Gedanken zur deutschen Einheit – von der Mauer im Kopf

„Seit Jahren pumpen wir das Geld rüber und hier verfällt alles.“ Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte.

Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie 1989

Genau obigen Satz jedoch hörte ich heute auf meiner Reise von Northeim nach Leipzig im Zug, gesprochen aus einer Gruppe von Frauen. Nach meinem nun schon vier Jahre andauernden Wahlexil in den neuen Bundesländern und geboren nach dem Fall der Mauer (wenn auch knapp vor der gesetzmäßigen Wiedervereinigung, die vorgestern ihr 24. Jubiläum feierte) fühle ich mich als Kind der deutschen Einheit. Die physische Teilung Deutschlands, wie es unter Preußen erst von Bismarck geschaffen wurde und es nach 1945 die Alliierten festlegten, ist für mich nur noch ein abstraktes Konzept, das ich nicht länger zu greifen vermag.

Mauern in Köpfen

William James, amerikanischer Philosoph und Pragmatiker

Was mir nicht fremd ist, ist die Mauer in den Köpfen der Menschen um mich herum. So bei den Damen vom Kaffeekränzchen im Zug: Sie führten mich zurück auf eine Beobachtung von William James. Er stellt in seinem Buch „Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking“ (1907) heraus, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an vorgefassten Vorstellungen und Regeln darüber hat, wie die Welt sich zusammensetzt und wie die Welt funktioniert (ich vermeide hier bewusst den Begriff des Vorurteils, da es nicht die Tragweite des hier gemeinten erfasst, auch wenn es vermutlich die bestmögliche Übersetzung wäre). Diese Vorstellungen konserviere nun ein jedes Individuum bis zum äußersten; d.h. neu gewonnene Eindrücke werden entweder in das bestehende System als regelkonform eingearbeitet (und dafür die Eindrücke bei Bedarf auch „verzerrt“ und „verbogen“) oder bei mangelnder Kompatibilität die bestehenden Regeln in so geringem Umfang wie möglich verändert (und nur in Ausnahmesituationen Regeln durch neue ersetzt).

Nun kommt die Frage auf: Was hat James mit der Frau im Zug und der deutschen Einheit zu tun?

Von Ossis und Wessis

Zum Einen ihre vorgefertigte Denkweise, ihre Regeln darüber, wie die Welt zu funktionieren habe; Sie hat ein stereotypisches Bild eines „Wessis“ in ihrem Denken und diesem Satz zum Ausdruck gebracht: ein latentes Gefühl der Überlegenheit über die „Ossis“, „die da drüben“, die anscheinend nicht in der Lage wären trotz Unsummen eine alleinständige Wirtschaft aufzubauen – also auf die Hilfe des „großen Bruders“ Westdeutschland angewiesen zu sein scheinen – und den „Unrechtsstaat“ zu unrecht (oder unter falscher Prämisse) verteidigten. Darüber hinaus kommt hier ein kindisches dürsten nach Aufmerksamkeit zum Ausdruck: Das Gefühl über die ganze Fürsorge dem Sorgenkind, dem Nesthäkchen „Neue Bundesländer“, gegenüber, nicht gesehen zu werden, obwohl man doch so bemüht und fleißig um die Aufmerksamkeit des Vaters (das ist: der Staat) gebuhlt hatte, während man noch für „den Kleinen“ mit gesorgt hat.

Stereotype Satire des „Ossis“, Titanic Magazin, Ausgabe 11/1989

Nun ist die Frau in keiner Weise dem „Ossi“ überlegen, der sich über die hoch gestellte Nase des „Wessis“ ärgert, der in den Augen des „Ossis“ meint, sich alles erlauben zu können, nur weil er das von Anfang an (gemeint ist 1990) einfachere Leben hatte. Zugleich hört man nicht selten von solchen Vertretern Sätze wie „In der DDR hatten wir noch richtigen Zusammenhalt“, oder: „Bei uns hatte ja jeder ein Grundrecht auf Arbeit!“ Und nicht selten sind es diejenigen, deren körperliche und geistige Ausstattung nicht darauf ausgelegt war, in einem darwinistischen System, wie es auch die soziale Marktwirtschaft ist, erfolgreich zu sein. Hier kommt ein unberechtigter Neid, in gleicher Analogie zur Familie wie oben, auf den erfolgreichen „großen Bruder“ zum Ausdruck – unter der irrigen Annahme, er habe ein erfolgreiches Leben ohne Widerstände und Probleme.

Beide sind Ausdruck der selben Mauer im Kopf, von der James sprach. Ihre vorgefertigten Regeln, Vorstellungen, ja Vorurteile, bestimmen ganz wesentlich, wie sie die Welt sehen – und mangels eines Eindruckes, der ihre Regeln zu Fall bringen muss, weil er ein so eindringliches Moment hat, laufen sie damit bis an ihr Lebensende durch die Weltgeschichte. Nun will ich jedoch nicht sagen, dass dies der alleinig betroffene Schlag Menschen wäre, es ist viel mehr universales Prinzip unserer Funktionsweise, damit auch fester Bestandteil unserer Natur – und hier lediglich in seiner negativen Form besonders sichtbar. Man sollte dies jedoch immer im Hinterkopf behalten, erst recht, wenn man eine Situation erlebt, die unsere eigenen Regeln über die Funktion der Welt in Frage stellt.

Vom Nutzen der Geographie

Zum Anderen verbog sich die Frau die Situation, in der sie sich befand, damit diese ihrer Wirklichkeit entsprach (wenn ich auch mutmaßen muss, dass dies unbewusst oder zumindest fahrlässig geschah).

Historische Weltkarte, Abraham Ortelius, 1570

Dazu wichtig die folgende Schilderung der Umstände: Einfahrt in einen Bahnhof, der aktuell offensichtlich renoviert wird. Dabei wurde alles runderneuert, von den Pflastersteinen des Bahnsteiges bis zu Schildern und Unterständen. Daraufhin stellte sie das Offensichtliche fest und äußerte sich in ihrem Redefluss sinngemäß dahingehend, dass hier (gemeint war: der Osten) ja jetzt alles hübsch gemacht werde und zuhause (gemeint war: der Westen) alles verfalle.

Hätte sie sich ein wenig besser geographisch ausgekannt – oder hätte sie das Schild am Bahnsteig gelesen – hätte sie bemerkt, dass es sich noch um einen niedersächsischen Bahnhof handelt. Dies tut ihrem Standpunkt nichts zur Sache und würde sie mit Sicherheit nicht in ihrer Grundvorstellung umstimmen, illustriert aber recht amüsant, welche Auswüchse die Anpassung der Realität in unserer Wahrnehmung haben kann. Und von welchem Nutzen zumindest rudimentäre Kenntnisse der Geographie sind.

Mauerfall

Vor über 25 Jahren nun begann die Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ging dabei nicht einmal von Anfang an um die Auflösung der DDR oder um die Angliederung an den Westen. Das Ziel war es, an den wideren äußeren Umständen des Lebens in der DDR etwas zu verändern – und am Ende fiel die Mauer.

Weitaus schwieriger nun ist es, an den eigenen Mauern zu arbeiten. An den Vorstellungen, Vorurteilen, Regeln, nach denen man lebt. Es verlangt Klugheit, Tapferkeit und Maß, also gleich drei Kardinaltugenden, diejenigen zu erkennen, die man verändern oder einreißen sollte, und noch mehr Urkraft, neue an ihrer Statt zu errichten. Und das ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Aber es ist ein lohnendes.

Denn wenn jeder einzelne Mensch nun versucht, die bestmögliche Form seiner Selbst zu werden, wäre die Welt – mit Erich Kästner gesprochen – wahrhaftig ein besserer Ort. Und selbst wenn nicht, ist die Genugtuung der Selbstüberwindung Lohn und Reichtum für ein ganzes Leben.

7 Gedanken zu „Gedanken zur deutschen Einheit – von der Mauer im Kopf“

  1. Ein neuer Autor und ein neuer Umgangston! Dies dürfte zur Vielfalt dieses Blogs beitragen. Diese Mauer ist bereits gefallen!
    Hierfür ein Lob für den Begründer! Ich freue mich auf mehr.

  2. Und nun zum Inhalt: Ich finde, dass du das Phänomen treffend charakterisierst. Allerdings erscheint mir der Appell zumindest hinsichtlich der Ausgangsproblematik ein wenig illusorisch. Gerade die öffentliche Meinung wurde und wird maßgeblich von stark reduzierten und oft auf einfache, griffige Parolen gebrachten Darstellungen in den Medien bestimmt. Hinzu kommen Einflussnahmen verschiedener Interessengruppen, die Meinungen Bekannter, etc. etc.
    Die fraglichen Generationen haben durch das Radio und das Fernsehen das Phänomen einer Berichterstattung „frei Haus“ entdeckt, bei der sie ohne eigenes Bemühen mit Informationen zu Themen versorgt werden, zu denen sie keinen anderen Zugang haben. Diese werden mangels anderer derartiger Informationsquellen oder aus Bequemlichkeit als Grundlage für eigene Äußerungen und Beurteilungen herangezogen und oft kritiklos übernommen. Man könnte meinen, in Zeiten des Internets müsse sich die Lage bessern, doch erfordert es weiterhin eigenen Aufwand, um selbst gezielt nach Informationen zu suchen und deren Validität zu prüfen. Oft scheitert man bereits, sobald Fußnoten oder Quellenverweise auf den einschlägigen Plattformen ins Spiel kommen. Deshalb wundert es mich nicht, wenn Stereotype in der Öffentlichkeit so präsent sind. Aber auch hier handelt es sich um eine Wechselbeziehung: Die Medien publizieren, was sich verkauft. Der Mensch scheint tatsächlich so disponiert zu sein, dass geistige Bequemlichkeit zum wesentlichen Merkmal der Allgemeinheit gehört. Hier stehen wir vor demselben Problem wie Immanuel Kant und die Aufklärung: Wie befreit man jemanden von seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit?

    Hinsichtlich der Ost/West-Problematik erscheint die Lösung verhältnismäßig einfach: Man versuche die jüngeren Generationen zu kritischem und selbstständigen Denken zu ermutigen und biete ihnen das nötige schulische Umfeld, um die Basis hierfür zu schaffen (einschließlich Geographieunterricht). Dann warte man, bis die anderen Generationen ausgestorben sind. (Klang das zu zynisch?)

    Gibt es einen Weg sich unbewusster Mauern bewusst zu werden ohne gegen sie gestoßen zu werden? Ich bin da eher skeptisch. Auch ein tugendhafter Mensch ist Mensch und hat folglich einen begrenzten Horizont, der nicht spontan ins Unendliche erweitert werden kann. Oft bedarf es eines äußeren Impulses, um gedankliche Prozesse in Gang zu setzen. Deshalb stoße und drücke ich, wo ich nur kann ;-).

    Ein letztes noch: Wieso sollte man Mauern neu errichten? Denkst du hier an die Behandlung von Traumata und Phobien (untechnisch gesprochen) oder an Public Relations und Propaganda?
    Ich sehe nicht, was lohnenswert daran sein soll, den eigenen Horizont zu beschränken. Sollte nicht stets auf Basis einer möglichst vollständigen Grundlage entschieden werden?

    Über eine Antwort würde ich mich freuen. Und über weitere Artikel von dir!

    1. Erst einmal besten Dank für die positive Rückmeldung.

      Ich glaube nicht, dass deine Erwartung an die Ost-West-Kopfmauer unrealistisch ist. Sicherlich wird es Menschen geben, die diese Vorstellung von ihren Eltern übernehmen, aber es dürfte sich mit der Zeit marginalisieren, ganz abgesehen davon, dass Alex richtig bemerkt hat, dass dieses Stammtischgehabe bis jetzt noch keine ernstzunehmende Politik gemacht hat.

      Es ging mir auch nicht darum, unbewusste, sozusagen „unsichtbare“ Vorstellungen über den Zusammenhang der Welt abzureißen. Viel mehr darum, dass man sich selbst in die Pflicht nehmen sollte, bei einer „unbequemen“ Wahrheit/Wahrnehmung die eigenen Werte und Vorstellungen genau zu prüfen und ggf. anzupassen. Es geht also darum, was man nach so einem Stoß eines neuen Eindruckes macht – und nicht darum, ex nihil alles zu erneuern.

      Zum letzten Punkt deines Kommentars: Mit den Mauern meine ich ja ganz bewusst die Vorstellungen und Regeln, nach denen wir die Welt verarbeiten. Wir brauchen solch ein „Handbuch“, um uns in der Flut von Informationen, die uns erreichen (ich meine damit alle Eindrücke, nicht etwa nur Fernsehen, Internet und Co.), zurecht zu finden. In diesem Sinne dient es tatsächlich der psychischen Gesundheit: Wir sind darauf angewiesen, einordnen zu können. Einfach im Alltag, nicht nur im Bezug auf Traumata oder Phobien.

      Nun bemerkst du ganz richtig, dass wir unsere Regeln, nach denen wir einordnen möglichst so wählen sollten, dass sie uns nicht auf die „falsche Fährte führen“, uns also keinen falschen, weil zu unvollständigen oder zu ungenauen Eindruck der Wirklichkeit liefern. Ein derartiges Verständnis aber zu entwickeln und dabei trotzdem nicht einfach vor der Masse an Informationen zu kapitulieren (oder an dem Punkt, wo sie anfangen, unbequem zu werden), verlangt viel Verstand und Bereitschaft zur Arbeit, eben anhand der von mir beschriebenen Tugenden – etwas, dass ich bei den eher durchschnittlichen, „liberalen“ Menschen, die sich häufig rühmen, so offen für neue Eindrücke zu sein (und die so wenig Regeln wie möglich haben wollen), selten sehe.

      Die Analogie der Mauer ist hier glaube ich die größte Schwäche am Artikel, an der du dich hier störst. Ich hoffe ich konnte damit das ein oder andere etwas klarer stellen.

      1. Danke für die Antwort!

        In der Tat war das Bild der Mauer, das an einen künstlich geschaffenen, das Blickfeld verengenden Fremdkörper denken lässt, der Grund für meine Kritik. Die natürlichen Grenzen der Wahrnehmung und die unbewusste Verarbeitung der sinnlich erfassten Eindrücke als situativ relevant oder irrelevant erschienen mir nämlich als Grundlage des geistigen Horizontes, während die Mauer eine zusätzliche, über die Grenzen der tatsächlich nutzbaren Wahrnehmungskapazität hinausgehende Beschränkung dieses Horizontes sein musste (so etwa das blinde Übernehmen einer Theorie als Sperre für Zweifel, kritische Überlegungen, etc.). Vor diesem Hintergrund ist meine Kritik zu sehen.

        Sofern du, wie es deine Replik nahelegt, auf den Wahrnehmungsprozess selbst abstellst und danach fragst, ob sich die damit zusammenhängenden Verarbeitungsprozesse der Informationen durch effizientere Filterungen optimieren lassen, würde ich dir dagegen zustimmen, dass dies durchaus sinnvoll sein kann.

        Hinsichtlich der von dir ebenfalls angesprochenen Grenzen unserer Wahrnehmungs- und Verarbeitungskapazität würde ich mich dagegen weiterhin skeptisch zeigen und diese eher als ein in unserer menschlichen Existenz angelegtes Faktum betrachten. Eine Manipulation erscheint mir hier nur begrenzt möglich (z.B. durch Gewöhnung, Training etc.), und insbesondere eine Einschränkung der Kapazität selbst dürfte wohl nicht wünschenswert sein.

        Über die genauen Abläufe und die verschiedenen Erkenntnistheorien lässt sich natürlich trefflich streiten. Vielleicht sollte man mal eine diesbezügliche Diskussion starten… (ich wüsste schon jemanden, der nur darauf wartet, meine Ansätze schriftlich fixiert zu sehen, um sie endlich zerreißen zu können :-D)

  3. Ich kann Marcels Kritik an der pädagogischen Pointe des obigen Artikels nachvollziehen. Hier befinden wir uns am Schmelzpunkt jedes Intellektualismus‘: Heißt etwas besser zu wissen, es mitteilen zu müssen, gar die Unwissenden zu erziehen?
    Die Antwort gliedert sich in zwei Ebenen, eine grundsätzliche und eine partikuläre. Grundsätzlich gilt es zu entscheiden, ob eine Not zur Erziehung besteht, d. h. ob es einen objektiven Wert der Ausbildung gibt. Die beiden Alternativen sind ein Kollektivismus, der auf einem Idealismus beruht, und ein Atomismus, der auf Nihilismus beruht. Der besagte Idealismus ist die Vorstellung, dass in der Bildung nachfolgender Generationen das Heil der Menschheit (Altruismus) oder das eigene Heil (Egoismus) liegt. Der Nihilismus hingegen leugnet jeden Wert des überzeitlichen Fortbestands oder -schritts des Menschengeschlechts.
    Interessanter Weise setzt sich nur die erste Alternative auf der zweiten Ebene fort, weil nihilistischer Atomismus eine pädagogische Sackgasse ist – hier bliebe nur Willkür. Die zweite Ebene des idealistischen Kollektivismus (der sich ggf. auch anders denn als idealistisch begründen lässt) entscheidet zwischen einer kulturoptimistischen oder -pessimistischen Option. Der erste Fall inauguriert das Individuum als mündigen, freien Menschen und Denker. Oftmals, aber nicht zwingend ist diese Vorstellung mit der Überzeugung der Aszendenz des menschlichen Wissens, d. h. dem kontinuierlichen Fortschritt von Generation zu Generation, verbunden. Kulturpessimistisch hingegen ist die Option eines irrationalen und destruktiven Menschen. Hier steht – aber erneut nicht kausal – die Deszendenzannahme nahe, also der stetige Verfall des menschlichen Wissens.
    Beide alternativen existieren nicht nur nominell oder ideell, sondern haben auch – und das ist die Crux – unterschiedliche praktische Implikationen. Kulturoptimismus der vorgestellten Art präferiert die Achtung und Förderung der subjektiven Potenziale – dieser Gedanke klingt in Marcels Kommentar an. Hier steht die freie Entfaltung und unabhängige Entwicklung im Vordergrund. Michaels Mitfahrerinnen müssten also etwa in einem sokratischen Gespräch über ihren Fehlglauben informiert werden, um daran anschließend zu höherer Weisheit zu gelangen, oder sich zumindest ermöglichen, Michaels eigenen Fortbildungsprozess zu fördern. Kulturpessimismus hingegen ist mit einem starken Institutionalismus und Antiegalitarismus assoziiert. Einige Menschen haben nicht nur quantitativ größere, sondern auch qualitativ andere Anlagen – de facto haben nach diesem Ansatz einige Menschen etwa geistigen Adel oder Genie, andere nicht. Hier lässt sich mutmaßen, dass es sich bei Michaels Mitfahrerinnen nicht um den ersten Schlag gehandelt hat. In diesem Fall greift der besagte Institutionalismus, d. h. die intellektuelle Bevormundung resp. zentralistische Kontrolle der pädagogischen Maßnahmen.
    Dass Kulturoptimismus dank liberalen und demokratischen Zeitgeists die einzige politische korrekte Alternative zu sein scheint, erhellt, doch realpolitisch kann nicht geleugnet werden, dass der Dünkel des Kaffeeklatsches keinen manifesten Einfluss auf die deutsche Innenpolitik hat.
    Ich neige grundsätzlich zu einem eher chauvinistischen Kulturpessimismus, an dieser Stelle jedoch meine ich, dass es nicht um die Beurteilung des anthropologischen Eigenwerts von Michaels Mitfahrerinnen geht, sondern eher um eine kritische Sicht auf die Bedeutung der Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert und die Illusion freier Meinung bzw. freier Meinungsbildung – damit meine ich insbesondere die realpolitische Irrelevanz des öffentlichen Diskurses unter ökonomokratischer Hegemonie.

  4. Ich möchte erst einmal danken zu diesem Artikel, der mir eines meiner tagtäglichen Dilemmas vor Augen führt. Mit einem genuinen, bodenständigeren Erfahrung ist es mir lindernde Bestätigung und Referenzpunkt für meine weiteren Konfrontationen. Wie gesagt danke dafür.

    Ich hatte dieser Tage anderen gegenüber häufiger geäußert, dass man seine eigenen Grenzen nur erkennt, wenn man über sie hinausgeht. Eine chinesische Freundin, wollte sich versichern, ob sie meine Ausführungen verstanden hatte und übersetze passend aus chinesische Worten „über die Mauer klettern“ im geistigen Sinne.

    Ich postulierte soviel wie meine schrittweise Herangehensweise „interkultureller Annäherung“. Dabei ist die erste Hürde die Anerkennung kultureller Unterschiede. Diese Hürde kann von vielen bereits nicht genommen werden, daher werden Unterschiede, die Situation des anderen nicht reflektiert. Daher entsteht die Situation des Gefühlt der Überlegenheit. Denn es gibt in diesem eingeschränkten Bild, was ich dann mehr als Käfig, denn als Mauer beschreiben würde (aber dann die Metapher zur Grenze verlasse), nur „normal“ und „anders“. Wobei „anders“ eben zwangsweise anormal ist. In dieser Beschränktheit, halte ich es für sehr treffend von der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu sprechen. Diese Grenzen zu überschreiten halte ich für einen notwendigen Schritt der Charakterentwicklung. Dieser erste Schritt ist ein Muss für einen guten Charakter, sofern man ein Mindestmaß an Toleranz und Aufgeklärtheit beanspruchen möchte.

    Mein Bezug auf interkulturelle Aspekte habe ich hier sehr breit dargestellt. Bei interkulturell geht man eben meist von Menschen anderer Länder aus. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann sind kulturelle Unterschiede kaum von Landesgrenzen abhängig, daher ist es nachrangig, ob die physische Mauer gefallen ist oder nicht. Dabei sind die kulturellen Unterschiede nur in ihrer Granularität abhängig. Wir alle besitzen eine unterschiedliche Kultur, aber sind sehr nah beieinander. Daher ist das Maß die kulturelle Distanz. Je nach unserer Offenheit, Aufklärung, Toleranz, aber auch Dingen wie Ambiguitätstoleranz, Machtdistanz, Soziale/ Kommunikative Kompetenzen u.v.m. sind wir in der Lage eine Brücke zu schlagen. Bei vielen reichts aber eben nicht mal bis zum Nachbarn. Das ist derjenige im Nebenhaus, nächsten Dorf, nächster Landkreis, nächstes Bundesland, nächstes Land, nächster Kontinent, dem wir aufgeschlossen gegenüber stehen können oder nicht. Also ist auch dieses ein Problem kultureller Abgrenzung.

    Wie bringt man nun „solche“ Menschen dazu aufgeschlossen zu sein. Das sokratische Gespräch, die provokative Provokation oder eine Belehrung sind Mittel und Wege, aber welches geeignet ist hängt wohl von Person und Kontext ab und die Legitimität von ganz anderen Überlegungen. Darauf eine patente Antwort zu besitzen ist dieser Tage meine höchste Priorität, ich bin daher für jede Anregung offen. Denn gerade die Belehrung wäre die selbe Verschlossenheit mit der man den Täter zum Opfer werden lässt. Ich halte es daher für eine sehr heikle Frage.

    1. Ich freue mich darüber, dass du auf so persönliche Art und Weise etwas hiervon mitnemen konntest, Florian. Nun darum, dies nicht unbeantwortet zu lassen und dir eine Anregung zum interkulturellen Austausch zu geben, wozu ich vielleicht befähigt bin; zwar sind die Kulturen, zwischen denen ich vermitteln muss, bei weitem näher (auch wenn sich das geographisch von hier in die USA oder nach China nicht so viel nehmen wird) als die Distanz des Spagates, den du im Moment schlägst, aber ich möchte dir trotzdem mein Verfahren damit näher bringen, da ich bis jetzt nich katastrophal schlecht damit gefahren bin.

      Ich möchte dabei ausdrücklich nicht von einer abstrakten, philosophischen Rechtfertigung oder didaktischer Pflicht ausgehen. Ich mache mein Ausmaß, in dem ich versuche, zwischen „meinen“ zwei Kulturen zu vermitteln, immer davon abhängig, welche Bereitschaft mein Gegenüber (meist Einzelne, selten Kleinstgruppen) zeigt, etwas über eine andere Kultur zu erfahren. Ich habe es mir dabei zur Gewohnheit gemacht, sowohl allgemein zu erzählen, was für mich die relevanten Unterschiede sind, als auch zu versuchen, diese durch Erklärungen und Beispiele „fassbar“ zu machen. Wohlgemerkt immer mit Acht auf mein Gegenüber, um denjenigen nicht zu verlieren. Ansonsten ist die einfachste Frage und oft eine große Hilfe für die interkulturelle Gesprächsgestaltung, was dein Gegenüber gerne wissen möchte.

      Insgesamt ist es wohl nichts revolutionäres, was man dir da mit an die Hand geben könnte. Vielmehr kann man aus dem Thema ja sogar ein ganzes Studienfach ausheben, wenn ich mich nicht irre, auch wenn ich nicht weiss, welche Qualität das Ganze dann hat. Empathie und Aufmerksamkeit für den Einelfall sind wohl das wesentlichste. Gleich dahinter der Selbstschutz, sich nicht in Sackgassen und an Backsteinwänden (menschlicher Art) den Kopf einzurennen – mit anderen Worten: nicht jeder verdient die Auseinandersetzung. Es gibt ganz analog zur oben beschriebenen Weltauffassung genug Menschen, die Interesse heucheln werden, um ihren Standpunkt in dich hinein zu drücken und gar nicht an einem Schubs gegen ihre Mauer der Weltanschauung interessiert sind. Da hilft dann nur das Aushalten und ggf. ein „feiger“ Verweis auf unüberbrückbare Differenzen, aber die Auseinandersetzung ist hier der falsche Weg. Nicht, weil man sie scheuen muss, sondern weil sie deine kostbare Zeit nicht wert ist!

      In der Hoffnung dir damit zumindest ein bisschen weiter geholfen zu haben 🙂

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