Freier Versuch über Freundschaft: Entwurfstatus einer Geisteshaltung

Lektüre als Anlass

Der junge Siegfried Kracauer; Quelle
Der junge Siegfried Kracauer; Quelle

Eine schicksalshafte Fügung hat mir vor zahllosen Monaten den antiquarischen Erhalt von Siegfried Kracauers „Über die Freundschaft“ (1971) eingebracht. Ein Werk, dessen Titel mich bereits zu schwelgerischen Kontemplationen einludt, und das schnell das Privileg erwarb, auf einem winterlichen Spaziergang in der Manteltasche mitgenommen zu werden. Indes, über das Vorwort hinaus schaffte ich es nicht. Zu sehr entweder die Wucht der Impressionen, oder gar die Distraktion anderer Anlässe. Eines jedoch blieb: der figurative Höchstwert des Buches – die Projektion einer bereichernden Lektüre; in anderen Worten: Ein Thema, über das es nachzudenken wert ist. Hiermit sei gesagt, dass das intuitiv-naive Selbstverständnis, zu wissen, was Freundschaft bedeute, mir allererst entrissen werden musste.

Gewiss weiß ich noch immer erst wenig davon, was Kracauer zu sagen hat, doch ob die etwaige Lektüre einstmals mehr in mir zu erwecken in der Lage sein wird, als sie es bis jetzt getan hat, ist trotz aller Euphorie ebenfalls fragwürdig. Ich möchte an dieser Stelle also das Wagnis eingehen, meine Gedanken über die Freundschaft vorzustellen, ohne überprüft zu haben, ob das eventuelle Schlüsselwerk ebendiese Gedanken obsolet zu machen, zu überholen fähig ist. Dieser Äußerung unter Vorbehalt jedoch enstammt erst der Reiz des Unterfangens, denn hier nicht von etwas Externem zu sprechen, sondern von demjenigen, was meine Welt im Innersten zusammenhält, nämlich von meinem gegenwärtigen Begriff der Freundschaft, kann keinesfalls weniger wichtig oder relevant sein, als Kracauers Gedanken – so wahr ich zum aktuellen Zeitpunkt auch nur einen einzigen Freund habe!

Φιλέταιρος: Der Freundelieb

Den Status Quo, den Anschlussstein des Denkens in unserem Kulturkreis finden wir in Klassischem, in Vollendetem. Dies‘ sind also Gedanken, die es eigentlich auszusprechen nicht lohnt, weil sie die implizite Voraussetzung unseres geistigen Lebens sind: Um im Sinne des Kategorischen Imperativs zu entscheiden, braucht ein Mitteleuropäer keine Kantlektüre; um Faust zu zitieren, bedarf es dem Deutschen keiner Goethestudien. Sofern es jedoch verlangt ist, sich ein klares Bild zu verschaffen, gibt es keine Alternative dazu, auch die unbestrittenen Voraussetzungen zu benennen, womöglich sogar zu hinterfragen.

In Platons Dialog Λύσις (Lysis) trifft Sokrates auf eine Gruppe spielender Jünglinge, unter anderen auch auf Lysis, den schönsten und edelsten unter ihnen, sowie Hippothales, der dem Philosophen seine Liebe zu dem Knaben Lysis nicht verschweigt. Anlässlich dieser Zuneigung fühlt sich Sokrates dazu veranlasst, mit den Anwesenden zu erörtern, was die Voraussetzungen der Freundschaft sind. Der Großteil dieses Dialogs nun besteht im Ausschluss diverser Vermutungen über den Quell der Freundschaft: die Redensarten, gleich und gleich geselle sich gerne sowie Gegensätze zögen sich an, seien als Hypothesen widerlegt. Auch zu lieben oder zu hassen, reiche nicht aus, um sich zurecht Freund zu nennen. Nicht zuletzt gelange eine Zweckbekanntschaft wie diejenige des Kranken zum Arzt an das Wesen der Freundschaft heran. Zu einem positiven Begriff kommt Sokrates jedoch bis zuletzt nur in Fragmenten. Es sei zwar nicht die einzige Bedingung, doch von Freunden ließe sich zumindest sagen, dass sie einander liebten.

1958er Friedrich Schleiermacher-Briefmarke; Quelle
1958er Friedrich Schleiermacher-Briefmarke; Quelle

Es ist nicht wirklich strittig, ob die sokratischen Einsichten gültig sind. Gewiss plagt sich die Attraktionsforschung in der Sozialpsychologie mit den genannten Sprichwörtern als Heuristiken zur Erklärung empirischer Vorlieben in der Partnerwahl, doch im grundsätzlichen Sinne des platonischen Dialogs können diese Pauschalisierungen nicht aufrecht erhalten werden. Nun, hilfreich dabei, Gewissheit über die eigene Lage zu gewinnen, ist die sokratische Standortbestimmung allerdings auch nicht. Ein Begriff des griechischen Originaltextes jedoch vermochte meine Aufmerksamkeit zu erregen: Der Freundelieb – philetairos. Schleiermachers Übersetzung mit diesem ungewohnten Wort schien bei den Herausgebern meiner Platon-Ausgabe gleichfalls Argwohn zu erregen, sodass sie diesen Neologismus mit der Alternativübersetzung „wünsche ich mir Freunde“ versehen haben.

Sokrates spricht die ergreifenden Worte: „Ich aber bin gegen alle diese Dinge ziemlich gleichgültig, dagegen aber auf den Besitz von Freunden ganz leidenschaftlich, und einen guten Freund zu haben, wäre mir lieber als die beste Wachtel oder der beste Hahn von der Welt; ja, beim Zeus, lieber als ein Pferd oder ein Hund; und ich glaube, beim Hunde, ich würde allem Golde des Dareios bei weitem den Besitz eines Freundes vorziehen, weit mehr noch als Dareios selbst; so sehr bin ich ein Freundelieb“. Mit diesem Selbstbekenntnis reicht Sokrates tiefer in meine Seele hinein, als durch seine logischen Kalküle über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Freundschaft. Sie ist mir kein neutrales Phänomen, das ich zu begreifen habe: Freundschaft ist mir ein existentielles Bedürfnis und meine Freunde bedeuten mir oft mehr, als ich mir selbst. Hier liegt der eigentliche Status Quo meiner Geisteshaltung: Ich bin ein Freundelieb.

Der tugendhafte Freund

Wenn es nun nicht im Mittelpunkt steht, wieso es möglich ist, Freunde zu haben, so bleibt die Frage danach nicht aus, was sie auszeichnet. Die ontologische Wasserscheide trennt hier wohl diejenigen Eigenschaften, die diese Geister, die ich meine Freunde nenne, bloß für mich haben, oder auch an sich. Ich muss jedoch sagen, dass im Begriff der Freundschaft bereits begründet zu sein scheint, dass ich für die Eigenschaften meiner Freunde, welche ich ihnen als wertvoll zuschreibe, oder sie an ihnen beobachte, einzutreten bereit bin. Das heißt, dass ich, insofern ich damit Einfluss auszuüben vermag, mit einem Appell an die Welt herantrete, dass, meine Freunde so wie ich zu beurteilen, keine Frage der Willkür ist. Im Gegenteil: Unsere Freundschaft kann nur das Resultat eines hervorragenden Charakters sein, an dem es keinen Zweifel geben sollte.

Gewiss lässt sich dieser pathetische Appell schnell entkräften, denn schon Sokrates wusste, dass im Geliebten sich der Liebende nur selbst lobe. Seine engsten Kreise in sanftem Licht darzustellen, bedeutet, sich als ihr Zentrum zu profilieren – ein großer Egoismus. Dieser nüchterne Blickwinkel hilft hier indessen nicht weiter. Es geht nicht um die Freundschaft als mäßiges und gerechtes Medium wahrheitsbeseelter Rechtschaffenheit, sondern um das wilde Sein, dem keine eigentliche Wahl gelassen wird: Freundschaft oder Untergang. Die Kardinaltugenden sind mir an dieser Stelle ein Beispiel für das Maß, mit dem die Freundschaft ihre Protagonisten misst. Ihr althergebrachter Kerngedanke erhellt uns dann, wenn wir ihn im Kontrast zum Begriff des Wertes denken. Während selbiger allgemein und abstrakt ist, ist die Tugend personell und konkret. Langfristig einen Wert zu verfolgen, heißt ihn auch kurzfristig vergessen zu können – der Tugendhafte fällt jedoch mit der Ausnahme, denn er muss sich von Moment zu Moment beweisen.

Die sieben Kardinaltugenden: Am Rand jeweils zwei der weltlichen, in der Mitte die geistlichen. Von links nach rechts: Klugheit, Gerechtigkeit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Tapferkeit und Maß; Quelle
Die sieben Kardinaltugenden: Am Rand jeweils zwei der weltlichen, in der Mitte die geistlichen. Von links nach rechts: Klugheit, Gerechtigkeit, Glaube, Liebe, Hoffnung, Tapferkeit und Maß; Quelle

Das Leitmotiv dieser Ausführungen soll nicht sein, dass Freundschaft nur zwischen wesentlich guten Menschen geschlossen werden kann, oder dass sie sich vor einem moralischen Gericht rechtfertigen muss. Vielmehr gilt, dass jeder Freund mit einem Löwenherz verteidigt wird – die Tugenden, die zur Disposition stehen, mögen dabei individuell austauschbar und insbesondere auch fehlbar sein (wenngleich der Anspruch, mit dem sie vorgetragen werden, objektivierend ist), wie Kritikfähigkeit, Freundlichkeit oder Loyalität – doch notwendig ist, dass ein Freund diesen Maßstab enttäuschen kann. Enttäuschen können bedeutet zugleich: mit Stolz angesichts der charakterlichen Größe erfüllen können.

Dynamik und Statik der Freundschaft

Keine Freundschaft ist eine ständige Bewährungsprobe im Angesicht größter Tugenden. Oft ist das lebensweltliche Motiv zur Anhänglichkeit mehr nicht als ein Herdentrieb oder die Sozialisation durch verfügbare Mitmenschen. Dieser Umstand ist nach meinem Dafürhalten Ausdruck der strukturell zwitterhaften Tiefenschicht aller Freundschaft. Die Zuschreibung der Tugend ist tatsächlich nur die dynamische Komponente der Freundschaft. Sie mag daraus bestehen, dass jedes Wiedersehen eine Herausforderung ist, dem Freund zu genügen, doch eigentlich besteht selten Anlass zur Befürchtung, wegen eines Fehltritts das Gesicht zu verlieren oder die Freundschaft aufkündigen zu müssen.

Die zweite Facette der Freundschaft zehrt von ihrer Geschichtlichkeit, sie lebt von der Erinnerung und der Gewöhnung. Freunde prägen im Miteinander eine eigentümliche Atmosphäre aus, sie entwickeln einen vertrauten Gestus und Habitus, der sich ganz aus der Interaktion der beteiligten Charaktere, ihrer Gemeinsamkeiten und Widersprüche ergibt. Oft ist es ein heimisches Behagen, die Stimme des Freundes in der Wortwahl des Vertrauens mit den Themen vereinten Interesses wiederzuerkennen. An dieser Stelle ist die Freundschaft die Heimstatt des Selbstbildes, ein Spiegel der eigenen Gewissheiten. Erst das Urteil derer, die mein eigentliches Gesicht kennen, bestätigt mir, wer ich bin.

In diesem Sinne ist Freundschaft sinnbildlich in der Beziehung von Narziss und Echo wiederzufinden. Während die dynamische Komponente in Sorge um einen Makel im makellosen Gesicht – um ein Laster im tugendhaften Profil – zur ständigen Probe angehalten ist, ertönt als statisches Pendant im Hintergrund der Widerhall vergangenen Miteinanders.

John William Waterhouse: Echo und Narziss (1903); Quelle
John William Waterhouse: Echo und Narziss (1903); Quelle

9 Gedanken zu „Freier Versuch über Freundschaft: Entwurfstatus einer Geisteshaltung“

  1. Der Text ist fordernd wie überfordernd. Der fordernde Aspekt der Freundschaft hin zu einem Ideal weckt Begehren, wie auch den eigenen Anspruch. Aber als Tugend entfernt sie sich von der Realität, in der die Freundschaft für viele von uns ein zentrales Element ist. Ich möchte daher als Denkanstoß eine pragmatische Gegenposition zum Freundelieb skizzieren.

    (1) Bei dem Begriff von Freund gibt es eine starke Diskrepanz, wie ihn die meisten anderen wahrnehmen würden. Sicher ist dies eine höchstindividuelle Angelegenheit, aber um einen Diskurs zu ermöglichen, braucht es einer anschlussfähigen Basis. Da liegen zwischen der hier dargelegten tugendhaften Freundschaft und den „Facebook-Freunden“ Welten. Deswegen verwendet man ja häufiger entsprechende adjektive, wie ein „guter“ Freund, ein „wichtiger“ Freund, der „beste“ Freund oder auch gelegentlich „ein“ Freund.

    (2) In weiterem Bezug auf Freunde hatte ich bei dir, den von dir häufiger verwendeten Begriff der Schicksalsgemeinschaft vermisst. Denn dieser bezeichnet, wie ich finde, immer wieder gut das Bild, wie die meisten Freundschaften entstehen. Die Menschen mit dem selben Schicksal sind es, die wir uns zu Freunden machen, weshalb die meisten Freunde einem bekannt aus Schule und Beruf sind. Der tagtägliche Umgang mit etwas Sympathie vermengt genügt meist, um über die Zeit hinweg eine Bekanntschaft mit genügend Geschichtlichkeit zu füllen, dass es eine Freundschaft ist. Die erste Facette der ständigen Bewährungsprobe ist damit lediglich eine hinreichende Bedingung.

    (3) Einen weiteren Punkt möchte ich noch anregen, den ich nicht unwichtig finde, aber entfällt, wenn die Freundschaft so hoch gehängt wird. Wie einen das Leben führt, so verlaufen viele Freundschaften im Sand. Sie werden nicht mehr gepflegt, da man das gemeinsame Schicksal nicht mehr teilt, die Distanz zu groß ist, die Gemeinsamkeiten zu gering geworden sind oder auch andere Verpflichtungen einem nicht die Zeit und Energie lassen. Aber auch diese nennt man häufig noch „alte“ Freunde, obwohl konkret wenig übrig ist. Die Geschichtlichkeit verfliegt nicht so schnell. Aber es ist eine weitere Perspektive auf Freundschaft, die dem „Echo“ nicht mehr nachkommt, geschweige denn der Herausforderung. Es ist aber vielleicht nicht mehr als der verbleibende Titel „Freund“.

    Die Gegenposition hier ist nur skizziert, da ein synchroner Dialogs geeigneter wäre. Aber ich hielt diesen Punkt für wichtig, da viele deiner Freunde, wie ich sie bezeichnet hätte, keine demnach sind. Faktisch ändert sich an den Beziehungen nichts, aber im Diskurs, zieht sich hier ein breiter Graben, in dem was man von Freundschaft versteht.

    Nachtrag: Den Begriff der Schicksalsgemeinschaft habe ich jetzt auf meine pragmatische Ebene heruntergebrochen. Nur um Missverständnissen vorzubeugen. Kann dies auch als Ideal von Zusammengehörigkeit in einer Gruppe sein, wie du den Begriff zu verstehen gibst.

    1. Ich denke, dass klargestellt werden muss, dass es sich hier um ein Missverständnis meines Ausdrucks „so wahr ich zum aktuellen Zeitpunkt auch nur einen einzigen Freund habe!“ handelt, sofern vermutet wird, ich habe nur einen Freund an der Zahl. Der gewählte rhetorische Ausdruck besagt, dass mein Begriff von Freundschaft relevant ist, sobald ich (mindestens!) einen Freund habe. RalleOnTours Reaktanz scheint auf diese Fehlinterpretation zurückzuführen zu sein.
      Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass diese pragmatischen Fußnoten im eigentlichen Sinne keine Gegenposition bilden. Dass ich von dem gelegentlich erwähnten Begriff der Schicksalsgemeinschaft nicht gesprochen habe, hat damit zutun, dass sie für mich nicht in strikter Kopplung zur Freundschaft steht. Vielmehr ist eine Schicksalsgemeinschaft die Eigenschaft eines Kollektivs, einer sozialen Struktur – Freundschaft jedoch ein psychisches Phänomen: das ändert sich auch nicht aus einem pragmatischen Blickwinkel. Die beiden anderen Punkte betreffen ebenfalls eher Aspekte, die ich nicht thematisiert habe (bzw. mit Sokrates‘ Bemühungen abgetan habe), nämlich Entstehung und Auflösung von Freundschaften. Mir ist hier eher die interne Struktur der Freundschaft ein Anliegen gewesen.

  2. Wenn ich Florians Kommentar lese, frage ich mich, ob ich Alex richtig verstanden habe…
    Was konkret meinst Du, wenn Du sagst:
    „Aber ich hielt diesen Punkt für wichtig, da viele deiner Freunde, wie ich sie bezeichnet hätte, keine demnach sind. “

    Ich kann auch nichts negatives an Deiner Schicksalsgemeinschaft finden… wie willst Du sonst Leute finden, die vielleicht Freunde werden können?

    Ihr kennt mich – ich mag es einfach – bzw. Es nervt mich wenn etwas absichtlich verkompliziert wird.
    Daher nun mein eigener Ansatz:

    Freunde sind die Menschen, die mir etwas bedeuten (egal was) und bei denen ich das Gefühl habe, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht.

    1. Empathisch ist Deine Position nachvollziehbar und sympathisch. Indes, dem obigen Argumentationsfaden folgend fällt sie unter Sokrates‘ Ausschluss derjenigen Fälle, für die die Spruchweisheit, gleich und gleich geselle sich gern, gilt. Ich verdeutliche dies‘ mit einer sokratischen Frage: Ist nicht, wenn „Freunde […] die Menschen [sind], die mir etwas bedeuten (egal was) und bei denen ich das Gefühl habe, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht“, derjenige, den Du hasst und der Dich hasst, Dein Freund?

  3. Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass der Begriff der Schicksalsgemeinschaft in diesem Kontext durchaus näherer Betrachtung wert ist. Nicht zuletzt ist ja auch der hier verwendete Begriff des φιλεταῖρος ein Amalgam zweier Konzepte, die üblicherweise in der Übersetzung mit dem Begriff „Freund“ wiedergegeben werden: dasjenige des φίλος und das des ἑταῖρος.
    Während ersteres stärker durch die emotionale Verbundenheit, durch Zuneigung und Liebe (ἀγάπη bzw. φιλία) gekennzeichnte ist, beschreibt letzteres eine Verbundenheit auf einer eher tatsächlicheren Ebene. Der Begriff des ἑταῖρος wird deswegen oft auch im Sinne von „Kamerad“, „Gefährte“, „Begleiter“ oder gar „Genosse“ verstanden. Wenn wir also beide Begriffe und die damit verbundenen Konnotationen zu einem Begriff, zu einem einheitlichen Konzept verschmelzen lassen und ihm den Namen „Freund“ geben, dann müssen Personen zumindest folgende Voraussetzungen erfüllen, um hiernach als Freund zu gelten:
    1) Sie müssen für das beurteilende Subjekt eine gewisse Relevanz besitzen, sei es aufgrund sich überschneidender Interessensphären oder vergleichbarer Lebensumstände. In jedem Fall müssen sie vom Betrachter als Individuum wahrgenommen werden und dieser muss eine Interaktion mit ihnen suchen.
    2) Diese Interaktion und die soziale Relevanz des Anderen als Person müssen vom beurteilenden Subjekt so rezipiert werden, dass dieses Emotionen für sein Gegenüber entwickelt, welche von ihm überwiegend als positiv empfunden werden.
    3) Aus diesen Emotionen und der Interaktion wiederum muss eine Beziehung von hinreichender Festigkeit erwachsen, d. h. es müssen aus Sicht des Beurteilenden auf gewisse Dauer hin die unter 1) und 2) genannten Voraussetzungen erfüllt sein.

    Auf diese Weise ließe sich zum Beispiel erklären, weshalb einige ältere Bekannte, die wir früher als Freunde betrachteten, mit denen wir aber heute nur noch selten interagieren, oft nur schwer noch als Freunde im eigentlichen Sinne wahrgenommen werden, während andere trotz größerer Distanz in unserer Wahrnehmung immer noch diesen Status innehaben.

    Ich bin mir bewusst, dass dieser juristisch, ja fast schon begriffsjurisprudentialistisch anmutende Annäherungsversuch mit unbestimmten und ausfüllungsbedürftigen Operatoren arbeitet und dem durch Emotionen geprägten Thema letzlich nicht gerecht werden kann. Deshalb will ich ausdrücklich zu Anmerkungen, Ergänzungen und Präzisierungen ermuntern. Allerdings denke ich, hiermit gezeigt zu haben, dass Freundschaft mehrerlei Facetten aufweist und dass es einer kombinierten Betrachtung dieser Konzepte bedarf, um sie ihrem Wesen nach zu erfassen.

    Mein Übersetzungsvorschlag für das in Rede stehende Konzept des φιλεταῖρος wäre übrigens folgender: „lieber Gefährte“ . Das wird beiden Wortbestandteilen in ihrer Grundbedeutung wohl am gerechtesten.

  4. Ceterum censeo egocentricismum esse humanum. Um genauer zu sein: Wir alle sind Egozentriker, da wir in unserer Leiblichkeit nur durch uns selbst Zugang zu äußerlichen Reizen haben und folglich jede Wahrnehmung uns auf uns selbst zurückwerfen muss. Da wir nicht etwas wahrnehmen können, das nicht auf uns einwirkt, stehen wir selbst stets im Zentrum unserer eigenen Wahrnehmung. Dies darf man freilich nicht mit Egoismus verwechseln. In dem Moment, in dem wir jemanden als Freund wahrnehmen, nehmen wir ihn immer noch ausgehend von unserer eigenen Person war, aber wir erkennen dessen Interessen gegenüber den unsrigen als potentiell gleichwertige oder höherwertige an, was das genaue Gegenteil jeden Egoismusses darstellt.

    1. Wichtig ist, dass Sokrates‘ Argument hier nicht erkenntnistheoretisch ist. Gewiss hast Du recht, dass jede Erkenntnis auf einem personalen Wahrnehmungszentrum beruht. Die Pointe des obigen Egoismus-Vorwurfs ist jedoch tatsächlich moralisch darauf bezogen, dass das Lob des Freundes ein Eigenlob impliziert, weil sich der Lobende als dem Gelobten würdig präsentiert. In der Psychologie ist dieser Effekt z. B. als „basking in reflected glory“ bekannt – der Identifikation mit Erfolgen der eigenen Freunde bar jedes Eigenanteils.

      1. Mir ist natürlich bewusst, dass in dem Sokrates-Zitat ein anderer Zweck verfolgt wird. Doch stellt sich die meines Erachtens berechtigte Frage, ob eine solche Beziehung wahrhaft als Freundschaft zu bezeichnen wäre. Ich bin der Ansicht, dass das Wahrnehmen von Freundschaft und das Heucheln derselben nicht aktuell miteinander vereinbar sind. Denn wenn ich, um mich selbst zu profilieren, mich meiner Kontakte rühme, denke ich nicht an sie als Personen, sondern als Mittel zu meinem eigenen Ziel. Und dies hindert mich in diesem Moment daran, tatsächlich das zu empfinden, was Feundschaft nach unseren Überlegungen wirklich ausmacht. Man mag somit kitisieren, dass sich jemand übermäßig hierzu ausließe, dies hat dann jedoch nichts mehr mit dem Thema Freundschaft zu tun, sondern mit Heuchelei.
        Und entspricht es nicht der Realität, dass nur das überhaupt ins Blickfeld gerät, das in einer Weise „hervorragt“? Die Aussage, Freunde müssten einen hervorragenden Charakter aufweisen, ist somit eine bloße Tatsache und keine anmaßenden Übertreibung. Denn wie könnte man sein Gegenüber hinreichend als Individuum wahrnehmen, wenn sein Charakter nicht dem Betrachter aus der Masse des Irrelevanten hervorragte und ihn ihm als etwas Besonderes, Einzigartiges vor Augen führte? Eine moralische Aussage vermag ich hierin nicht zu sehen. Dies wäre nur unter Einbeziehung des zweiten Titels dieses Blogs der Fall: Οἱ πλεῖστοι κακοί 😉

  5. Die Unterscheidung zwischen dem dynamischen und dem statischen Aspekt einer Freundschaft hat mich überzeugt. Im Zeitverlauf sehe ich eine abnehmende Bedeutung der Tugendzuschreibung, ein Fehltritt wird leichter akzeptiert und das Sich-beweisen-müssen wird unwichtiger (man hat es ja schon unzählige Male zuvor geschafft, warum sollte es diesmal schiefgehen?), wohingegen das „statische Pendant im Hintergrund“ größer und tragfähiger wird. Wenn es groß genug ist, verkraftet es auch lange Funkpausen und beim nächsten Wiedersehen ist alles so, als hätte es die Unterbrechungen nie gegeben.

    So ließe sich in Begriffen dieser beiden Facetten auch wunderbar die im ersten Kommentar angesprochenen unterschiedlichen „Freund“-Konzeptionen fassen. Um das weiterhin angesprochene Im-Sand-verlaufen erklären zu können, müsste man jedoch darlegen, warum das gemeinsame Vergangenheits-Fundament mit der Zeit erodiert (und warum bei manchen Freundschaften schneller, als bei anderen). Zumindest würden viele Psychologen das als nächsten Schritt fordern – und zwar bitte experimentell untermauert 😉

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