Ruminationen zum Waldgang

Der Wald nimmt

Marcel Mauss; Quelle
Marcel Mauss; Quelle

Die Beziehung zwischen Waldgänger und Wald ist asymmetrisch, der lustwandelnde Geist gibt, der Wald nimmt – nicht dankbar, doch duldsam. Die Gabe ist allerdings nach klassischem ethnologischem Verständnis eine latent reziproke Interaktion: ob Geschenk oder Dienstleistung,  dass die Gabe erwidert wird, lässt sich gemeinhin erwarten. Diese Gesetzmäßigkeit lässt sich mit der annähernden Gewissheit einer anthropologischen Universalia annehmen, wie Marcel Mauss empirisch in seinem „Essai sur le don“ (1923) nachgewiesen zu haben meinte. Selbstredend kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Waldgänger tatsächlich eine Erwiderung seiner Gabe erwartete, um dann von der Regungslosigkeit des Waldes enttäuscht zu werden. Vielmehr soll Mauss‘ Beobachtung zum Anlass genommen werden, um an dieser Stelle danach zu fragen, was sich der Waldgänger vom Wald nimmt, um dem benannten Bedürfnis der Gegenseitigkeit gerecht zu werden. Mehr noch soll hier aber das Phänomen des Waldgangs ausdrücklich als unterschieden von dem bloßen Spaziergang, der leiblichen Ertüchtigung und dem Ausflug ins Grüne exploriert werden.

Edmund Husserl; Quelle
Edmund Husserl; Quelle

Die Gabe beim Waldgang ist immaterieller Form. Weil es sich beim Wald im Gegensatz zu Orten der Kultur um einen symbolfreien Raum handelt, stiftet der Waldgänger aus der reinen Introspektion heraus den Sinn der Orte, die er auf seinem Weg passiert; er schafft eine räumliche Sphäre, in der sich sein Narrativ frei etablieren kann – fern aller kulturellen Prägung und den Zäsuren des Alltags, wie Straßenschildern, Reklame oder gar Mitmenschen. Die Rolle des Waldes ist hierbei jedoch nicht passiv, also nicht vergleichbar mit den geschlossenen Augen als Nährboden der Phantasie. Selbige lässt sich mit Edmund Husserl durch drei Gesichtspunkte kennzeichnen: Proteusartigkeit, Diskontinuität und das Intermittieren. Proteusartig ist sie angesichts des ständigen Wechsels ihrer Bilder,  diskontinuierlich, weil der Wechsel ihrer Bilder auch abrupt erfolgen kann, und intermittierend durch flüchtige, verschwindende und wiederkehrende Präsens. Der Waldgang widerspricht diesen drei Punkten wesentlich, denn die Einheitlichkeit der Atmosphäre und Kontinuität des sensuellen Eindrucks erzeugen eine thematische Totalität, die Konvergenz des Gedankens. Der Wald wirkt als das stabilisierende Medium des Gedankengangs.

Das Sichtbare und das Unsichtbare

José Ortega y Gasset; Quelle
José Ortega y Gasset; Quelle

Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, ist kaum anders möglich. Bereits José Ortega y Gasset ging in seinen „Meditaciones del Quijote“ (1914) auf den Umstand ein, dass der Wald im selben Moment, in dem er visuell zu fixieren versucht wird, dem Baume weicht. Tatsächlich lässt sich auf den Wald nur auf der Landkarte oder von Ferne zeigen, während sich die Begegnung mit dem Wald nie bewusst ereignet. Zugleich handelt es sich allerdings nicht um einen gewöhnlichen Fall eines abstrakten Kollektivbegriffs, denn der Wald lässt sich im Waldgang konkret erfahren.

Es mag dabei sogar gelten, dass der Wald selbst nur für den Waldgänger und nicht an dem Kollektiv seiner Bäume ist. Zwar lässt sich botanisch von Kuriositäten wie Rhizomen und Eusymbiosen sprechen, doch konstituiert die vegetative Abhängigkeit organischer Systeme noch keinen Wald. Als symbolfreier Raum – und hier ist es wichtig, dass er nicht frei von Symbolen ist wie er es von Gebäuden ist – wird der Wald als Raum erst zum Ort, d. h. zum individuierten und eindeutigen Platz, für den Waldgänger, indem dieser sich in den Wald durch ihn defillierend hineindenkt oder -träumt. In anderen Worten ist der Wald zunächst und wesentlich zum Symbol des Waldgängers, hierin besteht seine ἐντελέχεια, seine Bestimmung und Verwirklichung.

Fallsucht und Weitblick

Das Umherwandeln (περιπατεῖν) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen - hier auf Raffael da Urbinos "Die Schule von Athen"; Quelle
Das Umherwandeln (περιπατεῖν) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen – hier auf Raffael da Urbinos „Die Schule von Athen“ (1510/11); Quelle

Der Waldgang kennt zwei Jahreszeiten: Fallsucht und Weitblick. Hier mögen Unterschiede zwischen der gemäßigten Zone und anderen, insbesondere monotoneren Waldklimata wie dem Dschungel oder dem borealen Nadelwald bestehen. In diesen Fällen lässt sich unterdessen davon ausgehen, dass auf eine der beiden Jahreszeiten, tendenziell den Weitblick, Verzicht zu leisten ist. Die Herkunft der Jahreszeiten des Waldgangs ist im Erlebnis des Waldes eben nicht als rein passiver Projektionsfläche, sondern als zum περιπατεῖν, zum Umherwandeln, einladendem Medium zu finden.

Die Anwesenheit der Laubdecke seit spätem Frühjahr trennt den Raum des Waldes von seiner Umwelt und birgt in Schatten. Zugleich drängt das sich im Wind wogende Blättermeer dazu, sich in ihm zu verlieren. Der Blick des Waldgängers schweift, sobald er in einem kontemplativen Moment verharrt, in die Weite des Panoramas. Fallsucht als antiquierter Begriff für die Epilepsie soll diesen Umstand nicht pathologisieren. Gewissermaßen handelt es sich um eine Metapher für die Suggestion der Einförmigkeit einer gleichmäßigen Laubkrone. Der Waldgänger wird in der Isolation, der Enge unter dem Laubdach, eines der Blätter im Wind – er lässt sich von der Massenseele treiben, die ihn anderntags zu öffentlichen Veranstaltungen und in die Herde treibt. 

Caspar David Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes; Quelle
Caspar David Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes; Quelle

Erst mit der Ende der goldenen Jahreszeit dringen die Lichtatmosphären des Tages in den Wald ein. Die Isolation der Laubdecke ist aufgehoben, sobald ein jeder Baum bar seines Kleids das Skelett, sein Geäst, zur Schau stellt. Jede Verknöcherung der Rinde lädt zu einer detaillierten Inspektion ein, doch erst ein triumphal erhabener Riese verlangt dem Waldgänger die Ehrfurcht vor dem primus inter pares, dem Besonderen, ab. Wichtig noch ist jedoch der Blick aus dem Wald hinaus auf den Horizont: Entgegen der vormaligen Weite des Panoramas spitzt sich die Perspektive nun zu und wendet sich gen Himmel. Dieses Angebot des Waldes erst erlaubt es, eine Wertschätzung gegenüber einem wolkenverhangenen, charakterstarken Firmament zu entwickeln – die Vertiefung in die Konturen des Himmelsgewölbes und das Lichtspiel eines Sonnenuntergangs erfahren ihren ästhetisch-kathartischen Kulminationspunkt im Widerspiel mit der scheinbar morbiden Ödnis eines Winterwaldes.

Misanthropie

Einsamkeit ist eine fundamentale Voraussetzung für den Waldgang. Hiermit ist es allerdings nicht grundsätzlich ausgeschlossen, miteinander einsam zu sein – um die Freiheit vom Symbol zu würdigen, ist im Wald jedoch das Exil zu suchen. Während der Spaziergang eine Opposition zum tätigen Treiben im kapitalistischen Alltag zu sein scheint und die sportliche Ertüchtigung qua Waldlaufs das Medium Wald einem Zweck unterwirft, ist der Waldgang ungebunden, d. h. er kennt keinen Ehrgeiz. Selbst wenn der Waldgänger aus seinem Exil zurückkehrt, wie er in es gegangen ist, kann an dem Walde keine Schuld zu finden sein. Im Gegenteil mag der Grund für einen Waldgang ohne Begegnung mit dem eigenen Geist darin bestehen, dass dem Waldgänger, wofern es ihm nicht nach geistiger Armut verlangte, die Schaffenskraft abhanden gekommen ist.

Elias Canetti; Quelle
Elias Canetti; Quelle

Hier lässt sich nun konstatieren, dass der Wald jenseits seiner Ränder zum Symbol innerhalb anderer Welten wird. So spricht Elias Canetti in „Masse und Macht“ (1960) vom Wald als Symbol der Deutschen:

In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen. (S. 202)

Weil Canetti nicht den lustwandlerischen Waldgang, von dem hier die Rede ist, vor Augen hat, muss hier Acht gegeben werden. Zwar deutet sich zurecht eine Erklärung für die Affinität einiger Individuen oder Kollektive zum Wald an, doch hier ist der Wald mehr nicht als der Fingerzeig auf die Landkarte sowie die Versäumnis des Waldes vor lauter Bäumen. Um den eigentlichen Wald zu erleben, verlangt es der Misanthropie, der Abkehr vom Menschlichen, d. h. der eigenen Art, nicht der eigenen Menschlichkeit. Es gilt, die Zivilisation aus den Augen zu verlieren, um die Gabe an den Wald ernst zu nehmen.

Jean-Luc Marion; Quelle
Jean-Luc Marion; Quelle

Der Waldgänger sieht seine Gabe nicht darin erwidert, dass ihm etwas zurückgegeben wird, sondern dass ihm etwas geboten wird – womöglich auch nur etwas, dass er bereits besessen, nicht aber gekannt hat. An Jean-Luc Marion anschließend lässt sich der Wald als der Ort der Phänomene bezeichnen, die keinen Mangel – wie die meisten Kulturlandschaften -, sondern einen Überschuss an Anschauungsgehalt aufweisen: Den Ort gesättigter Phänomene, die Marion als unvorhersehbar, unerträglich, unergründlich und unerblickbar charakterisiert; oder: Mit dem ersten Schritt des Waldgangs eröffnet sich ein Spektrum der Erlebnisvielfalt, das nur denjenigen befriedigen kann und erreicht, der Ungewissheit zu ertragen vermag.

6 Gedanken zu „Ruminationen zum Waldgang“

  1. Vielleicht geht es noch weiter: der Wald, der dem Waldgänger etwas nimmt, insofern er den Misanthropen von seiner Misere, den Mitmenschen, zu befreien vermag, wenn auch nur metaphysisch und zwischenzeitlich. Man ist nur noch staunendes Kind vor dem nicht Überschaubaren, frei von den Masken und sozialen Rollen, die jeder mit dem zunehmenden Alter zu spielen gelernt hat.
    Insofern verlangt der Waldgang Mut, als man sich nicht wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern einfach auf den Weg machen kann, sondern sich seiner „nacktheit“ bewusst sein muss und diese zu ertragen vermag.

  2. Nun wird klar, weshalb wir so lange auf diese neuerliche Regung unseres Freundes warten mussten: Er suchte im Wald nach seiner Schaffenskraft! Doch musste er zuächst den Wald finden, sah er doch nur Bäume – und Spaziergänger!
    Ich kann lebhaft nachfühlen, wie frustrierend diese Suche in den Heidelberger Gefilden sein muss, treiben sich dort doch so viele Spaziergänger herum, die in Gruppen oder zusammen mit Hund die ersehnte Idylle stören und die Außenwelt hineinrücken lassen in den vermeintlich abeschotteten Raum des Forstes, den wir uns als Projektions- und Reflektonsfläche auserkoren haben. Selbst – oder gerade dann – wenn die Personen zu dem eigenen Bekanntenkreis gehören, vermag ihre bloße Wahrnehmung die eigenen Gedankengänge auf Externes umzulenken und die meditative Ruhe zu stören.
    Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Selbst wenn ich mit meiner Familie im Wald spazieren war, trieb es mich nach vorn, weg von den Geräuschen meiner Begeleiter, hin zu meinen eigenen Gedanken.

    Stimme ich insofern überein, muss ich in anderer Hinsicht Kritik üben: Wie kommt man darauf, nur zwei Jahreszeiten für das Walderlebnis anzunehmen? Wer über das Jahr hinweg den Wald regelmäßig aufsucht, wird in unseren Breiten viel mehr unterschiedliche Szenerien, viel mehr unterschiedliche Stimmungen erleben als der Verfasser nahelegt: Man betrachte nur das knospende Grün im Frühling, die zarten Triebe im Licht der Frühjahrssonne im Wechsel mit sturmwindgepeitschten Zweigen unter den dräuenden Wolkenmassen. Hier erleben wir einen Widerstreit zwischen Erblühen und Vergehen, sowohl das möglicherweise Hoffnung und Energie spendende Versprechen eines Neuanfangs als auch die Bedrohung desselben durch eine feindlich erscheinende Umwelt. Noch ausgeprägter vermag uns im Sommer der Wald an warmen Tagen auch bei unbewegter Luft ein Hort willkommener Kühle zu sein, während er während eines Sommergewitters uns um die eigene Existenz bangen lässt, wenn wir in ihm weilen. Ebenso vermag im Herbst das bunt verfärbte Blätterdach der Bäume andere Eindrücke zu vermitteln als der Gang durch einen kahlen Wald, zu dessen Wurzeln verrottendes Laub ausgebreitet liegt. Nur die Wirkungen des Winters hat der Verfasser halbwegs berücksichtigt. Doch kann sich die Erörterung tatsächlich auf die Blickrichtungen beschränken? Fehlt hier nicht gerade dieser emotionale Zugang, den ich hier zu beschreiben versuche? Dieser wird aber nicht nur durch die hier erörterten Faktoren der Dichte des Blätterdaches und der damit verbundenen Weite des wahrnehmbaren Horizontes bestimmt, sondern ist durch die Gesamtheit der bewusst oder unbewusst wahrgenommenen Umweltfaktoren bedingt:
    Wind und Wetter, die Dichte und die Art der Vegetation, die Farbe und der Entwicklungsstand derselben, die Anwesenheit sonstiger Flora und Fauna, die Tageszeit und der Winkel des einfallenden Lichtes und noch viele andere Umstände müssen berücksichtigt werden. All diese Umstände in ihrer Gesamtheit prägen das Erlebnis in einer Weise, die sich weder rekonstruieren noch wissenschaftlich analysieren lässt. Mithin möchte ich mich gegen jede Form dieser Typisierung aussprechen, vermag sie doch nur ein verzerrtes und der Esssenz des eigentlichen Erlebens beraubtes Zerrbild zu konstruieren. Kein Waldgang ist wie der andere. Wieso sollten wir danach trachten, an hier Regelmäßigkeiten erkennen zu wollen? Ist es nicht gerade das Assoziative, das Unkontrollierte, das irrational Anmutende unserer Gedanken, das wir eigentlich suchen, wenn wir uns von unserem Umfeld lösen und den Wald suchen? Wie könnte da eine solche Typisierung nützlich sein? Dies scheint auch dem letzten Absatz zugrunde zu liegen, in dem gerade die Ungewissheit der Erfahrung betont wird. Wie aber ist dies mit dem Gesagten vereinbar?

    Hinsichtlich der Beziehung zwischen Wald und Waldgänger dürfte das hier Geschriebene bereits meine Ansicht hinreichend ausgedrückt haben: Weder suchen wir etwas Konkretes noch wenden wir so etwas gegenüber dem Wald auf. Wir setzen uns ihm aus, um Ballast abzustreifen und unsere Gedanken in andere Richtungen zu lenken oder einfach mal kurzzeitig das bewusste Denken zugunsten des reinen Erlebens abzuschalten. Weder profitiert der Wald davon (eher das Gegenteil ist der Fall, wird hierdurch doch die hiesige Tierwelt und die bodennahe Vegetation beeinträchtigt) noch findet eine vom Wald veranlasste Erwiderung statt. Was wir im Wald suchen, geben wir uns selbst, indem wir unseren Input modfizieren. Der Wald ist Projektions- und Reflektionsfläche. Vor dessen Hintergrund und in ihm vermögen unsere Gedanken altagsfremde Wege einzuschlagen. Die Realität ist, dass wir ihn meist nur als Mittel benutzen uns nur selten seiner lebenden und atmenden Existenz in seiner Gesamtheit bewusst werden.
    Hiermit liege ich nicht so weitab von den obigen Beobchtungen, doch möchte ich mich gegen die romantische Verklärung aussprechen und die Realität des Erlebens in den Vordergrund rücken.

    Hinsichtlich der Verbundenheit der Deutschen mit ihren Wäldern möchte ich ebenfalls etwas mutmaßen: Nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich und Umgebung oder Nordamerika wiesen riesige zusammenhängende Waldmassen auf. Diese erscheinen dem Menschen zunächst in einem eher furchteinflößenden und bedrohlichem Licht, verkörpern sie doch das Unerforschte, bieten weiten Raum für Irrwege und scheinen Wanderer in ihrem Dickicht zu verschlucken. Hiervon erzählen uns die frühen Märchen und Sagen. Aber auch heute sind uns noch derartige Erzählungen gegenwärtig. Ich möchte hier nur auf die Novelle: „The Girl who loved Tom Gordon“ (deutsch: „Das Mädchen“) von Stephen King im Vergleich mit dem Märchen von Hänsel und Gretel oder Brüderchen und Schwesterchen sowie Schneeweisschen und Rosenrot verweisen.
    Dieser Aspekt scheint in anderen Kulturkreisen präsent zu sein. In Deutschland entwickelten sich in der Romantik jedoch ambivalente Darstellungen, die gerade das Abweisende zur Idylle erhoben und eine gewisse Sehnsucht ausdrückten. Beispielhaft möchte ich hier Ludiwg Tiecks “ Der blonde Eckbert nennen“. Vielleicht haben wir es dieser Literaturströmung zu verdanken, dass sich unser Zugang gewandelt hat. Ebenfalls von Bedeutung dürfte die zunehmende Domestizierung und Nutzbarmachung unserer Waldgebiete sein, die den Wald zu etwas Überschaubarem werden lässt und ihm die Bedrohlichkeit weitgehend nimmt. Andernortes ist dem nicht so, was sich zum Beispiel in dem genannten Buch widerspiegelt.
    Dies sind freilich nur Mutmaßungen und ignoriert vollständig andere Kulturkreise, wie etwa die Naturvölker, und die gegenseitige Beeinflussung der Kulturkreise untereinander.

    Ich hoffe, nicht der letzte gewesen zu sein, der sich hierzu einlässt und freue mich auf weitere Anregungen zu diesem oder einem anderen Thema. Schließlich scheint unser Autorenfreund seine Schaffenskraft oder doch etwas Ähnliches bei seinen Spaziergängen gefunden oder wiederentdeckt zu haben. Ich bin optimistisch, bald wieder mehr von ihm zu hören 😉

  3. Auch wenn ich mich nicht zu den Waldgängern zähle, so kann ich Gefühl und Wirkung sehr gut nachvollziehen, denn sehr ähnliche Erfahrungen begegnen auch andernorts.
    Der Wald wird als lebendige Kulisse in Isolation jedes Einzelnen charakterisiert. Entgegenkommende (lärmende) Waldbesucher reißen uns aus den Gedanken die wir suchen. Vielleicht kann ich eine Alternative aufzeigen!

    Das Boot ist nicht wesentlich, doch das Meer ist dem leidenschaftlichen Seefahrer der Wald des Waldgängers. Die Liebe des Meeres schließt die Suche nach der Abgeschiedenheit ein.
    Leicht sind Parallelen zu erkennen: Das Rauschen der Blätterpracht mit dem rhythmischen Branden und Brechen der Wellen; Das Erscheinungsbild des Waldes mit der stets neuen Kombination des Wellenbildes aus Wind, Form und Sonnenspiel; und die gelegentlich am Horizont auftauchenden Schiffe, die zwar selten in visuelle zum Glück aber fast nie in akustische Sphäre des Seefahrers eindringen. Der Kurs ist dem Waldgänger und dem Seefahrer einerlei, denn er versucht ja nicht einen Ort, sondern seine Gedanken zu finden.

    Ich kann jeden, der das Meer noch nicht auf diese Weise erlebt hat nur dazu raten!

    Dabei kommt mir in den Sinn, dass Drogen, wie LSD vermutlich eine sehr ähnliche Wirkung haben. (Ich möchte natürlich nicht zum Drogenkonsum aufgrund der allseits bekannten Nebenwirkungen auffordern)

  4. Ach herrlich, ein solcher Artikel, der so schnell ist wie mein gehetzter Geist. In dem Moment, wo ich anmerken möchte, dass der Wald in all seiner Symbolfreiheit selbst zum Symbol und das Aufsuchen desselben als Soziale Symbolsetzung verstanden werden kann, schreibst du, lieber Autor, genau das hin. Eine Meditation. Als paralleles Detail möchte ich den Besuch dieser Webseite mit dem Waldgang vergleichen: Mein sonstiger schneller, symbolträchtiger und extrinsisch motivierter Besuch im Internet, auf Webseiten, Newsforen, Twitter, Facebook, etc. steht im kompletten Kontrast zu meinem Besuch dieser Webseite. Ich bringe Zeit mit, erhalte nichts und muss nichts geben – ich finde zu mir und kann entschleunigt diesen Artikel genießen. Ich muss nicht recherchieren, alles verstehen, jedes Wort durchdringen, ich kann ihn genießen. Ich bewerte: Eine wunderbare Zusammenfassung unserer Worte (bzw. deiner Worte und meiner Gedanken) zum Waldgang. Ein Waldgang in der Großstadt Internet.

    1. Wahrlich gut zusammengefasst! Auch meine Empfindungen sehe ich hier in Worte gekleidet. Doch möchte ich, wie bereits oben angemerkt wurde, darauf verweisen, dass der Dialog zwischen uns und den hier geschriebenen Gedanken mit all seinen Wirkungen selbst eine immerwährende Gabe ist, die wir mit unserer Beteiligung erwidern, sie mehren und so zu einem stetig wachsenden Hort der Zertreuung beitragen. Wir geben also nicht nichts, bekommen nicht nichts, sondern geben und bekommen zugleich durch dieselbe Tat.

  5. Zum Text möchte zunächst zwei Erfahrung beisteuern, um zwei Punkte aufzuzeigen.

    Ich habe den Waldspaziergang insbesondere in der Jugend sehr geschätzt. Besonders mit dem Hund hatte man immer einen guten Anlass, aber er war mehr Ausrede und zusätzliche Motivation zu den stundenlangen Spaziergängen. Ich persönlich genoss immer die Befreiung von den gewöhnlichen Maßstäben und die Freiheit der Gedanken. Hier beschreiben wir alle zusammen aber lediglich ähnliche Erfahrungen. Mir sind Nuancen aufgefallen, die im Detail – denke ich – deutlichere Unterschiede zu Tage führen. Hier offenbart sich aber in der positiven Attribuierung dieser Erfahrung unsere Gemeinsamkeit diesbezüglich.

    Mit dem Umzug in die Städte meiner Schul- und Unizeit, ist es aber zu einem seltenen Vergnügen für mich geworden. Aber ich hatte immer mal wieder die Gelegenheit den Wald zu erfahren. Ich tat dies sogar bewusst auf meinen Reisen in die bewaldeten schottischen Highlands und die weiten Wälder, British Columbias in Kanada. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die Wälder unterschiedlich sind. In einem deutschen Wald ist das verlaufen schwer, insbesondere in den Wäldern Südniedersachsens ist ohne Routenplanung nach spätestens 1-2 Std. das nächste Dorf erreicht. Zu dem ist der deutsche Wald ein kultivierter Nutzwald, was mir in meiner jungen Unwissenheit von Alternativen nie auffiel. Erst auf meinen Reisen lernte ich andere Arten kennen. Aber so sehe ich heute in deutschen Wäldern die störende Impression menschlichen Einflusses auf Schritt und Tritt. Dies gefiel mir in Schottland deutlich besser, da es eine viel urtümlichere Landschaft ist, in der das sich ein in Gedanken-Verlieren und Wiederfinden besser klappte. Dem gegenüber ist der Wald Kanadas für mich ein schöner Anblick, aber seine förmliche Unbegrenztheit macht einen anderen Eindruck, so dass man die Pfade nicht verlassen mag, das Bewegen auf den gut befestigten Wegen ein Muss ist und sich für mich mein Erlebnis auf Idyllische Szenerie reduzierte. Wie ich aber auf meinen Reisen merkte reagiere ich empfindlich auf sich ändernde Vegetation. So gefallen mir z.B. die Steppen-artigen Graslandschaften Albertas, Kanada oder Dänemarks z.B. überhaupt nicht. Sie sind für mich das Gegenteil des Walderlebnisses, sie sind weit, öde und leer. So wirken sie auf mich und meinen Geist, weshalb mir das Bedürfnis zum Wald als ein Ruhepol steht.

    Desweiteren möchte ich auch dem mir, wenn auch nur kurz vergönnten Eindruck eines der „Monotoneren Waldklimata“ anbringen. Denn dies kann den Eindruck des Waldes ebenfalls gewaltig beeinflussen. Auf meinem Weg zu den Bergen in Anji (安吉), dem größten Bambuswald der Erde, war ich zwar fasziniert, von den in tiefstem grün, bedeckten Hängen, so weit das Auge reicht (insbesondere zum Kontrast der grauen Großstädte), aber es war ein komischer Wald. Denn Bambus in seinen Eigenschaften sieht zwar aus wie ein Baum, gehört aber zu den Gräsern. Wächst unglaublich schnell (bis zu 50cm in 24h) und ist immergrün. Daher lässt sich keine Jahreszeit ausmachen, kein Blühen, kein wachsendes Leben, aber auch kein Tod. Einfach da, trifft wohl die Impression. Und ist der Anblick auch zunächst interessant, ist der Wald auf den zweiten Blick eintönig wie die Steppe. Technisch gesehen müsste man da vielleicht von Wiesen sprechen, denn so fühlt es sich teilweise an. Man steht mitten im Wald, aber dieses geschätzte Gefühl, wollte bei mir nicht aufkommen. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass es an der Menge Eindrücke dieser Tage liegt.

    Obwohl ich mich auf die Wälder hier bezog und Unterschiede herausstellen wollte, so stellt sich nach dem Lesen des Textes, insbesondere aber durch die Kommentare, ob es überhaupt um den Wald geht. Der Unterschied wird bezogen, in dem der Wald nicht instrumentalisiert wird „zum Spaziergang/Joggen etc.“, aber so ist das Verlieren im Wald doch schlussendlich auch auf eine Tätigkeit reduzierbar, die des Waldes als Instrument Bedarf. Dies fiel mir insbesondere auf, dass mehr das Gefühl, als der Wald beschrieben wurde. Geht es doch um unsere Gedankenwelt, in der wir uns bewegen und nicht der Wald selbst. Ist es also eine Kanalisierung unserer Gedanken und der Wald dient lediglich als Moderator. Dies zeigt sich in den Kommentaren bei Ralf, der den Waldspaziergang mit der Bootstour ersetzt, Johannes der Blog und Internet in Bezug setzt und Marcel, der nicht einmal das Wort Wald mehr verwendet. Ich hab sowohl meine Instrumentalisierung und die Impression des Waldes und meines Bedürfnisses dargestellt. Würde aber anknüpfend an die letzten Kommentare zur Disposition geben, das es hier vor allem um einen „Geisteszustand“ geht, der vom Wald nur partiell abhängt.

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