Laesio lucri

„Sind Sie eigentlich Masochist?“

Warum?

Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abreißen, genüsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger „trivialer“ Dinge. Von modischen Ohrsteckern bis hin zu Naturvolk, das sich lange Stäbe durch die Wangen sticht, ist die Laesio lucri (das bedeutet: die gewinnbringende Verletzung) ein omnipräsentes Element menschlicher Natur 1 .

Grenzen – oder was sie nicht ist

Bevor wir uns nun mit den Erfahrungen befassen, die wir zugleich als genuin schmerzhaft und zugleich als positiv erleben, muss es nun darum gehen, was nicht mit einer Laesio lucri gemeint ist.

Baron von Münchhausen reitet auf einer Kanonenkugel, Zeichnung von August von Wille, 1872; Quelle

Zum einen sind damit weder selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“ und seine Artverwandten) noch Konversionsstörungen oder gar das Münchhausen-Syndrom gemeint. Während der Selbstverletzung am häufigsten eine psychiatrische Grundstörung zu Grunde liegt und die Selbstverletzung daraus resultiert, handelt es sich bei Konversionsstörungen am einfachsten gesagt um die Verkörperlichung seelischer Spannungszustände und ist im erweiterten Sinne der Psychosomatik zu zuordnen.  Auch das Münchhausen-Syndrom ist hier nicht gemeint – dabei erfinden Patienten relativ unspezifische Krankheitssymptome wie bei der Hypochondrie, gehen aber teilweise so weit, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften, um glaubhaft in ärztlicher Behandlung zu bleiben und entziehen sich zugleich einer psychiatrischen oder neurologischen Begutachtung und Behandlung.

In all diesen oben genannten Fällen lässt sich (mehr oder weniger, die Suche nach den Ursachen mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen und wird nicht wenig ärztliches Geschick erfordern) eindeutig der psychiatrische Krankheitswert feststellen. Dies ist bei den Beispielen der laesio lucri jedoch nicht der Fall.

Marquis de Sade, in dessen Romanen sexuelle Handlungen und Gewaltfantasien beschrieben wurden; danach der Begriff des Sadismus, geprägt von Richard von Krafft-Ebing; Bild: Quelle

Zum anderen ist damit nicht der Sadomasochismus gemeint. Also der erotische Lustgewinn sowohl aus dem Erleben körperlicher Schmerzen als auch durch das Zufügen derselben (die Elemente der Macht und Demütigung sind für diese Betrachtung nicht weiter entscheidend). Hierbei handelt es sich um ein Beispiel sogenannter sexueller Devianz, dessen Krankheitswert aber immer weiter eingeschränkt wird – lediglich Personen, die nur noch dadurch in der Lage sind, sexuelle Lust zu verspüren, werden z.B. nach aktuellen Diagnosekriterien des DSM IV als an Sadomasochismus erkrankte definiert.

Zumindest auf die Frage, ob man denn Masochist sei, sollte an dieser Stelle jeder eine klare Antwort für sich vor Augen haben, egal ob zustimmend, ablehnend oder nicht näher erprobt. Doch wie funktioniert nun die Laesio lucri?

Hedonismus

Zum Einen über einen biologischen Mechanismus, der uns in Extremsituationen ermöglicht hat, trotz Schmerzen zu überleben: die sogenannten Endorphine 2. Sinn dieser Substanzklasse (nach bisherigen Theorien) ist, dass wir sie uns selbst verabreichen3, sobald wir in eine Situation geraten, in der wir einen Schmerz unterdrücken müssen, um nicht dadurch gelähmt zu werden. Sicher wissen wir, dass sie nach Schmerzreizen Glücksgefühle auslösen können, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine schmerzhafte Situation, so sie nicht unmittelbar existentiell bedrohlich ist, in der Lage ist, ein Gefühl der Zufriedenheit und der „Belohnung“ auszulösen, das bis zur Euphorie steigerbar ist.

Utilitarismus

Gewinn sozialer Bewunderung durch ein schmerzhaftes Erlebnis; Szene aus Thailand bei einer Festwoche der chinesischen Minderheit; Quelle

Zum Anderen über die Erwartungen und Normen der Gesellschaft, die sich in unseren Religionen, unserer Erziehung und unserem Freundeskreis (Neudeutsch der „Peer Group“) niederschlagen. Diese normieren die Erwünschtheit schmerzhafter Erfahrungen in beide Richtungen: ein Mitglied eines Volkes, das sich Spieße rituell durch die Wangen sticht, vermag sozialen Kapitalverlust (Ehrverlust)/Unlust zu vermeiden, in dem er den Affront des Bruches mit der Tradition vermeidet und vermag zugleich soziales Kapital/Lust zu gewinnen, in dem er diese gesellschaftlich wichtigen Regeln befolgt, also seine Position in einer exklusiven Gruppe festigt.

Ebenso vermag eine strikte Abneigung gegenüber bestimmten Praktiken selbstverständlich zu einer größeren Unlustgenerierung führen – bis hin zur Vermeidung der Praktik, um soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Jedoch scheint dieser Zustand in unseren Breiten immer weiter aufzuweichen: wenn sichtbare Tätowierungen oder übermäßiger Körperschmuck (betroffen sind ausdrücklich Mitglieder von Subkulturen, d.h. gesamtgesellschaftlich Minderheiten) ausreichender Grund sind, eine Anstellung eines Menschen in einem Betrieb zu verhindern. Hier hat im betroffenen Individuum, wenn auch möglicherweise unbewusst, eine Abwägung zugunsten der Peer Group und gegen die breitere Basis der Gesellschaft stattgefunden. Der Nutzen der Anpassung und Abgrenzung gegen das große Ganze muss offensichtlich schwerer (im Nutzen) wiegen, als die Anpassung an den Mainstream und die damit verbundenen verbesserten wirtschaftlichen Lebenschancen.

Womit wir leben

Nun jedoch zu den alltäglichen Beispielen, diejenigen, die für jeden von uns greifbar machen sollten was eine Laesio lucri ist und wo sich in ihnen die hedonistisch-utilitaristischen Widersprüche verbergen. Zwischen denen entscheiden wir uns nur all zu oft zugunsten der Laesion und handeln damit sogar in manchen Fällen fahrlässig.

Feuer

Schweißperlen auf der Stirn, ein Quälen, ein Brennen. das mittlerweile den gesamten Mund ausfüllt, von den Lippen über die Zunge leckt das Feuer über den Gaumen und reicht bis in den Rachen hinein –  wieder und wieder schaufelt jemand den Brennstoff hinein, wie ein Heizer, der verzweifelt Kohlen in den glühenden Schlund der Lokomotive wirft.  

Lediglich der Dampf aus den Ohren fehlt zur obigen Analogie, wenn man beim Inder eine Portion Lamm Vindaloo verspeist.  Nicht minder trifft sie auf Menschen zu, die sich eine Currywurst mit einer Soße bestellen, die jenseits der natürlich vorkommenden Schärfegrade extra hergestellt wurden, ja sogar zur Currywurst eine Milch und ein Haftungsausschluss mit serviert werden.

Entgegen der landläufigen Vorstellung befindet sich das meiste Capsaicin der Chilishoten nicht in den Samen, sondern in der Plazenta und der Samenscheidewand. Quelle

Die weit bekannte Ursache für den Schmerz beim Verzehr scharfer Speisen – Capsaicin – wirkt über die nozizeptiven (d.h. Schmerz wahrnehmenden) freien Nervenendigungen und aktiviert dort Ionenkanäle, die sonst auf starke Hitzereize reagieren sollen. Daher empfinden wir den Verzehr scharfer Speisen als Schmerz wie bei einer Verbrennung. Obwohl nichts daran angenehm ist, essen trotzdem zahllose Menschen, sogar ganze Völker, besonders gerne Schmerz. Auf Nachfrage warum, werden die meisten antworten, dass sie sich danach „irgendwie besser“ fühlen. Hedonistisch im Vordergrund steht dabei der oben beschriebene, biochemische Mechanismus. Doch wie steht es um den utilitaristischen Konflikt?

Auf der „Verlust“-Seite steht nur bei extremen Dosen (gemessen an der eigenen Verträglichkeit) eine wahrhaftige gesundheitliche Gefährdung durch eine übermäßig starke Stressreaktion des Körpers auf den Schmerzreiz4, der jedoch konventionell selten erreicht werden kann. In „handelsüblichen“ Mengen (die schärfsten Currywürste dieser Welt sind damit nicht gemeint) steht also höchstens das Erröten und die Schweißentwicklung als situatives Problem da, wenn in der Peer Group, in der man sich gerade befindet, diese Art des Auftretens potentiell sanktionierbar wäre.

An „Haben“ gewinnt ein Scharf-Esser unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hohen Umgebungstemperaturen, wo die Erweiterung der oberflächlichen Blutgefäße und die erhöhte Schweißproduktion zu einer besseren Wärmeabgabe führen können. Dies erklärt sicherlich anteilig die Popularität scharfer Speisen in den besonders warmen Klimata der Erde.

In erster Linie entscheidet der Scharf-Esser also hedonistisch geleitet, nach Lustgewinn. An zweiter Stelle erst kommen Situativ utilitaristische Überlegungen in die Abwägung hinein, dürften jedoch im Regelfall nachrangig bleiben, es sei denn eine Situation verlangt besonders seriöses, neutrales Auftreten.

Hörner

Ein eingewachsenes Haar, eine verstopfte Pore. Man gebe dazu ein paar Bakterien  und schwupps: Pickel und Mitesser, wohin das Auge wandert.

Was für manche die Plage der Pubertät gewesen sein mag, stirbt auch Jahre danach nicht aus. Ebenso wenig die Angewohnheit, sie zu zerquetschen, diese ästhetisch lästigen Makel, die – kaum schaut man in den Spiegel – gleich penetrant ins Blickfeld springen. Der Entschluss der Mehrheit ist hier eindeutig: der Pickel muss Platz machen und platzen.

Ebenso klar ist der utilitaristische und hedonistische Grund dafür: so der Pickel bereits eine ausgeprägtere Entzündung zeigte lässt das Druckgefühl nach, es ist eben kein „Horn“ mehr auf der Stirn zu fühlen, so lange man nicht darüber fährt. Außerdem ist allein der Glaube an die ästhetische Bereinigung des Antlitz‘ hier Berge versetzend/Finger bewegend.

Hippokrates von Kros, ca. 460-370 v. Chr., Begründer der noch heute gültigen Lehre: Ubi pus, ibi evacua (Wo Eiter ist, da entleere ihn). Quelle

Wie steht es aber um den negativen Aspekt des Handelns? Die meisten werden schon Geschichten darüber gehört haben, dass einen Pickel auszudrücken ein medizinisches Risiko darstellt. Dies stimmt in doppelter Hinsicht: erstens besteht die Gefahr, durch den aufgebauten Druck Bakterien in tiefere Hautschichten zu drücken, wo sie  abszedieren  (eine Ansammlung von Eiter unter der Haut bilden) können – mit der Folge, dass ein Chirurg den Abszess aufschneiden muss, um getreu des hippokratischen Lehrsatzes den Eiter abfließen zu lassen. Zweitens besteht die Gefahr einer Einschwemmung der Bakterien in dabei verletzte Blutgefäße. Vor allem im Bereich um die Augen, auf dem Nasenrücken und auf der Stirn ist dies von Bedeutung, weil der Blutabfluss aus diesen Bereichen über die Vena angularis mit den großen Hirnvenen in Verbindung steht, sodass hierüber eine von dort ausgehende Entzündung der Hirnhäute/des Gehirns (Meningitis/Meningoencephalitis) denkbar ist.

Trotz dieses Wissens – oder gerade mangels seiner Verbreitung – gibt es fast keinen sozialen Handlungsdruck, einen Pickel nicht auszudrücken. Im Gegenteil ist der ästhetische Anpassungsdruck weit größer, selbst bei denjenigen, die um der potentiell negativen Auswirkungen ihres Verhaltens wissen.

Zum Schluss

Die Beispiele ließen sich weiter führen – im Interesse des Schlusses, der zugleich eine Einleitung hätte sein sollen, möchte ich die weiteren jedoch nur noch auf Bedarf über die Kommentare ausführen.

Ich hoffe ich konnte zeigen, was unter einer Laesio lucri zu verstehen ist; was sie ausmacht: sie ist ein genuin schmerzhaftes Erleben, das wir dennoch als positiv empfinden, dabei aber keinen pathologischen Wert hat, also nicht in einem schadhaften Übermaße stattfindet5 – und was nicht notwendig, aber hinreichend ist, dass wir sie selten reflektieren. Sie ist also ein hedonistisch-utilitaristisches Paradoxon, das uns tagtäglich begleitet, aber meistens ungesehen bleibt.

Zum Abschluss möchte ich Alex danken, der sich dieses Thema aus meiner „Feder“, aus meinen Augen gesehen, gewünscht hat. Ich bin mir sicher, dass er die eine oder andere Formulierung wiedererkannt hat, die er dafür ganz treffend über hatte. Außerdem möchte er mir nachsehen, dass ich seinen Vorschlag des Namens für dieses Phänomen zu Gunsten der Laesio lucri übergangen habe.

Fußnoten

Ich habe lange überlegt, ob ich hier Kultur oder Natur schreibe. Angesichts des biochemischen Mechanismus‘ (s.o.) halte ich jedoch Natur hier für die treffendere Wahl, auch wenn es möglicherweise der eine oder andere für streitbar halten mag, gerade angesichts der Integration und Adaptation dieses Verhaltens in einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen.

Der Begriff leitet sich auf Grund der Ähnlichkeit in der Wirkung vom Morphin ab: Endogenes Morphin

3 Gemeinst ist natürlich die reflexartige Ausschüttung des Botenstoffes im Gehirn

4 Jeder Schmerzreiz vermag prinzipiell zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems führen, demzufolge also eine Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdruckes und der Schweißentwicklung sowie eine erhöhte Durchblutung von unter Bedrohung von außen lebenswichtiger Organe (Herz, Gehirn, Muskulatur, ggf. Haut)

5Es ist vielleicht noch wichtig, dass die Sucht (Rauchen, Alkohol, Medikamente, …) aus der Definition heraus auch nicht dazu gehören kann. Diese hat einen pathologischen Wert, und die Betroffenen erleben sie nicht als genuin schmerzhaft.

13 Gedanken zu „Laesio lucri“

  1. Hier wird ein Thema angesprochen, das wir alle sicherlich unmittelbar nachvollziehen können. Wer hätte nicht schon mal genüsslich an einer Schorfkruste herumgekratzt oder an einem Pickel herumgedrückt. Verwundern tut mich nur, das dies hier so negativ besetzt wird. Welcher Schuld sollte man sich hier denn bewusst sein? Wir haben es hier zunächst mit einer wertneutralen Verhaltensweise zu tun, die nur durch soziale Konventionen und die eigene Sozialisation einer moralisierenden Betrachtung zugänglich wird. Letztlich sind wir aber (zumindest unserer Erfahrung nach) autonome Wesen, die selbst über ihr Tun und Lassen entscheiden. Deshalb erscheint mir eher eine objektivere Betrachtung angebracht, die sich ohne Wertungen ausschließlich mit den Erscheinungsformen und den ihnen zugrundeliegenden Motivationen befasst. Gesellschaftliche Moralvorstellungen sind erst auf dieser Ebene als ein Faktor unter vielen zu berücksichtigen.

    Hinsichtlich der Gründe für dieses Verhalten möchte ich mich zunächst einmal von der begrifflichen Differenzierung der Betrahtung in Hedonismus und Utilitarismus distanzieren. Letztlich ist ersterer nämlich nur eine Form des letzteren, wie eigentlich auch die meisten anderen praxisorientierten Entscheidungsmodelle. Denn kein Mensch wählt das Schlechte. Er mag etwas wählen, dass ihm in bestimmter Hinsicht schadet, tut dies aber nur, weil er etwas Anderes, positiv Besetztes hierdurch zu erreichen sucht. Jede Entscheidung beruht daher auf einer bewussten oder unbewussten Abwägung von positiv Besetztem und negativ Besetztem, soweit dies aktuell für den Entscheidenden von Relevanz ist. Der Hedonismus und der von dir verwendete Begriff des Utilitarismus stimmen in dieser Hinsicht überein, wobei bei ersterem das eigene Glücksgefühl in den Vordergrund stellt, während letzterer auch gesellschaftliche Folgen berücksichtigt. Mir scheint es angebrachter, das natürliche Abwägen von Positivem und Negativem insgesamt als utilitaristische Entscheidungsform zu bezeichnen.

    Der Vorteil dieser nicht auf Begriffskategorien angewiesenen Betrachtung ist nämlich, dass die unmittelbaren körperlichen Empfindungen und die theoretischen Folgen sich nicht gegensätzlich oder von einander getrennt gegenüberstehen, sondern dass sie als potentiell gleichwertige Faktoren der Entscheidung zu Tage treten.

    Aus Zeitgründen belasse ich es zunächst bei dieser grundsätzlichen Vorbemerkung und werde später näher zum eigentlichen Inhalt Stellung nehmen.

  2. Nun noch ein paar inhaltliche Anmerkungen:

    Ich meine zunächst, dass wir bei Betrachtung der verschiedenen Erscheinungsformen des augenscheinlich selbstschädigenden Verhaltens einen besonderen Fokus auf die situative Relevanz der einzelnen Aspekte legen müssen:

    Bei Verhaltensweisen innerhalb der eigenen Privatsphäre dürfte etwa der Einfluss des sozialen Umfelds und der gesellschaftlichen Konventionen eher gering sein, sofern die Folgen dieses Handelns nicht in die Sozialsphäre ausstrahlen. Für die Frage, ob du an deiner Genitalwarze, an deinen Hämorrhoiden oder an sonst einer appetitlichen und nicht frei einsehbaren Stelle herumpulen solltest, dürfte deine Peer Group (ich verachte diesen Begriff und verwende ihn hier nur, um dies zum Ausdruck zu bringen) eher von untergeordneter Bedeutung sein, sofern du es nicht in aller Öffentlichkeit tust oder danach blutige oder eitrige Flecken an deiner Kleidung auftreten. Hier spielen eher persönliche Aspekte im Vordergrund, wie der eigene Lustgewinn oder einfach das Bestreben, diese unerwünschten Auswüchse vom eigenen Körper zu entfernen. Dabei hängt es von der jeweiligen Person ab, wie sehr diese das zugängliche Wissen und die hiermit prognostizierbaren Folgen miteinkalkuliert oder es bei den unmittelbar körperlichen Empfindungen bewenden lässt.

    In der Sozialsphäre hingegen, in Anwesenheit der eigenen Bezugspersonen dürften tendenziell soziale Anerkennung oder eine sonstige Interaktion mit dem eigenen Umfeld im Vordergrund stehen, wenngleich auch die unmittelbaren körperlichen Folgen weiterhin von Bedeutung sind. Hier wären etwa das Befolgen bestimmter Rituale oder Tapferkeitsbeweise einzuordnen, aber auch das Zurschaustellen eines gesellschaftsbezogenen Statements durch die eigene Körpergestaltung.

    Natürlich gibt es auch Verhaltensweisen, die beide Sphären berühren und in einander übergehen. Dies mag man sich etwa am Beispiel des mitten im Gesicht befindlichen Eiterpickels verdeutlichen, der, auch wenn er im Privaten bearbeitet wird, gut sichtbar bleibt, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt. Es gibt hier zwar keinen unmittelbaren Beobachter, die Folgen für das eigene Umfeld werden hier jedoch antizipiert und fließen auch in beträchtlichem Maße mit in die Entscheidung ein.

    Diese Überlegungen dürften eine erste, grobe Vorsortierung der zu untersuchenden Phänomene ermöglichen.

    Zweitens möchte ich anmerken, dass der Begriff der „Laesio“ seinem Ursprung nach nicht auf das Verursachen von Schmerz beschränkt ist, sondern sämtliche Formen der Schädigung erfasst. Schmerz mag hierunter ein besonders prominenter Fall sein, der in unserer Körperlichkeit besonders unmittelbar zum Ausdruck kommt, dennoch bedarf es meines Erachtens einer Begründung, weshalb sich die Betrachtung auf diese Gruppe beschränken sollte. Denn es gibt viele selbstschädigende Verhaltensweisen, die nicht unmittelbar einen Schmerzimpuls auslösen: Man denke nur etwa an den Konsum größerer Mengen Alkohol (Unwohlsein erst am nächsten Morgen) oder von Tabakwaren (wenn hier der Schmerz einsetzt, ist es schon zu spät).
    Auch hier sind Überlegungen sinnvoll, wieso sich die Akteure dennoch für die Beeinträchtigung eines Gutes entscheiden, und es sind hierfür ähnliche Faktoren von Relevanz wie in den genannten Beispielen. Ich plädiere daher dafür, den Horizont unserer Betrachtung entsprechend zu erweitern.

    Drittens möchte ich bezweifeln, ob ein gänzlicher Ausschluss pathologischer Verhaltensweisen wirklich sinnvoll ist. Denn was pathologisch ist, beruht ebenfalls auf Konvention und die Grenzen sind veränderlich. Außerdem sind auch hier grundsätzlich dieselben Motivationen vorhanden, wobei natürlich die Wahrnehmung, Wertung und Gewichtung der potentiell relevanten Umstände für Außenstehende oder den Betroffenen selbst nicht nachvollziehbar sein mögen.

    Zum Schluss möchte ich dir noch für dieses Thema danken, das meinem leicht morbid veranlagten geistigen Spieltrieb so viel Raum zum Austoben bietet 😉 Und natürlich für das tolle Beispiel von damals!

  3. Um die Faszination des Pulens an einer Schorfkruste und Ähnlichem und unsere Reaktion als Beobachter eines solchen Vorgangs unmittelbar zugänglich zu machen, möchte ich hier noch eine Filmempfehlung äußern: Der Film „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder vermag es in besonderem Maße diesen wohligen Schauder des zugleich abstoßenden und faszinierenden Ekels beim Zuschauer zu erzeugen und macht dies zum Teil sogar zum inhaltlichen Motiv. Besonders sei hier die Detailansicht einer Hornhautentfernung durch einen Fußfetischisten ans Herz gelegt, die in dieser Hinsicht wirklich meisterhaft ist.
    Wer also an einer Erfahrung in dieser Hinsicht interessiert ist, sollte sich den Film mit möglichst vielen anderen zusammen ansehen und sich an deren und den eigenen Reaktionen erfreuen. Insbesondere deren Mienenspiel ist mitunter einfach köstlich 😀

  4. Vielen Dank für den Kommentar. In vielen Dingen deckt sich das, was du theoretisierst mit genau dem, was ich praktisch gemacht habe, also möchte ich dazu nicht mehr Worte verlieren.

    Zur Sozialsphäre sei bloß erwähnt, dass soziale Konventionen, Normen, Regeln usw. sehr wohl einen nicht unerheblichen Einfluss auf unser Verhalten auch außerhalb der Anwesenheit der Repräsentanten hat. Freud verwendet hier ganz treffend den Begriff des „Über-Ichs“, ein anderer Bevorzugt vielleicht das „Gewissen“ oder ähnliches, das Resultat ist jedenfalls das gleiche: man kann selbst im Privaten nicht ohne den Gedanken entscheiden, wie es wäre, wenn das Private öffentlich wäre. Ich sehe die Trennung also nicht so dramatisch wie du, auch wenn das am ehesten nur eine Frage der Graduierung ist.

    Zu deiner zweiten Anmerkung im zweiten Kommentar sei richtig gestellt, dass die Laesio lucri die von mir gewählte Bezeichnung für das Phänomen ist. Die ist auch der Ausgangspunkt des Ganzen, nicht andersherum. Mir ist sie begrifflich lieber als ein Dolor lucri, weil es wichtig ist, zu erfassen, dass dem Schmerz ein aktiv sich zufügendes Element zu eigen ist, was dolor nicht erfasst. Verhalten wie Rauchen oder Konsum von Alkohol habe ich ausgenommen, weil er eben nicht primär als schmerzhaft erlebt wird und du richtig schreibst, dass hier das negative Element verschiebbar ist – es ist nur mittelbar und damit das Gegenteil vom hier beschriebenen, in dem das negative Element unmittelbar und das Positive mittelbar ist. Insofern ist also die von dir plädierte Erweiterung in die Eigenständigkeit auszugliedern, als sie das, worum es hier geht, verkehrt.

    Dem Dritten muss ich entschieden widersprechen. Konvention bedeutet, dass etwas seit geraumer Zeit so gemacht wird. Das ist nicht die Bedingung der Pathologie, sondern dass es eine relevante Abweichung von der Physiologie, dem „normalen“ gibt. Diese geht zwangsweise mit Leidensdruck und/oder kurz-, mittel- oder langfristigen naturwissenschaftlich objektivierbaren körperlichen Schäden einher. Dadurch ist zwar z.B. im psychiatrischen „Katalog“ von Pathologien einiges an historischer Veränderung zustande gekommen, das ist aber in erster Linie auf wissenschaftliche Entwicklung (und Lösen von gesellschaftlichen Konventionen, die du zu meinen scheinst, nicht ändern dieser!) zurückzuführen und nicht so verwaschen, wie du es dir vorstellst.

  5. Die erste Frage ist, wie du richtig feststellst, gradueller Natur: Ich leugne nicht, dass soziale Normen auch bis in die Privatsphäre wirken können, meine aber doch, dass ihr Einfluss dort tendenziell erheblich geringer ist als in Anwesenheit anderer. Zumindest ist dies der Fall, wenn man nicht generell davon ausgeht, andauernd beobachtet zu weden, z.B. durch Gott oder den Weihnachtsmann. Dann wirken sie lediglich insoweit ein als sie durch die Sozialisation die eigene Persönlichkeit geprägt haben; dies ist aber ein mittelbarer Einfluss. Bei Anwesenheit von Bezugspersonen ist hingegen auch ein unmittelbarer Einfluss gegeben, da das erwartete Verhalten hier situativ relevant ist und eine Anpassung an diese externe Vorgaben erfolgt (oder auch nicht).

    Beim zweiten Punkt bin ich mir natürlich deiner Eingrenzung des Themas bewusst. Mein Beitrag sollte lediglich als Ansatz dazu dienen, sich zu fragen, was gerade der wesentliche Unterschied des Schmerzzufügens zu anderen selbstschädigenden Verhaltensweisen ist. Du siehst ihn in der Unmittelbarkeit der Auswirkung und der anschließenden Endrophinproduktion. Für diesen Beitrag ist dies durchaus eine sinnvolle Grenzziehung. Für eine weitergehende Betrachtung der jeweiligen Motivationen kann jedoch auch eine Betrachtung der anderen Fälle sinnvoll sein. Natürlich wäre dann der Fokus ein anderer, da die zugrundeliegende Abwägung zwar ähnlich ist, die einzelnen Interessen jedoch verschieden sein können.

    Hinsichtlich des dritten Punktes habe ich natürlich ein wenig übertrieben. Ich will nicht leugnen, dass es oft objektiv feststellbare Anknüpfungspunkt für eine Grenzziehung gibt. Dennoch sollte man berücksichtigen, dass diese Grenze keine natürliche ist, sondern dass wir selbst es sind, die sie in unserer Theorie ersonnen haben. Tatsächlich erscheint mir der Unterschied eher ein gradueller und die Ziehung einer klaren Grenze dem praktischen Bedürfnis für eine solche geschuldet zu sein. Dies lässt einen gänzlichen Ausschluss der hierdurch erfassten Verhaltensweisen aus einer weitergehenden Untersuchung des selbstschädigenden Verhaltens meines Erachtens fragwürdig erscheinen. Du magst das anders sehen, hast aber vielleicht auch andere Erfahrungen mit diesem Bereich gemacht. Du kannst gerne versuchen mich hier zu erleuchten… 😉

  6. Mich interessiert der erste Punkt der Diskussion, das Verhältnis von Identität und Sozialsphäre. Weil ich nicht an der ontologischen Eigenständigkeit des Phänomens und seiner Präsenz in der Lebenswelt zweifle, sehe ich nicht ein, weswegen er im Übrigen auf Schmerz oder Pathologien reduziert werden sollte.
    Die Prägung, gar Entstehung des Selbst durch die Projektion ständig gegenwärtiger Öffentlichkeit nennt sich looking-glass-effect nach Charles Cooley. Bei ihm handelt es sich um einen symbolischen Interaktionisten, der das Relevanzsystem des Subjekts vollständig auf symbolische Konstruktion zurückführt. Es spielt in diesem Konzept gleichsam keine große Rolle, ob Mitmenschen an- oder abwesend sind.
    Obwohl mir dieser Ansatz vertraut ist, kann ich ihm nicht unumschränkt zustimmen. Die (auch symbolische) An- oder Abwesenheit des Anderen erzeugt unterschiedliche Atmosphären, die zwischen leiblicher Gegenwart und dem repräsentativen Einfluss des Über-Ichs variieren. Der Suggestion der Masse kann sich niemand durch Rekonstruktion einer anderen Lage erwehren. Ich selbst muss sagen, dass mich die laesio lucri zumeist ergreift, wenn ich unter fremdem Einfluss leiblich erregt, in Unruhe gebracht bin. Mal erscheint sie mir unter dieser Voraussetzung kompensatorisch, ein andernmal indes treibt mich die Situation zu ihr, weil das klare Bewusstsein verdrängt worden ist.

    1. Ich schmunzele gerade darüber, dass du (passend zum Untertitel dieses Blogs) den Einfluss „der Masse“ als einen negativen, „das klare Bewusstsein verdrängenden“ empfindest und selbstschädigendes Verhalten als eine unwillkürliche Reaktion auf diesen Einfluss beschreibst. Ich habe den Verdacht, dass dies auf der Prämisse beruht, das eigene Verhalten wäre grundsätzlich rational, sodass irrationale Verhaltensimpulse von Außen kommen müssen. Das passt, sagt aber mehr über dich aus als über das zu untersuchende Phänomen. 😉

      Unabhänig hiervon und von dem oben eingebrachten Gedanken des Über-Ichs scheint mir aber doch das Bewusstsein der Privatheit ein Kriterium zu sein, dass bei der Betrachtung berücksichtigt werden sollte. Denn wer würde sich schon mitten auf der Straße einen Pickel ausdrücken? Ist man dagegen ungestört allein in seiner Wohnung, ist die Situation schon eine ganz andere. Diesen grundsätzlcihen Unterschied kann man meines Erachtens nicht leugnen.

  7. An Marcel zum dritten Punkt:
    Vorab sei gesagt, dass ich (überspitzt!, das Leben ist ja nicht nur Studium) seit über vier Jahren nichts anderes tue, als mich mit dem zu beschäftigen, was physiologisch, pathologisch und pathogenetisch ist.

    Es gibt für fast alle Krankheiten klare, physisch greifbare (d.h. mit wissenschaftlichen Methoden messbare) Korrelate. Physiologie und Pathologie können nicht deduktiv erschlossen werden, was du ja zu vermuten scheinst. Sie entstehen nicht durch Introspektion (dein „Bedürfnis“) sondern induktiv aus dem „Zwang der Wirklichkeit“ (in einem anderen Kontext wäre die begriffliche Differenzierung auch vermutlich unsinnig).

    In deinen Worten: Wir haben die Theorie historisch nicht einfach ersonnen, sondern erkannt. Wohlgemerkt war diese hierfür angewandte Methodik, obwohl im konkreten Fall der Naturwissenschaft zuzuordnen, lange Zeit den Geisteswissenschaften Untertan gewesen und hat sich erst mit dem Paradigmenwechsel in der Medizin (Abkehr von der Schrift als Quelle der Wahrheit, Zuwendung zum Experiment)im 18. und 19. Jahrhundert zu dem verpuppen können, was sie heute ist (die evidenzbasierte Medizin).

    Es ist bei weitem nicht so gemeint, dass wir zur gänze und bis ins kleinste Detail verstanden hätten, wie alles an Gesundheit und Krankheit funktioniert (d.h. wir leben in unserem Studiengang damit, dass wir auf die „Wie funktioniert X?“-Frage oftmals keine Anwort bekommen können). Man kann aber eben nicht von einer willkürlichen Grenze ausgehen, die prinzipiell graduell wäre. Auch nicht bei dem oben beschriebenen selbstverletzendem Verhalten. Ich schrieb ja bereits, dass es im Grunde nur auf vorbestehenden Störungen entsteht, die eben nicht gradueller Natur sind oder – wenn doch – klar und verständlich graduierbar sind, sodass an der Graduierung (dies betrifft vor allem Schweregrade der Erkrankungen) und der Differenzierung trotzdem kein Zweifel bestehen kann.

    Falls dich das jetzt immer noch nicht zufrieden stellt, empfehle ich dir, dich für den Studiengang Humanmedizin zu bewerben – das Ausmaß unserer Ausbildung und vor allem der Überblick über Krankheit und Gesundheit ist schwerlich in ein paar Absätze kondensierbar. 😉

    1. Danke für diese Ausführungen! Wie gesagt, lasse ich mich hier gerne überzeugen. Als Jurist hat man schließlich nicht den besten Zugang zu dieser Thematik. Da kommt man nur mit deinem Fachbereich in Berührung, wenn z.B. die Schuldfähigkeit eines Angeklagten in Zweifel gezogen wird und dann verschiedene Sachverständige hierzu konträre Gutachten abliefern. Das weckt dann nicht gerade das größte Vertrauen in die Objektivität dieser Disziplin, dürfte aber durchaus auch der Schwammigkeit unserer Rechtsbegriffe und dem damit einhergehenden Interpretationsspielraum geschuldet sein. Zudem ist einem Laien der Zugang zu den frühen eher geisteswissenschaftlich-theoretischen Texten von Freud, Jung, etc. deutlich leichter möglich als zu heutigen naturwissenschaftlich-medizinischen Veröffentlichungen, sodass der Eindruck einer weitgehend theoretischen Betrachtung hängenbleibt, obwohl man weiß, dass diese nichts mit der heutigen Herangehensweise zu tun haben. Auch die Eindrücke, die man hier im akademischen Umfeld durch bekannte Psychologiestudenten gewinnt, lassen (zumindest nach meiner Erfahrung) eher an der Objektivität zweifeln: z.B. der Bereich der Verhaltensforschung (insbesondere hinsichtlich der Untersuchung des Problemlöseverhaltens) hat mich einige Defizite vermuten lassen. Dass dieser Eindruck einseitig ist, liegt auf der Hand. Deshalb freut es mich, zu hören, dass zumindest innerhalb deiner Disziplin weniger widerstreitende Ansätze und Meinungen zu bestehen scheinen, als es diese flüchtigen Einblicke erwarten lassen. Es wäre auch zu schade, wenn ihr uns Juristen zu ähnlich wäret 😉
      Dennoch würde mich interessieren, was genau die Grundlage für die Beurteilung als pathologisch ist. Deine Ausführungen lassen ja hoffen, dass als Maßstab nicht boß eine aus statistischen Betrachtungen gewonnene Norm herangezogen wird, sondern verlässslichere Kriterien. Könntest du das vielleicht an einem auf das vorliegende Thema bezogenen Beispiel erläutern?

  8. Die Frage der Schuldfähigkeit ist tatsächlich eine sehr interessante, aber zugleich eine ganz und gar verschiedene zur Frage nach Krankheit oder Gesundheit. Es geht ja eher darum, zu beurteilen, ob eine Krankheit (oder ein vorübergehender Zustand bei sonstiger Gesundheit) in der Lage ist, eine Tat einer Person als von „innerhalb“ der Person entstehen lässt, die Person aber keine Möglichkeit hatte, sich dagegen zu „wehren“.

    Du schreibst wieder, dass der Maßstab „bloß“ statistisch erhoben sei. Das Bloß ist hier der Fehler, den ich dir oben schon versucht habe, auszutreiben. 😉 Es geht in erster Linie um eine naturwissenschaftliche Definition des Regel- (Gesundheit, Physiologie) und des Ausnahmezustandes (Krankheit, Pathologie). Dies geschieht durch Beobachtung und der daraus abgeleiteten Formulierung von Gesetzmäßigkeiten (Formal: induktive Logik). Dies ist aber nicht „bloß“ statistisch, sondern gerade objektiv. Statistik ist in der Naturwissenschaft nicht einfach als argumentum ad populum zu verstehen, was kein formales, logisches Argument ist und du ja unterstellst, sondern den Gesetzen der Logik unterworfen (s.O. und vorheriger Kommentar).

    Wenn ich deine Fragestellung richtig deute, suchst du nach einer a priori festlegbaren Grenze zwischen Gesund und Krank, die entweder axiomatisch oder selbstevident sein soll. Dies ist nicht möglich, oder jedenfalls nur in so holperigen Fällen wie anhand der WHO-Definiton von Gesundheit zu sehen und nicht das Ziel der Medizin, denn dann würden wir vermutlich immer noch nach Humoralpathologie, Hippokrates & Co. therapieren und der Regelfall des Arztbesuches wäre dann vermutlich ein Aderlass von 100ml bis 3l.

    Zum Beispiel: Möchtest du jetzt wissen, warum eine der Pathologien pathologisch ist, oder warum die Laesio lucri nicht pathologisch ist?

    1. Wiederum möchte ich dir für deine Antwort und den angenehm humoristischen Stil deiner Ausführungen danken 😉
      Ebenfalls möchte ich dir dafür danken, dass du den eigentlichen Kern meiner missverständlichen Äußerung (Kommentar 2, Punkt 3) bereits erfasst und zugestanden hast: Es gibt keine genau feststehende Grenze zwischen krank und gesund. Man hat zwar objektiv feststellbare Anknüpfunspunkte für diese Grenzziehung und kann mit den Mitteln der Statistik die Signifikanz einer Abweichung von einer Norm beurteilen, die Grenzziehung selbst ist jedoch nicht eindeutig vorgegeben. Denn selbst hier bedarf es einer Wertung, nämlich hinsichtlich des erforderlichen Signifikanzgrades (wie auch immer ihr das nennen mögt) der jeweiligen Abweichungen. Mit dem „bloß“ wollte ich auf diese trotz allen objektiven Anknüpfunspunkten verbleibende Subjektivität verweisen, die eben doch (zumindest meines Wissens) primär durch Dogmatik, also durch eine Art Konvention bestimmt zu sein scheint. Mit meinem ursprünglichen Kommentar zielte ich darauf ab, unter Verweis auf die Schwierigkeit einer genauen Abgrenzung in diesem Randbereich einer möglicherweise zu engen Wahl des Untersuchungsgegenstandes entgegenzutreten.
      In diesem Kontext ist auch meine Bitte um ein Beispiel zu sehen: Mich würde interessieren, was pathologisches Verhalten derart von „normalem“ Verhalten unterscheidet, dass dies dessen gänzlichen Ausschluss von der vorliegenden Untersuchung erfordert, und an welchen Kriterien du dies festmachst. Deshalb berührt meine Bitte beide Bereiche.

      Auf die Gefahr hin, mich noch unbeliebter zu machen, möchte ich noch ketzerisch auf den Unterschied zwischen Handwerk und Wissenschaft verweisen: Entgegen landläufiger Meinung kann etwa zwischen Rechtswissenschaft und einer praxisorientierten Jurisprudenz unterschieden werden. Könnte dies nicht auch auf den medizinischen Bereich zutreffen? Ein Handwerk bedarf schließlich nicht der Ergründung aller theoretischen Fragen, sofern sich mit den zugrundegelegten Hypothesen oder Konventionen brauchbare Ergebnisse erzielen lassen. Wo würdest du deine Disziplin verorten? (Ich bin mir der Dreistigkeit dieser Frage sehr wohl bewusst und nehme sie im Interesse einer entsprechenden Antwort billigend in Kauf 😉 )

  9. Mag Krankheit auch nicht an sich sein, so ist sie gewiss nicht bloß subjektiv. Wovon wir hier sprechen müssen, ist im Sinne Nicolai Hartmanns, dass Krankheit objektiviert ist. Mit dem Menschen tritt die Eventualität der Krankheit in die Welt. Mag auch die Konvention über Diagnostika entscheiden, so ist es nicht diskutabel, ob das psychisch und somatisch Verletzte, Behinderte oder Entartete krank ist. Diese Aussage steht – zunächst – jenseits aller wertenden Implikationen, diesseits der notwendigen Leiblichkeit von Krankheit. Die Argumentation des Relativismus mag somit allenfalls innerhalb bestimmter Konformismen gelten. Tatsächlich ist Krankheit aber keine Konstruktion, sie ist ein wesentliches Merkmal von Menschlichkeit. Die Phänomenalität des Leidens ist der Imperativ der Heilkunde, alles Kalkül wie jede Utopie (nach Ernst Bloch ist die Utopie der Medizin die Unsterblichkeit) ist Epiphänomen.
    Bezüglich der Profession von Praxis und Theorie pflichte ich einer klaren Sezession bei. Die Medizin ist ein hypertropher Handwerksberuf, die Juristerei Verwaltungswesen. Ihre wissenschaftliche Reflexion mag in Rechts- und Medizinwissenschaften erfolgen.

  10. Ich möchte gern nochmals auf den Beginn der Diskussion zurückkommen und mich mit der Frage beschäftigen, inwieweit die hier so bezeichnete „laesio lucri“ in der Öffentlichkeit und im Privaten ausgeübt wird und welche Gründe hierfür bestehen. Sicherlich ist dem zuzustimmen, dass einige dieser Läsionen dem Selbst zugefügt werden, um ästhetischen Vorstellungen der Gesellschaft zu genügen. Dies mag insbesondere auf das Ausdrücken von Pickeln zutreffen. Jedoch kann dies nicht der einzige Beweggrund sein; denn wie schon richtig angeführt wurde, werden diese Selbstverletzungen auch an Körperstellen durchgeführt, wo die Öffentlichkeit keinerlei Einblick hat. Als Vorstellung genügt schon ein Pickel auf der Kopfhaut unterhalb der Haare, der lediglich erfühlbar ist. Nicht zuletzt werden auch Handlungen vorgenommen, die der Schönheit zuwiderlaufen, wie das Abreißen von Hautteilen der Lippen. Hierfür muss es andere Motive geben. Dafür spricht auch das bereits angeführte Faktum, dass kaum jemand sich „auf offener Straße“ einen Pickel ausdrückt. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, sich einen Pickel ausgedrückt zu haben, nicht aber, es öffentlich zu tun.
    Die laesio lucri ist meines Erachtens vielmehr auf einen inneren Reiz zurückzuführen, der nicht von einem einzelnen Ziel beeinflusst wird, sondern ein ganzes Zweckbündel umfasst. Diese Zwecke sind teils rational, zu einem großen Teil aber von irrationalen Gedankengängen geprägt.

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