Die Kafkakasse, oder: Über die Gegenständlichkeit der Wirklichkeit

Kontroverse – das ewige Gespräch

Oswald Spengler; Quelle
Oswald Spengler; Quelle

Das Miteinander (allzu-)freier Geister, zumal in der Vertrautheit „enger Kreise“ – wie sich mit einem Wort Oswald Spenglers vom small talk emanzipierte Kollektive bezeichnen lassen -, regt bisweilen zum diskursiven Bramarbasieren ein, zum Widerspruch um seiner selbst willen. Diese Eigenschaft intellektueller Scharmützel ist eine janusköpfige, die ich als das „ewige Gespräch“ betiteln möchte. In diesem Ausdruck kulminiert die Aporie des Ideals ewigen Diskurses und die praktische Uferlosigkeit der freien Disputation. Der Ausdruck wird von Carl Schmitt ins Feld geführt, um eine grundsätzliche Kritik liberaler Kulturformen zu ermöglichen:

Diese Idee des ewigen Gesprächs soll die Romantik als einen Ausdruck der bürgerlichen, liberalen Entscheidungsflucht entlarven, als den Versuch, jede Dezision in bloße Diskussion aufzulösen“. (nach Christian Graf von Krockow)

Carl Schmitt; Quelle
Carl Schmitt; Quelle

Neben dem ewigen Gespräch als Entscheidungsflucht steht indes das authentische Ideal eines biographischen Narrativs. So ist die Sinnstiftung, die Frage nach der Bedeutung des individuellen Daseins, eine genuin biographische. Wie Cooleys looking-glass-effect anzeigt, steht hierbei zumeist die Gegenwart einer intrinsisch projizierten oder – wie im Falle des ewigen Gesprächs – wahrhaftigen Erzählung zur Disposition. Mit anderen Worten: Das ewige Gespräch, die beständig-endlose Diskussion unter Gleichgesinnten, mag eben das intersubjektive Fundament des je eigenen Weltbildes offerieren. Es ist das Maß für Bestand, Wandel und insbesondere Fort- sowie Rückschritt; insofern ist das ewige Gespräch poetisch eindringlich durch folgendes Gedicht Wolf Biermanns exemplifiziert:

Die Relevanz dieser Vorrede ergibt sich nun daraus, dass für das Folgende atmosphärisch relevant ist, dass es sich um eine Apologie, eine Gegenrede oder eine Tirade, gewiss jedoch eine Brandrede handelt. Sie findet ihren Wert darin, dass eine Front bezogen wird, um aus dem besagten Scharmützel heraus eine Entscheidungsschlacht zu erzwingen: Das ewige Gespräch mit einem rhetorischen Schweigen zu erwidern. Ihr Thema ist die Wirklichkeit.

Die Autorität des Wahrnehmungsglaubens

Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Frage „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ ist eine Grundfrage der Ontologie. Sie drückt den Zweifel am Bestand des Seins, oder – mit Martin Heidegger – des Seienden aus. Als Frage ist sie also ein performativer Akt, wer sie ausspricht stellt die Welt in Frage. In diesem Sinne kann diese Frage nicht ausschließlich aus einer neutralen Beobachterperspektive aufgegriffen werden, denn der Zweifel bezieht sich zugleich auf die Autorität der Wahrnehmung von der Welt. Sie lässt sich gleichsam folgendermaßen ergänzen: Warum soll ich von etwas ausgehen und nicht vielmehr von nichts? Die Grundhaltung dieses Fragens ist apriorisch transzendental, sie spart den selbstreflexiven Zweifel aus: Cogito ergo sum.

Maurice Merleau-Ponty; Quelle
Maurice Merleau-Ponty; Quelle

Die hier vertretene Position misstraut dem Sinn diesen Fragens. Erstens ist die primäre Stellung des Beobachters in der Welt fragwürdig, zweitens lässt sich die Betrachtungsrichtung invertieren: Warum bin überhaupt ich und nicht vielmehr nichts? Der Ansatzpunkt hierzu ist, was Maurice Merleau-Ponty in „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ (1964) den „Wahrnehmungsglauben“ nennt:

Das, was ich sehe, gehört mir nicht im Sinne einer privaten Welt. Der Tisch ist fortan der Tisch, selbst meine perspektivischen Ansichten von ihm, die an die Position meines Leibes gebunden sind, haben am Sein teil und nicht an mir selbst; selbst jene Aspekte des Tisches, die an meine psychophysische Konstitution gebunden sind – seine einzigartige Farbe, wenn ich farbenblind bin und der Tisch rot angestrichen ist -, haben noch teil am System der Welt. Von meiner Wahrnehmung gehören mir nur ihre Lücken. (S. 84)

Das, was wir als das Subjekt bezeichnen, steht unmittelbar zur Welt – die Konstruktion psychophysischer Mechanismen der Wahrnehmung und Erkenntnis ist mittelbar: nicht umgekehrt. Die Crux dieser Auffassung ist also, dass wir zunächst in der Welt sind und erst dann zu ihr. René Descartes‘ methodischer Zweifel an allem, was uns erscheint, ist also nur intuitiv plausibel. Ihm lässt sich mit Merleau-Ponty entgegenhalten, dass „[d]as Reale kohärent [ist] und wahrscheinlich, weil es real ist, und nicht real, weil es kohärent ist“. In anderen Worten: In der Wahrnehmung erscheint uns die Welt, wir konstruieren sie nicht – allenfalls gibt es eine imaginative Zutat unsererseits. Wichtig ist, dass hiermit eben keinem naiven Empirismus das Wort geredet wird:

Sicherlich gibt [die Gegenwart der ganzen Welt] zu Irrtum oder Illusion, und manchmal schließt man daraus, sie könne somit nicht naturgegeben sein, und das Reale sei schließlich nur das am wenigsten Unwahrscheinliche oder das am meisten Wahrscheinliche. Das bedeutet aber, das Wahre durch das Falsche, das Positive durch das Negative zu denken, und damit wird die Des-Illusionierung, aufgrund derer wir überhaupt erst mit der Fragilität der Wirklichkeit bekannt werden, ziemlich schlecht beschrieben. Denn wenn sich eine Illusion aufzulösen beginnt, wenn eine Erscheinung plötzlich platzt,so tut sie dies immer zugunsten einer neuen Erscheinung, die ihrerseits die ontologische Funktion der ersteren übernimmt. (S. 63)

Skeptisch mag hier erneut an der Gewissheit der Erscheinung gezweifelt werden, die auf die Desillusionierung gefolgt ist, zumal sie den ontologischen Status bloß übernimmt. Dieser Gedanke beruht allerdings erneut auf einem transzendentalen Standpunkt, der vom Bestand des Subjekts vor und unabhängig jeder Weltwahrnehmung überzeugt ist. Merleau-Ponty kritisiert diesen Standpunkt der sogenannten Reflexionsphilosophie, für die „die Welt nur deshalb unser Geburtsort ist, weil wir zuvor als Geist die Wiege der Welt sind“ (S. 54). Was damit gemeint ist, ist die populäre Überzeugung, unsere Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt unterstehe einer konstruktiven Veränderung durch die Unterschiede, die zwischen den Individuen bestünden. Die authentische, präreflexive Gegebenheit der Welt widerspricht diesem mentalistischen Konstruktivismus jedoch vehement:

Es gibt eine Präexistenz der Welt gegenüber unserer Wahrnehmung, eine Präexistenz der Aspekte der Welt, die ein Anderer wahrnimmt, gegenüber meiner eigenen späteren Wahrnehmung derselben Welt, eine Präexistenz meiner Welt gegenüber der Welt meiner Nachfahren, und all diese „Welten“ bilden eine einzige Welt […]. Meine eigene Wahrnehmung der Welt und die Weltwahrnehmung eines anderen Menschen sind in allem, was sie bedeuten, ein und dieselbe, obwohl unsere Leben nicht vergleichbar sind; denn die Bedeutung und der Sinn – als innere Adäquation, als Beziehung von sich zu sich, als reine Innerlichkeit und totale Offenheit zugleich – steigen niemals zu uns herab, die wir einer Perspektive unterworfen sind, wir sind in dieser Eigenschaft niemals uns selbst ein Licht, und auf diese Weise treffen all unsere Wahrheiten als Wahrheiten zusammen und bilden von Rechts wegen ein einziges System. (S. 71f)

Gewiss gibt es einen Primat der Erkenntnis der Welt für das jeweilige Subjekt, doch eben nicht des Inhalts dieser Erkenntnis, ihrer Bedeutung. Die Welt verhält sich zu uns nur in einer Weise – als Wahrheit. In dem Moment jedoch, in dem die transzendentale Trennung zwischen dem cogito und seinem Objekt hinfällig wird, ist die Welt von kategorischem Zweifel befreit und das Subjekt als Element der Welt rehabilitiert. Unser Leib, unsere Gedanken und unsere Biographie bedürfen keines Zwitterstatus zwischen res cogitans und res extensa mehr, sondern sind an sich. Was dabei von der apriorischen Existenz des cogito verbleibt, ist das Nichts der eingangs gestellten Frage. Das kohärente Sein der Welt ist erst für – in Merleau-Pontys Worten – die „Negintuition“ dieser selbst, d. h. die Anomalie der Erkenntnis steht nicht außerhalb der Welt: Alles Erkennen ist in der Welt; der Erkennende grenzt seine Wahrnehmung jedoch von etwas ab, das nicht in der Welt ist, etwas Inexistentem, dem Nichts. Die Einheit der Welt erscheint uns somit als Kontrast des Seienden zum Nichts unser Selbst – ein Nichts, das ein Epiphänomen dem Sein immanenter Vorgänge ist.

Die Kafkakasse

Edmund Husserl; Quelle
Edmund Husserl; Quelle

Die Überlegung, eine „platzende Erscheinung“ im obigen Sinne verweise darauf, dass es eine Referenz der Erkenntnis auf eine tatsächliche Essenz der Welt gebe, die stets verfehlt werden müsse, d. h. eine Reintegration des mentalistischen Relativismus in den dargestellten Realismus, beruht auf einer entscheidenden Fehlannahme. Edmund Husserls Prinzip aller Prinzipien der Phänomenologie sagt aus, „daß jede originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei“. In anderen Worten: Das Regulativ für unser Erleben der Welt ist nicht die Imagination eines wahren Urgrunds der Wahrnehmung – dies‘ ist nicht mehr als ein Erfüllungsideal. Das Erlebnis der Welt im Vollzug ist durch die Dinge geformt, die uns erscheinen: „Die Des-illusion ist nur deshalb Verlust einer Evidenz, weil sie Erwerb einer anderen Evidenz ist“ (Merleau-Ponty, S. 63). Die Wahrheit des Seins ist gleichsam keine binäre Zuordnung von Tatsache und Intellekt, sondern genuin standpunktabhängig:

Ich glaubte auf dem Sand ein durch Meerwasser geglättetes Stück Holz zu sehen, aber es war eine Klippe aus Tonstein. Das Platzen und Nichtigwerden der ersten Erscheinung berechtigt mich nicht, das „Reale“ fortan als das schlicht Wahrscheinliche zu definieren, denn dies sind nur andere Namen für die neue Erscheinung, die in unserer Analyse der Des-illusionierung vorkommen muss. (Ebd.)

Der Glaube, ein Stück Holz zu erblicken, ist situativ nicht falsch gewesen, als er ursprünglich aufkam. Das Phänomen mag ein unzureichend wahrgenommener Gegenstand gewesen sein, der die Eventualität zugelassen hat, Holz zu sehen. Für den ersten Standpunkt ist ein Stück Holz also gleichbedeutenden mit der Klippe aus Tonstein, denn die Vermutung eines Stückes Holz ist bloß Resultat der tatsächlichen Impression, nicht die Impression selbst. Wichtig ist, dass durch den Standpunktwechsel nichts anderes als die tatsächliche Bedeutung der Welt erscheinen konnte. Zwar mag die Imagination den falschen Eindruck zunächst aufrechterhalten haben, doch das Korrektiv der „originär gebenden Anschauung“ lässt nur eine neue Evidenz zu: „aber was keine Meinung ist und was jede Wahrnehmung, auch eine falsche, bestätigt, das ist die Zugehörigkeit jeglicher Erfahrung zu derselben Welt, ihr gleichrangiges Vermögen, diese Welt durch Möglichkeiten derselben Welt zu offenbaren“ (S. 64).

Franz Kafka; Quelle
Franz Kafka; Quelle

Eine eindrückliche Illustration dieser Vorstellung findet sich in Franz Kafkas „Der Verschollene“ (1927 als „Amerika“ erschienen):

Am Fenster saß an einem Schreibtisch, den Rücken der Türe zugewendet ein kleinerer Herr, der mit großen Folianten hantierte, die auf einem starken Bücherbrett in Kopfhöhe vor ihm nebeneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine offene wenigstens auf den ersten Blick leere Kassa. (S. 19)

Reflexionsphilosophisch kann der Ausdruck „auf den ersten Blick leer“ nur als ein Eingeständnis mangelnden Einsichtsvermögen in die Beschaffenheit der Welt verstanden werden – in der epistemischen Situation des Protagonisten fehlt die Einsicht in die tatsächliche Verfassung seiner Umwelt. Die literarische Atmosphäre, die hier jedoch tatsächlich geschaffen wird, erschöpft sich nicht in skeptischem Relativismus. Wenn im Moment der Beschreibung abgesehen vom Protagonisten niemand der Kasse Beachtung schenkt, ist sie tatsächlich mehr nicht als auf den ersten Blick leer, ansonsten ist sie zumindest für den Protagonisten in diesem Zustand. Eine Aussage, die in ihrem Mangel an Präzision und der Dürftigkeit ihres Informationsgehalts wiedergibt, was dem Menschen zu einem kohärenten Erleben seiner Welt ausreicht.

Die Annahme eines transzendentalen Standpunkts des cogito außerhalb der Welt spiegelt ein hypertrophes Kontrollbedürfnis und die Sehnsucht nach einer unbeschriebenen Fülle an Informationen der plastischen Realität wider. Das Sein jedoch ist erst in Abgrenzung zum Nichts als Resultat des Standpunkts subjektiver Anschauung. Die Eventualität, durch einen Standpunktwechsel könne die Evidenz, die Kasse sei auf den ersten Blick leer, zerplatzen, ist ein prägendes Element der Erlebnisweise des Menschen. Aus ihr selbst heraus ist die besagte Kasse jedoch nicht mehr – und das ist entscheidend, denn mit der Aussage, sie sei auf den ersten Blick leer, ist kein Entwurfstatus der Erkenntnis bezeichnet, der sich an der Objektivität zu relativieren hat. Die Kohärenz der Welt bleibt in der Anschauung stets garantiert. Das erkennende Erleben vollzieht sich nicht im beständigen Entdecken und Verwerfen von einer vorgegebenen, unendlich komplexen externen Realität. Das Subjekt vollzieht die Welt setzende Akte, in denen er sich den Gegenständen zuwendet, die ihm erscheinen – die Bedeutung dieser Akte entstammt allerdings den Dingen selbst.

Zu argumentieren, die dargestellte Form des Realismus erlaube dem Halluzinierenden, seine Wahnvorstellungen für die Wirklichkeit zu erklären, verkennt, dass er sich den erscheinenden Phänomenen nicht zuwendet,  sondern halluziniert. Wendet er sich seinen Mitmenschen zu, halluziniert er zumindest den Bestand des Anderen nicht mehr. Gewiss ist es ein valides Argument, dass Behauptungen über das Da- oder Sosein eines Seienden nicht stets intuitiv entschieden werden können. Die epistemologische Auseinandersetzung mit der Halluzination ist deswegen nicht irrelevant. Die Realitätsprüfung erfolgt indessen einzig über den Wahrnehmungsglauben, der sich an der Erscheinung der Welt relativiert. Es bedarf keiner Interaktion mit Anderen, um in der Welt zu sein, denn die Gegenständlichkeit der Wirklichkeit wendet sich uns als ihrem Element beständig und kohärent zu. Allen Zweiflern ist entgegenzuhalten:

[D]er Pyrrhonismus ist hinreichend zurückgewiesen, wenn man zeigt, daß es eine strukturelle Differenz, sozusagen eine Kerndifferenz gibt zwischen der Wahrnehmung oder dem wahren Sehen, das eine offene Reihe übereinstimmender Erkundungen zuläßt, und dem Traum, der nicht beobachtbar ist und bei genauerem Hinsehen fast nur aus Lücken besteht. (Merleau-Ponty, S. 20)