Drei physiognomische Studien zur Exzentrizität

πρόσωπον

Der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott; Quelle
Gert Mattenklott; Quelle

Gert Mattenklott konstatierte bereits 1986: „Die Zeit der Charaktere ist abgelaufen“. Im engeren, für die Charakterologie, wie im weiteren Sinne, für das Individuum als Zentrum historischer Veränderungen, wäre jeder Widerspruch unzeitgemäß. Im Zeitalter funktional differenzierter Sozialsysteme lassen sich keine monolithischen Epizentren der bürgerlichen Welt – keine Helden – finden. Sogenannte Antihelden, die nicht nur gescheiterte Helden der Wirklichkeit, sondern auch die eigentlichen Helden des Unwirklichen sind, intervenieren allerdings als Lückenbüßer in einen orientierungslosen Kosmos. Ihr Herrschaftsbereich ist indessen nicht der Alltag der Agora, denn hier dominiert die zentripetale Uniformität des Individualismus. Was ihnen als Refugium  geblieben ist, das ist die starke Hypothese dieses Textes, ist die Kunst, deren idealer Ort der fernste Stern gegenüber der Mitte der Gesellschaft ist.

Die Geschichte der qualitativen Charakterologie ist alt und stolz, wenngleich sie nur selten relevant und nie wissenschaftlich gewesen ist. Ich möchte hier zwei thematisch qualifizierte Strömungen unterscheiden. Die erste ist die Charakterologie des Gemeinen. Sie zu revitalisieren (oder ihr Epigramm aufzusetzen), ist das Anliegen von Mattenklotts „Blindgänger. Physiognomische Essais“. Ihre Geschichte beginnt mit Aristoteles‘ Schüler Theophrast, der 30 sich alltäglich wiederholende Charakterzüge skizzenhaft definiert, beispielsweise:

Die αὐθάδεια ist eine Schroffheit des Umgangs im Ausdruck, der αὐθάδης aber etwa von solcher Art: 1. Gefragt: „Wo ist der und der?“, sagt er: „Lass mich ungeschoren!“ 2. Wenn ihm ein Gruß geboten wird, erwidert er ihn nicht. 3. Wenn er etwas verkauft, sagt er nicht den Käufern, für wieviel er es wohl verkauft, sondern fragt, was er kriege. 4. Wenn ihm welche eine Aufmerksamkeit erweisen wollen und ihm auf die Festtage etwas schicken, sagt er, er hätte doch wohl keine Geschenke nötig. 5. Er nimmt keine Entschuldigungen an, wenn ihn jemand unabsichtlich beschmutzt oder stößt oder tritt. 6. Wenn ein Freund ihn auffordert, zu einer Sammlung beizutragen, sagt er erst, er möchte nichts geben, kommt dann später damit und sagt, nun sei auch das Geld hin. 7. Wenn er sich auf der Straße stößt, ist er im Stande dem Stein zu fluchen. 8. Auf irgend jemand lange zu warten bringt er wohl nicht über sich.9. Weder zu singen noch zu deklamieren noch zu tanzen hat er wohl Lust. 10. Ja er ist im Stande, die Götter nicht anzurufen (S. 118f).

Jean de La Bruyère; Quelle
Jean de La Bruyère; Quelle

Der neuzeitliche, zweite Protagonist dieser Charakterologie des Gemeinen ist Jean de La Bruyère. Er aktualisiert Theophrasts Ansatz für das 17. Jahrhundert Frankreichs in „Die Charaktere. Oder die Sitten des Jahrhunderts“ (1688), wendet sich allerdings allgemeineren Betrachtungen zu statt einzelne Eigenschaften zu skizzieren:

Liebhaberei ist nicht Geschmack für das Gute und Schöne, sie ist eine Sucht nach dem Seltenen, nach dem, was einzig in seiner Art ist, ein Stolz auf das, was man selber hat und andere nicht besitzen. Sie ist keine Vorliebe für das Vollkommene, sondern für Gesuchtes, Modisches. Sie ist kein Zeitvertreib, sondern eine Leidenschaft, und oft eine so heftige Leidenschaft, daß sie hinter Liebe und Ehrgeiz nur in der Bedeutungslosigkeit des Gegenstandes zurücksteht. Sie ist auch nicht eine Leidenschaft, die man gemeinsam mit allen anderen für beliebte Seltenheiten hat, sondern die man ausschließlich für eine bestimmte Sache hegt, die selten und doch Mode ist (S. 325).

Zu dieser Charakterologie des Gemeinen gesellt sich zweitens eine Charakterologie des Besonderen, speziell: des Genies. Ihr Vordenker war Johann Caspar Lavater, der angeregt durch den Kontakt mit zeitgenössischen Geistesgrößen 1775 mit seinen „Physiognomische[n] Fragmente[n]“ die Vorstellung vorlegte, dass die Gestalt eines Menschen Rückschlüsse auf seinen Charakter zuließe. So schreibt er:

Die zweyte Silhouette – ist eine zur Schwermuth, und eingezogensten Stille verwöhnte, unbekannte, sehr gütige, fromme Seele von großem Verstande, erstaunlicher Empfindlichkeit, und die all‘ ihre Kraft zu innerem Leiden, wie eine dürftige Witwe Holz zu flammen, zusammenrafft. Noch nie hab‘ ich sie heiter, noch nie – sich in ihrer unaussprechlichen Güte fühlend gesehen. Sehr verschlossen, – und dennoch die aufrichtigste Seele. O könnte ich ihr Ruh ins Herz – predigen; denn das ist noch die Sprache, die sie am meisten versteht; am liebsten hört – So sehr sie ganz Ohr ist: sie hört nur, was wider sie, nicht was für sie ist. Sie würde ihr Leben für den unbekanntesten Menschen aufopfern, und klagt immer über Mangel der Liebe. Sie hat kein Leiden, als wenn ihr Anlaß und Kraft fehlt, Gutes zu thun – Sie thut’s, wo sie’s kann, und dennoch wähnt sie nichts zu thun. Kennte sie mehr die menschliche Natur; hätte sie mehr Umgang mit Menschen; – würde sie Stärke des Geistes genug haben, zu sehen, daß die alleredelsten Seelen schwach, und die unschuldigsten Menschen – Menschen sind. Bis aufs Unterkinn halt ich das für ein treffliches Profil. Das Unterkinn zeigt in diesem Gesicht einigen Hang zur Trägheit (S. 122f).

Egon Friedell; Quelle
Egon Friedell; Quelle

Während diese Zeilen selbst von tiefer Emfindsamkeit angesichts der Fülle einer lebendigen Gestalt geprägt zu sein scheinen, birgt ihr Ansatz eine gefährliche Verheißung. Franz Joseph Gall war es, der die physiognomische Charakterologie als Phrenologie kausal missinterpretierte und Kopfformen notwendig mit psychologischen Eigenschaften assoziierte, um medizinisch akkurate Vorhersagen zu treffen. Die narrative Charaterologie jedoch hat dieser Hypertrophie zum Trotz authentische Erben gefunden. Am eindrücklichsten finden sie sich zum Fin de Siècle etwa in Otto Weininger und Egon Friedell. Letztgenannter schreibt in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1931):

Obgleich seit dem Erscheinen von Lombrosos „Genie und Irrsinn“ bereits zwei Menschenalter verflossen sind, so ist doch das große Aufsehen, das dieses Werk erregte, noch in allgemeiner Erinnerung. Es wird darin, sozusagen an der Hand zahlreicher „Spezialaufnahmen“, der Nachweis geführt, daß zwischen der Konstitution des genialen und des wahnsinnigen Menschen eine tiefe Verwandtschaft besteht. In der Tat brauchen wir nur einen Blick auf irgendein Gebiet der Geschichte zu werfen, und sogleich werden uns eine große Anzahl kranker Genies in die Erinnerung treten. Tasso und Poe, Lenau und Hölderlin, Nietzsche und Maupassant, Hugo Wolf und van Gogh wurden irrsinnig; Julius Cäsar und Napoleon, Paulus und Mohammed waren Epileptiker, wahrscheinlich auch Alexander der Große und sein Vater Philipp (denn die Epilepsie scheint in dieser Familie hereditär, gewissermaßen die „Temenidenkrankheit“ gewesen zu sein); Rousseau und Schopenhauer, Strindberg und Altenberg litten an Verfolgungswahn. Auch in Fällen, wo man es am allerwenigsten erwarten sollte, kommt bei näherer Betrachtung irgendein Degenerationsmerkmal zum Vorschein. So gilt zum Beispiel Bismarck in der landläufigen Anschauung als das Urbild eines kraftstrotzenden, kerngesunden Landjunkers, als der Typus gesammelter Kraft und seelischer Widerstandsfähigkeit. In Wirklichkeit aber war er ein schwerer Neurastheniker, dessen Leben in fortwährenden Krisen verlief, der ungemein leicht in Weinkrämpfe verfiel und bei dem sich psychische Alterationen regelmäßig in körperliche Krankheitszustände: Migräne, Gesichtsneuralgien, schwere Kopfschmerzen umzusetzen pflegten (S. 68f).

Eine menschliche Gestalt hat kein Schicksal, sie schafft es sich. Hierbei handelt es sich um keine Sozialprestige oder eine Rolle in der Gesellschaft, sondern um einen actus purus, ein Ereignis. Ein großer Charakter prägt sich seiner Epoche ein. In der zeitgenössischen verwalteten Welt jedoch, ist diese Urgewalt unterminiert – bereits bürokratisch kastriert. Erst Wiedergänger und Waldgänger, die eine unbefriedete Sphäre betreten, transzendieren die Immanenz ihrer brüsken gesellschaftlichen Position. Sie eint die Exzentrizität, die ihnen ins Gesicht geschrieben ist. Drei dieser Antihelden wird hier die Aufmerksamkeit geschenkt – mit einem Blick auf die Manifestation ihrer Größe in ihrem Antlitz.

Morrissey – Abkehr

Morrissey; Quelle
Morrissey; Quelle

Es ist die Opposition der Pompadour-Frisur zum virilen Kinn, die Morrisseys Anblick bestimmt. Während diese physiognomischen Eigenschaften allerdings auch Elvis Presley zukommen, ist es die Inkorporation der Melancholie, dem Temperament schwarzer Galle, in Morrisseys Blick, die die Exzentrizität dieses Musikers begründet. Ein typischer Tag im Leben des Künstlers, so zitiert es J. K. Rowling, bestehe aus vollkommen gewöhnlichen Tätigkeiten, bis zuletzt: „And then right at the end of this typical day […] it’s back to bed and back to the real world“. Dies ist die Jenseitigkeit, die Abkehr von und Isolation gegenüber allem Allzumenschlichen. Morrisseys jüngstes Album „World Peace Is None Of Your Business“ (2014) treibt seine Geisteshaltung in dem Lied „I’m not a man“ auf ihre Spitze. Dort heißt es:

Wheeler, dealer
Mover, shaker
Casanova
Beefaroni
A-ho but lonely
Well if this is what it takes to describe…
I’m not a man
I’m not a man
I’m something much bigger and better than
A man

Es ist die existenzielle Abkehr von der eigenen Menschlichkeit, die Morrisseys tiefes Gemüt vollzieht. Diese exzentrische Positionalität, um einen Ausdruck von Helmuth Plessner zu adaptieren, erlaubt es Morrissey, eine lyrische Utopie jenseits etablierte Relevanzsysteme zu imaginieren. Erst mit solcher Geisteshaltung fällt ein anderes Licht auf den Alltag, dem sich der Künstler exzentrisch entzieht. So resümiert er: „Most people have nothing to say, nothing to say. And most people give you the same conversation every single day“, und nimmt dabei auch institutionalisierte Rollen nicht von seiner Anklage der Barbarei des Alltags aus: „You have to be a terrorist in order to be a president“.

Francis Bacon – Abwehr

Francis Bacon; Quelle
Francis Bacon; Quelle

Das Sujet des Malers Francis Bacon steht zwischen Mortalität und Morbidität. Und es ist die Mimik dieses Exzentrikers, in die sich diese Phänomene eingeprägt haben. Seine knochenlos anmutenden Wangen und der weiche Mund verraten das abgründige Mysterium dessen, was der Maler mit seinen Händen in die Welt zu setzen in der Lage war, nicht. Auch die ungepflegten Haare und die tiefen Augenhöhlen verbergen das stumme Genie Francis Bacons mehr, als dass es sich in einem Foto einfangen lassen könnte. Erst in der Bewegung der Artikulation entflammt eine inbrünstige Glut in seinen Augen. Sie ist die eindringlichste Legitimation seiner Kunst selbst, die den menschlichen Leib zu entbergen versucht.

Bacons Werke versuchen die Immanenz desjenigen ins Sichtbare zu ziehen, das zwar stets gegenwärtig zu sein scheint, das Antilitz des Menschen, doch – so beweisen es seine Bilder – immer unsichtbar bleiben muss. Es handelt sich um eine Ontologie des wilden Seins, die nicht von Körpern freier Individuen handelt, sondern vom – hier bietet sich der treffliche Ausdruck Maurice Merleau-Pontys an – chair, dem Fleisch. Besonders deutlich wird dieses Anliegen im Kontrast zum Hintergrund in den Werken des Malers. Im Vergleich zwischen Bacons „Crucifixion“ (1965) und Lovis Corinths „Schlachterladen“ (1897) zeigt sich eindringlich, dass Bacon sein Sujet stilistisch markant von dessen Einbettung abgrenzt, während die Morbidität in Corinths Gemälde vorrangig durch die Farbintensität vermittelt wird.

Crucifixion; Quelle
Crucifixion; Quelle
Schlachterladen; Quelle
Schlachterladen; Quelle

Zugleich ist es die existenzialistische Geisteshaltung des Malers, die ihm die Abwehr einer gemeinhin für gesund gehaltenen Sicht auf das materielle Dasein des Menschen erlaubt: „My impasse is my life. My impasse is that I’m an old man, but I’m profoundly optimistic about nothing“. So mag sich dem alltäglichen Verständnis des Daseins aufdrängen, dass es sich bei dem Leben um nicht mehr als die triviale Aufgabe handele, funktionale Konzepte über dessen Beschaffenheit zu erlernen. Bacon jedoch versperrt sich dieser simplizistischen Perspektive und betont in seiner Kunst, dass die offenkundigsten und unmittelbaren Gegenstände wie menschliche Bewegung und Physiognomie große Mythen bergen. Sich dieser Weltsicht zu öffnen, heißt nicht zuletzt auch, den intuitiven Primat geschmackvoller Ästhetik zu überwinden:

A rose also is very mortal. When you see a rose, this beautiful rose, that in a day or two is dying, its head is falling over and it’s withered. So, is there a great deal of difference between a rose and my subject matter really?

Blixa Bargeld – Absonderung

Blixa Bargeld; Quelle
Blixa Bargeld; Quelle

Blixa Bargeld sind Leid und Kampf ins Gesicht geschrieben. Dabei handelt es sich weder um etwas, das von außen an ihn herangetragen wurde, gegen das er sich zu wehren hätte, noch um ein inneres Leiden, gegen das er sich immunisieren müsste. Mit Egon Friedell muss eingesehen werden, dass Gesundheit „eine Stoffwechselerkrankung“ ist. Blixa Bargeld ist in diesem Sinne frei von Krankheit, weil er nicht gesund ist. Es ist der Pathos, an der Gegebenheit der Welt zu wachsen, und keine bloß politische Rebellion, kein devianter Protest. Der Musiker strebt keinem Ziel entgegen, sondern gegen sich selbst. Es ist die Physiognomie seiner Stimme, seiner akustischen Präsenz, die ihn aus der Mitte reißt – seine Exzentrizität. Im Vortrag legt Bargeld die alltägliche Architektonik der Sprache als sklavisches Instrument bloß, um sie zu befreien. Sprachgewalt ist keine Frage des Vokabulars oder der Rhetorik, sondern der Demut vor der Sprache als Träger der Kultur, die am Ende bleibt, wenn der Mensch festgestellt werden soll. Deswegen ist die exzentrische Aufgabe einer authentischen Kunst die aktive, agonale Absonderung vom fraglos Etablierten, der Stagnation:

Musik ist ein Monstrum, es ist ein unförmiges, riesiges Monstrum. Und man muss natürlich immer betrachten, ob wir jetzt über Musik oder Musik [mit langem i] reden. Musik [mit langem i], diese 99%, ist ein gemeines Monster. Dieser eine Prozent ist ein gefährlicher Trichin-Prozent im ganzen Fleisch dieses halben Schweines. Wo diese Trichine sitzt, da wird rundherum an den Zellen herumgemodelt. Da ändert sich etwas, da ist ein Prozess. […] Wenn das so leicht zu benennen wäre, wäre es vielleicht gar nicht wert, sich damit weiter zu beschäftigen. Ich nehme an, das wird etwas sein, das sich außerhalb von schon ausgesprochenen Sätzen bewegt.

Panoptikum

Eine divergente Fülle ist es, die hier zusammengeschaut wurde, keine konvergente Definition des Exzentrischen. Dieser Unterschied zwischen einem panoptischen Panorama und einer synoptischen Pointe macht es nicht leichter, beim Namen zu nennen, was die Exzentrizität ausmacht. Hier hilft keine Beschwörungsformel:

Verschwind in Flammen,
Salamander!
Rauschend fließe zusammen,
Undene!
Leucht in Meteoren –Schöne,
Sylphe!
Bring häusliche Hülfe,
Incubus! Incubus!
Tritt hervor und mache den Schluß! (Faust I)

Friedrich Wilhelm Nietzsche; Quelle
Friedrich Wilhelm Nietzsche; Quelle

Die Größe der Exzentrizität selbst liegt gleich der ihres Werkes „außerhalb von schon ausgesprochenen Sätzen“. In dieser ephemeren Eigentümlichkeit muss der Anhaltspunkt gesucht werden, die Exzentrizität zu be- und ergreifen: Die Peripherie ist die Heimstatt des Exzentrikers. Tritt er in anderer sozialer Rolle ins Rampenlicht, spricht er zum Publikum, so ergeht es ihm wie Friedrich Nietzsches Zarathustra, dem das Volk auf dem Markt entgegnet: „Wir hörten nun genug von dem Seiltänzer; nun lasst uns ihn auch sehen!“ Kunstproduktion und ihre Rezeption sind zwei opponierende Erlebnisweisen. Während das höchste Glück des ersten das Abenteuer ist, in einem schöpferischen Akt Sinn in die Welt zu setzen, so ist das niedrigste Glück des zweiten die besinnungslose Unterhaltung.

Wie der Exzentriker sein Werk in die Welt setzt, so prägt sich dieser Akt zugleich seinem Antlitz ein. Es gibt keine Liste an physiognomischen Eigenschaften, die es zu kompilieren gäbe, um hier Vorhersagen zu treffen – dies ist der Sündenfall Franz Joseph Galls gewesen. Es ist der actus purus des Ausbruchs aus der Anonymität, des Ausbruchs aus der Mitte, dem dieser Text gewidmet ist.

15 Gedanken zu „Drei physiognomische Studien zur Exzentrizität“

  1. Wieder mal ein Thema, das dem Geiste dieses Blogs entspricht: Οἱ πλεῖστοι κακοί. Also betrachte man das aus der Masse Hervorstechende, das Besondere, das Exzentrische.

    Der Fokus der vorliegenden Betrachtung liegt auf den vom Mainstream abweichenden Künstlern, die wegen ihres eigenen Stils, ihrer vom gesellschaftlich Akzeptierten abweichenden neuartigen Ansichten und ihrer Kreativität wohl zurecht als Exzentriker gelten können. Doch vermag ich mich einigen der hier vorgestellten Gedanken nicht anzuschließen:

    1) Kunst als Domäne der Exzentriker?

    Kunst (was auch immer man darunter verstehen mag) ist ein weites Feld. Wer auf diesem Gebiet Erfolg haben oder einen Eindruck hinterlassen möchte, muss sich aus der Masse der anderen Werkschaffenden hervortun, einen eigenen Stil kreieren, Kunst schaffen, die mit dem eigenen Namen verknüpft wird. Noch wirkungsvoller ist es, wenn auch die eigene Persönlichkeit interessant ist, man als jemand Besonderes erkannt wird, dessen Besonderheit zur Besonderheit seines Werkes beiträgt und mit ihr in Wechselwirkung steht.
    Der dem Exzentriker eigene Hang zum Nonkonformen, der ein gewisses Maß an Kreativität voraussetzt und auf alternativen Denkweisen beruht, ist daher in der Kunst gewiss von Vorteil. Aber diese Beobachtung sollte nicht dazu verleiten, zu behaupten, Exzentriker hätten nur in diesem Bereich eine Zuflucht. Wenngleich vielerorts tatsächlich gesellschaftliche Akzeptanz Voraussetzung für eine erfolgreiche Tätigkeit ist und gelebter Exzentrizität in ihren Extremformen entgegenstehen würde, bin ich der Meinung, dass es andere Bereiche neben der Kunst gibt, in denen sie ebenfalls von Vorteil ist.
    Man denke nur an unseren akademischen Betrieb: Ist es nicht gerade Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche oder akademische Tätigkeit (im klassischen Sinne), dass man zu eigenständigem Denken fähig ist, dass man sich nicht mit dem Althergebrachten und allgemein Anerkannten begnügt, sondern darüber hinausdenkt, alternative Ansätze findet, eigene Modelle entwickelt? Hier sind exzentrische Denkweisen klar von Vorteil. Allerdings ist freilich die Toleranz für grobe Abweichungen vom anerkannten äußeren Erscheinungsbild und dem Verhalten während der jeweiligen Tätigkeit gewiss geringer als beim Künstler, der weitgehend Narrenfreiheit genießt. Doch meine ich nicht, dass besonderes Auftreten und besonderes Erscheinungsbild notwendige Voraussetzungen sind, um jemanden als Exzentriker bezeichnen zu können. Sie sind allenfalls Symptome, die als Indiz herangezogen werden können.

    2) Äußeres Charakterprofil und Wesen des Exzentrikers

    Es gilt meines Erachtens zwei Sphären zu unterscheiden: Zum einen die der äußerlichen Beurteilung einer Person durch die Gesellschaft und zum anderen die des Innenlebens des Individuums, das sich durch sein Verhalten allenfalls manifestiert.
    Jemanden, der sich auffallend kleidet, besondere Frisuren trägt, markante Gesichtszüge hat und sich den üblichen Kategorien entzieht, der eigene Akzente setzt und Wiedererkennungswert besitzt, werden die meisten Leute wohl als exzentrisch beurteilen. Doch das sagt nicht mehr über diese Person aus als dass ihr Auftreten vom Üblichen abweicht. Alles andere ist eine bloße Mutmaßung mit anschließender Bewertung. Von der Geisteshaltung desjenigen wissen wir nichts, kennen seinen Charakter nicht und haben keine Ahnung, was ihn eigentlich bewegt. Deshalb können wir Exzentriker nicht sicher von Durchschnittspersonen mit guten PR-Beratern unterscheiden, die zur Steigerung ihrer Popularität auf Hervorstechende Merkmale setzten. Das eigene Wirken der Betreffenden ist die einzige Quelle, in der sich der schöpferische Geist manifestiert, der ihren äußerlichen Merkmalen zugrundeliegt, wenn diese denn authentisch sind. Sind sie es hingegen nicht, führen alle Schlüsse in die Irre.
    Exzentrizität ist meines Erachtens primär die Beschreibung einer besonderen Geisteshaltung, die anpassungsfeindlich ist und sich wesentlich von der der Allgemeinheit unterscheidet. Ob sich diese Geisteshaltung jedoch außerhalb der Privatsphäre im öfentlichen Wirken oder dem eigenen Erscheinungsbild manifestiert, ist eine ganz andere Frage.
    Das ist aber primär eine Frage nach dem Begriff der Exzentrizität und weist Schnittmengen zu unserem ewigen Gespräch über den objektiven Gehalt wertender Beschreibungen auf. Fürs erste möchte ich es hier mit einem kurzen Verweis auf die Kreiteriensammlung im einschlägigen Wikipedia-Artikel bewenden lassen: http://de.wikipedia.org/wiki/Exzentriker. Zieht man diese Kriterien heran, kann wohl mit Fug und Recht davon ausgegangen werden, dass zu unserem Kreis der Leser und Autoren dieses Blogs mehr als bloß ein Exzentriker zählt 😉

    3) Zum Nutzen der Physiognomischen Betrachtungen

    Wie sich aus dem bereits Gesagten ergibt, schätze ich den Nutzen physiognomischer Betrachtungen für die hier interessierende Frage eher gering ein. Das Äußere kann lediglich, soweit es gestaltet wurde, Indiz für den dahinterstehenden Charakter sein. Vieles unterliegt aber gerade nicht der Disposition des Einzelnen und es ist auch sonst außer in zweifelhaften statistischen Betrachtungen keine Korrelation von Phänotyp und Verhalten feststellbar. Relikte dieses Denkens finden sich noch heute in unserem Strafgesetzbuch, wo in § 211 StGB „der Mörder“ mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft wird, wogegen § 212 StGB „den Totschläger“ bestraft. Wir haben es hier mit Tätertypenbildungen zu tun, die die Kriminalwissenschaft zum Ende des 19. Jahrhunderts dominierten und in der NS-Zeit für die Reform des Strafrechts in diesen Paragraphen bereitwillig aufgegriffen wurden. Es gab sogar Ansätze, die Zugehörigkeit zu diesen Kategorien anhand äußerlicher Merkmale festzumachen und das Erscheinungsbild des typischen Mörders zu beschreiben.
    Mit Recht distanziert sich der Autor hier von derartigen Ansätzen und lehnt sie als Irrweg ab. Doch ergeht er sich im Anschluss daran selbst in äußerlichen Beschreibungen und zieht diese für seine Charakterbeschreibungen heran. Diese Methodik kann ich auch im Kontext der oben angeführten Überlegungen nicht gutheißen.

    Insgesamt scheint mir der vorliegende Artikel jedoch ein guter Ausgangspunkt für weitere Diskussionen zu sein. Eine solche erwarte ich jedenfalls beim Zusammentreffen der eigensinnigen Gedanken mehrerer nicht wirklich anpassungswilliger Geister. Vielleicht haben wir hierin ja ein tauglicheres Instrument zur Prüfung exzentrischer Denkweisen… 😉

    1. Ich meine, dass es Missverständnisse bedingt, die Komposition des obigen Textes zu zergliedern, um ihre Glieder voneinander gänzlich separat zu diskutieren. Dennoch möchte ich mich auf diesen Ansatz einlassen.
      1. Kunst als Domäne: Das soziale Verhalten von Menschen in funktional differenzierte Teilsysteme zu gliedern, liegt nahe: Wer politisch entscheidet, trifft keine rechtliche und keine ethische Entscheidung. In jedem Fall handelt es sich um einen eigenen Code. Auch die Kunst lässt sich gleichsam als eigenes System begreifen. Dieser Ansatz würde die Kunst als Refugium des Antihelden, wie sie im Text skandiert wird, von politischer, rechtlicher, ethischer oder anderer Einflussnahme unabhängig interpretieren. Aus dieser Warte scheint der Schluss darauf, es gäbe nur jenseits der bestandstragenden Sozialsysteme Exzentriker, naheliegend.
      Der Maßstab der obigen Thesen ist allerdings keine universale Negation – es geht nicht darum, zu leugnen, exzentrisches Verhalten könne situativ nicht auch andernorts auftreten. Hier geht es um Strukturen und deren Geltungsbereich. Ist ein Wissenschaftler exzentrisch, so handelt es sich dabei um keine notwendige Voraussetung seiner Arbeit. Im Gegenteil: die Wissenschaft als Dienstleistung erfordert als Mindestkriterium kaum mehr als Selbstreproduktion und ihr verpflichtete Akteure. In diesem Sinne ist der exzentrische Wissenschaftler in der kapitalistischen Massengesellschaft der verwalteten Welt zunächst Ausnahme. In der Kunst hingegen gibt es die Quasi-Institutionalisierung einer kleinen, aber beständigen exzentrischen Avantgarde.
      2. Dass Exzentrizität zunächst eine Geisteshaltung ist, scheint mir trivial. Es ist ein schwacher Begriff von Exzentrizität, der äquivalent zu geistreich oder kreativ sein mag. Hier soll jedoch vehement ein starker Begriff von Exzentrizität vertreten werden: dass sich durch den historischen Akt prometheischer Sinnstiftung nicht nur ein Publikationsverzeichnis erweitert, sondern jedes Ergon einen Träger der korrespondierenden Energeia voraussetzt, an dem sie nicht spurlos vorbeigeht.
      3. Deswegen ist die Reihenfolge der Betrachtung auch nicht, vom Erscheinungsbild auf die Bedeutung zu schließen. Vielmehr ist die physiognomische Analyse eines Künstlers eine zwar kontingente, aber den Wert seiner Kunst bereichernde Erweiterung. Es geht um keine Grenzüberschreitung zur empirischen Psychologie, sondern um die Ergänzung des kunstrezeptionellen Narrativs. Wie an anderer Stelle (Das Naturschöne, 12. Oktober 2014) erwähnt wurde, entbirgt sich das Große nicht zufällig, sondern nur dem Achtsamen und Demütigen.

      1. Nun kann ich dir einerseits zustimmen, andererseits aber erneut widersprechen: Zunächst bemerkst du richtig, dass Exzentrizität in unserer Gesellschaft keine notwendige Voraussetzung ist, um im wissenschaftlichen oder akademischen Bereich tätig zu sein. Das gilt aber genauso auch für die Kunst. Meine Aussage bezog sich ja auch nicht auf nur irgendeine Tätigkeit in diesem Bereich, sondern auf eine, die im klassischen Sinne als wissenschaftlich angesehen werden kann. Die von dir beschriebenen dienenden Arbeiten, die hauptsächlich in einer Selbstreproduktion bestehen, erfüllen dieses Kriterium meines Erachtens gerade nicht. Hier sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen Wissenschaft und Handwerk: Sobald nicht mehr der Wissens- und Verständnisgewinn im Vordergrund der Tätigkeit steht, sondern der marktwirtschaftliche Nutzen als Tauschgut, kann man nicht guten Gewissens noch von Wissenschaft sprechen. Um sich in der gegenwärtigen, von dir beschriebenen verwalteten Gesellschaft nicht durch diese Missstände korrumpieren zu lassen und wahrhaft Wissenschaftler zu sein, muss man daher in der Tat sehr exzentrisch sein. Dass diese Leute die Ausnahme sind, spricht ebenfalls für meine These: denn wie könnte man sie noch als exzentrisch beschreiben , wenn sie die Mehrheit wären?
        Demgegenüber sehe ich in der Kunst eine Tendenz, ein Image des Besonderen zu pflegen, um sich selbst und die eigene Kunst zu vermarkten. Dies fördert das Entstehen vermeintlicher Exzentrizität, wo tatsächlich nur ausnahmsweise auch besondere Geister sind. Ebenso wie im wissenschaftlichen Bereich hält auch hier die Marktwirtschaft Einzug, es etablieren sich bestimmte Marktbeziehungen und Kunst wird zum Wirtschaftsgut. Es stimmt deshalb zwar, dass der Bereich der Kunst ein stärkeres Durchschlagen der eigenen exzentrischen Geisteshaltung auf die eigene Verhaltensweise ermöglicht als in Disziplinen mit stärkeren gesellschaftlichen Zwängen und dass dieser Bereich das Entstehen von Merkmalen begünstigt, die als exzentrisch beurteilt werden können; das darf aber nicht zu dem Fehlschluss verleiten, zu behaupten, dass alle, die diese Merkmale aufweisen, und nur diese exzentrisch seien. Hiergegen richtet sich meine Hauptkritik: Es erfolgt meines Erachtens eine zu starke Fokussierung auf den künstlerischen Bereich und es besteht die Gefahr, nicht genügend zu reflektieren, ob hinter der besonderen Erscheinung und dem besonderen Stil auch ein besonderer Charakter steht.
        Die anderen Kritikpunkte sind in der Tat mit diesem verknüpft: Die Aussage, Exzentrizität betreffe primär die jeweilige Geisteshaltung mag tatsächlich trivial anmuten, sollte jedoch im Sinn behalten werden, wenn man mit äußerlich besonderen Merkmalen konfrontiert ist und von ihnen auf den dahinterstehenden Charakter zu schließen gedenkt. Denn sonst besteht die Gefahr des hier beschriebenen Fehlschlusses.
        Die Differenzierung zwischen starkem und schwachem Exzentrizitätsbegriff halte ich nicht für zielführend: Du setzt voraus, dass sich die besondere Geisteshaltung äußerlich erkennbar manifestiert und wahrnehmbare Spuren hinterlässt. Ich bezweifle die Verlässlichkeit dieser Spuren und halte die Geisteshaltung für maßgeblich, welche sich äußerlich niederschlagen kann oder auch nicht. Dies mag dadurch bedingt sein, dass wir unterschiedliche Ziele verfolgen: Du beschreibst, was als exzentrisch angesehen wird und ich frage danach, was tatsächlich zurecht diese Bezeichnung trägt. Dadurch entstehen notwendigerweise verschiedene Schwerpunktsetzungen, die zu abweichenden Ergebnissen führen, die sich aber nicht zwingend ausschließen. Oder habe ich dich diesbezüglich missverstanden?

        1. Zunächst: Exzentrizität steht nicht im Gegensatz zu Mehrheitlichkeit, sondern zu Mitelmäßigkeit. Das ist illustrativ ganz mathematisch zu verstehen. Eine relative Mehrheit ist das größte Cluster, das bereits eindimensional einen Extremwert annehmen kann. Der Grenzwert dieser Verteilung ist ein multidimensionaler Raum, in dem kein Element in der Mitte der Verteilung steht: Es gibt keine Mittelmäßigen und die Exzentriker kreisen auf unabhängigen Orbits um das Zentrum der Verteilung. Die historisch reale Lage der Gegenwart entspricht freilich nicht dieser Verteilung – sie ist institutionell zur Mitte integriert, was unter anderem auf Meritokratie, Liberalismus, Kapitalismus und Republik zurückgeführt werden kann.
          Ich möchte erneut, in größerer Deutlichkeit auf die Kritik eingehen. Erstens: Exzentrizität in anderen Domänen, am Beispiel der Wissenschaft. Die Wissenschaft ist ein gesellschaftliches Subsystem, dessen generatives Verhalten der Akt des Publizierens ist. Publikationen werden wiederum nicht external validiert, sondern systemintern. In anderen Worten: Die Güte von Publikationen wird von Wissenschaftlern beurteil, d. h. Menschen, die publizieren. Mag es auch vorkommen, dass ein Wissenschaftler exzentrisch ist, dies ändert nichts daran, dass sein Status als Wissenschaftler nur davon abhängt, ob er publiziert (oder weniger: publiziert hat und eine Anstellung an einer Hochschule oder Vergleichbarem innehat). Mögen auch exzentrische kleine Kreise die Güte der Wissenschaft anhand separater Kriterien – z. B. historischer – beurteilen, hiervon ist die Wissenschaft der funktional differenzierten Gesellschaft nicht affiziert. Im Gegenteil: Die liberale Ideologie engagiert den Publikationsbetrieb, indem sie auf ihn den technologischen oder intellektuellen Fortschritt projiziert. Tatsächlich reproduziert sich das Subsystem jedoch nur selbst – ob Handwerk oder nicht. Hierin besteht der inkrementelle Unterschied zur Kunst: Es ist gleichgültig, ob klassische Musik, zeitgenössische Popmusik oder Indie gehört wird – die liberale Gesamtgesellschaft attribuiert nichts auf die Innovationsleistung der Kunst. Einerseits ist die Wissenschaft systemintern nur durch die Fortsetzung des Publikationsbetriebs und extern durch den Fortschritt bestimmt, andererseits ist die Kunst intern durch die Innovation durch eine exzentrische Avantgarde – den Trichin-Prozent – bestimmt, extern jedoch auch als Stagnation tolerierbar. Selbstredend reproduziert sich die Kunst formell auch nur, doch zu ihren Struktureigenschaften gehört die schöpferische Kreation. Ein exzentrischer Wissenschaftler mag vorkommen, er ist jedoch als personaler Akteur exzentrisch – ein exzentrischer Künstler ist es strukturell. Das ist nicht grundsätzlich so, sondern in dieser Gesellschaft.
          Zweitens: Missverständnisse zur Physiognomie. „Du setzt voraus, dass sich die besondere Geisteshaltung äußerlich erkennbar manifestiert und wahrnehmbare Spuren hinterlässt.“ Nein. Ich beobachte es. Es ist faszinierend, uneinheitlich, in jedem Fall einzigartig. Es geht um keine Klassifikationsstrukturen oder den Schluss „auf den dahinterstehenden Charakter“. Solange gegen diesen Text der Vorwurf einer esoterischen Geheimlehre zur Identifikation geistreicher Menschen erhoben wird, wird er missverstanden. Erstens stehen Charaktere nicht hinter irgendetwas. Ein Innen-Außenperspektiven-Dualismus wird von mir nicht vertreten, ich halte ihn für naiv. Es gibt Charaktere und es gibt ihre Physiognomie. Und entweder gibt es keine Beziehung zwischen beiden oder es gibt sie. Es geht dabei nicht darum, ein Screeninginstrument zu entwickeln – meine obigen Beschreibungen dreier Künstler bereichern ihr künstlerisches Narrativ. Es geht dabei nicht darum, ob in Morrisseys Augen tatsächlich melancholische Gravität liegt. Es geht darum, dass sie dort, insofern er ein exzentrisches Genie ist, liegen soll. Das ist kein Wunsch, sondern eine Zuschreibung des exegetischen Diskurses. Ich würde über die Augen dieses Menschen nicht schreiben, wenn er sich dem Diskurs als Künstler nicht aufdrängen würde.

  2. Ich möchte an erster Stelle auch hier (ich verwöhnte Alex ja schon an anderer Stelle damit) diesen Text loben: Seine Klarheit ist – besonders gegenüber manch anderen seiner Gedanken – bemerkenswert und es war mir auch eine sprachliche Freude, ihn zu lesen.

    An zweiter Stelle möchte ich dann allerdings an genau einer Stelle in die Diskussion eingreifen (und nicht mehr): dem Verständnis von (Natur-)Wissenschaft.
    Es ist ein naives Bild, dass man nur von außen haben kann, wenn man denkt, in der Wissenschaft sei der revolutionäre (oder der exzentrische) Gedanke (das ist das Schöpferische „Genie“) das beste (oder gar „reinste“) Kriterium für Wissenschaft – Wissenschaft ist zu sicherlich mehr als 95% (meine Schätzung) reine Reproduktion. Eine Diskussion dazu, ob es sich in der wirklichen Tendenz der heutigen Wissenschaft um eine zu begrüßende oder eine abzulehnende Tendenz handelt, ist ja schon zwischen Alex‘ Gedanken zur Subsistenz der verwalteten Welt und mir angestoßen worden, aber das nur am Rande.
    Da ich mich wirklich nur mit der Naturwissenschaft näher auskenne, möchte ich deiner naiven Sicht, Marcel, entgegen treten – und die treffende Analyse von Alex in sienem Kommentar unterstreichen. Gute Wissenschaft (im folgenden immer Naturwissenschaft, denn nur zur der will ich mir dieses Urteil erlauben, da ich keine geisteswissenschaftliche Schulung habe) besteht zu einem überwältigendem Anteil an Reproduktion, nicht, weil sie damit wirtschaftlichen Kriterien unterworfen wäre (oder einem abstrakten „Nutzen“), sondern weil sie nur so (im Rahmen ihres wissenschaftstheoretischen Fundaments, das ist im wesentlichen die Falsifikationsheorie Poppers) zur gesicherten Erkenntnis führen kann, d.h. tatsächlich wissen schafft . Das heißt beileibe nicht, dass es nicht so wäre, dass ein Forscher am Ende seine These beweisen will, aber der Maßstab für ihre Gültigkeit ist nicht in erster Linie die Qualität des vermeintlichen Beweises, sondern entscheidend die Existenz (oder Abwesenheit) eines Gegenbeweises.
    Der Exzentriker, den du erhebst, den du als ex nihil schaffend idealisierst, mag zwar auch in der Wissenschaft bestehen, aber er ist aus gutem Grund nicht der Maßstab für „gute wissenschaftliche Praxis“ (oder wie auch immer die örtlich verschiedenen Schulungen dazu es benennen mögen). Denn seine Thesen, seine Ergebnisse, müssen sich an ihrer Reproduzierbarkeit messen – und diese Prüfung geschieht durch andere Wissenschaftler. Um es zu konkretisieren: Das Wissen darum, ob ein neues Medikament mit seiner Wirkung X (bei beliebigem Patienten Y) wirkt und die erfolgte Wirkung in einem sinnvollen Verhältnis zu seinen Nebenwirkungen Z steht, ist nur durch mühselige, Jahre andauernde Reproduktion (Indikation zur Gabe des Medikaments, Gabe des Medikaments, Registrierung von Wirkungen und Nebenwirkungen) zu schaffen. Es gibt mehr als genug Beispiele für Fälle, in dem erst genau in diesem Reproduktionsprozess, dieser vermeintlichen Redundanz, erst eine tatsächliche Erkenntnis über dieses Zusammenspiel erlaubt hat – und nicht selten führt dies zur Marktrücknahme eines Medikamentes (ein gutes Beispiel aus jüngerer Zeit ist Rofecoxib, welches unter dem Handelsnamen Vioxx für Aufsehen in den Medien gesorgt hat). Hier ist nun beileibe nicht schlechte Wissenschaft getrieben worden, man muss sich nur klar machen, dass Lebenswissenschaften – also jede Naturwissenschaft – auf Grund der Komplexität der betrachteten Systeme eine inhärent große Fehlerquote hat, die die Diskrimination zwischen einem kausalen Effekt und einer zeitlichen Nähe erschwert (und deswegen spielt auch eine statistische Auswertung eine so entscheidende Rolle).
    Alex hat in einem vorherigen Kommentar (auf „Agon(ie)“ glaube ich) dazu bereits eingewandt, dass es in der Medizin eine ethisch bedingte Sonderstellung („Menschenrechte“) gäbe, aber das ist eben nur so lange ein Einwand, bis man selbst betroffen ist oder eine einem nahestehende Person betroffen ist – was heisst, das nur bis zu diesem Punkt abstrakte Ethik oder metaethische Überlegungen zur Tragweite kommen können, weil es sich hier ab der Betroffenheit um einen existentiellen Zustand („Krankheit“) handelt. Mit anderen Worten: Du würdest bei Kopfschmerzen kein Aspirin nehmen wollen, wenn es nicht durch „redundante“ (in diesem Fall eine konkrete „Redundanz“ von über 100 Jahren) Wissenschaft als verlässlich gelten kann, dass es dich nicht umbringt.

    1. Nun, mit naturwissenschaftlichen Publikationen kenne ich mich nicht allzusehr aus. Ich bin (auch wenn mancher die Zugehörigkeit meines Faches hierzu bestreiten mag) eher mit der geisteswissenschaftlichen Praxis vertraut. Hier ist es zwar ebenfalls nötig, an vorhandene Publikationen anzuknüpfen, es besteht jedoch ebenfalls weiter Raum für eigene Ansätze und für Vorstöße in noch unbearbeitete Problemfelder. Am deutlichsten ist dies im Bereich der Rechtswissenschaft, deren Gegenstand sich in ständigem Wandel befindet und deshalb immer neue Ansätze für Forschung und Praxis gewährt. Aber auch in anderen Bereichen ist es möglich, einen weiten Schritt über den Stand der gegenwärtigen Diskussion hinauszugehen. Gerade Alexander sollte sich hier auf das Ziel seiner Bachelorarbeit besinnen, das sich eben nicht in einer bloßen Fortbildung der bekennten Ansätze erschöpfte. Aber auch der naturwissenschaftliche Bereich bietet Raum für Neuartiges.
      Z. B. im Bereich der Physik gibt es viele unerforschte Bereiche, in denen eben bisher nur unzureichende Theoriemodelle bestehen. Die Erforschung der dunklen Energie oder der dunklen Materie steht noch vollständig am Anfang. Wissenschaft erschöpft sich gerade nicht in dem bloßen Publizieren. Forschung und Innovation gehören ebenfalls dazu.
      Ihr mögt mir diesbezüglich naiven Idealismus und romantische Verklärung vorwerfen. Dies mag bis zu einem gewissen Grade auch gerechtfertigt sein, da ich mich weigere, die von euch beschriebenen Bedingungen mit meinem Bild von Wissenschaft in Einklang zu bringen. Dies ändert aber nichts daran, dass größere Innovationen tendenziell eher von Leuten vollbracht werden, die unonventionelle Ansätze verfolgen. Auch wenn es wenig Exzentriker im akademischen Betrieb geben mag, ist Unkonventionelles Denken hier klar von Vorteil. Schließlich sind es ja auch zumeist nicht die kleinen Schritte, die im Gedächtnis bleiben, sondern die großen. Ich will keineswegs Maßstäbe für gute Wissenschaft aufstellen. Ich will lediglich darlegen, dass es auch hier Tätigkeitsfelder für Exzentriker gibt und dass man ihrer teilweise sogar bedarf. Wo wären wir in der Physik etwa ohne Einstein? Wo in der Biologie ohne Darwin? Wo in der Astronomie ohne Galileo? Ich bin da lieber Idealist als jemand, der nur den akademischen Status im Sinn hat und es nicht wagt, den Tellerrand der akademischen Diskussion hinter sich zu lassen.

      1. Das ist des Pudels Kern. Es ist ein Fehler zu glauben, es sei eine salonfähige Auffassung – gegen die es sich zu argumentieren lohnte -, gute, geistreiche, innovative Wissenschaft sei schlecht. Das ist weder die Aussage des Textes, noch die der Kritik an Deinen drei Thesen zu ihm. Niemand glaubt hier, Exzentriker schadeten der Wissenschaft. Der Stand der Diskussion betrifft inzwischen den Unterschied zwischen der Funktionsweise der Wissenschaft und guter Wissenschaft. Es gibt keine wissenschaftsinterne Evaluation der Güte von Wissenschaft jenseits ihrer Selbstaffirmierung (davon handelt die „Mystifizierung des Künftigen“ aus dem Artikel „Zwei Gedanken zur Subsistenz in der verwalteten Welt“, 12. Januar 2015); d. h. die Wissenschaft erhielte sich auch, wenn nur Spezialisten (die sich in Anlehnung an Anatol Rapoport von „Gelehrten“ unterscheiden lassen) redundante Publikationen ablieferten. Natürlich gibt es genügende Wissenschaftstheorie, um ein Konzept von fortschrittlicher Wissenschaft zu begründen (der Paradigmenwechsel, der Falsifikationismus, die proletarische Wissenschaft), wissenschaftliches Handeln (die bloße Fortsetzung des Systems) setzt aber keinen Fortschritt voraus. Die Attribuierung ist in der gegenwärtigen Gesellschaft external: Prominent durch Fiktion – wie sich z. B. im Genre science-fiction widerspiegelt – oder implizite ideologische Einstellungen.
        Es ist verwunderlich, dass nun die Perspektive gedreht wird und der Wissenschaftsoptimismus auf den verlorenen Posten gestellt wird. Dieser Zug hat keinen Anlass: Niemand warf irgendjemandem Romantizismus vor. Es ging um den Versuch der Kritik der im Artikel aufgeworfenen Thesen. Exzentrische Wissenschaftler mag es geben – die Wissenschaft der liberalen Gesellschaft der Gegenwart braucht sie aber nicht. Privatpersonen mögen dazu eine Meinung haben – ich meine (wie sich an meinem vorigen Artikel zu zeigen vermag) sehr wohl, dass der Wissenschaftsbetrieb verderbt ist und es größerer Geister bedarf. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sich in der Wissenschaft mit Gewissheit Exzentriker anfinden lassen dürften. In der Kunst ist es anders – sie ist die Brutstätte der Exzentriker.
        Professionen sind letztlich soziale Grenzen, keine psychischen. In anderen Worten: Die Kreativität großer Wissenschaftler mag durch Kunst angeregt worden sein. Bisweilen mag sie sogar Kunst (nicht τέχνη!) sein.

        1. Gut, dass du wieder zum eigentlichen Thema zurückführst. Sonst würden wir uns noch länger gegenseitig Positionen unterstellen, die wir gar nicht vertreten, um sie dann als haltlos, naiv oder kurzsichtig zu bezeichnen. Der Eifer in der Diskussion trägt natürlich dazu bei, die als unzutreffend empfundenen Aussagen und Wertungen (vor allem letztere) entsprechend anzugreifen, wozu auf weitere Aspekte rekurriert wird, welche wiederum Raum für Erwiderungen bieten, und so fort. Da verliert man schnell die eigentliche Frage aus den Augen und vertieft immer ferner liegende Nebenstreitpunkte, obwohl in den ursprünglichen Aussagen kaum ein Gegensatz bestand. Deshalb sei dir gedankt, dass du uns nicht den Inhalt deines Aufsatzes gänzlich verdrängen lässt.
          Und in der Tat scheinen hinsichtlich dieses Kerns in der weniger drastischen Interpretation und der konkretisierten Form wenig Widerspruchsmöglichkeiten zu bestehen und auch hinsichtlich meiner Nebenerwägungen lässt sich, soweit sie sich hierdurch nicht erledigt haben, ein gemeinsamer Boden erahnen.
          Aber wo bliebe dann die Diskussion? 😉

  3. Hey,
    schöner Text! Meine Frage:
    Willst du durch diesen abenteurlichen Text uns aufweisen, dass auch du ein exzentrischer Antiheld bist? Wenn ja, welchen Irrsinn verbindest du mit deinem Genie? Entwickelt man sich dazu oder ist man sowas von Anfang an?

    Liebe Grüße
    Jochen

    PS: Das ist nun der 9. Gedanke zu diesem Beitrag.

    1. Selbstreflexivität ist tatsächlich ein Anspruch, den jedes vollständige theoretische Gebäude erfüllen sollte. Niklas Luhmann beschreibt diesen Gedanken in Bezug als Differenz von asymmetrischen (sich selbst nicht berücksichtigenden) und zirkulären (sich berücksichtigenden) Theorien: „Universale Theorie betrachtet ihre Gegenstände und sich selbst als einen ihrer Gegenstände als selbstreferentielle Verhältnisse. Sie setzt keine unhinterfragbaren erkenntnistheoretischen Kriterien voraus, sondern setzt, wie neuerdings auch viele Philosophen und Naturwissenschaftler, auf eine naturalistische Epistemologie. Das heißt wiederum: ihr eigenes Erkenntnisverfahren und ihr Annehmen oder Verwerfen von dafür geltenden Kriterien ist für sie etwas, was in ihrem eigenen Forschungsbereich, in einer Disziplin des Teilsystems Wissenschaft der modernen Gesellschaft geschieht“ (ich setze darauf, dass sich hier der Begriff „naturalistisch“ nicht mit konventionellen Implikationen lesen lassen muss, sondern so abstrakt, wie Luhmann ihn umschreibt). In anderen Worten: Es ist ein Fehler, dass Sigmund Freud sich nie der Psychoanalyse ausgesetzt hat. Ist die Differenz von Exzentrizität und Mittelmäßigkeit eingeführt, bin auch ich davon betroffen.
      Wichtig ist jedoch, dass es sich – das wurde zuvor diskutiert – um eine narrative Zuschreibung handelt, und damit um keine deterministische Notwendigkeit. Andererseits lässt sich schwer leugnen, dass bevor es zur berechtigten Zuschreibung von Exzentrizität kommt, bestimmte Gründe und Voraussetzungen erfüllt sein müssen – der Gedanke an eine unberechtigte Zuschreibung sollte erst einmal ausgespart werden. Diese Kriterien habe ich in der begrifflichen Darstellung tangiert: Exzentrizität als Akt der kreativen Alleinstellung einerseits, ein monumentaler kultureller Stand andererseits. Hier wird eine skizzenhafte Antwort einfacher: Bemüht um meine schöpferische Alleinstellung bin ich gewiss, in meinem Œuvre manifestiert sich dies hingegen nicht. Das Gelingen des ersten wird von der künftigen Realisierbarkeit des zweiten abhängen. Wenn es nach mit geht, wird davon gleichfalls abhängen, ob einst ein Narrativ über meine Physiognomie den Zugang zu meinem Werk verschafft.
      Zum zweiten Teil Deiner ersten Frage: Der Status des Antihelden ist an den Begriff der Exzentrizität nur elastisch, nicht strikt gekoppelt. So die zeitgenössische Gesellschaft allerdings nicht explodiert (ein antievolutionärer Gedanke von Jurij Lotman: „Kultur und Explosion“), rechne ich kaum damit, dass Exzentriker keine Antihelden sind.
      Zur zweiten Frage: Du beziehst Dich auf die stehende Rede von Genie und Wahnsinn, aber auch auf das obige Friedell-Zitat. Es handelt sich um eine feinsinnige, aber philiströse Beobachtung. An anderer Stelle (Viswanathan Anands zwei Minuten ätherischer Größe, 16. August 2014) bin ich auf einen Begriff von Größe eingegangen, der sich dieser (Psycho-)Pathologisierung verstellt. Ich halte indes keine der beiden Perspektiven für zwingen, aber im Eigentlichen auch nicht für exklusiv. Welche der Eigenschaften eines exzentrischen Menschen für irr gehalten werden, ist jedoch eine Frage der historischen Biografie – hier möchte ich nicht wähnen.
      Zur dritten Frage: Hier halte ich am aristotelischen Begriff von Potenz und Akt fest. Als Kind hat sich Blixa Bargeld (als Christian Emmerich) nicht hinsichtlich seiner Exzentrizität von seinen Schulkameraden unterschieden, aber hinsichtlich seiner potenziellen Exzentrizität. Wie verbreitet dieses Merkmal ist, fällt mir schwer zu beurteilen (ein Thema, das Deiner Domäne, der Biologie, als Genetik nahesteht). Leichter ist es, festzustellen, dass es zu keinem historischen Zeitpunkt viele Exzentriker gegeben hat: Also realisieren nur wenige dieses Potenzial – oder nur wenige haben es.

  4. Lieber Alex,

    ich sage dir jetzt erst einmal weshalb ich so zögernd bin deine Texte zu lesen.
    Und zwar sind sie wesentlich anspruchsvoller als alle akademischen Texte, die ich an meiner Business School verarbeiten muss. Somit erfordert dein Beitrag das höchste Maß an Konzentration und ist sprachlich auf einer Ebene auf der ich mich nicht zuhause fühle.
    Dennoch möchte ich dir meine Gedanken während der Lektüre mit auf den Weg geben.
    „Die Zeit der Charaktere ist abgelaufen“ – so steht es in der Einleitung. Auf Anhieb fielen mir zwei Beispiele ein, die diesen Satz unterstreichen. Zum einen musste ich an heutige Interviews von Fußballern denken. Wenn der dreifache Torschütze zum wiederholten Male nach einem betont, dass dies ohne die Mannschaft nicht möglich gewesen wäre und es am wichtigsten ist, dass die Mannschaft gewonnen habe, wünscht man sich doch so manches Mal einen Charakter. Einer der sagt: Ich war Weltklasse. Doch dies wird vom medialen Umfeld nicht zugelassen und würde ich bei der nächsten torlosen Partie gegen denjenigen ausgelegt.
    Ebenso ergeht es mir an meiner Business School, wenn ich links und rechts schaue: Jeder hat in 3 Ländern gelebt, spricht mindestens 3 Sprachen, hat mindestens 3 Praktika bei internationalen Unternehmen und studiert an einer Universität die zu den 3 besten seiner Klasse gehört. Ich möchte kein Recruiter sein! Wie soll ich mich denn aus solch einer homogenen Truppe den richtigen finden? Charaktere – Fehlanzeige. Dennoch sind eben jene Recruiter und Unternehmen gemeinsam mit den Universitäten, die ihren Curriculum an der Nachfrage der Unternehmen orientieren selber Schuld an der Misere (sie würden es wohl dennoch nicht als solche bezeichnen).
    Nichtsdestotrotz gibt es sie vereinzelt noch – die Charaktere dieser Zeit. Zumindest aus meiner Perspektive. Ungewollt fange auch ich an in der Kunst zu suchen. Mir fällt Lil Wayne ein. Ein permanent drogenbeeinflusster Rapkünstler, dessen Verse zu einem unglaublichen Maße mit der Sprache spielen. Außerdem denke ich an Michael Jackson. Und Amy Winehouse. Es bleibt für mich unklar inwiefern diese drei mit den von dir genannten Charakteren/ Exzentrikern zusammenpassen. Aber ist es ein Zufall, dass zwei von drei bereits tot sind und dass alle drei zu gegebener Zeit drogenabhängig waren? Aus meiner Sicht ist dies ein klares Argument dafür wie sehr Genialität und Wahnsinn zusammenhängen. Und wie selten wir Exzentriker außerhalb der Kunst antreffen. Wladimir Putin ist sicherlich einer der letzten prominenten Exemplare in der Politik – und auch er scheint vom Wahnsinn verfolgt zu sein. Wie auch immer.
    Letztlich möchte ich loswerden, dass auch du, lieber Alexander, für mich ein Exzentriker bist. Ein Charakter in der so homogenen Gesellschaft. Verglichen mit mir, bist du nicht den geraden Weg gegangen, aber ob es letztendlich die Peripherie der Gesellschaft ist, in der du angekommen bist, hängt vom Standpunkt ab. Ein simples Beispiel dafür ist die Sprache, die du dir schon während der Schulzeit angeeignet hast und ich wage zu behaupten, dass diese fern der gesellschaftlichen Mitte ist. Auch deine Fächerwahl im Studium ist alles andere als die Norm. Ein gewisses Maß an gesundem Wahnsinn gehört zu solchen Entscheidungen sicherlich dazu, aber das macht dich noch lange nicht wahnsinnig.

    1. Vielen Dank für Deine herzlichen Worte. Weil sie sine ira et studio geschrieben zu sein scheinen und nur einer langen Freundschaft zu verdanken sind, bedeuten sie mir umso mehr. Spannend sind aber insbesondere Deine Anmerkungen: Der Transfer auf die Anwendung, der aus dem Elfenbeinturm nur schwerlich authentisch gelingen kann.
      Orientierungslosigkeit in Ökonomie und Sport: Dass dort, wo die Recruiter den Charakter vermissen, weil er der Uniformität des Individualismus gewichen ist, Willkür die einzige bleibende Heuristik zur Auswahl ihrer Kandidaten geblieben ist, scheint mir eine naheliegende Option, Ich meine allerdings, dass zudem die Kompensation dieser Einbuße des Charakters auch – gerade im betrieblichen Zusammenhang – andere Spielarten kennt. Nach meiner Wahrnehmung bildet sich in den letzten Jahrzehnten eine Tendenz zu einer Hypermoralisierung von ökonomischen Kontexten ab: Nachhaltigkeit, political correcteness und gender mainstreaming in abstracto – Firmen-Philosophien, charity und Frauenquote in concreto. Der ideale Kandidat zur Betriebsleitung scheint gleichermaßen durch größtmöglichen Konformismus ausgezeichnet zu sein – Kreativität wird so zum Leistungsbegriff, Exzentrizität zum Laster. Hier zeigt sich mir die tiefe Wahrheit in Nietzsches „jenseits von gut und böse“: Diese Restriktionen verantwortungsvoll (d. h. nicht hedonistisch, egoistisch oder anarchistisch)zu überwinden, ist ein Anschlussstein der Größe.
      Beispiele für Exzentriker: Mit meinen im Text gewählten Protagonisten hoffe ich die Vielfalt an narrativen Variationen der Exzentrizität skizziert zu haben: Morrissey grenzt sich durch eine unverkennbare Gravität des Blicks ab, Francis Bacon durch die Drastik seiner Mimik und Blixa Bargeld durch die Gestalt des Schmerzes in seinem Erscheinungsbild. Die Physiognomie der Exzentrizität – so meine ich verdeutlicht zu haben – ist eine unbeschränkte Fülle, die sich auf keine Muster der Vorhersage reduzieren lässt; in Jacob Burkhardts Worten: „Geschichte macht nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer“, ebenso die Physiognomie. Deswegen werde ich nicht über das Narrativ anderer Exzentriker urteilen – womit aber keine Narrenfreiheit gegeben sein soll, jeden Menschen zum Exzentriker zu erklären. Vielmehr hat sich dieses Prädikat zu bewähren („Elite werden ist nicht schwer, Elite sein dagegen sehr“) und erst die Klassiker, die Vollendeten umschreiben eine Gruppe, deren Exzentrizität nicht mehr in Frage steht. Zuletzt ist es das Werk, das der Einzelne in die Welt setzt, an dem er zu messen sein wird, und das auf ihn und die Wahrnehmung durch seine Bewunderer zurückwirkt – daraus leite ich auch die Maxime meines eigenen Handelns ab.

  5. Zunächst möchte ich auf einen Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft hinweisen, der in euren Beiträgen bereits anklang. Was überhaupt Wissenschaft ist, wird von anderen Wissenschaftlern definiert, es gibt hier nach meinem Empfinden wenig Dissens und kritische Diskussion (auch angesichts der x-ten Genderstudie ohne Substanz…). Selbst, wenn man sich oft unsicher ist, ob es sich um gute, innovative, herausstechende Wissenschaft handelt, so gibt es doch meist große Einmütigkeit darüber, DASS es Wissenschaft ist oder eben nicht. Ob der Impact Factor ein geeignetes Maß für die Güte von Forschung ist, ist wiederum eine andere Frage…

    Bei Kunst sehe ich hier eine weit geringere Eindeutigkeit – und gerade dadurch begründet sich die Bedeutung der Unsicherheitsreduktion durch andere Kriterien. Ein großer Name („ein echter Picasso“), bestimmte Arten der Lebensführung (der von Maxi angesprochene Drogenkonsum) oder das äußere Erscheinungsbild können hier weiterhelfen.

    Während in der Wissenschaft Phänomene wie das veröffentlichen des postmodernen Unsinnstextes „Transgressing the Boundaries – Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“ von Alan Sokal in einem Fachjournal ein absolutes Kuriosum darstellen, hat es für die Kunst keine Seltenheitswert, dass für Werke angeblicher Künster (z.B. Nat Tate), die tatsächlich von Fälschern, Kleinkindern oder Tieren bekritzelt wurden, hohe Summen geboten und in welche die absurdesten Intentionen hineininterpretiert werden.

    Vor diesem Hintergrund stimme ich Alex vollkommen zu, wenn er die Exzentrizität eines Wissenschaftlers „neben“ seine Tätigkeit stellt, die des Künstlers jedoch ins Zentrum stellt – zumindest in unserer Zeit und Gesellschaft.

    Solche Zuschreibungen des Ausdrucks von Exzentrizität, wie sie im Artikel vorgenommen wurden, können gänzlich falsch sein (siehe wieder Nat Tate, ein erfundener Maler). Aber sie haben angesichts von Künstlern, bei denen man sich oft nicht einmal einigen kann, ob sie „authentische“ Künstler sind (machen die Einstürzenden Neubauten Musik oder bloß Lärm?), eine größere Relevanz, als bei Wissenschaftlern, die man doch in aller Regel klar diesem System zuordnen kann – und deren Wirken man zumeist auch gänzlich ohne Annahmen über ihre Person (Erscheinungsbild, Charakter, Lebensführung…) bewerten kann.

    1. Danke, dass du meiner Kritik hinsichtlich der Authentizität des Eindruckes von Exzentrizität in der Kunst in noch klarere Worte gefasst und von der missverständlichen Wissenschaftsdiskussion abgekoppelt hast. Ich stimme dir auch dahingehend zu, dass vor allem in der Kunst Exzentrizität gelebt und nach außen kommuniziert wird, während in der Wissenschaft wenige Exzentriker bekannt sind.
      Meiner Meinung nach sollte aber auch die andere Frage gestattet sein: Wenn es Menschen gibt, die zwar als Exzentriker auftreten, aber keine sind, gibt es dann Exzentriker, die nicht als solche in Erscheinung treten? Ich meine, dass dies der Fall ist und dass insbesondere in Gebieten, in denen alternative Denkweisen von Vorteil sind, solche anzutreffen sind. Dies gilt auch und insbesondere für bestimmte Bereiche der Wissenschaft. Man muss sich dann natürlich die Frage gefallen lassen, was einen Exzentriker dann zum Exzentriker macht, wenn man das Auftreten als ein solcher nicht genügen lässt. Ich wäre sehr an deiner Meinung diesbezüglich interessiert.

      1. Ich lese Tobias Kommentar als den Hinweis auf die interessante Frage nach den Bedingungen von Fehlattributionen. Diesen Gedanken für die Frage nach der Domänenspezifität der Exzentrizität oder die Diskussion um die Akkuratesse der Physiognomie zu vereinnahmen, halte ich für etwas vorschnell. Dennoch lassen alle drei Perspektiven die Quintessenz des obigen Textes meines Empfindens außer Acht: Es geht um keine naturalistische Konzeption der Exzentrizität – Exzentrizität ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Demnach wird kein plastisches, z. B. neuronales Korrelat gesucht. Exzentrizität ist vielmehr eine Relation zu entweder der Population oder uns selbst. Hier wird keine Diagnose gestellt, sondern ein Denkangebot ausgesprochen: Mag Morrissey einen Charakterkopf haben, Francis Bacon hat ihn nicht – den Unterschied macht die Zuschreibung, und Francis Bacons Blick zu detektieren, lässt sich aus keinem Screening ableiten. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht an sich exzentrisch wären. Vielmehr ist ihre Exzentrizität einigen beschränkten Perspektiven, die sich nicht in Relation zu jenen Exzentrikern setzen, verstellt.

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