und ein Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Deshalb soll bewusst die Diskussion angeregt und Kritik emöglicht werden. Dieses Modell erhebt keinesfalls den Anspruch, das einzig stimmige zu sein, sondern lediglich eine denkbare Sicht der Dinge. Widerspruch ist deshalb willkommen, wird aber erwidert werden…

Für eine weitergehende Diskussion sei hier auf die zahlreiche zu diesem Thema vorhandene Literatur verwiesen, die ich natürlich nicht herangezogen habe. Insbesondere das umstrittene Libet-Experiment habe ich bewusst nicht berücksichtigt. Als stärker akademischer Einstieg mag hier etwa ein Skript zu einem Seminar von Prof. Dr. Funke dienen, das ich auf folgender Seite entdeckte: https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/030623_Freier_Wille.pdf