Die Kafkakasse, oder: Über die Gegenständlichkeit der Wirklichkeit

Kontroverse – das ewige Gespräch

Oswald Spengler; Quelle
Oswald Spengler; Quelle

Das Miteinander (allzu-)freier Geister, zumal in der Vertrautheit „enger Kreise“ – wie sich mit einem Wort Oswald Spenglers vom small talk emanzipierte Kollektive bezeichnen lassen -, regt bisweilen zum diskursiven Bramarbasieren ein, zum Widerspruch um seiner selbst willen. Diese Eigenschaft intellektueller Scharmützel ist eine janusköpfige, die ich als das „ewige Gespräch“ betiteln möchte. In diesem Ausdruck kulminiert die Aporie des Ideals ewigen Diskurses und die praktische Uferlosigkeit der freien Disputation. Der Ausdruck wird von Carl Schmitt ins Feld geführt, um eine grundsätzliche Kritik liberaler Kulturformen zu ermöglichen:

Diese Idee des ewigen Gesprächs soll die Romantik als einen Ausdruck der bürgerlichen, liberalen Entscheidungsflucht entlarven, als den Versuch, jede Dezision in bloße Diskussion aufzulösen“. (nach Christian Graf von Krockow)

Carl Schmitt; Quelle
Carl Schmitt; Quelle

Neben dem ewigen Gespräch als Entscheidungsflucht steht indes das authentische Ideal eines biographischen Narrativs. So ist die Sinnstiftung, die Frage nach der Bedeutung des individuellen Daseins, eine genuin biographische. Wie Cooleys looking-glass-effect anzeigt, steht hierbei zumeist die Gegenwart einer intrinsisch projizierten oder – wie im Falle des ewigen Gesprächs – wahrhaftigen Erzählung zur Disposition. Mit anderen Worten: Das ewige Gespräch, die beständig-endlose Diskussion unter Gleichgesinnten, mag eben das intersubjektive Fundament des je eigenen Weltbildes offerieren. Es ist das Maß für Bestand, Wandel und insbesondere Fort- sowie Rückschritt; insofern ist das ewige Gespräch poetisch eindringlich durch folgendes Gedicht Wolf Biermanns exemplifiziert:

Die Relevanz dieser Vorrede ergibt sich nun daraus, dass für das Folgende atmosphärisch relevant ist, dass es sich um eine Apologie, eine Gegenrede oder eine Tirade, gewiss jedoch eine Brandrede handelt. Sie findet ihren Wert darin, dass eine Front bezogen wird, um aus dem besagten Scharmützel heraus eine Entscheidungsschlacht zu erzwingen: Das ewige Gespräch mit einem rhetorischen Schweigen zu erwidern. Ihr Thema ist die Wirklichkeit.

Die Autorität des Wahrnehmungsglaubens

Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Frage „Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?“ ist eine Grundfrage der Ontologie. Sie drückt den Zweifel am Bestand des Seins, oder – mit Martin Heidegger – des Seienden aus. Als Frage ist sie also ein performativer Akt, wer sie ausspricht stellt die Welt in Frage. In diesem Sinne kann diese Frage nicht ausschließlich aus einer neutralen Beobachterperspektive aufgegriffen werden, denn der Zweifel bezieht sich zugleich auf die Autorität der Wahrnehmung von der Welt. Sie lässt sich gleichsam folgendermaßen ergänzen: Warum soll ich von etwas ausgehen und nicht vielmehr von nichts? Die Grundhaltung dieses Fragens ist apriorisch transzendental, sie spart den selbstreflexiven Zweifel aus: Cogito ergo sum.

Maurice Merleau-Ponty; Quelle
Maurice Merleau-Ponty; Quelle

Die hier vertretene Position misstraut dem Sinn diesen Fragens. Erstens ist die primäre Stellung des Beobachters in der Welt fragwürdig, zweitens lässt sich die Betrachtungsrichtung invertieren: Warum bin überhaupt ich und nicht vielmehr nichts? Der Ansatzpunkt hierzu ist, was Maurice Merleau-Ponty in „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ (1964) den „Wahrnehmungsglauben“ nennt:

Das, was ich sehe, gehört mir nicht im Sinne einer privaten Welt. Der Tisch ist fortan der Tisch, selbst meine perspektivischen Ansichten von ihm, die an die Position meines Leibes gebunden sind, haben am Sein teil und nicht an mir selbst; selbst jene Aspekte des Tisches, die an meine psychophysische Konstitution gebunden sind – seine einzigartige Farbe, wenn ich farbenblind bin und der Tisch rot angestrichen ist -, haben noch teil am System der Welt. Von meiner Wahrnehmung gehören mir nur ihre Lücken. (S. 84)

Das, was wir als das Subjekt bezeichnen, steht unmittelbar zur Welt – die Konstruktion psychophysischer Mechanismen der Wahrnehmung und Erkenntnis ist mittelbar: nicht umgekehrt. Die Crux dieser Auffassung ist also, dass wir zunächst in der Welt sind und erst dann zu ihr. René Descartes‘ methodischer Zweifel an allem, was uns erscheint, ist also nur intuitiv plausibel. Ihm lässt sich mit Merleau-Ponty entgegenhalten, dass „[d]as Reale kohärent [ist] und wahrscheinlich, weil es real ist, und nicht real, weil es kohärent ist“. In anderen Worten: In der Wahrnehmung erscheint uns die Welt, wir konstruieren sie nicht – allenfalls gibt es eine imaginative Zutat unsererseits. Wichtig ist, dass hiermit eben keinem naiven Empirismus das Wort geredet wird:

Sicherlich gibt [die Gegenwart der ganzen Welt] zu Irrtum oder Illusion, und manchmal schließt man daraus, sie könne somit nicht naturgegeben sein, und das Reale sei schließlich nur das am wenigsten Unwahrscheinliche oder das am meisten Wahrscheinliche. Das bedeutet aber, das Wahre durch das Falsche, das Positive durch das Negative zu denken, und damit wird die Des-Illusionierung, aufgrund derer wir überhaupt erst mit der Fragilität der Wirklichkeit bekannt werden, ziemlich schlecht beschrieben. Denn wenn sich eine Illusion aufzulösen beginnt, wenn eine Erscheinung plötzlich platzt,so tut sie dies immer zugunsten einer neuen Erscheinung, die ihrerseits die ontologische Funktion der ersteren übernimmt. (S. 63)

Skeptisch mag hier erneut an der Gewissheit der Erscheinung gezweifelt werden, die auf die Desillusionierung gefolgt ist, zumal sie den ontologischen Status bloß übernimmt. Dieser Gedanke beruht allerdings erneut auf einem transzendentalen Standpunkt, der vom Bestand des Subjekts vor und unabhängig jeder Weltwahrnehmung überzeugt ist. Merleau-Ponty kritisiert diesen Standpunkt der sogenannten Reflexionsphilosophie, für die „die Welt nur deshalb unser Geburtsort ist, weil wir zuvor als Geist die Wiege der Welt sind“ (S. 54). Was damit gemeint ist, ist die populäre Überzeugung, unsere Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt unterstehe einer konstruktiven Veränderung durch die Unterschiede, die zwischen den Individuen bestünden. Die authentische, präreflexive Gegebenheit der Welt widerspricht diesem mentalistischen Konstruktivismus jedoch vehement:

Es gibt eine Präexistenz der Welt gegenüber unserer Wahrnehmung, eine Präexistenz der Aspekte der Welt, die ein Anderer wahrnimmt, gegenüber meiner eigenen späteren Wahrnehmung derselben Welt, eine Präexistenz meiner Welt gegenüber der Welt meiner Nachfahren, und all diese „Welten“ bilden eine einzige Welt […]. Meine eigene Wahrnehmung der Welt und die Weltwahrnehmung eines anderen Menschen sind in allem, was sie bedeuten, ein und dieselbe, obwohl unsere Leben nicht vergleichbar sind; denn die Bedeutung und der Sinn – als innere Adäquation, als Beziehung von sich zu sich, als reine Innerlichkeit und totale Offenheit zugleich – steigen niemals zu uns herab, die wir einer Perspektive unterworfen sind, wir sind in dieser Eigenschaft niemals uns selbst ein Licht, und auf diese Weise treffen all unsere Wahrheiten als Wahrheiten zusammen und bilden von Rechts wegen ein einziges System. (S. 71f)

Gewiss gibt es einen Primat der Erkenntnis der Welt für das jeweilige Subjekt, doch eben nicht des Inhalts dieser Erkenntnis, ihrer Bedeutung. Die Welt verhält sich zu uns nur in einer Weise – als Wahrheit. In dem Moment jedoch, in dem die transzendentale Trennung zwischen dem cogito und seinem Objekt hinfällig wird, ist die Welt von kategorischem Zweifel befreit und das Subjekt als Element der Welt rehabilitiert. Unser Leib, unsere Gedanken und unsere Biographie bedürfen keines Zwitterstatus zwischen res cogitans und res extensa mehr, sondern sind an sich. Was dabei von der apriorischen Existenz des cogito verbleibt, ist das Nichts der eingangs gestellten Frage. Das kohärente Sein der Welt ist erst für – in Merleau-Pontys Worten – die „Negintuition“ dieser selbst, d. h. die Anomalie der Erkenntnis steht nicht außerhalb der Welt: Alles Erkennen ist in der Welt; der Erkennende grenzt seine Wahrnehmung jedoch von etwas ab, das nicht in der Welt ist, etwas Inexistentem, dem Nichts. Die Einheit der Welt erscheint uns somit als Kontrast des Seienden zum Nichts unser Selbst – ein Nichts, das ein Epiphänomen dem Sein immanenter Vorgänge ist.

Die Kafkakasse

Edmund Husserl; Quelle
Edmund Husserl; Quelle

Die Überlegung, eine „platzende Erscheinung“ im obigen Sinne verweise darauf, dass es eine Referenz der Erkenntnis auf eine tatsächliche Essenz der Welt gebe, die stets verfehlt werden müsse, d. h. eine Reintegration des mentalistischen Relativismus in den dargestellten Realismus, beruht auf einer entscheidenden Fehlannahme. Edmund Husserls Prinzip aller Prinzipien der Phänomenologie sagt aus, „daß jede originär gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei“. In anderen Worten: Das Regulativ für unser Erleben der Welt ist nicht die Imagination eines wahren Urgrunds der Wahrnehmung – dies‘ ist nicht mehr als ein Erfüllungsideal. Das Erlebnis der Welt im Vollzug ist durch die Dinge geformt, die uns erscheinen: „Die Des-illusion ist nur deshalb Verlust einer Evidenz, weil sie Erwerb einer anderen Evidenz ist“ (Merleau-Ponty, S. 63). Die Wahrheit des Seins ist gleichsam keine binäre Zuordnung von Tatsache und Intellekt, sondern genuin standpunktabhängig:

Ich glaubte auf dem Sand ein durch Meerwasser geglättetes Stück Holz zu sehen, aber es war eine Klippe aus Tonstein. Das Platzen und Nichtigwerden der ersten Erscheinung berechtigt mich nicht, das „Reale“ fortan als das schlicht Wahrscheinliche zu definieren, denn dies sind nur andere Namen für die neue Erscheinung, die in unserer Analyse der Des-illusionierung vorkommen muss. (Ebd.)

Der Glaube, ein Stück Holz zu erblicken, ist situativ nicht falsch gewesen, als er ursprünglich aufkam. Das Phänomen mag ein unzureichend wahrgenommener Gegenstand gewesen sein, der die Eventualität zugelassen hat, Holz zu sehen. Für den ersten Standpunkt ist ein Stück Holz also gleichbedeutenden mit der Klippe aus Tonstein, denn die Vermutung eines Stückes Holz ist bloß Resultat der tatsächlichen Impression, nicht die Impression selbst. Wichtig ist, dass durch den Standpunktwechsel nichts anderes als die tatsächliche Bedeutung der Welt erscheinen konnte. Zwar mag die Imagination den falschen Eindruck zunächst aufrechterhalten haben, doch das Korrektiv der „originär gebenden Anschauung“ lässt nur eine neue Evidenz zu: „aber was keine Meinung ist und was jede Wahrnehmung, auch eine falsche, bestätigt, das ist die Zugehörigkeit jeglicher Erfahrung zu derselben Welt, ihr gleichrangiges Vermögen, diese Welt durch Möglichkeiten derselben Welt zu offenbaren“ (S. 64).

Franz Kafka; Quelle
Franz Kafka; Quelle

Eine eindrückliche Illustration dieser Vorstellung findet sich in Franz Kafkas „Der Verschollene“ (1927 als „Amerika“ erschienen):

Am Fenster saß an einem Schreibtisch, den Rücken der Türe zugewendet ein kleinerer Herr, der mit großen Folianten hantierte, die auf einem starken Bücherbrett in Kopfhöhe vor ihm nebeneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine offene wenigstens auf den ersten Blick leere Kassa. (S. 19)

Reflexionsphilosophisch kann der Ausdruck „auf den ersten Blick leer“ nur als ein Eingeständnis mangelnden Einsichtsvermögen in die Beschaffenheit der Welt verstanden werden – in der epistemischen Situation des Protagonisten fehlt die Einsicht in die tatsächliche Verfassung seiner Umwelt. Die literarische Atmosphäre, die hier jedoch tatsächlich geschaffen wird, erschöpft sich nicht in skeptischem Relativismus. Wenn im Moment der Beschreibung abgesehen vom Protagonisten niemand der Kasse Beachtung schenkt, ist sie tatsächlich mehr nicht als auf den ersten Blick leer, ansonsten ist sie zumindest für den Protagonisten in diesem Zustand. Eine Aussage, die in ihrem Mangel an Präzision und der Dürftigkeit ihres Informationsgehalts wiedergibt, was dem Menschen zu einem kohärenten Erleben seiner Welt ausreicht.

Die Annahme eines transzendentalen Standpunkts des cogito außerhalb der Welt spiegelt ein hypertrophes Kontrollbedürfnis und die Sehnsucht nach einer unbeschriebenen Fülle an Informationen der plastischen Realität wider. Das Sein jedoch ist erst in Abgrenzung zum Nichts als Resultat des Standpunkts subjektiver Anschauung. Die Eventualität, durch einen Standpunktwechsel könne die Evidenz, die Kasse sei auf den ersten Blick leer, zerplatzen, ist ein prägendes Element der Erlebnisweise des Menschen. Aus ihr selbst heraus ist die besagte Kasse jedoch nicht mehr – und das ist entscheidend, denn mit der Aussage, sie sei auf den ersten Blick leer, ist kein Entwurfstatus der Erkenntnis bezeichnet, der sich an der Objektivität zu relativieren hat. Die Kohärenz der Welt bleibt in der Anschauung stets garantiert. Das erkennende Erleben vollzieht sich nicht im beständigen Entdecken und Verwerfen von einer vorgegebenen, unendlich komplexen externen Realität. Das Subjekt vollzieht die Welt setzende Akte, in denen er sich den Gegenständen zuwendet, die ihm erscheinen – die Bedeutung dieser Akte entstammt allerdings den Dingen selbst.

Zu argumentieren, die dargestellte Form des Realismus erlaube dem Halluzinierenden, seine Wahnvorstellungen für die Wirklichkeit zu erklären, verkennt, dass er sich den erscheinenden Phänomenen nicht zuwendet,  sondern halluziniert. Wendet er sich seinen Mitmenschen zu, halluziniert er zumindest den Bestand des Anderen nicht mehr. Gewiss ist es ein valides Argument, dass Behauptungen über das Da- oder Sosein eines Seienden nicht stets intuitiv entschieden werden können. Die epistemologische Auseinandersetzung mit der Halluzination ist deswegen nicht irrelevant. Die Realitätsprüfung erfolgt indessen einzig über den Wahrnehmungsglauben, der sich an der Erscheinung der Welt relativiert. Es bedarf keiner Interaktion mit Anderen, um in der Welt zu sein, denn die Gegenständlichkeit der Wirklichkeit wendet sich uns als ihrem Element beständig und kohärent zu. Allen Zweiflern ist entgegenzuhalten:

[D]er Pyrrhonismus ist hinreichend zurückgewiesen, wenn man zeigt, daß es eine strukturelle Differenz, sozusagen eine Kerndifferenz gibt zwischen der Wahrnehmung oder dem wahren Sehen, das eine offene Reihe übereinstimmender Erkundungen zuläßt, und dem Traum, der nicht beobachtbar ist und bei genauerem Hinsehen fast nur aus Lücken besteht. (Merleau-Ponty, S. 20)

4 Gedanken zu „Die Kafkakasse, oder: Über die Gegenständlichkeit der Wirklichkeit“

  1. Ich sollte mich hiermit wohl angesprochen fühlen, tue dies aber nicht wirklich. Dies mag daran liegen, dass mir der Sinn dieser höchst abstrakten Ausführungen bisher weitgehend verborgen geblieben ist. Lass mich einmal versuchen deine Gedanken zusammenzufassen:
    Du lehnst zunächst das extreme Zweifeln an dem, was wir für wahr nehmen, ab und postulierst als Gegenmodell hierzu das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Deine folgenden Ausführungen bauen auf diesem alternativen Ansatz auf und gehen von der Prämisse aus, der Mensch selbst müsse als Teil der Welt begriffen werden, welche ihm erscheint. Die Welt existiere unabhängig von einem Wahrnehmenden und unabhängig von den individuellen Unterschieden der Wahrnehmung.
    Über diese Ansätze mag man streiten, dies würde jedoch zu keiner weitergehenden Erkenntnis führen, da das konstante Zweifeln an allem außer der Möglichkeit zu zweifeln keinen Anschluss für eine solche bietet. Deshalb stimme ich, wie du angesichts der vergangenen Diskussionen und Kommentare bereits wissen solltest, hinsichtlich deines Ausgangspunktes mit dir überein: Wenn wir etwas über die Welt aussagen wollen, müssen wir davon ausgehen, dass sie existiert und dass wir einen Zugang zu ihr haben, weil wir in ihr sind. Hieraus folgt, dass das uns in der Wahrnehmung Erscheinende vor der Wahrnehmung desselben existiert und von ihr unabhängig ist. Wir können die Welt und uns als Teil derselben erfahren und unsere Eindrücke kritisch hinterfragen, müssen die Realität dieser Eindrücke aber nicht gänzlich leugnen. Dies beschreibst du mit deinen Ausführungen zu Illusionen und dem Zerplatzen derselben.
    Ich vermisse jedoch die Pointe: Hast du nicht etwas Kontroverses angekündigt? Blieb der eigentliche Stachel ob deines Eifers für die geisteswissenschaftliche Diskussion ungezückt? Muss ich tatsächlich selbst den dir obliegenden Angriff zu Ende führen, um ihn erwidern zu können? Nun, so sei es! Korrigiere mich bitte, wenn ich im Eifer des Gefechtes, dir Ansichten unterschiebe, die du nicht teilst. 😉

    Du willst mit deinen Ausführungen folgende Prämisse etablieren: Alle unsere Wahrnehmungen von der Welt und den in ihr befindlichen Dingen sind durch diese selbst vorgegeben und uns erscheint nur, was in ihnen selbst angelegt ist (einschließlich ihres Potentials für Fehlinterpretationen). Deshalb, so möchtest du wohl folgern, können auch solche Eindrücke, die eine Wertung enthalten (wie z.B. Schönheit, Eleganz, Genialität oder Größe) auf das Sosein der so beschriebenen Dinge zurückgeführt werden. Du scheinst sagen zu wollen dass diese das Potential haben, z.B. als schön oder als hässlich wahrgenommen zu werden, aber nur eines von beidem sind; dass also die andere Einschätzung lediglich auf eine unzureichende oder verfälschte Wahrnehmungsgrundlage zurückzuführen ist. Auf diese Weise scheinst du auch diese Wertungen als objektive Eigenschaften der Dinge etablieren zu wollen. Dem möchte ich hier entschieden widersprechen.

    Während wir uns darauf einigen können, dass die genannten Wertungen auf einer Tatsachengrundlage beruhen, welche in den Dingen selbst angelegt ist, leugne ich, dass sie sich in selbiger erschöpfen und durch diese vollständig und subjektübergreifend vorgezeichnet sind: Mit Tatsachenbehauptungen versuchen wir möglichst objektiv und von unserer eigenen Wahrnehmung abstrahierend die Dinge selbst zu bezeichnen und nur diese. Hierzu ist ein Zwischenschritt der kritischen Prüfung und Verallgemeinerung erforderlich, den wir mittels für allgemein nachvollziehbar gehaltener Referenzmaßstäbe und Beweisverfahren vollziehen. So können wir etwa durch das Klopfen auf einen Tisch, das wir für allgemein nachvollziehbar halten, den Eindruck von dessen Festigkeit verifizieren.
    Demgegenüber nehmen wir durch Wertungen als wir selbst Stellung zu den bezeichneten Dingen. Wir bewerten, was uns erscheint und was wir dabei empfinden. Die Äußerung ist somit, auch wenn sie eine Sache beschreibt, schon grundsätzlich nicht eine auf Objektivität angelegte, sondern eine subjektive. Ferner fehlen hinsichtlich dieser Aussagen die Referenzmaßstäbe, die eine Verallgemeinerung ermöglichen würden. Deshalb sind diese Begriffskategorien stets auch vom Beurteilenden abhängig und können nicht ohne einen solchen auf Dinge angewendet werden. So ist z.B. offensichtlich, dass die Charakterisierung einer Sache als „furchteinflößend“ nur als Bezugnahme auf eigene Empfindungen denkbar ist. Ohne jemanden, der fähig ist, Furcht zu empfinden, hätte diese Beschreibung keinen Sinn, weshalb es ebenfalls sinnlos wäre hierin eine objektive Eigenschaft der Sache zu sehen.

    Hiermit glaube ich die eigentlich problematischen Fronten abgsteckt und den Boden für die weitere Diskussion (erneut) bereitet zu haben. Damit will ich es vorerst bewenden lassen und erwarte deine entsprechende Antwort.

  2. Annahmen, die aus dem Kontext verwehter Gespräche resultieren, führen hier zu einem Missverständnis – schlimmer: Zu einem begrenzten Zugang zum Gehalt der vorgeschlagenen Thesen. Die Frage nach Objektivität und Subjektivität von Werturteilen mag zwar aus dem obigen Text deduktiv zu beantworten sein, doch hier geht es um die ontologischen und epistemologischen Grundlagen dieser nachgeordneten Belange. Es ist nötig, sich darauf einzulassen, auf einer grundlegenderen Ebene zu diskutieren. Ich werde versuchen die Dissonanz Deiner Zusammenfassung des obigen Textes und seinem tatsächlichen Ansatz aufzuzeigen:

    Die Welt ist keine Gegebenheit aus sich selbst heraus. Seitdem dank Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ metaphysische Fragen der Erkenntnistheorie nachgeordnet wurden, spukt die Vorstellung eines sogenannten Dings an sich, das sich jenseits der Wahrnehmung befinde und als regulative Idee für die Wahrheit diene in der Geistesgeschichte umher. Dieses Konzept ist inkonsequent. Der ontologische Status der Welt ist erst durch ihre Wahrnehmung zu bestimmen. Zugleich jedoch gilt, dass die Wahrnehmung keine Fantasie ist, die Welt nicht schöpft. Um diese scheinbare Paradoxie zu lösen, muss eingesehen werden, dass die Erkenntnis der Welt nicht separat von ihr steht. Mit dem Erkennen erst verändert sich die Welt durch sie selbst. Ich verdeutliche das an einem Beispiel aus dem obigen Text: Für den Farbenblinden besteht der Tisch nicht als etwas Rotes. Seine Welt ist farblos, obwohl sie das Potential zur Farbe birgt. Die Erkenntnis des Farbenblinden wird durch die Farbe gleichsam nicht affiziert, die potentielle Farbigkeit seiner Welt beeinflusst ihn nicht. Zugleich fehlt es ihm jedoch auch nicht an der Farbe, um kohärent zu erleben. Farbe und Erkenntnis koexistieren anscheinend. Dennoch ist seine Welt frei von Farbe. Wird er nun über Farbe informiert oder beginnt er zu sehen, tritt die Farbe als Erscheinung in seine Welt. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, dass die Bestandteile der Welt vollkommen kontingent sind, was den Eindruck abweichender interindividueller Wahrnehmungen erzeugt. Es gibt keine Abhängigkeit von verborgenen Wirkmechanismen, die die Welt jenseits der jeweiligen Erkenntnis zusammenhält. Die Welt ist stets kohärent, wie sie erscheint. Was jenseits von ihr besteht, ist bloß möglich, nicht wirklich. Was in ihr besteht, ist allerdings wirklich.

    Eine Konsequenz dieser Setzung der Welt durch den Erkenntnisträger ist, dass von dem Objektiven zu sprechen, voreilig ist. Nicht nur ist die Welt mehr nicht als die Gesamtheit der wahrgenommenen (im weiteren Sinne) Erscheinungen, auch ist die Erkenntnis nichts – insbesondere kein cogito, das mit dem Fernglas auf die Geschehnisse in der Welt schaut – jenseits der erlebten Welt. Es gibt kein schöpferisches Subjekt, dass sich eine spontane Illusion von dem Seienden macht, ohne es in der Welt zu machen. Gewiss – um zu Deinem Rekurs auf Wertungen zu kommen – sind einige Erscheinungen, wie das Erlebnis von Schönheit, in der Selbstwahrnehmung unseres Leibes mit individuellen Regungen assoziiert. Der Begriff der Schönheit ist dennoch keine Konstruktion, keine leere Menge, die einer willkürlichen Besetzung harrt. Wie die Farbe in den Gesichtskreis des Blinden tritt und seine Welt kohärent verändert, so gibt es ein Erlebnis des Schönen. Ich verdeutliche diesen Unterschied noch einmal mit einem Gedanken Merleau-Pontys:

    Aber die Philosophie ist kein Lexikon, sie interessiert sich nicht für „Wortbedeutungen“, sie sucht nicht nach einem verbalen Substitut für die Welt, die wir sehen, sie verwandelt diese nicht in etwas Gesagtes, sie richtet sich nicht in der Ordnung des Gesagten oder Geschriebenen ein wie der Logiker in der Aussage, wie der Dichter im lebendigen Wort oder der Musiker in der Musik. Sie setzt sich zum Ziel, den Dingen selbst aus der Tiefe ihres Schweigens zum Ausdruck zu verhelfen.

    Wenn ich von Erlebnissen der Schönheit spreche, so interessiert mich keine kulturelle Assoziation von Meinungen und Missverständnissen, sondern die Einheit, die die Erlebniswelten der Ich-Pole im Anblick des Schönen durchzuckt – wenn etwas erscheint, das schön ist. Spannend ist es nicht, sich darüber auszutauschen, ob Geschmack verschieden ist, oder unterschiedliche Menschen verschiedene semantische Überzeugungen über das Schöne haben. Was die Phänomenologie ästhetisch ergreift, ist es, den Einbruch des Schönen in die Welt zu fassen.

    Der Vergleich mit der Furcht ist angemessen, aber mit derselben objektivistischen Präsupposition vollzogen, wie zuvor das Verhältnis von Erkenntnis und Welt missverstanden wurde. Furcht ist eine Emotion, die durch Furchteinflößendes hervorgerufen werden kann. Die Analogie besteht nicht zur Schönheit, sondern zum Geschmack. Geschmack ist eine Disposition, die durch Geschmackvolles affiziert wird. Was hier behauptet wird, ist nicht, dass jeder Mensch dieselben Emotionen empfinden muss oder gleich ist, sondern dass uns dieselben Phänomene erscheinen können. Die Antwort auf die Eventualität ist also Empathie. Mag auch der Furchtlose nie Furcht empfunden haben, so kann ihm die Furcht des Mitmenschen verständlich gemacht werden. Gibt es nur einen Menschen, für den gilt, dass er frei von Furcht ist, so ist seine Welt kohärent wie diejenige des Farbenblinden. Sollte der Furchtlose indes einst Furcht empfinden, erscheint ihm ein uns vertrautes Gefühl. Der Unterschied zum Begriff der Schönheit jedoch ist – und dieser Gedanke erst macht das Thema interessant -, dass die Schönheit keine unmittelbare Eigenschaft des erkennenden Subjekts ist wie es Geschmack und Furcht sind, sondern an diversem Erscheinenden aufzutreten in der Lage ist. Hierbei handelt es sich jedoch nur um einen Unterschied der Polymodalität der Schönheit zur Monomodalität der Furcht.

    1. Leider ist es bei deinen Ausführungen weitgehend bei dem Versuch einer Erklärung geblieben und der Erfolg derselben ausgeblieben. Um Klarheit hinsichtlich deiner Intention zu ermöglichen, solltest du trotz der diesbezüglichen Andeutungen in deinen Ausführungen zunächst einmal eindeutig klarstellen, was du eigentlich mit den von dir verwendeten Begriffen bezeichnen willst:
      1) Verstehst du unter „Welt“ in deinen gesamten Ausführungen exakt dasselbe oder differiert die von dir zugrundegelegte Bedeutung? Und bezeichnest du damit jeweils nur die Gesamtheit der Erscheinungen oder die der Dinge selbst? (Das hast du zwar bereits gesagt, aber ich möchte es noch einmal klargestellt haben, da du im ursprünglichen Text möglicherweise etwas Anderes bezeichnet hast)
      2) Wenn du „Welt“ als Erscheinung begreifst, wie weit reicht dann die Welt? Wer ist der, dem sie erscheint – das Individuum oder alle Individuen? Gibt es für jedes Individuum in jedem Zeitpunkt eine eigene Welt oder nur eine gemeinsame Welt?
      Ist also die Welt nur für uns? Und, wenn ja, hört sie dort auf, wo meine Kenntnis von ihr und meine Wahrnehmung aufhört?
      3) Welche Rolle spielt bei dir die Erkenntnis? Inwiefern unterscheidet sie sich von der „Welt“ oder ihrer Wahrnehmung?
      4) Was soll die Empathie in Hinblick auf die „Welt“ bewirken? Ist sie für dich die Grundlage für eine Einbeziehung fremder Wertungen in die eigene Welt?
      5) Inwiefern begreifst du Furcht und Geschmack als Eigenschaften eines Subjekts? Was genau soll den Unterschied zur Schönheit begründen? Sowohl die Bezeichnung von etwas als schön als auch die Aussage, etwas sei furchteinflößend oder wohlschmeckend enthalten alle Wertungen über eine Sache, die durch eigene Eigenschaften bedingt sind: Ich kann einen eigenen Geschmack, eine bestimmte Phobie und eine eigene Vorstellung von Schönheit haben. Ich sehe hier keine Differenz. Wo siehst du die deinige?

      Wenn du diese Fragen beantwortest, dürfte einer weiteren Diskussion hoffentlich nichts mehr im Wege stehen. Bis dahin wäre die Gefahr wohl zu groß, dass wir erneut aneinander vorbeireden. Ich warte auf deine Erleuchtung 😉

  3. Zumindest zwei Punkte möchte ich erleuchten:

    Ist also die Welt nur für uns? Und, wenn ja, hört sie dort auf, wo meine Kenntnis von ihr und meine Wahrnehmung aufhört?
    Wenn ein Baum im Wald umfällt und keiner da ist, macht er dann kein Geräusch? Sind Füße Schuhe? Relativ nahe liegende Antwort: Nein. Wir sind in der Welt und nur als der Welt zugehörig zu begreifen, steht so ich mich gerade richtig entsinne auch fast genau so im Text.
    5) Inwiefern begreifst du Furcht und Geschmack als Eigenschaften eines Subjekts? Was genau soll den Unterschied zur Schönheit begründen?
    Bei aller Liebe zum Diskurs, aber meinst du die Frage ernst? Alex Punkt (über mindestens zwei seiner Beiträge) ist, dass es Dinge gibt, die objektiv sind, wie etwa Schönheit, die Frage ob etwas einen Meter lang ist (oder nicht) und ob der Apfel vom Baum auf den Boden fällt, wenn er fällt.
    Furcht ist ein Gefühlszustand eines die Objekte wahrnehmenden Subjekts, wo voraus zu setzen ist, dass die Objekte furchteinflößend sind, Geschmack ein ästhetisches Vermögen (/Können) und Schönheit ein objektiver Zustand eines Dings (eventuell auch von dir als Subjekt 😉 ), d.h. du kannst nicht einfach behaupten „das ist (nicht) schön“, du bist mindestens eine Begründung schuldig – man muss vielleicht einwerfen, dass der Begriff der Schönheit heute relativiert und pervertiert wird und du deshalb zu plakativ davon denken magst, aber was damit gemeint ist geht aus dem Text hervor. Und ganz eindringlich geht es darum, das zu erleben und zu begreifen, was aber mindestens ein Auge dafür verlangt (und eben nicht blind durch die Welt zu laufen).

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