Überlegungen zu Determinismus und Willensfreiheit: Von Verantwortung, Kausalität und der Lebenswirklichkeit

Ausgangspunkt: Die Lebenswirklichkeit

In unserem täglichen Leben treffen wir viele Entscheidungen. Wir beschließen, bewusst oder unbewusst, etwas zu tun oder zu unterlassen. Das beginnt morgens etwa mit der Frage, ob wir aufstehen oder lieber noch ein wenig im Bett bleiben, uns Frühstück zubereiten oder nicht, und, wenn ja, was genau wir hierzu auswählen sollen. Ebenso stellt sich am Abend die Frage, wann es andere Tätigkeiten einzustellen und zu Bett zu gehen gilt. So banal diese willkürlich ausgewählten Beispiele für alltägliche Entscheidungen auch anmuten mögen, können sie doch gewichtigen Einfluss haben auf den weiteren Verlauf unseres Tages und unseres Lebens. Nicht nur hängt davon ab, wo wir wann welchen Menschen begegnen, welchen Eindrücken wir uns aussetzen, sondern auch in welcher körperlichen, emotionalen oder geistigen Verfassung wir uns befinden und welche Entscheidungen wir als nächstes zu treffen haben.

Betrachten wir den Entscheidungsfindungsprozess selbst, vermögen wir oft nicht genau zu sagen, was uns genau zu der einen oder der anderen Entscheidung bewegt hat. Vielleicht haben wir spontan oder aus dem Bauch heraus gehandelt, vielleicht haben wir verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abgewogen und uns für die Variante mit den vermeintlich besten Folgen entschieden, vielleicht haben wir uns von einer persönlichen Vorliebe oder Abneigung leiten lassen, vielleicht haben wir auch bloß das Bekannte dem Unbekannten vorgezogen oder umgekehrt. Unsere Entscheidungen mögen rational oder irrational anmuten. Es mögen einige besonders dominierende Erwägungen ausfindig gemacht und als maßgeblich identifiziert werden können. Aber auch dort stellt sich die Frage nach dem Ursprung dieser Erwägungen und dem Grund für die Wahl dieser Herangehensweise an die Situation. Dies hängt von so vielen Einflussfaktoren ab und beruht wiederum auf so vielen vorgelagerten Fragen, dass eine vollständige Rekonstruktion unmöglich sein dürfte.

Dennoch sind wir uns unserer Selbst bewusst, können unseren Gedanken eine Richtung geben, Entscheidungen treffen, uns über einfache Triebe stellen, auch wider unsere Bedürfnisse handeln, sogar den eigenen Tod wählen. Hierdurch grenzen wir in unserem Selbstverständnis uns vom gewöhnlichen Tier ab, das als instinkt- und triebgesteuert interpretiert wird. Insoweit sei auf meine Kommentare zum cartesianischen Dualismus im vorangegangenen Artikel verwiesen. Unsere Umwelt erscheint uns als von bloßer Kausalität gesteuert, während wir selbst unseren eigenen Weg bestimmen. Wir sehen uns und erfahren uns als autonome Wesen, als Herren der eigenen Entscheidungen.

Vereinbarkeit der Lebenswirklichkeit mit deterministischen Ansätzen?

Eine Weltanschauung, die im Widerspruch hierzu die Vorbestimmtheit allen Seins, jeden Ereignisses, jeder Handlung oder Entscheidung, ja der gesamten Existenz selbst postuliert, muss daher zwangsläufig zunächst auf Widerstand stoßen. Jedoch stellt sich die Frage, ob dies berechtigt ist. Schließen sich Determinismus und Willensfreiheit tatsächlich aus? Muss ein deterministisches System die Selbstwahrnehmung des Menschen als Irrglauben, als Illusion verwerfen? Ich meine, dass dies nicht der Fall ist.

Kehren wir zurück zu den eingangs durchgeführten Betrachtungen: Unser Leben stellt sich als ein komplexes Geflecht von eigenen Entscheidungen und externen Einwirkungen dar, die sich mit voranschreitender Zeit gegenseitig beeinflussen. Wir existieren nicht isoliert, sondern sind Teil dieses Gefüges, sind dessen Einwirkungen ausgesetzt und interagieren mit ihm. Unser Handeln wirkt auf die Elemente dieses Systems ein, wird aber gleichfalls auch durch sie beeinflusst. Dies legt zumindest die Frage nahe, wie weit dieser Einfluss reicht, wie viel autonom und wie viel heteronom bestimmt ist.

Um diese Frage zu beantworten, gilt es zunächst zu überlegen, was uns eine autonome, also selbstbestimmte Entscheidung ermöglicht und worauf diese basiert. Als Antwort drängen sich Begriffe wie das eigene Selbst, die eigene Persönlichkeit, der Intellekt, die Vernunft, die Seele, etc. auf. Doch sind diese jeweils selbst ein noch zu ergründendes Mysterium und ihr Wesen liegt weitgehend im Dunkeln. Anhand der eigenen Lebenserfahrung können wir jedoch ein paar grundsätzliche Aussagen treffen: Wir leben in  der Zeit und haben eine Geschichte. Wir entwickeln uns körperlich, wie auch geistig, haben Erinnerungen, sind fähig Erfahrungen zu verarbeiten und aus ihnen zu lernen und können diese zur Basis weiterer Schlussfolgerungen machen. Da wir also nicht bloß im Moment existieren, sondern Vergangenheit und Zukunft haben, uns ihrer bewusst werden bzw. diese antiziperen können und dies in unser Handeln bewusst oder unbewusst einfließen lassen, griffe eine rein empirisch motivierte Ablehnung des Determinismus mit der Begründung, dass man sich in einem Moment so oder so entscheiden könne, zu kurz. Denn uns macht unsere Geschichte aus, die Gesamtheit der vergangenen und gegenwärtigen Eindrücke, Erfahrungen, Gedanken, Erinnerungen, und deren Wechselwirkungen untereinander.

Die eigentliche Frage müsste daher folgendermaßen lauten: Wäre es mir – so wie ich jetzt gerade in diesem Moment bin – möglich, mich in dieser gegenwärtigen Situation auch anders zu entscheiden oder gibt mir mein Sosein bereits vor wie ich mich entscheide?

Hierzu drängt sich mir folgender Gedankengang auf: Wenn die Zeit linear voranschreitet, liegt die Ursache stets zeitlich vor der Wirkung und die Wirkung folgt der Ursache nach. Das, was in diesem Moment existiert, kann nur aus dem hervorgegangen sein, was in unserer Zeitlinie zuvor existierte. Selbst wenn wir fähig wären, durch die Zeit zu reisen und an einen Punkt in unserer Geschichte zurückzukehren, setzte sich unsere eigene Geschichte, unsere eigene persönliche Zeitlinie weiter fort und unser derzeitiges Selbst hätte sich immer noch aus demjenigen entwickelt, das in unserer persönlichen Vergangenheit liegt (auch wenn sich diese äußerlich nicht ereignet hätte). Dies führt dazu, dass wir dieselbe Situation nicht zweimal erleben, weil wir das zweite Mal bereits ein Anderer sind. Dieses Gedankenspiel führt also zu keinem Ausweg aus dem aufgezeigten Dilemma. Hierzu müsste man schon fingieren, dass sich der Fluss der Zeit umkehrte und man selbst und alles Übrige körperlich wie geistig in den damaligen Zustand zurückversetzt würde.  Wenn in dieser Situation ein anderer Verlauf, eine andere Entscheidung möglich wäre, wäre der Determinismus widerlegt. Aber wie sollte sich in einer absolut, also hinsichtlich jedes Moleküls und jeder Energieladung identischen Situation spontan etwas anderes ergeben, ohne dass hierzu eine Einwirkung von etwas außerhalb der Zeit befindlichem hinzugedacht wird?

Man mag hier Zufall ins Feld führen, doch wenn man sich auf den Grundsatz der Kausalität einlässt, stellt sich dieser selbst ebenfalls als eine, im Einzelnen unbekannte, Abfolge von Ereignissen dar und vermag keine abweichende Entwicklung zu begründen.

Wenn wir also behaupten wollen, nicht kausal determiniert zu sein, müssten wir darlegen, dass sich aus unserem Intellekt spontan etwas gewinnen ließe, das keine Beziehung zu etwas Vergangenem hätte. Da wir aber in Raum und Zeit leben und uns in ihr entwickeln, ist es das Spontane, das von Kausalität Losgelöste, das von unserer Lebenswirklichkeit abweicht und einer Begründung bedarf. Bis diese Begründung erfolgt, erscheint der Determinismus nicht nur mit der Lebenswirklichkeit vereinbar zu sein, sondern ihr sogar in besonderm Maße zu entsprechen.

Folgerungen aus deterministischen Ansätzen für die Lebenswirklichkeit: Wo bleibt die Verantwortung für das eigene Verhalten?

Was aber folgt aus diesem deterministischen Ansatz? Man könnte jetzt einwenden (was überraschenderweise selbst von Juristen getan worden ist), dass bei vollständiger Determination niemand für sein Tun verantwortlich sei, dass es keine Schuld gäbe und niemand zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, dass Strafgesetze keinen Sinn hätten und dass Generalprävention keinen Erfolg haben könne. Dies beruht jedoch auf einem entscheidenden Missverständnis: Nur weil der Willensbildungsprozess kausal determiniert ist, heißt das nicht, dass wir keinen eigenen Willen haben und nicht autonom handeln und entscheiden können. Denn wir haben in jedem einzelnen Moment unseres Lebens die freie Wahl zwischen allen zur Verfügung stehenden Alternativen, auch wenn diese Wahl selbst Teil des zeitlichen Kausalverlaufs ist. Schließlich gehören unsere Erfahrungen mit unserer Existenz, unserer Lebenswirklichkeit und mit unseren sozialen Systemen zu den wesentlichen Elementen, die unser Entscheidungsverhalten beeinflussen. Innerhalb dieser Systeme werden wir aber tagtäglich mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion konfrontiert. Unser Verhalten hat Konsequenzen. Bei einer derartigen Sozialisation bildet sich zwangsläufig ein Verantwortungsgefühl aus und die abzusehenden Folgen unseres Tuns fließen in unsere Entscheidungen ein. Hier setzt nun aber unsere Rechtsordnung und insbesondere das Strafrecht an: Sie sanktioniert unerwünschtes Verhalten und gibt so Impulse die unsere Entscheidungen beeinflussen. Letztlich bleibt auch bei einer deterministischen Weltsicht unsere soziale Realität bestehen. Sie fußt lediglich auf einem anderen weltanschaulichen Konzept, auf einer anderen Deutung des Bestehenden.

Vom Nutzen deterministischer Überlegungen

Man mag sich nun berechtigterweise fragen, welchen Nutzen deterministische Überlegungen haben, wenn sich letztlich sowieso nichts ändert. Diese Frage könnte man den Vertretern vieler Weltanschauungen stellen. Ohne eine praxisbezogene Komponente bleibt es oft bei funktionsloser Theorie und amüsantem Zeitvertreib.

Der wesentliche Nutzen, der sich aus diesen Überlegungen ziehen lässt, ist wohl die Erkenntnis, dass alle unsere Entscheidungen Konsequenzen haben, die oft nicht absehbar sind. Es wird der Blick dafür geschärft, dass wir selbst nicht nur im Moment existieren, sondern in einem komplexen Geflecht, sich gegenseitig beeinflussender Akteure. In diesem Bewusstsein sollten die Folgen unseres Tuns, soweit möglich, bedacht und bei der eigenen Enscheidung berücksichtigt werden. Dies führt im Idealfall zu einer stärkeren gesellschaftlichen Verantwortung und der Berücksichtigung des allgemeinen Wohls und dem unserer Umwelt.

So paradox es klingen mag: Durch die Erkenntnis der kausalen Verknüpfung wird das Ausmaß der eigenen Freiheit erst bewusst gemacht: Jeder ist des eigenen und des allgemeinen Glückes Schmied, auch wenn er dabei nach einem festgelegten Verfahren agiert.

Zum Abschluss

Vieles des hier Dargelegten mag zunächst als wirr und konfus empfunden werden. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Gedankenspiel, eine philosophische Übung, der Versuch einer alternativen Betrachtung der Welt und ein Ausgangspunkt für weitere Überlegungen. Deshalb soll bewusst die Diskussion angeregt und Kritik emöglicht werden. Dieses Modell erhebt keinesfalls den Anspruch, das einzig stimmige zu sein, sondern lediglich eine denkbare Sicht der Dinge. Widerspruch ist deshalb willkommen, wird aber erwidert werden…

Für eine weitergehende Diskussion sei hier auf die zahlreiche zu diesem Thema vorhandene Literatur verwiesen, die ich natürlich nicht herangezogen habe. Insbesondere das umstrittene Libet-Experiment habe ich bewusst nicht berücksichtigt. Als stärker akademischer Einstieg mag hier etwa ein Skript zu einem Seminar von Prof. Dr. Funke dienen, das ich auf folgender Seite entdeckte: https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/030623_Freier_Wille.pdf

4 Gedanken zu „Überlegungen zu Determinismus und Willensfreiheit: Von Verantwortung, Kausalität und der Lebenswirklichkeit“

  1. Der hier vorgetragene Kommentar zum Leib-Seele-Problem hat zwei Komponenten: einen holistischen Physikalismus: alles ist kausal; und einen internalistischen Libertarismus: dennoch erleben wir uns als frei. Nicht erst, weil es sich bei dem Thema um einen prominenten zeitgenössischen Diskurs handelt, lohnt ein Kommentar.
    Erstens ist zur gewählten Perspektive des erörternden Erlebnisberichts zu sagen, dass ihr die Anschlussfähigkeit für Gegenpositionen fehlt. Mit dem Gedanken, dass Naturwissenschaft keinen blinden Fleck hat und es dennoch etwas bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, kann sich letztlich jeder Mensch intuitiv anfreunden – insbesondere im westlichen Individualismus der Gegenwart. Eine philosophisch problematisierende Darstellung erleichtert an dieser Stelle, auf den Konflikt hinzuweisen: Das Leib-Seele-Problem besteht klassischer Weise aus drei Propositionen:
    a) Die materielle Welt ist kausal geschlossen;
    b) der Geist ist nicht materiell;
    c) Der Geist wirkt auf den Körper ein.
    Die Crux ist, dass sich nicht alle drei Propositionen behaupten lassen, weil jeweils zwei gewählte die dritte ausschließen. Ohne die drei Sätze ist das Problem abgeschafft. Was im obigen Text betont wird, ist, dass Satz a) Geltung habe. Dass Satz c) ebenfalls erhalten bleiben soll, zeigt sich daran, dass der Autor von Entscheidungen spricht, die unsere Lebenswirklichkeit ausmachten. Deswegen handelt es sich im vorliegenden Fall um einen materialistischen Monismus. Willensfreiheit ist ein psychischer Zustand, keine extrakausale Wirkursache. Es geht um das Erleben , nicht um das Sein, wenn von (Willens-)Freiheit die Rede ist.
    Zweitens sind Monismen keine extravagante Position – sie beherrschen den gesamtwissenschaftlichen Diskurs. Die Alternative des Dualismus wird zeitgenössisch nur als „methodischer Dualismus“ vertreten, der jedoch die Frage nach der Ontologie der Welt unangetastet lässt (ob also die Welt kausal geschlossen ist). Er ist durch die Überzeugung spezifiziert, dass psychische und materielle Substanzen zu unterscheiden sind (also These b akzeptiert wird), weil jede beobachtete Materie die Beobachtung voraussetzt. Es handelt sich also um ein erkenntnistheoretisches Argument.
    Drittens folgt dem methodischen Dualismus in weiten Teilen die „Kompatibilismus“ genannte Position in der Leib-Seele-Debatte. Sie begründet die Willensfreiheit darin, dass die Welt zwar kausal geschlossen sein mag, aber ein separater (transzendentaler) Prozess der Materie aufruht. Am prominentesten wird diese These von Immanuel Kant vertreten. Als „Komplementarismus“ ist eine andere Nuance dieser Geisteshaltung bekannt, die physische und psychische Existenz trennt, weil sie nur unabhängig voneinander beobachtet werden können.
    Viertens existieren auch strikt monistische Optionen, die sich als Epiphänomenalismus zusammenfassen lassen. Die Grundüberzeugung ist, dass – im Sinne Max Schelers – sich die Welt stufenweise aufbaut und vegetative Tiefenschichten höhere Existenzformen ermöglichen. Dies ist z. B. systemtheoretisch denkbar (hier ist nicht von Materie, sondern von Systemen als kleinster Einheit die Rede [so paradox es klingen mag]), wenn das emergente psychische System seine eigenen Handlungen selbstreferenziell als Grundlage späteren Handelns macht. Es wird auch die „Supervenienztheorie“ vertreten, die besagt, dass mentale Ereignisse phänomenale Realität haben, die eigenständigen Gestzmäßigkeiten gehorcht, aber keinen ontischen Bestand hat.
    Fünftens sollten auch pragmatische Positionen Erwähnung finden, die die Relevanz der Introspektion leugnen. Nach ihrer Interpretation ändert sich nichts im Vollzug der Welt, wenn der Wille frei ist.

    Die Willensfreiheitsdebatte hat zahlreiche wissenschaftshistorische Tiefenschichten und verlangt eine differenzierte Auseinandersetzung. Der vorliegende Text ist eine Loyalitätsbekundung zu einem schwachen Begriff von Willensfreiheit, der sich mit der Selbstbeschreibung zufriedengibt: „Unsere Umwelt erscheint uns als von bloßer Kausalität gesteuert, während wir selbst unseren eigenen Weg bestimmen. Wir sehen uns und erfahren uns als autonome Wesen, als Herren der eigenen Entscheidungen.“ Es geht hier um den Schein und die Wahrnehmung von Freiheit.
    Nach meinem Dafürhalten ist die vorgetragene Position etwas zahnlos – sie steht zwischen den Optionen eines radikalen und tollkühnen Libertarismus, der den spontanen Eingriff in den Geschichtsverlauf behauptet, und eines herzlosen und kalten Determinismus, der nicht auf ein bloß palliatives „Verantwortungsgefühl“ angewiesen ist, sondern leugnet, dass Straftäter hätten anders handeln können.
    Meine eigene Meinung bringe ich ein, sobald der feurige Diskurs entbrannt ist.

    1. Zunächst möchte ich dir für den theoretischen Unterbau danken, den ich (nicht zuletzt auch in Hinblick auf deine diesbezügliche Expertise) im vorliegenden Artikel bewusst ausgespart habe. Diesen Ausführungen und deinem Hinweis auf eine mangelnde Anschlussfähigkeit für Gegenpositionen entnehme ich, dass du mir innerhalb des von mir gewählten induktiven Ansatzes, der als Fundament nur der eigenen Lebenserfahrungen bedarf, nicht widersprechen kannst oder willst, dich im Interesse der weiteren Diskussion aber aufraffst, mir dennoch im Rahmen eines größeren Kontextes zu widersprechen. Auch dafür sei dir gedankt. Denn jetzt, da der freie Gedankengang in ein geisteswissenschaftlich-dogmatisches Korsett gezwängt ist, fällt das Kritiseren auch schon viel leichter… 😉

      Dass du die hier vorgetragenen Überlegungen für „zahnlos“ hältst, mag ebenfalls der gewählten Darstellungsweise liegen. Mir ist bewusst, dass sich durch derartige Spekulationen keine sicheren Erkenntnisse hinsichtlich unserer Streitfrage gewinnen lassen. Dies würde schließlich darauf hinauslaufen, vom eigenen Verstand die dazugehörige Bedienungsanleitung samt Verlaufsprotokoll zu verlangen. Die extremen Theorien, also die „mit Biss“, kämpfen daher auf verlorenem Posten und vermögen sich nur durch Einsatz eben selbiger Zähne gegen einander zu behaupten.
      Deshalb zielt der vorliegende Beitrag gerade nicht auf eine Entscheidung des Streites ab, die am verbissenen Beharren auf den konträren Grundkonzepten scheitern würde, sondern begnügt sich mit einer Beweislastverteilung: Lässt man sich darauf ein, dass den eigenen Erfahrungen überhaupt eine über das bloße „cogito ergo sum“ hinausgehende Aussage über das Sein entnommen werden kann, dann liegt es nahe, diese Lebenswirklichkeit zum Ausgangspunkt der Überlegungen zu machen und bis zur Erbringung des Gegenbeweises derjenigen Theorie den Vorzug zu geben, die ihr am ehesten entspricht.
      Meines Erachtens ist dies die hier geschilderte gemäßigte Theorie: Ein totales Leugnen der Entscheidungsmöglichkeit hätte keinerlei Bezug zu unseren Lebenserfahrungen und wäre daher nur vertretbar, wenn wir diesen jede Erkenntnismöglichkeit absprächen und dieser Theorie selbst somit die eigene Grundlage entzögen (denn wo soll diese Theorie sonst herkommen, wenn wir nur die eigene Fähigkeit, etwas anzuzweifeln, als wirklich anerkennen?). Ein extremer Libertarismus würde dagegen einen Zugang des Menschen zu etwas Transzendentem voraussetzen, das unabhängig von der eigenen Vergangenheit existiert und sich ohne Grund, ohne Ziel und ohne irgendeine Veranlassung wandelt. Da eine kritische Betrachtung unserer Lebenswirklichkeit dem, wie oben dargestellt, eher entgegensteht, wäre es daher Aufgabe dieser Theorie, ihre Prämisse zu validieren, was indes aussichtslos erscheint.

      Deshalb ist dein Fazit in der Tat richtig, dass sich meine Aussagen über die Willensfreiheit in der Beschreibung unserer Wahrnehmung derselben erschöpfen. Denn diese ist ja gerade der phänomenale Ausgangspunkt der Überlegungen, nicht aber deren Ziel. Auch wenn ich diese Fragen in meinen Ausführungen gestreift habe, lautet meine eigentliche Fragestellung nicht „Wie frei ist unser Wille?“ oder „Haben wir einen freien Willen?“, sondern „Lässt sich unsere Wahrnehmung eines freien Willens mit deterministischen Ansätzen vereinbaren und, wenn ja, sind diese den rein libertarischen Ansätzen vorzuziehen?“ Dies glaube ich trotz der durchaus vorhandenen Missverständlichkeit meiner Ausführungen zufriedenstellend beantwortet zu haben.

      Da ich also einer anderen Fragestellung nachgegangen bin als derjenigen in der von dir dargestellten Diskussion, muten deine Bemühungen, meine Ausführungen in dem dazugehörigen Schema zu verorten, an wie die Bemühungen des Prokrustes, Reisende an sein Bett anzupassen 😉
      Trotzdem danke für den zusätzlichen Kontext!

  2. Herzlichen Dank zunächst für diesen Beitrag, der hoffen lässt, eine weitreichende Diskussion zu entfachen. Gern möchte ich selbst dazu beitragen und den induktiven Ansatz fortführen. Meines Erachtens ist die Schwachstelle der hier vertretenen Ansicht das bewusst ausgesparte Faktum, dass Spontaneität einen Einfluss auf Entscheidungen haben kann. Zwar ist nicht zu leugnen, dass die Sozialisation und das soziale Umfeld einen erheblichen Teil der Entscheidungsmöglichkeiten ausschließen; jedoch findet in den seltensten Fällen eine Reduktion auf eine einzige Möglichkeit statt. Gerade in den zu Beginn des Artikels angeführten Alltagssituationen wäre bei gleichbleibender Sozialisation und identischem Umfeld eine andere Entscheidung möglich (gewesen). Das Sosein gibt in diesen Situationen die Entscheidung nicht vor.
    Ich hege die Hoffnung, mit diesem Kommentar zur weiteren Diskussion angeregt zu haben, und beende meine Anmerkung hiermit.

    1. Danke für diese Äußerung deiner eigenen Gedanken und für die damit verbundene Möglichkeit, diese Ansicht nochmals zu kritisieren 😉
      Du begehst gerade den Fehlschluss der meisten Determinismuskritiker: Du postulierst, dass man sich in jeder Situation auch anders entscheiden könnte, und siehst darin ein Argument gegen den Determinismus. Tatsächlich ist dies kein Argument, sondern nur die gegenteilige Prämisse. Wir streiten ja gerade darum, ob diese These zutrifft oder nicht.
      Es ist richtig, dass manche Entscheidungen spontan anmuten und nicht aufgrund längerer Überlegungen erfolgen. Dies bildet jedoch keine Grundlage dafür, auf ihre Unabhängigkeit von Kausalfaktoren schließen zu können. Das Szenario, das du zugrundelegst, um dies zu behaupten, betrifft nämlich nicht eine identische Situation, sondern verschiedene, die nur hinsichtlich der Sozialisation und des Umfelds des Handelnden übereinstimmen. Aber kannst du dir auch in einer hinsichtlich jedes einzelnen Partikels und jeder einzelnen Energieladung im Universum identischen Situation einen anderen Verlauf vorstellen? Wenn du dies behauptest, musst du darlegen, dass sich entweder etwas von uns wesentlich von diesen Bestandteilen unterscheidet oder dass unser Geist zumindest teilweise außeralb der Zeit existiert. Unsere Lebenserfahrung bietet meines Erachtens keine Grundlage für eine solche Annahme, sodass die Beweislast bei denen liegt, die, wie du, einen solchen qualitativen Unterschied des Menschen postulieren. Es wäre schön, wenn du hier zumindest eine Argumentation anbieten könntest. So jedoch bleibt es meines Erachtens dabei, dass der Determinismus die tragfähigere Hypothese ist.

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