Laesio lucri

„Sind Sie eigentlich Masochist?“

Warum?

Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abreißen, genüsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger „trivialer“ Dinge. Von modischen Ohrsteckern bis hin zu Naturvolk, das sich lange Stäbe durch die Wangen sticht, ist die Laesio lucri (das bedeutet: die gewinnbringende Verletzung) ein omnipräsentes Element menschlicher Natur 1 .

Grenzen – oder was sie nicht ist

Bevor wir uns nun mit den Erfahrungen befassen, die wir zugleich als genuin schmerzhaft und zugleich als positiv erleben, muss es nun darum gehen, was nicht mit einer Laesio lucri gemeint ist.

Baron von Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel, Zeichnung von August von Wille, 1872; Quelle

Zum einen sind damit weder selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“ und seine Artverwandten) noch Konversionsstörungen oder gar das Münchhausen-Syndrom gemeint. Während der Selbstverletzung am häufigsten eine psychiatrische Grundstörung zu Grunde liegt und die Selbstverletzung daraus resultiert, handelt es sich bei Konversionsstörungen am einfachsten gesagt um die Verkörperlichung seelischer Spannungszustände und ist im erweiterten Sinne der Psychosomatik zu zuordnen.  Auch das Münchhausen-Syndrom ist hier nicht gemeint – dabei erfinden Patienten relativ unspezifische Krankheitssymptome wie bei der Hypochondrie, gehen aber teilweise so weit, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften, um glaubhaft in ärztlicher Behandlung zu bleiben und entziehen sich zugleich einer psychiatrischen oder neurologischen Begutachtung und Behandlung.

In all diesen oben genannten Fällen lässt sich (mehr oder weniger, die Suche nach den Ursachen mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen und wird nicht wenig ärztliches Geschick erfordern) eindeutig der psychiatrische Krankheitswert feststellen. Dies ist bei den Beispielen der laesio lucri jedoch nicht der Fall.

Marquis de Sade, in dessen Romanen sexuelle Handlungen und Gewaltfantasien beschrieben wurden; danach der Begriff des Sadismus, geprägt von Richard von Krafft-Ebing; Bild: Quelle

Zum anderen ist damit nicht der Sadomasochismus gemeint. Also der erotische Lustgewinn sowohl aus dem Erleben körperlicher Schmerzen als auch durch das Zufügen derselben (die Elemente der Macht und Demütigung sind für diese Betrachtung nicht weiter entscheidend). Hierbei handelt es sich um ein Beispiel sogenannter sexueller Devianz, dessen Krankheitswert aber immer weiter eingeschränkt wird – lediglich Personen, die nur noch dadurch in der Lage sind, sexuelle Lust zu verspüren, werden z.B. nach aktuellen Diagnosekriterien des DSM IV als an Sadomasochismus erkrankte definiert.

Zumindest auf die Frage, ob man denn Masochist sei, sollte an dieser Stelle jeder eine klare Antwort für sich vor Augen haben, egal ob zustimmend, ablehnend oder nicht näher erprobt. Doch wie funktioniert nun die Laesio lucri?

Hedonismus

Zum Einen über einen biologischen Mechanismus, der uns in Extremsituationen ermöglicht hat, trotz Schmerzen zu überleben: die sogenannten Endorphine 2. Sinn dieser Substanzklasse (nach bisherigen Theorien) ist, dass wir sie uns selbst verabreichen3, sobald wir in eine Situation geraten, in der wir einen Schmerz unterdrücken müssen, um nicht dadurch gelähmt zu werden. Sicher wissen wir, dass sie nach Schmerzreizen Glücksgefühle auslösen können, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine schmerzhafte Situation, so sie nicht unmittelbar existentiell bedrohlich ist, in der Lage ist, ein Gefühl der Zufriedenheit und der „Belohnung“ auszulösen, das bis zur Euphorie steigerbar ist.

Utilitarismus

Gewinn sozialer Bewunderung durch ein schmerzhaftes Erlebnis; Szene aus Thailand bei einer Festwoche der chinesischen Minderheit; Quelle

Zum Anderen über die Erwartungen und Normen der Gesellschaft, die sich in unseren Religionen, unserer Erziehung und unserem Freundeskreis (Neudeutsch der „Peer Group“) niederschlagen. Diese normieren die Erwünschtheit schmerzhafter Erfahrungen in beide Richtungen: ein Mitglied eines Volkes, das sich Spieße rituell durch die Wangen sticht, vermag sozialen Kapitalverlust (Ehrverlust)/Unlust zu vermeiden, in dem er den Affront des Bruches mit der Tradition vermeidet und vermag zugleich soziales Kapital/Lust zu gewinnen, in dem er diese gesellschaftlich wichtigen Regeln befolgt, also seine Position in einer exklusiven Gruppe festigt.

Ebenso vermag eine strikte Abneigung gegenüber bestimmten Praktiken selbstverständlich zu einer größeren Unlustgenerierung führen – bis hin zur Vermeidung der Praktik, um soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Jedoch scheint dieser Zustand in unseren Breiten immer weiter aufzuweichen: wenn sichtbare Tätowierungen oder übermäßiger Körperschmuck (betroffen sind ausdrücklich Mitglieder von Subkulturen, d.h. gesamtgesellschaftlich Minderheiten) ausreichender Grund sind, eine Anstellung eines Menschen in einem Betrieb zu verhindern. Hier hat im betroffenen Individuum, wenn auch möglicherweise unbewusst, eine Abwägung zugunsten der Peer Group und gegen die breitere Basis der Gesellschaft stattgefunden. Der Nutzen der Anpassung und Abgrenzung gegen das große Ganze muss offensichtlich schwerer (im Nutzen) wiegen, als die Anpassung an den Mainstream und die damit verbundenen verbesserten wirtschaftlichen Lebenschancen.

Womit wir leben

Nun jedoch zu den alltäglichen Beispielen, diejenigen, die für jeden von uns greifbar machen sollten was eine Laesio lucri ist und wo sich in ihnen die hedonistisch-utilitaristischen Widersprüche verbergen. Zwischen denen entscheiden wir uns nur all zu oft zugunsten der Laesion und handeln damit sogar in manchen Fällen fahrlässig.

Feuer

Schweißperlen auf der Stirn, ein Quälen, ein Brennen. das mittlerweile den gesamten Mund ausfüllt, von den Lippen über die Zunge leckt das Feuer über den Gaumen und reicht bis in den Rachen hinein –  wieder und wieder schaufelt jemand den Brennstoff hinein, wie ein Heizer, der verzweifelt Kohlen in den glühenden Schlund der Lokomotive wirft.  

Lediglich der Dampf aus den Ohren fehlt zur obigen Analogie, wenn man beim Inder eine Portion Lamm Vindaloo verspeist.  Nicht minder trifft sie auf Menschen zu, die sich eine Currywurst mit einer Soße bestellen, die jenseits der natürlich vorkommenden Schärfegrade extra hergestellt wurden, ja sogar zur Currywurst eine Milch und ein Haftungsausschluss mit serviert werden.

Entgegen der landläufigen Vorstellung befindet sich das meiste Capsaicin der Chilishoten nicht in den Samen, sondern in der Plazenta und der Samenscheidewand. Quelle

Die weit bekannte Ursache für den Schmerz beim Verzehr scharfer Speisen – Capsaicin – wirkt über die nozizeptiven (d.h. Schmerz wahrnehmenden) freien Nervenendigungen und aktiviert dort Ionenkanäle, die sonst auf starke Hitzereize reagieren sollen. Daher empfinden wir den Verzehr scharfer Speisen als Schmerz wie bei einer Verbrennung. Obwohl nichts daran angenehm ist, essen trotzdem zahllose Menschen, sogar ganze Völker, besonders gerne Schmerz. Auf Nachfrage warum, werden die meisten antworten, dass sie sich danach „irgendwie besser“ fühlen. Hedonistisch im Vordergrund steht dabei der oben beschriebene, biochemische Mechanismus. Doch wie steht es um den utilitaristischen Konflikt?

Auf der „Verlust“-Seite steht nur bei extremen Dosen (gemessen an der eigenen Verträglichkeit) eine wahrhaftige gesundheitliche Gefährdung durch eine übermäßig starke Stressreaktion des Körpers auf den Schmerzreiz4, der jedoch konventionell selten erreicht werden kann. In „handelsüblichen“ Mengen (die schärfsten Currywürste dieser Welt sind damit nicht gemeint) steht also höchstens das Erröten und die Schweißentwicklung als situatives Problem da, wenn in der Peer Group, in der man sich gerade befindet, diese Art des Auftretens potentiell sanktionierbar wäre.

An „Haben“ gewinnt ein Scharf-Esser unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hohen Umgebungstemperaturen, wo die Erweiterung der oberflächlichen Blutgefäße und die erhöhte Schweißproduktion zu einer besseren Wärmeabgabe führen können. Dies erklärt sicherlich anteilig die Popularität scharfer Speisen in den besonders warmen Klimata der Erde.

In erster Linie entscheidet der Scharf-Esser also hedonistisch geleitet, nach Lustgewinn. An zweiter Stelle erst kommen Situativ utilitaristische Überlegungen in die Abwägung hinein, dürften jedoch im Regelfall nachrangig bleiben, es sei denn eine Situation verlangt besonders seriöses, neutrales Auftreten.

Hörner

Ein eingewachsenes Haar, eine verstopfte Pore. Man gebe dazu ein paar Bakterien  und schwupps: Pickel und Mitesser, wohin das Auge wandert.

Was für manche die Plage der Pubertät gewesen sein mag, stirbt auch Jahre danach nicht aus. Ebenso wenig die Angewohnheit, sie zu zerquetschen, diese ästhetisch lästigen Makel, die – kaum schaut man in den Spiegel – gleich penetrant ins Blickfeld springen. Der Entschluss der Mehrheit ist hier eindeutig: der Pickel muss Platz machen und platzen.

Ebenso klar ist der utilitaristische und hedonistische Grund dafür: so der Pickel bereits eine ausgeprägtere Entzündung zeigte lässt das Druckgefühl nach, es ist eben kein „Horn“ mehr auf der Stirn zu fühlen, so lange man nicht darüber fährt. Außerdem ist allein der Glaube an die ästhetische Bereinigung des Antlitz‘ hier Berge versetzend/Finger bewegend.

Hippokrates von Kros, ca. 460-370 v. Chr., Begründer der noch heute gültigen Lehre: Ubi pus, ibi evacua (Wo Eiter ist, da entleere ihn). Quelle

Wie steht es aber um den negativen Aspekt des Handelns? Die meisten werden schon Geschichten darüber gehört haben, dass einen Pickel auszudrücken ein medizinisches Risiko darstellt. Dies stimmt in doppelter Hinsicht: erstens besteht die Gefahr, durch den aufgebauten Druck Bakterien in tiefere Hautschichten zu drücken, wo sie  abszedieren  (eine Ansammlung von Eiter unter der Haut bilden) können – mit der Folge, dass ein Chirurg den Abszess aufschneiden muss, um getreu des hippokratischen Lehrsatzes den Eiter abfließen zu lassen. Zweitens besteht die Gefahr einer Einschwemmung der Bakterien in dabei verletzte Blutgefäße. Vor allem im Bereich um die Augen, auf dem Nasenrücken und auf der Stirn ist dies von Bedeutung, weil der Blutabfluss aus diesen Bereichen über die Vena angularis mit den großen Hirnvenen in Verbindung steht, sodass hierüber eine von dort ausgehende Entzündung der Hirnhäute/des Gehirns (Meningitis/Meningoencephalitis) denkbar ist.

Trotz dieses Wissens – oder gerade mangels seiner Verbreitung – gibt es fast keinen sozialen Handlungsdruck, einen Pickel nicht auszudrücken. Im Gegenteil ist der ästhetische Anpassungsdruck weit größer, selbst bei denjenigen, die um der potentiell negativen Auswirkungen ihres Verhaltens wissen.

Zum Schluss

Die Beispiele ließen sich weiter führen – im Interesse des Schlusses, der zugleich eine Einleitung hätte sein sollen, möchte ich die weiteren jedoch nur noch auf Bedarf über die Kommentare ausführen.

Ich hoffe ich konnte zeigen, was unter einer Laesio lucri zu verstehen ist; was sie ausmacht: sie ist ein genuin schmerzhaftes Erleben, das wir dennoch als positiv empfinden, dabei aber keinen pathologischen Wert hat, also nicht in einem schadhaften Übermaße stattfindet5 – und was nicht notwendig, aber hinreichend ist, dass wir sie selten reflektieren. Sie ist also ein hedonistisch-utilitaristisches Paradoxon, das uns tagtäglich begleitet, aber meistens ungesehen bleibt.

Zum Abschluss möchte ich Alex danken, der sich dieses Thema aus meiner „Feder“, aus meinen Augen gesehen, gewünscht hat. Ich bin mir sicher, dass er die eine oder andere Formulierung wiedererkannt hat, die er dafür ganz treffend über hatte. Außerdem möchte er mir nachsehen, dass ich seinen Vorschlag des Namens für dieses Phänomen zu Gunsten der Laesio lucri übergangen habe.

Fußnoten

Ich habe lange überlegt, ob ich hier Kultur oder Natur schreibe. Angesichts des biochemischen Mechanismus‘ (s.o.) halte ich jedoch Natur hier für die treffendere Wahl, auch wenn es möglicherweise der eine oder andere für streitbar halten mag, gerade angesichts der Integration und Adaptation dieses Verhaltens in einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen.

Der Begriff leitet sich auf Grund der Ähnlichkeit in der Wirkung vom Morphin ab: Endogenes Morphin

3 Gemeinst ist natürlich die reflexartige Ausschüttung des Botenstoffes im Gehirn

4 Jeder Schmerzreiz vermag prinzipiell zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems führen, demzufolge also eine Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdruckes und der Schweißentwicklung sowie eine erhöhte Durchblutung von unter Bedrohung von außen lebenswichtiger Organe (Herz, Gehirn, Muskulatur, ggf. Haut)

5Es ist vielleicht noch wichtig, dass die Sucht (Rauchen, Alkohol, Medikamente, …) aus der Definition heraus auch nicht dazu gehören kann. Diese hat einen pathologischen Wert, und die Betroffenen erleben sie nicht als genuin schmerzhaft.

Überlegungen zu Determinismus und Willensfreiheit: Von Verantwortung, Kausalität und der Lebenswirklichkeit

Ausgangspunkt: Die Lebenswirklichkeit

In unserem täglichen Leben treffen wir viele Entscheidungen. Wir beschließen, bewusst oder unbewusst, etwas zu tun oder zu unterlassen. Das beginnt morgens etwa mit der Frage, ob wir aufstehen oder lieber noch ein wenig im Bett bleiben, uns Frühstück zubereiten oder nicht, und, wenn ja, was genau wir hierzu auswählen sollen. Ebenso stellt sich am Abend die Frage, wann es andere Tätigkeiten einzustellen und zu Bett zu gehen gilt. So banal diese willkürlich ausgewählten Beispiele für alltägliche Entscheidungen auch anmuten mögen, können sie doch gewichtigen Einfluss haben auf den weiteren Verlauf unseres Tages und unseres Lebens. Nicht nur hängt davon ab, wo wir wann welchen Menschen begegnen, welchen Eindrücken wir uns aussetzen, sondern auch in welcher körperlichen, emotionalen oder geistigen Verfassung wir uns befinden und welche Entscheidungen wir als nächstes zu treffen haben.

Betrachten wir den Entscheidungsfindungsprozess selbst, vermögen wir oft nicht genau zu sagen, was uns genau zu der einen oder der anderen Entscheidung bewegt hat. Vielleicht haben wir spontan oder aus dem Bauch heraus gehandelt, vielleicht haben wir verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abgewogen und uns für die Variante mit den vermeintlich besten Folgen entschieden, vielleicht haben wir uns von einer persönlichen Vorliebe oder Abneigung leiten lassen, vielleicht haben wir auch bloß das Bekannte dem Unbekannten vorgezogen oder umgekehrt. Unsere Entscheidungen mögen rational oder irrational anmuten. Es mögen einige besonders dominierende Erwägungen ausfindig gemacht und als maßgeblich identifiziert werden können. Aber auch dort stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser Erwägungen und dem Grund für die Wahl dieser Herangehensweise an die Situation. Dies hängt von so vielen Einflussfaktoren ab und beruht wiederum auf so vielen vorgelagerten Fragen, dass eine vollständige Rekonstruktion unmöglich sein dürfte.

Dennoch sind wir uns unserer Selbst bewusst, können unseren Gedanken eine Richtung geben, Entscheidungen treffen, uns über einfache Triebe stellen, auch wider unsere Bedürfnisse handeln, sogar den eigenen Tod wählen. Hierdurch grenzen wir in unserem Selbstverständnis uns vom gewöhnlichen Tier ab, das als instinkt- und triebgesteuert interpretiert wird. Insoweit sei auf meine Kommentare zum cartesianischen Dualismus im vorangegangenen Artikel verwiesen. Unsere Umwelt erscheint uns als von bloßer Kausalität gesteuert, während wir selbst unseren eigenen Weg bestimmen. Wir sehen uns und erfahren uns als autonome Wesen, als Herren der eigenen Entscheidungen.

Vereinbarkeit der Lebenswirklichkeit mit deterministischen Ansätzen?

Eine Weltanschauung, die im Widerspruch hierzu die Vorbestimmtheit allen Seins, jeden Ereignisses, jeder Handlung oder Entscheidung, ja der gesamten Existenz selbst postuliert, muss daher zwangsläufig zunächst auf Widerstand stoßen. Jedoch stellt sich die Frage, ob dies berechtigt ist. Schließen sich Determinismus und Willensfreiheit tatsächlich aus? Muss ein deterministisches System die Selbstwahrnehmung des Menschen als Irrglauben, als Illusion verwerfen? Ich meine, dass dies nicht der Fall ist.

Kehren wir zurück zu den eingangs durchgeführten Betrachtungen: Unser Leben stellt sich als ein komplexes Geflecht von eigenen Entscheidungen und externen Einwirkungen dar, die sich mit voranschreitender Zeit gegenseitig beeinflussen. Wir existieren nicht isoliert, sondern sind Teil dieses Gefüges, sind dessen Einwirkungen ausgesetzt und interagieren mit ihm. Unser Handeln wirkt auf die Elemente dieses Systems ein, wird aber gleichfalls auch durch sie beeinflusst. Dies legt zumindest die Frage nahe, wie weit dieser Einfluss reicht, wie viel autonom und wie viel heteronom bestimmt ist.

Um diese Frage zu beantworten, gilt es zunächst zu überlegen, was uns eine autonome, also selbstbestimmte Entscheidung ermöglicht und worauf diese basiert. Als Antwort drängen sich Begriffe wie das eigene Selbst, die eigene Persönlichkeit, der Intellekt, die Vernunft, die Seele, etc. auf. Doch sind diese jeweils selbst ein noch zu ergründendes Mysterium und ihr Wesen liegt weitgehend im Dunkeln. Anhand der eigenen Lebenserfahrung können wir jedoch ein paar grundsätzliche Aussagen treffen: Wir leben in  der Zeit und haben eine Geschichte. Wir entwickeln uns körperlich, wie auch geistig, haben Erinnerungen, sind fähig Erfahrungen zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen und können diese zur Basis weiterer Schlussfolgerungen machen. Da wir also nicht bloß im Moment existieren, sondern Vergangenheit und Zukunft haben, uns ihrer bewusst werden bzw. diese antiziperen können und dies in unser Handeln bewusst oder unbewusst einfließen lassen, griffe eine rein empirisch motivierte Ablehnung des Determinismus mit der Begründung, dass man sich in einem Moment so oder so entscheiden könne, zu kurz. Denn uns macht unsere Geschichte aus, die Gesamtheit der vergangenen und gegenwärtigen Eindrücke, Erfahrungen, Gedanken, Erinnerungen, und deren Wechselwirkungen untereinander.

Die eigentliche Frage müsste daher folgendermaßen lauten: Wäre es mir – so wie ich jetzt gerade in diesem Moment bin – möglich, mich in dieser gegenwärtigen Situation auch anders zu entscheiden oder gibt mir mein Sosein bereits vor wie ich mich entscheide?

Hierzu drängt sich mir folgender Gedankengang auf: Wenn die Zeit linear voranschreitet, liegt die Ursache stets zeitlich vor der Wirkung und die Wirkung folgt der Ursache nach. Das, was in diesem Moment existiert, kann nur aus dem hervorgegangen sein, was in unserer Zeitlinie zuvor existierte. Selbst wenn wir fähig wären, durch die Zeit zu reisen und an einen Punkt in unserer Geschichte zurückzukehren, setzte sich unsere eigene Geschichte, unsere eigene persönliche Zeitlinie weiter fort und unser derzeitiges Selbst hätte sich immer noch aus demjenigen entwickelt, das in unserer persönlichen Vergangenheit liegt (auch wenn sich diese äußerlich nicht ereignet hätte). Dies führt dazu, dass wir dieselbe Situation nicht zweimal erleben, weil wir das zweite Mal bereits ein Anderer sind. Dieses Gedankenspiel führt also zu keinem Ausweg aus dem aufgezeigten Dilemma. Hierzu müsste man schon fingieren, dass sich der Fluss der Zeit umkehrte und man selbst und alles Übrige körperlich wie geistig in den damaligen Zustand zurückversetzt würde.  Wenn in dieser Situation ein anderer Verlauf, eine andere Entscheidung möglich wäre, wäre der Determinismus widerlegt. Aber wie sollte sich in einer absolut, also hinsichtlich jedes Moleküls und jeder Energieladung identischen Situation spontan etwas anderes ergeben, ohne dass hierzu eine Einwirkung von etwas außerhalb der Zeit befindlichem hinzugedacht wird?

Man mag hier Zufall ins Feld führen, doch wenn man sich auf den Grundsatz der Kausalität einlässt, stellt sich dieser selbst ebenfalls als eine, im Einzelnen unbekannte, Abfolge von Ereignissen dar und vermag keine abweichende Entwicklung zu begründen.

Wenn wir also behaupten wollen, nicht kausal determiniert zu sein, müssten wir darlegen, dass sich aus unserem Intellekt spontan etwas gewinnen ließe, das keine Beziehung zu etwas Vergangenem hätte. Da wir aber in Raum und Zeit leben und uns in ihr entwickeln, ist es das Spontane, das von Kausalität Losgelöste, das von unserer Lebenswirklichkeit abweicht und einer Begründung bedarf. Bis diese Begründung erfolgt, erscheint der Determinismus nicht nur mit der Lebenswirklichkeit vereinbar zu sein, sondern ihr sogar in besonderm Maße zu entsprechen.

Folgerungen aus deterministischen Ansätzen für die Lebenswirklichkeit: Wo bleibt die Verantwortung für das eigene Verhalten?

Was aber folgt aus diesem deterministischen Ansatz? Man könnte jetzt einwenden (was überraschenderweise selbst von Juristen getan worden ist), dass bei vollständiger Determination niemand für sein Tun verantwortlich sei, dass es keine Schuld gäbe und niemand zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, dass Strafgesetze keinen Sinn hätten und dass Generalprävention keinen Erfolg haben könne. Dies beruht jedoch auf einem entscheidenden Missverständnis: Nur weil der Willensbildungsprozess kausal determiniert ist, heißt das nicht, dass wir keinen eigenen Willen haben und nicht autonom handeln und entscheiden können. Denn wir haben in jedem einzelnen Moment unseres Lebens die freie Wahl zwischen allen zur Verfügung stehenden Alternativen, auch wenn diese Wahl selbst Teil des zeitlichen Kausalverlaufs ist. Schließlich gehören unsere Erfahrungen mit unserer Existenz, unserer Lebenswirklichkeit und mit unseren sozialen Systemen zu den wesentlichen Elementen, die unser Entscheidungsverhalten beeinflussen. Innerhalb dieser Systeme werden wir aber tagtäglich mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion konfrontiert. Unser Verhalten hat Konsequenzen. Bei einer derartigen Sozialisation bildet sich zwangsläufig ein Verantwortungsgefühl aus und die abzusehenden Folgen unseres Tuns fließen in unsere Entscheidungen ein. Hier setzt nun aber unsere Rechtsordnung und insbesondere das Strafrecht an: Sie sanktioniert unerwünschtes Verhalten und gibt so Impulse die unsere Entscheidungen beeinflussen. Letztlich bleibt auch bei einer deterministischen Weltsicht unsere soziale Realität bestehen. Sie fußt lediglich auf einem anderen weltanschaulichen Konzept, auf einer anderen Deutung des Bestehenden.

Vom Nutzen deterministischer Überlegungen

Man mag sich nun berechtigterweise fragen, welchen Nutzen deterministische Überlegungen haben, wenn sich letztlich sowieso nichts ändert. Diese Frage könnte man den Vertretern vieler Weltanschauungen stellen. Ohne eine praxisbezogene Komponente bleibt es oft bei funktionsloser Theorie und amüsantem Zeitvertreib.

Der wesentliche Nutzen, der sich aus diesen Überlegungen ziehen lässt, ist wohl die Erkenntnis, dass alle unsere Entscheidungen Konsequenzen haben, die oft nicht absehbar sind. Es wird der Blick dafür geschärft, dass wir selbst nicht nur im Moment existieren, sondern in einem komplexen Geflecht, sich gegenseitig beeinflussender Akteure. In diesem Bewusstsein sollten die Folgen unseres Tuns, soweit möglich, bedacht und bei der eigenen Enscheidung berücksichtigt werden. Dies führt im Idealfall zu einer stärkeren gesellschaftlichen Verantwortung und der Berücksichtigung des allgemeinen Wohls und dem unserer Umwelt.

So paradox es klingen mag: Durch die Erkenntnis der kausalen Verknüpfung wird das Ausmaß der eigenen Freiheit erst bewusst gemacht: Jeder ist des eigenen und des allgemeinen Glückes Schmied, auch wenn er dabei nach einem festgelegten Verfahren agiert.

Zum Abschluss

Vieles des hier Dargelegten mag zunächst als wirr und konfus empfunden werden. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Gedankenspiel, eine philosophische Übung, der Versuch einer alternativen Betrachtung der Welt und ein Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Deshalb soll bewusst die Diskussion angeregt und Kritik emöglicht werden. Dieses Modell erhebt keinesfalls den Anspruch, das einzig stimmige zu sein, sondern lediglich eine denkbare Sicht der Dinge. Widerspruch ist deshalb willkommen, wird aber erwidert werden…

Für eine weitergehende Diskussion sei hier auf die zahlreiche zu diesem Thema vorhandene Literatur verwiesen, die ich natürlich nicht herangezogen habe. Insbesondere das umstrittene Libet-Experiment habe ich bewusst nicht berücksichtigt. Als stärker akademischer Einstieg mag hier etwa ein Skript zu einem Seminar von Prof. Dr. Funke dienen, das ich auf folgender Seite entdeckte: https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/030623_Freier_Wille.pdf

Das Naturschöne

Die pagane Wildnis

Ich hatte Jack gern, weil er der einzige unter meinen amerikanischen Freunden war, der sich schuldvoll, beschämt und elend vorkam gegenüber der grausamen, unmenschlichen Schönheit dieses Himmels, dieses Meeres, dieser fern am Horizont ruhenden Inseln. Er war der einzige, der begriff, daß diese Natur nicht christlich ist, daß sie jenseits der Grenzen des Christentums liegt, daß diese Landschaft nicht das Antlitz Christi ist, sondern das Abbild einer Welt ohne Gott, in der die Menschen allein gelassen sind, um ohne Hoffnung zu leiden; der einzige, der begriff, wieviel Geheimnisvolles Geschichte und Leben des neapolitanischen Volkes bergen und wie wenig sie vom Willen der Menschen abhängig sind. (S. 47)

Curzio Malaparte; Quelle
Curzio Malaparte; Quelle

Diese Worte aus dem Werk „La pelle“ (1949) des italienischen Romanciers Curzio Malaparte markieren die ästhetische Schwelle zwischen Kunstschönem und Naturschönem: Während uns beides begegnet und betrifft, so bleibt doch stets ein Unterschied im Erleben unverkennbar. Auf diese Schwelle nicht nur zu verweisen, sondern sie auch zu er- und begreifen, stellt indes eine Herausforderung dar, die es hier nicht zu meistern gilt, aber zu erschweren: Dem Naturschönen ist erst dann explikatorisch Genüge getan, wenn die Vielfalt dieser Phänomenklasse hinreichend exploriert worden ist. Zwar lässt sich auch diese hinreichende Bedingung in diesem Medium nicht erfüllen, doch lassen sich eine Tendenz, ein Schlaglicht oder eine Pointe aufzeigen, die der Nährboden einstiger konvergenter Bemühungen sein mögen.

Malapartes Gedanke verdient einen Moment des Innehaltens: Ist doch nach landläufiger Interpretation die Schöpfung ein Akt der Zuordnung des Natürlichen unter den Menschen als imago dei, so liest sich die obige Darstellung eher als eine Nebenordnung der Natur als zweites Reich. Sobald die Natur nicht mehr das „Antlitz Christi“, des Menschensohns, ist, herrschen hier andere Mächte als Staat und Kirche, die durch Kultivierung sich die Natur zwar nutzbar zu machen vermögen, ihnen doch im Zuge dieses Eingriffs aber die eigentliche Natur, also dasjenige jenseits aller Kultur, den Fingern entgleitet. Die Natur bleibt stets Wildnis, dem Menschen somit wesentlich fremd – selbst wenn sie, wie etwa das freudianische Es, ein Bestandteil desselben ist.

Rezeptivität

Theodor W. Adorno; Quelle
Theodor W. Adorno; Quelle

Die drängende Frage über die Schönheit ist, ob sie bloß für den Betrachter oder bereits an sich besteht. Mit Theodor Wiesengrund Adornos „Ästhetischer Theorie“ (1970) soll zu dieser Frage hier eine anti-subjektivistische Position tangiert werden: „Ohne Rezeptivität wäre kein solcher objektiver Ausdruck, aber er reduziert sich nicht aufs Subjekt; das Naturschöne deutet auf den Vorrang des Objekts in der subjektiven Erfahrung“ (S. 111). Erst der Bestand des als schön Erfahrenen erlaubt die Erfahrung als schön, wenngleich die Zuschreibung der Schönheit ein Akt der subjektiven Erfahrung ist.

Adorno ergänzt dieser Überzeugung eine wichtige Feststellung: „In Zeitläufen, in denen Natur den Menschen übermächtig gegenübertritt, ist fürs Naturschöne kein Raum“ (S. 102). Während es beinahe evident erscheinen mag, dass der sich in der Natur bewährende Urmensch keiner Kontemplation ob dieser fähig ist, ist dringlicher noch die kategoriale Möglichkeit, die Adorno an dieser Stelle impliziert: Dass für das Naturschöne kein Raum ist, ist möglich. Es gilt also aufmerksam zu erkunden, zu welchen Gelegenheiten das Gespür für das Naturschöne bereits abhanden gekommen ist.

Naturschönes erleben

Bevor jedoch zu klären ist, ob und wo die kulturellen Defizite in dem Gespür für Naturschönes liegen, ist zumindest eine Skizze desjenigen nötig, was es bedeutet, die Naturschönheit zu erfahren. Auch hierbei lässt sich mit Adornos Überlegungen arbeiten: „Pure Unmittelbarkeit reicht zur ästhetischen Erfahrung nicht aus. Sie bedarf neben dem Unwillkürlichen auch Willkür, Konzentration des Bewußtseins; der Widerspruch ist nicht fortzuschaffen“ (S. 109). Tatsächlich widerfährt dem Betrachter das Naturschöne also nicht durch Zufall, er muss sich vielmehr darauf einlassen und danach suchen. Mehr noch: Es bedarf einer dem Naturschönen dedizierten Geisteshaltung, bevor es in das Erlebnis der Welt tritt.

Alfred Schütz; Quelle
Alfred Schütz; Quelle

Um sich auf das Naturschöne einzulassen, bedarf es eines gesonderten Relevanzsystems, das sich von der natürlichen Einstellung der fraglosen, alltäglichen Lebenswelt unterscheidet. Alfred Schütz (und sein Schüler Thomas Luckmann) bezeichnet unabhängige Relevanzssysteme dieser Art in seinem Hauptwerk „Strukturen der Lebenswelt“ (1975) als sogenannte Realitätsbereiche geschlossener Sinnstruktur:

So ist zum Beispiel die Spielwelt des kleinen Mädchens ‚real‘, solange sie ungestört bleibt. Das Mädchen ist ‚wirklich‘ die Mutter, ihre Puppe ‚wirklich‘ das Kind. In der Welt des Kunstwerks haben zum Beispiel Ritter, Tod und Teufel auf Dürers Blatt ‚reale‘ Existenz, nämlich als Seiendes im Sinnbereich der künstlerischen Phantasie. In der Wirklichkeit der Außenwelt sind sie bildliche ‚Darstellungen‘. Während des Schauspiels ist Hamlet für uns als Hamlet real, nicht als der Schauspieler X, der den Hamlet ‚darstellt‘. (S. 55)

Die Crux dieser Überlegung ist, dass, während die von Schütz erwähnten gesellschaftlichen Realitätsbereiche geschlossener Sinnstruktur durch Empathie oder das Verständnis der Rollenmuster erschlossen werden können, die pagane Wildnis der Naturschönheit zwar erst für den Betrachter besteht, doch ihm stets fremd bleibt. Auch die mimetische Kunst, die versucht die Natur zu imitieren, kann diesen Umstand nicht beseitigen; in Adornos Worten: „[A]lle naturalistische [Kunst] ist der Natur nur trügend nahe, weil sie, analog zur Industrie, sie zum Rohstoff relegiert“(S. 104). Die Erfahrung des Naturschönen instrumentalisiert die Natur also nicht, sondern begreift, dass sie ein Geheimnis bleibt: „Das Wort ‚wie schön‘ in einer Landschaft verletzt deren stumme Sprache und mindert ihre Schönheit; erscheinende Natur will Schweigen, während es jenem, der ihrer Erfahrung fähig ist, zum Wort drängt, das von der monadologischen Gefangenschaft für Augenblicke befreit“ (Adorno, S. 108).

Die holde Weiblichkeit

Nun kann inventarisiert werden, welche naturschönen Erlebnisse zeitgenössisch verkannt werden. In diesem Zusammenhang spricht Adorno von Karl Kraus‘ „Apologie des unterm Kapitalismus Unterdrückten: des Tiers, der Landschaft, der Frau“ (S. 99). Am brisantesten und der Kultursphäre zum verwechseln nächsten ist die Naturschönheit der Frau. Mitnichten soll hier erwogen werden, ob Adorno die männliche Schönheit zurecht ausspart. Gegeben ist bloß: Frauen sind schön, doch: „Das schönste Mädchengesicht wird häßlich durch penetrante Ähnlichkeit mit dem Filmstar, nach dem es am Ende wirklich präfabriziert ist: noch wo die Erfahrung eines Natürlichen als eines ungeschmälert Individuierten sich gibt, wie wenn sie vor der Verwaltung geschützt wäre, betrügt sie tendenziell“ (Adorno, S. 106). Entscheidend ist in diesen Zeilen der Nachsatz: Schönheit bleibt nicht dadurch erhalten, dass ihre Trägerin Unabhängigkeit heuchelt und dem ideologischen Individualismus frönt – auf diese Weise lässt sich nicht der verwalteten Welt entkommen.

Julien Green; Quelle
Julien Green; Quelle

Der eigentliche Hort der weiblichen Naturschönheit liegt jenseits der Willkür im Reich paganer Wildnis, sie zu erleben jedoch ist ein Privileg, das oft eindringlich genug ist, um nicht ignoriert werden zu können. Der Franzose Julien Green vollbrachte in seinem Roman „Leviathan“ (1929), eine Urimpression weiblicher Schönheit zu ergreifen:

Eine Viertelstunde später erschien sie, am Arm einen großen Korb, den sie ohne jede Anstrengung trug. Schönheit hat von Natur etwas Triumphierendes. Sie ist gemessen und königlich in jeder ihrer Gesten; naht sie, kommt etwas im Herzen der Menschen zum Schweigen. Als er die Frau auf sich zukommen sah, fand er die Worte nicht mehr, die er ihr sagen wollte. (S. 56)

Es verlangt Achtsamkeit wie Demut, um das Gespür für die Gegenwart der wilden Naturschönheit inmitten aller Zivilisation zu regenerieren; doch erst wenn die schöne Frau wie ihr schweigender Zeuge einen Moment innehalten, um die scheinbare Relevanz der eigenen Person und Rolle zu vergessen, tritt Schönheit ins Erleben.

Gedanken zur deutschen Einheit – von der Mauer im Kopf

„Seit Jahren pumpen wir das Geld rüber und hier verfällt alles.“ Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte.

Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie 1989

Genau obigen Satz jedoch hörte ich heute auf meiner Reise von Northeim nach Leipzig im Zug, gesprochen aus einer Gruppe von Frauen. Nach meinem nun schon vier Jahre andauernden Wahlexil in den neuen Bundesländern und geboren nach dem Fall der Mauer (wenn auch knapp vor der gesetzmäßigen Wiedervereinigung, die vorgestern ihr 24. Jubiläum feierte) fühle ich mich als Kind der deutschen Einheit. Die physische Teilung Deutschlands, wie es unter Preußen erst von Bismarck geschaffen wurde und es nach 1945 die Alliierten festlegten, ist für mich nur noch ein abstraktes Konzept, das ich nicht länger zu greifen vermag.

Mauern in Köpfen

William James, amerikanischer Philosoph und Pragmatiker

Was mir nicht fremd ist, ist die Mauer in den Köpfen der Menschen um mich herum. So bei den Damen vom Kaffeekränzchen im Zug: Sie führten mich zurück auf eine Beobachtung von William James. Er stellt in seinem Buch „Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking“ (1907) heraus, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an vorgefassten Vorstellungen und Regeln darüber hat, wie die Welt sich zusammensetzt und wie die Welt funktioniert (ich vermeide hier bewusst den Begriff des Vorurteils, da es nicht die Tragweite des hier gemeinten erfasst, auch wenn es vermutlich die bestmögliche Übersetzung wäre). Diese Vorstellungen konserviere nun ein jedes Individuum bis zum äußersten; d.h. neu gewonnene Eindrücke werden entweder in das bestehende System als regelkonform eingearbeitet (und dafür die Eindrücke bei Bedarf auch „verzerrt“ und „verbogen“) oder bei mangelnder Kompatibilität die bestehenden Regeln in so geringem Umfang wie möglich verändert (und nur in Ausnahmesituationen Regeln durch neue ersetzt).

Nun kommt die Frage auf: Was hat James mit der Frau im Zug und der deutschen Einheit zu tun?

Von Ossis und Wessis

Zum Einen ihre vorgefertigte Denkweise, ihre Regeln darüber, wie die Welt zu funktionieren habe; Sie hat ein stereotypisches Bild eines „Wessis“ in ihrem Denken und diesem Satz zum Ausdruck gebracht: ein latentes Gefühl der Überlegenheit über die „Ossis“, „die da drüben“, die anscheinend nicht in der Lage wären trotz Unsummen eine alleinständige Wirtschaft aufzubauen – also auf die Hilfe des „großen Bruders“ Westdeutschland angewiesen zu sein scheinen – und den „Unrechtsstaat“ zu unrecht (oder unter falscher Prämisse) verteidigten. Darüber hinaus kommt hier ein kindisches dürsten nach Aufmerksamkeit zum Ausdruck: Das Gefühl über die ganze Fürsorge dem Sorgenkind, dem Nesthäkchen „Neue Bundesländer“, gegenüber, nicht gesehen zu werden, obwohl man doch so bemüht und fleißig um die Aufmerksamkeit des Vaters (das ist: der Staat) gebuhlt hatte, während man noch für „den Kleinen“ mit gesorgt hat.

Stereotype Satire des „Ossis“, Titanic Magazin, Ausgabe 11/1989

Nun ist die Frau in keiner Weise dem „Ossi“ überlegen, der sich über die hoch gestellte Nase des „Wessis“ ärgert, der in den Augen des „Ossis“ meint, sich alles erlauben zu können, nur weil er das von Anfang an (gemeint ist 1990) einfachere Leben hatte. Zugleich hört man nicht selten von solchen Vertretern Sätze wie „In der DDR hatten wir noch richtigen Zusammenhalt“, oder: „Bei uns hatte ja jeder ein Grundrecht auf Arbeit!“ Und nicht selten sind es diejenigen, deren körperliche und geistige Ausstattung nicht darauf ausgelegt war, in einem darwinistischen System, wie es auch die soziale Marktwirtschaft ist, erfolgreich zu sein. Hier kommt ein unberechtigter Neid, in gleicher Analogie zur Familie wie oben, auf den erfolgreichen „großen Bruder“ zum Ausdruck – unter der irrigen Annahme, er habe ein erfolgreiches Leben ohne Widerstände und Probleme.

Beide sind Ausdruck der selben Mauer im Kopf, von der James sprach. Ihre vorgefertigten Regeln, Vorstellungen, ja Vorurteile, bestimmen ganz wesentlich, wie sie die Welt sehen – und mangels eines Eindruckes, der ihre Regeln zu Fall bringen muss, weil er ein so eindringliches Moment hat, laufen sie damit bis an ihr Lebensende durch die Weltgeschichte. Nun will ich jedoch nicht sagen, dass dies der alleinig betroffene Schlag Menschen wäre, es ist viel mehr universales Prinzip unserer Funktionsweise, damit auch fester Bestandteil unserer Natur – und hier lediglich in seiner negativen Form besonders sichtbar. Man sollte dies jedoch immer im Hinterkopf behalten, erst recht, wenn man eine Situation erlebt, die unsere eigenen Regeln über die Funktion der Welt in Frage stellt.

Vom Nutzen der Geographie

Zum Anderen verbog sich die Frau die Situation, in der sie sich befand, damit diese ihrer Wirklichkeit entsprach (wenn ich auch mutmaßen muss, dass dies unbewusst oder zumindest fahrlässig geschah).

Historische Weltkarte, Abraham Ortelius, 1570

Dazu wichtig die folgende Schilderung der Umstände: Einfahrt in einen Bahnhof, der aktuell offensichtlich renoviert wird. Dabei wurde alles runderneuert, von den Pflastersteinen des Bahnsteiges bis zu Schildern und Unterständen. Daraufhin stellte sie das Offensichtliche fest und äußerte sich in ihrem Redefluss sinngemäß dahingehend, dass hier (gemeint war: der Osten) ja jetzt alles hübsch gemacht werde und zuhause (gemeint war: der Westen) alles verfalle.

Hätte sie sich ein wenig besser geographisch ausgekannt – oder hätte sie das Schild am Bahnsteig gelesen – hätte sie bemerkt, dass es sich noch um einen niedersächsischen Bahnhof handelt. Dies tut ihrem Standpunkt nichts zur Sache und würde sie mit Sicherheit nicht in ihrer Grundvorstellung umstimmen, illustriert aber recht amüsant, welche Auswüchse die Anpassung der Realität in unserer Wahrnehmung haben kann. Und von welchem Nutzen zumindest rudimentäre Kenntnisse der Geographie sind.

Mauerfall

Vor über 25 Jahren nun begann die Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ging dabei nicht einmal von Anfang an um die Auflösung der DDR oder um die Angliederung an den Westen. Das Ziel war es, an den wideren äußeren Umständen des Lebens in der DDR etwas zu verändern – und am Ende fiel die Mauer.

Weitaus schwieriger nun ist es, an den eigenen Mauern zu arbeiten. An den Vorstellungen, Vorurteilen, Regeln, nach denen man lebt. Es verlangt Klugheit, Tapferkeit und Maß, also gleich drei Kardinaltugenden, diejenigen zu erkennen, die man verändern oder einreißen sollte, und noch mehr Urkraft, neue an ihrer Statt zu errichten. Und das ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Aber es ist ein lohnendes.

Denn wenn jeder einzelne Mensch nun versucht, die bestmögliche Form seiner Selbst zu werden, wäre die Welt – mit Erich Kästner gesprochen – wahrhaftig ein besserer Ort. Und selbst wenn nicht, ist die Genugtuung der Selbstüberwindung Lohn und Reichtum für ein ganzes Leben.

Ruminationen zum Waldgang

Der Wald nimmt

Marcel Mauss; Quelle
Marcel Mauss; Quelle

Die Beziehung zwischen Waldgänger und Wald ist asymmetrisch, der lustwandelnde Geist gibt, der Wald nimmt – nicht dankbar, doch duldsam. Die Gabe ist allerdings nach klassischem ethnologischem Verständnis eine latent reziproke Interaktion: ob Geschenk oder Dienstleistung,  dass die Gabe erwidert wird, lässt sich gemeinhin erwarten. Diese Gesetzmäßigkeit lässt sich mit der annähernden Gewissheit einer anthropologischen Universalia annehmen, wie Marcel Mauss empirisch in seinem „Essai sur le don“ (1923) nachgewiesen zu haben meinte. Selbstredend kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Waldgänger tatsächlich eine Erwiderung seiner Gabe erwartete, um dann von der Regungslosigkeit des Waldes enttäuscht zu werden. Vielmehr soll Mauss‘ Beobachtung zum Anlass genommen werden, um an dieser Stelle danach zu fragen, was sich der Waldgänger vom Wald nimmt, um dem benannten Bedürfnis der Gegenseitigkeit gerecht zu werden. Mehr noch soll hier aber das Phänomen des Waldgangs ausdrücklich als unterschieden von dem bloßen Spaziergang, der leiblichen Ertüchtigung und dem Ausflug ins Grüne exploriert werden.

Edmund Husserl; Quelle
Edmund Husserl; Quelle

Die Gabe beim Waldgang ist immaterieller Form. Weil es sich beim Wald im Gegensatz zu Orten der Kultur um einen symbolfreien Raum handelt, stiftet der Waldgänger aus der reinen Introspektion heraus den Sinn der Orte, die er auf seinem Weg passiert; er schafft eine räumliche Sphäre, in der sich sein Narrativ frei etablieren kann – fern aller kulturellen Prägung und den Zäsuren des Alltags, wie Straßenschildern, Reklame oder gar Mitmenschen. Die Rolle des Waldes ist hierbei jedoch nicht passiv, also nicht vergleichbar mit den geschlossenen Augen als Nährboden der Phantasie. Selbige lässt sich mit Edmund Husserl durch drei Gesichtspunkte kennzeichnen: Proteusartigkeit, Diskontinuität und das Intermittieren. Proteusartig ist sie angesichts des ständigen Wechsels ihrer Bilder,  diskontinuierlich, weil der Wechsel ihrer Bilder auch abrupt erfolgen kann, und intermittierend durch flüchtige, verschwindende und wiederkehrende Präsens. Der Waldgang widerspricht diesen drei Punkten wesentlich, denn die Einheitlichkeit der Atmosphäre und Kontinuität des sensuellen Eindrucks erzeugen eine thematische Totalität, die Konvergenz des Gedankens. Der Wald wirkt als das stabilisierende Medium des Gedankengangs.

Das Sichtbare und das Unsichtbare

José Ortega y Gasset; Quelle
José Ortega y Gasset; Quelle

Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, ist kaum anders möglich. Bereits José Ortega y Gasset ging in seinen „Meditaciones del Quijote“ (1914) auf den Umstand ein, dass der Wald im selben Moment, in dem er visuell zu fixieren versucht wird, dem Baume weicht. Tatsächlich lässt sich auf den Wald nur auf der Landkarte oder von Ferne zeigen, während sich die Begegnung mit dem Wald nie bewusst ereignet. Zugleich handelt es sich allerdings nicht um einen gewöhnlichen Fall eines abstrakten Kollektivbegriffs, denn der Wald lässt sich im Waldgang konkret erfahren.

Es mag dabei sogar gelten, dass der Wald selbst nur für den Waldgänger und nicht an dem Kollektiv seiner Bäume ist. Zwar lässt sich botanisch von Kuriositäten wie Rhizomen und Eusymbiosen sprechen, doch konstituiert die vegetative Abhängigkeit organischer Systeme noch keinen Wald. Als symbolfreier Raum – und hier ist es wichtig, dass er nicht frei von Symbolen ist wie er es von Gebäuden ist – wird der Wald als Raum erst zum Ort, d. h. zum individuierten und eindeutigen Platz, für den Waldgänger, indem dieser sich in den Wald durch ihn defillierend hineindenkt oder -träumt. In anderen Worten ist der Wald zunächst und wesentlich zum Symbol des Waldgängers, hierin besteht seine ἐντελέχεια, seine Bestimmung und Verwirklichung.

Fallsucht und Weitblick

Das Umherwandeln (περιπατεῖν) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen - hier auf Raffael da Urbinos "Die Schule von Athen"; Quelle
Das Umherwandeln (περιπατεῖν) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen – hier auf Raffael da Urbinos „Die Schule von Athen“ (1510/11); Quelle

Der Waldgang kennt zwei Jahreszeiten: Fallsucht und Weitblick. Hier mögen Unterschiede zwischen der gemäßigten Zone und anderen, insbesondere monotoneren Waldklimata wie dem Dschungel oder dem borealen Nadelwald bestehen. In diesen Fällen lässt sich unterdessen davon ausgehen, dass auf eine der beiden Jahreszeiten, tendenziell den Weitblick, Verzicht zu leisten ist. Die Herkunft der Jahreszeiten des Waldgangs ist im Erlebnis des Waldes eben nicht als rein passiver Projektionsfläche, sondern als zum περιπατεῖν, zum Umherwandeln, einladendem Medium zu finden.

Die Anwesenheit der Laubdecke seit spätem Frühjahr trennt den Raum des Waldes von seiner Umwelt und birgt in Schatten. Zugleich drängt das sich im Wind wogende Blättermeer dazu, sich in ihm zu verlieren. Der Blick des Waldgängers schweift, sobald er in einem kontemplativen Moment verharrt, in die Weite des Panoramas. Fallsucht als antiquierter Begriff für die Epilepsie soll diesen Umstand nicht pathologisieren. Gewissermaßen handelt es sich um eine Metapher für die Suggestion der Einförmigkeit einer gleichmäßigen Laubkrone. Der Waldgänger wird in der Isolation, der Enge unter dem Laubdach, eines der Blätter im Wind – er lässt sich von der Massenseele treiben, die ihn anderntags zu öffentlichen Veranstaltungen und in die Herde treibt. 

Caspar David Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes; Quelle
Caspar David Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes; Quelle

Erst mit der Ende der goldenen Jahreszeit dringen die Lichtatmosphären des Tages in den Wald ein. Die Isolation der Laubdecke ist aufgehoben, sobald ein jeder Baum bar seines Kleids das Skelett, sein Geäst, zur Schau stellt. Jede Verknöcherung der Rinde lädt zu einer detaillierten Inspektion ein, doch erst ein triumphal erhabener Riese verlangt dem Waldgänger die Ehrfurcht vor dem primus inter pares, dem Besonderen, ab. Wichtig noch ist jedoch der Blick aus dem Wald hinaus auf den Horizont: Entgegen der vormaligen Weite des Panoramas spitzt sich die Perspektive nun zu und wendet sich gen Himmel. Dieses Angebot des Waldes erst erlaubt es, eine Wertschätzung gegenüber einem wolkenverhangenen, charakterstarken Firmament zu entwickeln – die Vertiefung in die Konturen des Himmelsgewölbes und das Lichtspiel eines Sonnenuntergangs erfahren ihren ästhetisch-kathartischen Kulminationspunkt im Widerspiel mit der scheinbar morbiden Ödnis eines Winterwaldes.

Misanthropie

Einsamkeit ist eine fundamentale Voraussetzung für den Waldgang. Hiermit ist es allerdings nicht grundsätzlich ausgeschlossen, miteinander einsam zu sein – um die Freiheit vom Symbol zu würdigen, ist im Wald jedoch das Exil zu suchen. Während der Spaziergang eine Opposition zum tätigen Treiben im kapitalistischen Alltag zu sein scheint und die sportliche Ertüchtigung qua Waldlaufs das Medium Wald einem Zweck unterwirft, ist der Waldgang ungebunden, d. h. er kennt keinen Ehrgeiz. Selbst wenn der Waldgänger aus seinem Exil zurückkehrt, wie er in es gegangen ist, kann an dem Walde keine Schuld zu finden sein. Im Gegenteil mag der Grund für einen Waldgang ohne Begegnung mit dem eigenen Geist darin bestehen, dass dem Waldgänger, wofern es ihm nicht nach geistiger Armut verlangte, die Schaffenskraft abhanden gekommen ist.

Elias Canetti; Quelle
Elias Canetti; Quelle

Hier lässt sich nun konstatieren, dass der Wald jenseits seiner Ränder zum Symbol innerhalb anderer Welten wird. So spricht Elias Canetti in „Masse und Macht“ (1960) vom Wald als Symbol der Deutschen:

In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen. (S. 202)

Weil Canetti nicht den lustwandlerischen Waldgang, von dem hier die Rede ist, vor Augen hat, muss hier Acht gegeben werden. Zwar deutet sich zurecht eine Erklärung für die Affinität einiger Individuen oder Kollektive zum Wald an, doch hier ist der Wald mehr nicht als der Fingerzeig auf die Landkarte sowie die Versäumnis des Waldes vor lauter Bäumen. Um den eigentlichen Wald zu erleben, verlangt es der Misanthropie, der Abkehr vom Menschlichen, d. h. der eigenen Art, nicht der eigenen Menschlichkeit. Es gilt, die Zivilisation aus den Augen zu verlieren, um die Gabe an den Wald ernst zu nehmen.

Jean-Luc Marion; Quelle
Jean-Luc Marion; Quelle

Der Waldgänger sieht seine Gabe nicht darin erwidert, dass ihm etwas zurückgegeben wird, sondern dass ihm etwas geboten wird – womöglich auch nur etwas, dass er bereits besessen, nicht aber gekannt hat. An Jean-Luc Marion anschließend lässt sich der Wald als der Ort der Phänomene bezeichnen, die keinen Mangel – wie die meisten Kulturlandschaften -, sondern einen Überschuss an Anschauungsgehalt aufweisen: Den Ort gesättigter Phänomene, die Marion als unvorhersehbar, unerträglich, unergründlich und unerblickbar charakterisiert; oder: Mit dem ersten Schritt des Waldgangs eröffnet sich ein Spektrum der Erlebnisvielfalt, das nur denjenigen befriedigen kann und erreicht, der Ungewissheit zu ertragen vermag.