Heidelberger psychologische Tagebücher (1): Weswegen unbewusstes Denken nicht klug ist

Probleme als Situationen

Zu schnell lässt sich in Termini der kognitiven Psychologie fragen, ob die Lösung von Problemen auch unbewusst erreicht werden kann. Menschliches Handeln auf diese Weise zu beschreiben, hat zahlreiche Voraussetzungen. Zunächst gilt es, problemlösendes Verhalten als Leistungsvariable zu begreifen, die sich als messbarer Erfolg quantifizieren lässt. Das Material eines Problem wird gleichsam als Determinante des Problems selbst inauguriert. Spannt sich auf diese Weise ein Problemraum möglicher Konstellationen, die durch elementare naturalistisch objektivierte Operationen miteinander verbunden sind, auf, eröffnet sich ein weiter empiristischer Interpretationshorizont: Intelligent mag sein, wer den Zielzustand erreicht, wer ihn schnell erreicht, wer ihn effizient erreicht oder wer ihn auf vielfältigen Wegen erreicht. Dieser Architektur psychologischer Forschung ist das Postulat zu verdanken, dass Intelligenz der Entscheidung als latente Determinante vorausgeht. Königsmacher der Intelligenz ist dabei die Analyse statistischer Varianz in der differentiellen Psychologie. Der Unterschied in der Performanz an dem im Übrigen standardisierten Szenario rechtfertigt, von einer internalen Ursache der Verhaltensunterschiede zu sprechen. Diese Annahme ist nicht nur vernünftig, sondern auch phänomenal gerechtfertigt. Den Fehlenden belehrt post hoc, dass es eine richtige Antwort gab. Einsichtig in das Wesen der Intelligenz, wer den Unterschied zwischen richtig und falsch anerkennt.

Bevor davon zu reden ist, dass unbewusstes Denken Probleme löst, – und das ist schnell vergessen – ist also ein Leistungsbegriff zu fixieren und ein Intelligenzbegriff zu kodifizieren. In anderen Worten: Es ist nicht die Intuition (ein Begriff, der ursprünglich Anschauung bedeutet) des Problems, die unbewusst sein kann. Vielmehr muss in expliziter Klarheit gegeben sein, woran sich die unbewusste Lösung zu messen hat, denn es gibt keine unbemerkten Probleme und somit für sie keine Lösungen. Die Behauptung unbewusster Lösungen setzt letztlich also klare, einfache Probleme voraus. Nun ist aber das Verhältnis vom Problem zu seiner Lösung nicht dasjenige zweier autonomer und exklusiver Teile. Hier geht es nicht darum, dass im Prozess des Lösens sich die Lösung verändert, sondern nur eine begrenzte Klasse von Situationen die oben skizzierte Fixierung und Kodifizierung zulässt. Diese Situationen sind erstens nicht notwendiger Weise problematisch, zweitens aber sind sie ein höchst artifizieller Teil der Welt, der zur Summe aller Probleme im Verhältnis des Intelligenztests zur Lebenswelt steht. Dass nicht jede Situation problematisch ist, ist der Gegenstand einer anderen ausführlichen Abhandlung. Hier sei nur so viel gesagt, dass der Horizont einer Situation, d. i. die Richtung einer Stellung nehmenden Person auf die Welt, z. B. durch die Lösbarkeit und den Problemdruck dieser Situation multimodal gestaltet wird, d. h. nicht notwendiger Weise zum Problem, sondern durchaus auch zur Herausforderung, zur Gelegenheit oder zum Verhängnis wird.

Die Normierung von Situationen

Auf den zweiten Punkt ist hier genauer einzugehen. Ein Intelligenztest umspannt wesentlich Material, das Situationen mit hoher Lösbarkeitserwartung erzeugt, weil normierte Lösungen für die Aufgaben als Maßstab der Leistung der Probanden angewandt werden. Es ist damit freilich nicht notwendig, dass eine Person die Lösung findet, im Gegenteil ergibt sich hieraus die diagnostische Relevanz des Tests. Weiter ist aber auch nicht existenziell notwendig, dass eine Person der Situation des Intelligenztests Lösbarkeit zuschreibt. Es mag eine soziale Norm bestehen, dass diese Tests als lösbar begriffen werden, und sogar in der Interpretation der Testresultat die Gestalt der Situation (also als Richtung einer Person auf die Welt) als lösbar postulieren, aber hieraus ergibt sich nicht, dass die einzelne Person die Lösung der Aufgabe erwartet. Das mag nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass der Begriff der Aufgabe eine reduktive Abstraktion von der einzelnen Situation unter der Voraussetzung der Generalisierbarkeit nach dem Muster struktureller Vergleichbarkeit bedeutet, obwohl jede Situation in der individuellen Konfrontation letztlich durch einen eigenen, nur im aposteriorischen Erwartungswert vergleichbaren Horizont gestaltet ist.

Es lässt sich resümieren: Unbewusstes Denken als Lösung für Probleme für möglich zu halten, setzt voraus, dass Personen sich in strukturell typischer Weise analogen und in ihrer Lösung normierten Situationen erwartungsgemäß verhalten – also insbesondere die Situation wegen ihrer normierten Lösung für lösbar halten. Dieser Erwartung gemäß handeln Menschen gewöhnlich in Intelligenztests. Der Begriff der Intelligenz abstrahiert von diesen Konstellationen eine Fähigkeit, von der angenommen wird, dass sie auch für weitere Situationen relevant ist. Die empirische Forschung zeigt, dass die Leistungen in Intelligenztests signifikante Vorhersagen für andere Kontexte, wie Schulleistungen, Berufserfolg und diverse weitere Variablen erlauben. Dass die Quantifizierung dieser Variablen jedoch gleichfalls eine Fixierung und Normierung voraussetzt, bedeutet, dass es eine genuine Form der Situation gibt, die davon nicht berücksichtigt ist. Diese Situationen sind im Anschluss an das oben Gesagte vor allem unklare, komplexe Situationen (und damit Probleme): unklar, weil keine Lösungsnormierung vorliegt; komplex, weil keine Lösungsnormierung möglich ist.

Intelligenz und Klugheit

Die Kardinaltugend der Klugheit
Die Kardinaltugend der Klugheit

Die Pointe dieser Überlegung ist, dass die Vorhersagen von Intelligenztest auf Leistungen der Lebenswelt nicht perfekt ist. Die Varianzaufklärung liegt in den optimalen Fällen bei ca. einem Drittel – und das auch nur unter der Voraussetzung der quantitativen Normierung des Zielverhaltens. Der Grund hierfür ist, dass die Ähnlichkeit der Situationen der Lebenswelt mit normierten Aufgaben eine phänomenale Beschränkung erfährt. Es ist keine Messungenauigkeit oder mangelnde Reliabilität der Testung, die eine höhere Korrelation verhindert. Das psychologische Konstrukt der Intelligenz ist eine Fähigkeit, die eine hervorragende Vorhersage für klare, einfache Situationen erlaubt. Aggregatsdaten wie der Schulerfolg sind aus diesen Situationen, aber auch aus Situationen, in denen Intelligenz das Handeln nicht hinreichend bestimmt und das Konstrukt der Intelligenz dieses Handeln nicht hinreichend vorhersagt. Was hier auf den Plan gerufen wird ist die Klugheit, engl. prudence, lat. prudentia, grch. φρόνησις. Während die zeitgenössische quantitativ dominierte Empirie hier im Sinne Karl Poppers „Logik der Forschung“ (1934) eine Grenze zwischen der falsifizierbaren Theorie der Intelligenz und der metaphysischen Klugheit behauptet, möchte ich von dem obigen phänomenologischen Modell multimodaler Situationen ausgehend im Gegenteil behaupten, dass Klugheit aus unklaren Situationen vollkommen analog zu den klaren Situationen der Intelligenz hervorgeht.

Arnold Gehlen; Quelle
Arnold Gehlen; Quelle

Dadurch scheint der Begriff der Klugheit methodologisch in die Nähe der sog. Problemlösekompetenz zu rücken, doch tatsächlich soll es sich dabei um etwas halten, dass im strikten Sinne nicht quantifizierbar ist, weil es nur in nicht normierten Situationen vorkommt. Dennoch ist die Klugheit im Sinne Poppers nicht metaphysisch, d. h. nicht falsifizierbar. Vielmehr lässt sich der Klugheit nicht abstrahierend begegnen, sodass sich die Möglichkeit verstellt, sie intersubjektiv zu normieren. Die Klugheit ist stattdessen im einzelnen Erlebnis begründet und demnach nicht bloß in der Lösung, sondern in der Situation – gleichsam auch im Problem – des Akteurs. Vor dem potenziellen Horizont einer logisch unendlichen Mannigfaltigkeit an Perzeptionen, Kognitionen und Operationen ist Klugheit in der Entscheidung zur Situation, nicht wie bei der Intelligenz lediglich in der Wahl der Operation begründet. Unbewusstes Denken, das eben im hier vertretenen Sinne Arnold Gehlens (Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1940, S. 9), dass „es […] ein lebendiges Wesen [gibt], zu dessen wichtigsten Eigenschaften es gehört, zu sich selbst Stellung nehmen zu müssen, wozu eben ein ‚Bild‘, eine Deu­tungsformel notwendig ist“, keine Situation gestaltet, mag also intelligent sein, aber nie klug.

Ästhetische Kontemplationen zur Pose

Die Zwiegestalt der Pose

πάντα ῥεῖ, nichts verharrt, so spricht die Erfahrung siegessicher -blickt sie doch ins nackte Wirrsal des bloß Tatsächlichen. Nichts Ewiges, kein Wunder birgt der Alltag, mag sich die Erfahrungswissenschaft auch skeptisch plagen: Was bleibt, ist die Strömung des Fließenden, der Luftzug der Hast. Das Diktat der Vernunft gebietet, den Schein der Dauer als Zeitpunkt zu entzaubern. Wer ihm gehorcht, gewinnt den kalten Stolz der Gewissheit, nichts zu wissen, die närrische Schadenfreude, nie unrecht zu haben, und sein triumphales Selbst als relatives Zentroid des frei rotierenden Kosmos. Allein, was verliert der Alleszermalmer und Bezwinger der Dauer, unser Zeitgenosse?

Mit Gottfried Benns Gedicht „Menschen getroffen“ (1955) möchte ich beginnen, woran der Vernunftmensch verlustig gegangen ist, zu entbergen:

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr
– Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.

Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle
Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle

Es ist Frederic Leightons Bild „Nausicaa“ (1878), das diesem Gedicht ein Gesicht schenkt. Hier steht in gotischer Tiefe die junge Nausikaa, das Ebenbild der keimenden Liebe, auf einer beinahe entrückten Treppe. Es ist als wäre die junge Frau so leicht, dass sie levitierte, als schwebte sie über dem schweren Stein und bedürfte der Säule, gegen die sie lehnt nicht, um sich abzustützen, sondern um sich an ihr zu vergewissern, dass sie den Kontakt zum Boden noch nicht verloren hat. Weiter noch ist es aber erst die lehnende Haltung ihres Leibes, die die Zaghaftigkeit und Vorsicht ihres Ausdrucks, aber auch den sehnenden Blick, den Nausikaa auf Odysseus wirft, schafft. Was der Präraffaelit Leighton malte, ist eine Pose, eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst genügt. Zugleich ist dieses Bild jedoch nur möglich als die Wiedergabe einer Wirklichkeit, die in ihm Ausdruck findet, weil sein Maler in der Welt nach ihr gesucht hat.

Zu sehen ist hier kein Zufall, kein flinkes Foto und kein Alltag. Nausikaas Anmut ist von keinem Kontext, sie steigt nicht herab und hält nicht ein. Sie ist in dieser Pose nur in der Dauer des ausgestreckten Moments, nicht zum Zeitpunkt vor und nach einem anderen. Ist sie deswegen irreal? Mitnichten! Die Zwiegestalt der Pose ist die Deckung vom leiblichen Ideal und der situativen Wirklichkeit. Es ist Fräulein Christian aus Gottfried Benns Gedicht, in deren Leben dieser Moment vorgekommen sein wird. Es kostet eine Person, um eine Situation zu gewinnen. Mit einer Situation ist indes kein ewiglich Wandelndes, sondern ein trotzig Gegenwärtiges bezeichnet. In anderen Worten: Situationen gibt es nicht an sich im angeblichen Molekülstrom der Empirie, sondern nur im bewussten Erlebnis. Zu glauben, dass nur erlebt wird, was sich unmittelbar aus dem Atommodell ableiten lässt, ist die Hybris des Vernunftmenschen. Ihre wesentliche Grenze findet sie im Moment der dringlichen Gegenwart der Pose.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es ist nicht die Sonderbegabung John Franklins, dessen Augen und Ohren „jeden Eindruck eigentümlich lang“ festhalten, aus Stan Nadolnys Roman nötig, um dem Wesen der Pose im Strom der Tatsachen zu begegnen – nicht jedoch, weil etwas anderes vorausgesetzt ist, sondern weil das Phänomen in der Erfahrung gegeben sein muss. Es helfen vielleicht Achtsamkeit oder gar Interesse, doch die Gelegenheit lässt sich nicht erzwingen. Die Langsamkeit ist unterdessen in einer anderen Hinsicht zu entdecken: Sie zeichnet die lebendige Pose wesentlich aus. Es ist der Bruch mit dem Alltag, das Innehalten, das die Anmut eröffnet. Am Ende des Laufstegs vor dem Rückweg zu verlangsamen, einzuhalten und in einer Pose einzukehren ist die Magie der Modenschau. Die Ausdruckskraft des Models rekrutiert sich als Zentromer der Blicke im Klimax des Stillstands.

Wäre es nicht die kulturindustrielle Kulisse, die Erwartung einer Dienstleistung und der Unort des Laufstegs, der eine modische Expropriation einfordert, so ließe sich von der Modenschau gewiss als mehr denn einer Reminiszenz authentischer Posen sprechen. Tatsächlich deutet sich hier allerdings der pejorative Gebrauch des Ausdrucks ‚Pose‘ an. Von der Pose zu sprechen, meint auch eine artifizielle Mittelbarkeit der Darstellung zu bezeichnen. So ist die Pose der Freundschaft eine falsche, weil erzwungene. Beide Verwendungsweisen rekurrieren allerdings auf dieselbe Bedeutung, sodass eine klare Scheidung umso wichtiger wird. Ist die Pose eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst genügt, so kann ihre Imitation instrumentalisiert werden. Diese Mimikry gilt es nicht mit der reinen Pose zu verwechseln. Die Pose der Freundschaft in diesem pejorativen Sinne beansprucht also nur, Freundschaft leiblich zu vergegenwärtigen.

Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Quelle
Jean-Léon Gérôme: „Phryne vor dem Areopag“ (1861); Quelle

Die eigentliche Pose zu identifizieren, bedeutet sich nicht ihrem Schein hinzugeben, sondern die Haltung des Leibes einer ästhetischen Prüfung zu unterziehen. Ob Jean-Léon Gérômes „Phryne vor dem Areopag“ (1861) wahrhaftig in der authentischen Pose der Scham entblößt wird, sieht nur der, der fragt, was er sehenden Auges wahrnimmt. Hier hilft keine Psychologie der Scham, sondern vornehmlich die Gewahrwerdung des Anderen in der unmittelbaren Situation. Ist es Pose der Scham, in der Phryne verharrt, so wird sie sich eindrücklich bewähren, indem sich die Idee der Scham in Phrynes leiblicher Gegenwart selbst genügt.

Die eigentümliche Schönheit der Frau

Dass Johannes der Täufer als Lohn für den Tanz der Salome geköpft wurde, mag erschütternd sein, doch zugleich ist es Ausdruck der Größe leiblicher Gewalt. Die Natur der Pose gründet in derjenigen des Leibes. Mag die sakrale Schönheit ernsthafter Andacht im Gebet, beim Musizieren oder Denken asexuell sein, so sind einige Posen doch den beiden Geschlechtern vorbehalten. Théodore Jouffroy findet in „Le cahier vert“ (1842) die entsprechenden Worte:

Die Gesetze der gewöhnlichen Liebe lassen sich in der Naturliebe wahrnehmen. Jedes Geschlecht neigt hier dazu, den Schönheiten, die dem des anderen analog sind, den Vorzug zu geben. Die Frauen sind mehr verführt von dem, was energisch und stark ist, die Männer von dem, was anmutig und heiter ist; das Erhabene wirkt mehr auf sie, das Schöne mehr auf uns. Es wäre auch möglich, daß die Frauen die Hunde lieben und die Männer die Katzen.

Jean Benner  (1899): Salomé; Quelle
Jean Benner (1899): Salomé; Quelle

Wichtig ist nun aber, dass auch hier die Pose nicht zum Instrument wird und dass „das Vergnügen, ihre Schönheit zu zeigen, […] besonders den Frauen angeboren [ist], deren Gestalt schöner ist als ihr Gesicht“, wie Joseph Joubert in seinen Tagebüchern (1774-1823) konstatiert, und somit keine Tugend ist. Die authentische Pose ist immer in ihrer Unmittelbarkeit erschöpfend motiviert, sie bedarf keiner psychologischen, kulturellen oder symbolischen Zutat. Dieser Zwecklosigkeit der Pose ist, wie Adorno in „Das Schema der Massenkultur“ (1942) feststellt, das erste Opfer jeder Kulturindustrie und muss dem kitischigen Zauber, der den Zuschauer illusionslos anspringt, weichen:

Die Allgegenwart der Technologie prägt sich den Gegenständen auf und tabuiert das Geschichtliche, die Spur vergangenen Leidens an Menschen und Dingen, als Kitsch. Prototypisch ist die Schauspielerin, die noch in den schrecklichsten Gefahren, im tropischen Taifun und in der Gewalt des Mädchenhändlers, frisch gebadet, sorgfältig geschminkt und makellos frisiert einherschreitet. Sie wird so scharf, genau und unerbittlich photographiert, daß der Zauber, den ihr make-up ausüben soll, durch die Illusionslosigkeit sich erhöht, mit dem er als buchstäblich wahrer und unübertriebener den Zuschauer anspringt. Massenkultur ist ungeschminkte Schminke. Mehr als mit allem anderen assimiliert sie sich dem Reich der Zwecke durch den nüchternen Blick. Die neue Sachlichkeit, die sie äfft, ist in der Architektur entwickelt worden. Sie hat in deren Zweckbereich das ästhetische Recht des Zweckmäßigen gegen die Barbarei vertreten, die der Schein des Zwecklosen dort mit sich bringt. Sie hat Standardisierung und Massenproduktion zur Sache der Kunst gemacht, wo deren Gegenteil zum Hohn wird aufs Formgesetz, das von draußen stammt. Um so schöner ist das Praktische, je mehr es auf den Schein von Schönheit verzichtet. Sobald aber Sachlichkeit von den Zwecken losgerissen wird, entartet sie zu eben jenem Ornament, das sie zu Beginn als Verbrechen denunziert hat.

Und in der „Ästhetischen Theorie“ (1970) weiter:

Das schönste Mädchengesicht wird häßlich durch penetrante Ähnlichkeit mit dem Filmstar, nach dem es am Ende wirklich präfabriziert ist: noch wo die Erfahrung eines Natürlichen als eines ungeschmälert Individuierten sich gibt, wie wenn sie vor der Verwaltung geschützt wäre, betrügt sie tendenziell. Das Naturschöne geht im Zeitalter seines totalen Vermitteltseins in seine Fratze über; nicht zuletzt bewegt die Ehrfurcht dazu, vor seiner Betrachtung solange Askese zu üben, wie es mit den Abdrücken der Ware überzogen ist.

Vor dem Spiegel – insbesondere demjenigen des Zeitgeists – zu posieren, verdirbt jede Pose. Es ist erst das Erlebnis der Situation, das die in ihr verpflichtete Person in einem reinen Akt zur Ruhe der Pose kommen lässt, und einen dauerhaften Moment einfordert. Wer diese Wahrnehmung nicht zulässt, lebt im nie versiegenden Strom des physikalischen Zeitstrahls „gleich dem Tor, der Tag für Tag an des Flusses Ufer wartet, bis die Wasser abgeflossen, die doch ewig fließen“ (Wolf Biermann).