Archiv der Kategorie: Dialoge

Gedanken zur deutschen Einheit – von der Mauer im Kopf

„Seit Jahren pumpen wir das Geld rüber und hier verfällt alles.“ Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte.

Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie 1989

Genau obigen Satz jedoch hörte ich heute auf meiner Reise von Northeim nach Leipzig im Zug, gesprochen aus einer Gruppe von Frauen. Nach meinem nun schon vier Jahre andauernden Wahlexil in den neuen Bundesländern und geboren nach dem Fall der Mauer (wenn auch knapp vor der gesetzmäßigen Wiedervereinigung, die vorgestern ihr 24. Jubiläum feierte) fühle ich mich als Kind der deutschen Einheit. Die physische Teilung Deutschlands, wie es unter Preußen erst von Bismarck geschaffen wurde und es nach 1945 die Alliierten festlegten, ist für mich nur noch ein abstraktes Konzept, das ich nicht länger zu greifen vermag.

Mauern in Köpfen

William James, amerikanischer Philosoph und Pragmatiker

Was mir nicht fremd ist, ist die Mauer in den Köpfen der Menschen um mich herum. So bei den Damen vom Kaffeekränzchen im Zug: Sie führten mich zurück auf eine Beobachtung von William James. Er stellt in seinem Buch „Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking“ (1907) heraus, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an vorgefassten Vorstellungen und Regeln darüber hat, wie die Welt sich zusammensetzt und wie die Welt funktioniert (ich vermeide hier bewusst den Begriff des Vorurteils, da es nicht die Tragweite des hier gemeinten erfasst, auch wenn es vermutlich die bestmögliche Übersetzung wäre). Diese Vorstellungen konserviere nun ein jedes Individuum bis zum äußersten; d.h. neu gewonnene Eindrücke werden entweder in das bestehende System als regelkonform eingearbeitet (und dafür die Eindrücke bei Bedarf auch „verzerrt“ und „verbogen“) oder bei mangelnder Kompatibilität die bestehenden Regeln in so geringem Umfang wie möglich verändert (und nur in Ausnahmesituationen Regeln durch neue ersetzt).

Nun kommt die Frage auf: Was hat James mit der Frau im Zug und der deutschen Einheit zu tun?

Von Ossis und Wessis

Zum Einen ihre vorgefertigte Denkweise, ihre Regeln darüber, wie die Welt zu funktionieren habe; Sie hat ein stereotypisches Bild eines „Wessis“ in ihrem Denken und diesem Satz zum Ausdruck gebracht: ein latentes Gefühl der Überlegenheit über die „Ossis“, „die da drüben“, die anscheinend nicht in der Lage wären trotz Unsummen eine alleinständige Wirtschaft aufzubauen – also auf die Hilfe des „großen Bruders“ Westdeutschland angewiesen zu sein scheinen – und den „Unrechtsstaat“ zu unrecht (oder unter falscher Prämisse) verteidigten. Darüber hinaus kommt hier ein kindisches dürsten nach Aufmerksamkeit zum Ausdruck: Das Gefühl über die ganze Fürsorge dem Sorgenkind, dem Nesthäkchen „Neue Bundesländer“, gegenüber, nicht gesehen zu werden, obwohl man doch so bemüht und fleißig um die Aufmerksamkeit des Vaters (das ist: der Staat) gebuhlt hatte, während man noch für „den Kleinen“ mit gesorgt hat.

Stereotype Satire des „Ossis“, Titanic Magazin, Ausgabe 11/1989

Nun ist die Frau in keiner Weise dem „Ossi“ überlegen, der sich über die hoch gestellte Nase des „Wessis“ ärgert, der in den Augen des „Ossis“ meint, sich alles erlauben zu können, nur weil er das von Anfang an (gemeint ist 1990) einfachere Leben hatte. Zugleich hört man nicht selten von solchen Vertretern Sätze wie „In der DDR hatten wir noch richtigen Zusammenhalt“, oder: „Bei uns hatte ja jeder ein Grundrecht auf Arbeit!“ Und nicht selten sind es diejenigen, deren körperliche und geistige Ausstattung nicht darauf ausgelegt war, in einem darwinistischen System, wie es auch die soziale Marktwirtschaft ist, erfolgreich zu sein. Hier kommt ein unberechtigter Neid, in gleicher Analogie zur Familie wie oben, auf den erfolgreichen „großen Bruder“ zum Ausdruck – unter der irrigen Annahme, er habe ein erfolgreiches Leben ohne Widerstände und Probleme.

Beide sind Ausdruck der selben Mauer im Kopf, von der James sprach. Ihre vorgefertigten Regeln, Vorstellungen, ja Vorurteile, bestimmen ganz wesentlich, wie sie die Welt sehen – und mangels eines Eindruckes, der ihre Regeln zu Fall bringen muss, weil er ein so eindringliches Moment hat, laufen sie damit bis an ihr Lebensende durch die Weltgeschichte. Nun will ich jedoch nicht sagen, dass dies der alleinig betroffene Schlag Menschen wäre, es ist viel mehr universales Prinzip unserer Funktionsweise, damit auch fester Bestandteil unserer Natur – und hier lediglich in seiner negativen Form besonders sichtbar. Man sollte dies jedoch immer im Hinterkopf behalten, erst recht, wenn man eine Situation erlebt, die unsere eigenen Regeln über die Funktion der Welt in Frage stellt.

Vom Nutzen der Geographie

Zum Anderen verbog sich die Frau die Situation, in der sie sich befand, damit diese ihrer Wirklichkeit entsprach (wenn ich auch mutmaßen muss, dass dies unbewusst oder zumindest fahrlässig geschah).

Historische Weltkarte, Abraham Ortelius, 1570

Dazu wichtig die folgende Schilderung der Umstände: Einfahrt in einen Bahnhof, der aktuell offensichtlich renoviert wird. Dabei wurde alles runderneuert, von den Pflastersteinen des Bahnsteiges bis zu Schildern und Unterständen. Daraufhin stellte sie das Offensichtliche fest und äußerte sich in ihrem Redefluss sinngemäß dahingehend, dass hier (gemeint war: der Osten) ja jetzt alles hübsch gemacht werde und zuhause (gemeint war: der Westen) alles verfalle.

Hätte sie sich ein wenig besser geographisch ausgekannt – oder hätte sie das Schild am Bahnsteig gelesen – hätte sie bemerkt, dass es sich noch um einen niedersächsischen Bahnhof handelt. Dies tut ihrem Standpunkt nichts zur Sache und würde sie mit Sicherheit nicht in ihrer Grundvorstellung umstimmen, illustriert aber recht amüsant, welche Auswüchse die Anpassung der Realität in unserer Wahrnehmung haben kann. Und von welchem Nutzen zumindest rudimentäre Kenntnisse der Geographie sind.

Mauerfall

Vor über 25 Jahren nun begann die Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ging dabei nicht einmal von Anfang an um die Auflösung der DDR oder um die Angliederung an den Westen. Das Ziel war es, an den wideren äußeren Umständen des Lebens in der DDR etwas zu verändern – und am Ende fiel die Mauer.

Weitaus schwieriger nun ist es, an den eigenen Mauern zu arbeiten. An den Vorstellungen, Vorurteilen, Regeln, nach denen man lebt. Es verlangt Klugheit, Tapferkeit und Maß, also gleich drei Kardinaltugenden, diejenigen zu erkennen, die man verändern oder einreißen sollte, und noch mehr Urkraft, neue an ihrer Statt zu errichten. Und das ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Aber es ist ein lohnendes.

Denn wenn jeder einzelne Mensch nun versucht, die bestmögliche Form seiner Selbst zu werden, wäre die Welt – mit Erich Kästner gesprochen – wahrhaftig ein besserer Ort. Und selbst wenn nicht, ist die Genugtuung der Selbstüberwindung Lohn und Reichtum für ein ganzes Leben.