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Heidelberger psychologische Tagebücher (2): Perspektiven einer Psychologie der Moral

Tugendethik ist neben der deontischen und der konsequenzialistischen Ethik eine der drei klassischen Konzepte moralischer Rechtfertigung. Psychologisch ist die Frage zu stellen, welchen zielrelevanten Einfluss die Orientierung an Pflichten, Nutzen oder Tugenden besitzt. Hierbei ist hervorzuheben, dass sich die beiden Ebenen des moralischen Urteils und die moralische Färbung des Urteilens selbst unterscheiden lassen. Im ersten Fall handelt es sich um eine explizite Kognition eines moralischen Inhalts und somit in erster Linie um einen Gegenstand der Ethik, im zweiten Fall jedoch um den Vollzug des Urteilens in Prägung durch explizite oder implizite moralische Einstellungen und somit einen Topos der Psychologie. Fraglich sind hier insbesondere drei Aspekte: Eröffnet der Anteil der moralischen Rechtfertigung an der Handlung grundsätzlich alternative Handlungsformen oder nur unterschiedliche Bewertungen der selben Handlungsformen? Ist der Einfluss der Moral vornehmlich kognitiv oder gleichfalls unmittelbar emotional oder motivational? Wie sehr korrespondiert die individuelle Handlungsrechtfertigung mit dem Anspruch der argumentativen moralischen Konsistenz?

1. Nutzenorientierung und Gewinnmaximierung sind aus der betrieblichen Psychologie bekannte Konzepte, die einen terminologischen Anhaltspunkt geben. Der Begriff des Nutzens spielt eine tragende Rolle in der utilitaristischen Ethik. Personen, die utilitaristisch geprägt (sozialisiert, bewusst entschieden, veranlagt – diese Frage gilt es hier nicht zu stellen) sind, mögen eine tatsächliche Präferenz für die Nutzenorientierung vorweisen. Dies kann entweder lediglich bedeuten, dass sie eine bloße Affinität vorweisen, aber die Alternativen klar sehen, oder dass ihnen die Option der Gewinnmaximierung grundsätzlich zudem ferner liegt, sie sie also gar nicht erwägen. Dies würde eine geminderte Flexibilität bei stärker moralischer Überzeugung (oder Veranlagung) bedeuten, sofern handlungsrelevant grundsätzlich nicht mehr als die Alternative von Nutzenorientierung und Gewinnmaximierung zur Verfügung stünde. Wenn aber innerhalb der Nutzenorientierung die Verfügbarkeit bestimmter Strategien erst durch ein bestimmte moralische Tragkraft der Einstellung des Akteurs verfügbar wird, eröffnet sich ein Horizont von diversen Alternativen. Allerdings lässt sich hier schwer zwischen den alternativen Erklärungen differenzieren, ob die Optionen aus moralischer Überzeugung oder dank der Informationslage verfügbar werden. Grundsätzlich lässt sich aber bereits logisch nicht ausschließen, dass die moralische Konfiguration der Wirklichkeitswahrnehmung einer Person einen fundamentalen Einfluss nicht nur auf die Valenz, sondern auch auf die Genese von Handlungsoptionen ausübt.

2. Die Argumentation zur Beantwortung der zweiten Frage hat einen analogen Ansatz. Ebenso wie die expliziten Handlungsoptionen durch die Einstellungen einer Person beeinflusst werden können, lässt es sich für emotionales und motivationales Erleben denken. Um also hier keine bloße Reproduktion des vorigen Arguments zu liefern, kann vielmehr auf das psychologisch divergierende Wesen der Begriffe Tugend, Pflicht und Nutzen eingegangen werden. Operiert der Begriff der Tugend doch bereits emphatisch mit klaren emotionalen Assoziationen, wie zwischen Gerechtigkeit und Gleichmut, spielt für ein Nutzenkalkül weniger die emotionale Verfassung des Akteurs eine Rolle als ein rationales Maß für seine Operanden. So zeigt sich schnell, dass die ethischen Konzepte fundamental hinsichtlich ihrer Bezugnahme auf Emotionen variieren. Daraus folgt freilich noch nicht, dass der Träger der moralischen Einstellung in seinem emotionalen Erleben beeinflusst wird. Hier besteht ein methodisches Problem der Differenzierung von Mikrokosmos und Makrokosmus hinsichtlich der Deskription von Emotionen, denn insofern als die moralischen Beschreibungen teilweise selbst auf emotionale Attribute rekurrieren, aber dadurch diese Emotionen im psychologischen Sinne noch nicht evozieren, besteht die Gefahr eines naturalistischen Fehlschlusses. Es bleibt also Angelegenheit der empirischen Psychologie, hier zu differenzieren.

3. Ähnlich wie es sich für logisches Schließen zeigt, dass logisch gültige Schlüsse nicht zwangsläufig für gültig gehalten werden, bisweilen sogar der irreguläre Schluss den Vorzug erhält, muss die moralische Dogmatik der Rechtfertigung sich nicht zwangsläufig im individuellen Entscheiden reflektieren. Hier eröffnet sich die wichtige Differenzierung zwischen deskriptiver und normativer Ethik. Deskriptiv sind moralische Entscheidungen freilich unabhängig von der Akkuratesse ihrer normativen Rechtfertigung. Diese Abweichung zu konstatieren und zu evaluieren, ist die Aufgabe philosophischer Psychologie. So mag es sein, dass es deskriptive Trends gibt, welche Formen von Ethik konsequenter eingehalten werden – ein Argument dafür, dass der Utilitarismus hierbei hervorsticht, ist seinem Diskurs immanent, insofern als der Utilitarismus eine generalisierende Tendenz vorweist, menschliches Verhalten als implizit vom Nutzenmotiv getrieben zu interpretieren. Gleichermaßen besteht hierbei eine deutliche Nähe zur Makrosoziologie der Ideologie und der Kulturgeschichte. Moralische Rechtfertigungen haben in Abhängigkeit von politischen Entwicklungen unterschiedliche Bedingungen der Wahrscheinlichkeit ihrer erfolgreichen Anwendung erfahren. Dementsprechend scheint eine ganzheitliche Erforschung von z. B. religionsgeschichtichen Bedingungen von psychologischen Zielkonstellation in ihrer Vermittlung durch Moral lohnenswert.

Heidelberger psychologische Tagebücher (1): Weswegen unbewusstes Denken nicht klug ist

Probleme als Situationen

Zu schnell lässt sich in Termini der kognitiven Psychologie fragen, ob die Lösung von Problemen auch unbewusst erreicht werden kann. Menschliches Handeln auf diese Weise zu beschreiben, hat zahlreiche Voraussetzungen. Zunächst gilt es, problemlösendes Verhalten als Leistungsvariable zu begreifen, die sich als messbarer Erfolg quantifizieren lässt. Das Material eines Problem wird gleichsam als Determinante des Problems selbst inauguriert. Spannt sich auf diese Weise ein Problemraum möglicher Konstellationen, die durch elementare naturalistisch objektivierte Operationen miteinander verbunden sind, auf, eröffnet sich ein weiter empiristischer Interpretationshorizont: Intelligent mag sein, wer den Zielzustand erreicht, wer ihn schnell erreicht, wer ihn effizient erreicht oder wer ihn auf vielfältigen Wegen erreicht. Dieser Architektur psychologischer Forschung ist das Postulat zu verdanken, dass Intelligenz der Entscheidung als latente Determinante vorausgeht. Königsmacher der Intelligenz ist dabei die Analyse statistischer Varianz in der differentiellen Psychologie. Der Unterschied in der Performanz an dem im Übrigen standardisierten Szenario rechtfertigt, von einer internalen Ursache der Verhaltensunterschiede zu sprechen. Diese Annahme ist nicht nur vernünftig, sondern auch phänomenal gerechtfertigt. Den Fehlenden belehrt post hoc, dass es eine richtige Antwort gab. Einsichtig in das Wesen der Intelligenz, wer den Unterschied zwischen richtig und falsch anerkennt.

Bevor davon zu reden ist, dass unbewusstes Denken Probleme löst, – und das ist schnell vergessen – ist also ein Leistungsbegriff zu fixieren und ein Intelligenzbegriff zu kodifizieren. In anderen Worten: Es ist nicht die Intuition (ein Begriff, der ursprünglich Anschauung bedeutet) des Problems, die unbewusst sein kann. Vielmehr muss in expliziter Klarheit gegeben sein, woran sich die unbewusste Lösung zu messen hat, denn es gibt keine unbemerkten Probleme und somit für sie keine Lösungen. Die Behauptung unbewusster Lösungen setzt letztlich also klare, einfache Probleme voraus. Nun ist aber das Verhältnis vom Problem zu seiner Lösung nicht dasjenige zweier autonomer und exklusiver Teile. Hier geht es nicht darum, dass im Prozess des Lösens sich die Lösung verändert, sondern nur eine begrenzte Klasse von Situationen die oben skizzierte Fixierung und Kodifizierung zulässt. Diese Situationen sind erstens nicht notwendiger Weise problematisch, zweitens aber sind sie ein höchst artifizieller Teil der Welt, der zur Summe aller Probleme im Verhältnis des Intelligenztests zur Lebenswelt steht. Dass nicht jede Situation problematisch ist, ist der Gegenstand einer anderen ausführlichen Abhandlung. Hier sei nur so viel gesagt, dass der Horizont einer Situation, d. i. die Richtung einer Stellung nehmenden Person auf die Welt, z. B. durch die Lösbarkeit und den Problemdruck dieser Situation multimodal gestaltet wird, d. h. nicht notwendiger Weise zum Problem, sondern durchaus auch zur Herausforderung, zur Gelegenheit oder zum Verhängnis wird.

Die Normierung von Situationen

Auf den zweiten Punkt ist hier genauer einzugehen. Ein Intelligenztest umspannt wesentlich Material, das Situationen mit hoher Lösbarkeitserwartung erzeugt, weil normierte Lösungen für die Aufgaben als Maßstab der Leistung der Probanden angewandt werden. Es ist damit freilich nicht notwendig, dass eine Person die Lösung findet, im Gegenteil ergibt sich hieraus die diagnostische Relevanz des Tests. Weiter ist aber auch nicht existenziell notwendig, dass eine Person der Situation des Intelligenztests Lösbarkeit zuschreibt. Es mag eine soziale Norm bestehen, dass diese Tests als lösbar begriffen werden, und sogar in der Interpretation der Testresultat die Gestalt der Situation (also als Richtung einer Person auf die Welt) als lösbar postulieren, aber hieraus ergibt sich nicht, dass die einzelne Person die Lösung der Aufgabe erwartet. Das mag nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass der Begriff der Aufgabe eine reduktive Abstraktion von der einzelnen Situation unter der Voraussetzung der Generalisierbarkeit nach dem Muster struktureller Vergleichbarkeit bedeutet, obwohl jede Situation in der individuellen Konfrontation letztlich durch einen eigenen, nur im aposteriorischen Erwartungswert vergleichbaren Horizont gestaltet ist.

Es lässt sich resümieren: Unbewusstes Denken als Lösung für Probleme für möglich zu halten, setzt voraus, dass Personen sich in strukturell typischer Weise analogen und in ihrer Lösung normierten Situationen erwartungsgemäß verhalten – also insbesondere die Situation wegen ihrer normierten Lösung für lösbar halten. Dieser Erwartung gemäß handeln Menschen gewöhnlich in Intelligenztests. Der Begriff der Intelligenz abstrahiert von diesen Konstellationen eine Fähigkeit, von der angenommen wird, dass sie auch für weitere Situationen relevant ist. Die empirische Forschung zeigt, dass die Leistungen in Intelligenztests signifikante Vorhersagen für andere Kontexte, wie Schulleistungen, Berufserfolg und diverse weitere Variablen erlauben. Dass die Quantifizierung dieser Variablen jedoch gleichfalls eine Fixierung und Normierung voraussetzt, bedeutet, dass es eine genuine Form der Situation gibt, die davon nicht berücksichtigt ist. Diese Situationen sind im Anschluss an das oben Gesagte vor allem unklare, komplexe Situationen (und damit Probleme): unklar, weil keine Lösungsnormierung vorliegt; komplex, weil keine Lösungsnormierung möglich ist.

Intelligenz und Klugheit

Die Kardinaltugend der Klugheit
Die Kardinaltugend der Klugheit

Die Pointe dieser Überlegung ist, dass die Vorhersagen von Intelligenztest auf Leistungen der Lebenswelt nicht perfekt ist. Die Varianzaufklärung liegt in den optimalen Fällen bei ca. einem Drittel – und das auch nur unter der Voraussetzung der quantitativen Normierung des Zielverhaltens. Der Grund hierfür ist, dass die Ähnlichkeit der Situationen der Lebenswelt mit normierten Aufgaben eine phänomenale Beschränkung erfährt. Es ist keine Messungenauigkeit oder mangelnde Reliabilität der Testung, die eine höhere Korrelation verhindert. Das psychologische Konstrukt der Intelligenz ist eine Fähigkeit, die eine hervorragende Vorhersage für klare, einfache Situationen erlaubt. Aggregatsdaten wie der Schulerfolg sind aus diesen Situationen, aber auch aus Situationen, in denen Intelligenz das Handeln nicht hinreichend bestimmt und das Konstrukt der Intelligenz dieses Handeln nicht hinreichend vorhersagt. Was hier auf den Plan gerufen wird ist die Klugheit, engl. prudence, lat. prudentia, grch. φρόνησις. Während die zeitgenössische quantitativ dominierte Empirie hier im Sinne Karl Poppers „Logik der Forschung“ (1934) eine Grenze zwischen der falsifizierbaren Theorie der Intelligenz und der metaphysischen Klugheit behauptet, möchte ich von dem obigen phänomenologischen Modell multimodaler Situationen ausgehend im Gegenteil behaupten, dass Klugheit aus unklaren Situationen vollkommen analog zu den klaren Situationen der Intelligenz hervorgeht.

Arnold Gehlen; Quelle
Arnold Gehlen; Quelle

Dadurch scheint der Begriff der Klugheit methodologisch in die Nähe der sog. Problemlösekompetenz zu rücken, doch tatsächlich soll es sich dabei um etwas halten, dass im strikten Sinne nicht quantifizierbar ist, weil es nur in nicht normierten Situationen vorkommt. Dennoch ist die Klugheit im Sinne Poppers nicht metaphysisch, d. h. nicht falsifizierbar. Vielmehr lässt sich der Klugheit nicht abstrahierend begegnen, sodass sich die Möglichkeit verstellt, sie intersubjektiv zu normieren. Die Klugheit ist stattdessen im einzelnen Erlebnis begründet und demnach nicht bloß in der Lösung, sondern in der Situation – gleichsam auch im Problem – des Akteurs. Vor dem potenziellen Horizont einer logisch unendlichen Mannigfaltigkeit an Perzeptionen, Kognitionen und Operationen ist Klugheit in der Entscheidung zur Situation, nicht wie bei der Intelligenz lediglich in der Wahl der Operation begründet. Unbewusstes Denken, das eben im hier vertretenen Sinne Arnold Gehlens (Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1940, S. 9), dass „es […] ein lebendiges Wesen [gibt], zu dessen wichtigsten Eigenschaften es gehört, zu sich selbst Stellung nehmen zu müssen, wozu eben ein ‚Bild‘, eine Deu­tungsformel notwendig ist“, keine Situation gestaltet, mag also intelligent sein, aber nie klug.