Das Naturschöne

Die pagane Wildnis

Ich hatte Jack gern, weil er der einzige unter meinen amerikanischen Freunden war, der sich schuldvoll, beschämt und elend vorkam gegenüber der grausamen, unmenschlichen Schönheit dieses Himmels, dieses Meeres, dieser fern am Horizont ruhenden Inseln. Er war der einzige, der begriff, daß diese Natur nicht christlich ist, daß sie jenseits der Grenzen des Christentums liegt, daß diese Landschaft nicht das Antlitz Christi ist, sondern das Abbild einer Welt ohne Gott, in der die Menschen allein gelassen sind, um ohne Hoffnung zu leiden; der einzige, der begriff, wieviel Geheimnisvolles Geschichte und Leben des neapolitanischen Volkes bergen und wie wenig sie vom Willen der Menschen abhängig sind. (S. 47)

Curzio Malaparte; Quelle
Curzio Malaparte; Quelle

Diese Worte aus dem Werk „La pelle“ (1949) des italienischen Romanciers Curzio Malaparte markieren die ästhetische Schwelle zwischen Kunstschönem und Naturschönem: Während uns beides begegnet und betrifft, so bleibt doch stets ein Unterschied im Erleben unverkennbar. Auf diese Schwelle nicht nur zu verweisen, sondern sie auch zu er- und begreifen, stellt indes eine Herausforderung dar, die es hier nicht zu meistern gilt, aber zu erschweren: Dem Naturschönen ist erst dann explikatorisch Genüge getan, wenn die Vielfalt dieser Phänomenklasse hinreichend exploriert worden ist. Zwar lässt sich auch diese hinreichende Bedingung in diesem Medium nicht erfüllen, doch lassen sich eine Tendenz, ein Schlaglicht oder eine Pointe aufzeigen, die der Nährboden einstiger konvergenter Bemühungen sein mögen.

Malapartes Gedanke verdient einen Moment des Innehaltens: Ist doch nach landläufiger Interpretation die Schöpfung ein Akt der Zuordnung des Natürlichen unter den Menschen als imago dei, so liest sich die obige Darstellung eher als eine Nebenordnung der Natur als zweites Reich. Sobald die Natur nicht mehr das „Antlitz Christi“, des Menschensohns, ist, herrschen hier andere Mächte als Staat und Kirche, die durch Kultivierung sich die Natur zwar nutzbar zu machen vermögen, ihnen doch im Zuge dieses Eingriffs aber die eigentliche Natur, also dasjenige jenseits aller Kultur, den Fingern entgleitet. Die Natur bleibt stets Wildnis, dem Menschen somit wesentlich fremd – selbst wenn sie, wie etwa das freudianische Es, ein Bestandteil desselben ist.

Rezeptivität

Theodor W. Adorno; Quelle
Theodor W. Adorno; Quelle

Die drängende Frage über die Schönheit ist, ob sie bloß für den Betrachter oder bereits an sich besteht. Mit Theodor Wiesengrund Adornos „Ästhetischer Theorie“ (1970) soll zu dieser Frage hier eine anti-subjektivistische Position tangiert werden: „Ohne Rezeptivität wäre kein solcher objektiver Ausdruck, aber er reduziert sich nicht aufs Subjekt; das Naturschöne deutet auf den Vorrang des Objekts in der subjektiven Erfahrung“ (S. 111). Erst der Bestand des als schön Erfahrenen erlaubt die Erfahrung als schön, wenngleich die Zuschreibung der Schönheit ein Akt der subjektiven Erfahrung ist.

Adorno ergänzt dieser Überzeugung eine wichtige Feststellung: „In Zeitläufen, in denen Natur den Menschen übermächtig gegenübertritt, ist fürs Naturschöne kein Raum“ (S. 102). Während es beinahe evident erscheinen mag, dass der sich in der Natur bewährende Urmensch keiner Kontemplation ob dieser fähig ist, ist dringlicher noch die kategoriale Möglichkeit, die Adorno an dieser Stelle impliziert: Dass für das Naturschöne kein Raum ist, ist möglich. Es gilt also aufmerksam zu erkunden, zu welchen Gelegenheiten das Gespür für das Naturschöne bereits abhanden gekommen ist.

Naturschönes erleben

Bevor jedoch zu klären ist, ob und wo die kulturellen Defizite in dem Gespür für Naturschönes liegen, ist zumindest eine Skizze desjenigen nötig, was es bedeutet, die Naturschönheit zu erfahren. Auch hierbei lässt sich mit Adornos Überlegungen arbeiten: „Pure Unmittelbarkeit reicht zur ästhetischen Erfahrung nicht aus. Sie bedarf neben dem Unwillkürlichen auch Willkür, Konzentration des Bewußtseins; der Widerspruch ist nicht fortzuschaffen“ (S. 109). Tatsächlich widerfährt dem Betrachter das Naturschöne also nicht durch Zufall, er muss sich vielmehr darauf einlassen und danach suchen. Mehr noch: Es bedarf einer dem Naturschönen dedizierten Geisteshaltung, bevor es in das Erlebnis der Welt tritt.

Alfred Schütz; Quelle
Alfred Schütz; Quelle

Um sich auf das Naturschöne einzulassen, bedarf es eines gesonderten Relevanzsystems, das sich von der natürlichen Einstellung der fraglosen, alltäglichen Lebenswelt unterscheidet. Alfred Schütz (und sein Schüler Thomas Luckmann) bezeichnet unabhängige Relevanzssysteme dieser Art in seinem Hauptwerk „Strukturen der Lebenswelt“ (1975) als sogenannte Realitätsbereiche geschlossener Sinnstruktur:

So ist zum Beispiel die Spielwelt des kleinen Mädchens ‚real‘, solange sie ungestört bleibt. Das Mädchen ist ‚wirklich‘ die Mutter, ihre Puppe ‚wirklich‘ das Kind. In der Welt des Kunstwerks haben zum Beispiel Ritter, Tod und Teufel auf Dürers Blatt ‚reale‘ Existenz, nämlich als Seiendes im Sinnbereich der künstlerischen Phantasie. In der Wirklichkeit der Außenwelt sind sie bildliche ‚Darstellungen‘. Während des Schauspiels ist Hamlet für uns als Hamlet real, nicht als der Schauspieler X, der den Hamlet ‚darstellt‘. (S. 55)

Die Crux dieser Überlegung ist, dass, während die von Schütz erwähnten gesellschaftlichen Realitätsbereiche geschlossener Sinnstruktur durch Empathie oder das Verständnis der Rollenmuster erschlossen werden können, die pagane Wildnis der Naturschönheit zwar erst für den Betrachter besteht, doch ihm stets fremd bleibt. Auch die mimetische Kunst, die versucht die Natur zu imitieren, kann diesen Umstand nicht beseitigen; in Adornos Worten: „[A]lle naturalistische [Kunst] ist der Natur nur trügend nahe, weil sie, analog zur Industrie, sie zum Rohstoff relegiert“(S. 104). Die Erfahrung des Naturschönen instrumentalisiert die Natur also nicht, sondern begreift, dass sie ein Geheimnis bleibt: „Das Wort ‚wie schön‘ in einer Landschaft verletzt deren stumme Sprache und mindert ihre Schönheit; erscheinende Natur will Schweigen, während es jenem, der ihrer Erfahrung fähig ist, zum Wort drängt, das von der monadologischen Gefangenschaft für Augenblicke befreit“ (Adorno, S. 108).

Die holde Weiblichkeit

Nun kann inventarisiert werden, welche naturschönen Erlebnisse zeitgenössisch verkannt werden. In diesem Zusammenhang spricht Adorno von Karl Kraus‘ „Apologie des unterm Kapitalismus Unterdrückten: des Tiers, der Landschaft, der Frau“ (S. 99). Am brisantesten und der Kultursphäre zum verwechseln nächsten ist die Naturschönheit der Frau. Mitnichten soll hier erwogen werden, ob Adorno die männliche Schönheit zurecht ausspart. Gegeben ist bloß: Frauen sind schön, doch: „Das schönste Mädchengesicht wird häßlich durch penetrante Ähnlichkeit mit dem Filmstar, nach dem es am Ende wirklich präfabriziert ist: noch wo die Erfahrung eines Natürlichen als eines ungeschmälert Individuierten sich gibt, wie wenn sie vor der Verwaltung geschützt wäre, betrügt sie tendenziell“ (Adorno, S. 106). Entscheidend ist in diesen Zeilen der Nachsatz: Schönheit bleibt nicht dadurch erhalten, dass ihre Trägerin Unabhängigkeit heuchelt und dem ideologischen Individualismus frönt – auf diese Weise lässt sich nicht der verwalteten Welt entkommen.

Julien Green; Quelle
Julien Green; Quelle

Der eigentliche Hort der weiblichen Naturschönheit liegt jenseits der Willkür im Reich paganer Wildnis, sie zu erleben jedoch ist ein Privileg, das oft eindringlich genug ist, um nicht ignoriert werden zu können. Der Franzose Julien Green vollbrachte in seinem Roman „Leviathan“ (1929), eine Urimpression weiblicher Schönheit zu ergreifen:

Eine Viertelstunde später erschien sie, am Arm einen großen Korb, den sie ohne jede Anstrengung trug. Schönheit hat von Natur etwas Triumphierendes. Sie ist gemessen und königlich in jeder ihrer Gesten; naht sie, kommt etwas im Herzen der Menschen zum Schweigen. Als er die Frau auf sich zukommen sah, fand er die Worte nicht mehr, die er ihr sagen wollte. (S. 56)

Es verlangt Achtsamkeit wie Demut, um das Gespür für die Gegenwart der wilden Naturschönheit inmitten aller Zivilisation zu regenerieren; doch erst wenn die schöne Frau wie ihr schweigender Zeuge einen Moment innehalten, um die scheinbare Relevanz der eigenen Person und Rolle zu vergessen, tritt Schönheit ins Erleben.

13 Gedanken zu „Das Naturschöne“

  1. Ich gestehe, dass ich dieses Mal Schwierigkeiten hatte, mich auf den Gedankengang unseres werten Autors einzulassen, bieten sich doch so viele Gelegenheiten, bereis über die Prämissen nachzudenken und zu philosophieren.

    Bereits der Begriff „Natur“, „Natürlichkeit“, etc. impliziert so vieles: er ist kulturell geprägt durch die Erfahrung von Menschen, die aus der subjektiven Warte ihrer Körperlichkeit und ihrer Geistigkeit heraus auf ihre Umwelt schauen und sich mit ihr intellektuell, sprachlich und rein tatsächlich auseinandersetzen müssen, sodass Bedarf besteht, dieses Etwas, dieses Andere fassbar und begreifbar zu machen. Dabei ist das, was in unserer Sprache mit „Natur“ besetzt ist, zunächst als Opposition zu unserer eigenen Existenz zu sehen: Was außerhalb von uns existiert und von uns unbeeinflusst ist, wird als natürlich betrachtet. Dies wiederum beruht auf der Prämisse, dass der Sprecher, also der Mensch generell (denn Sprache bedarf der Verallgemeinerung hinsichtlich iherer Anwender) der einzige bewusst und gezielt operierende Akteur in dieser Welt ist und alles andere seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, den „Naturgesetzen“, unterworfen ist.
    Wohl am deutlichsten findet sich dieser Dualismus bei Descartes, der den denkenden Menschen als „res cogitans“ von der nur durch Kausalität bestimmten „res extensa“ abgrenzt, welche sich in dieser Hinsicht ohne den Eingriff des Menschen als geschlossenes System darstellte. Diese Unberührtheit, diese ohne unseren Einfluss erfolgenden Abläufe um uns herum, die wir als den Hintergrund unserer Existenz wahrnehmen, sind wohl im Kern mit dem gemeint, was wir als Natur und Natürlichkeit bezeichnen.
    Die weiteren Bedeutungen dieser Begriffe erscheinen demgegenüber nur als eine Ausweitung dieses Konzeptes im Zuge einer zunehmenden Betrachtung des eigenen Selbsts: Sie stehen generell für das Ursprüngliche und das Wesen, für die Essenz des zu Betrachtenden. So wird es möglich, nach der eigenen Natur zu fragen, ohne sich notwendigerweise als Teil der Natur zu sehen.
    Ironischerweise bezeichnet der Begriff „Natur“ somit einerseits das bloß Existierende, das Vorgefundene aber andererseits auch die Essenz desselben. Wenn wir uns Sartres existenzialistischen Gedankengängen von Essenz und Existenz anschließen und diese mit den Augen des cartesianischen Dualismus´ betrachten, ließe sich somit die Aussage formulieren, dass die Natur der Natur der Natur stets vorausginge, während der Mensch sich von ihr dadurch unterscheidet, dass er sich die eigene Natur selbst schafft. Sobald der Mensch aber in das Vorgefundene eingreift, tritt an diese Stelle ein neues, durch ihn bestimmtes Konzept. Die eigentliche Essenz, das Natürliche, die Natur der Natur selbst ist dahin. Natur ist also das Vorgefundene Wesen der Dinge in Abgrenzung zum nachträglich geschaffenen.

    Nachdem man so eine Vorstellung davon erhalten hat, was in diesem Begriff mitschwingt, vermag man die weiteren kulturellen und weltanschaulichen Implikationen, die sich daraus ergeben, in den Blick zu nehmen:
    Besonders prägend dürfte in unserem Kulturkreis die Darstellung im Buch Genesis gewesen sein:
    „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. […] Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. “ (Gen 1, 26-30)
    Dem Menschen wird eine herausgehobene Stellung zugedacht, er ist fähig die Natur zu gestalten, sie nach seinen Wünschen zu formen und nutzbar zu machen, sie zu bewahren oder zu zerstören. Gleich Gott kann er erschaffen und vernichten. Dies ist der Kern der Gottebenbildlichkeit. Doch ist der Mensch als Geschöpf nicht gänzlich über das sonstige Geschaffene erhaben, sondern ist ebenfalls hierdurch limitiert. Dies verdeutlicht auch der klare Auftrag, den Gott dem Menschen erteilt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte. Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“ (Gen 2, 15-17)
    Er hat gewissermaßen die Rolle eines Verwalters inne, der innerhalb begrenzter Befugnisse und Fähigkeiten in eigener Verantwortung agiert.
    Denkt man dies fort, so ist auch in der Natur kein Gott mehr. Über den bloßen Schöpfungsakt hinaus bedarf es keines weiteren lenkenden Eingriffs. Die Natur existiert und entwickelt sich und wird vom Menschen gestaltet. Gott bleibt extern. Er ist nicht Teil der Schöpfung.
    So gelangt man zu dem Deismus, der Descartes Thesen zugrundeliegt.

    Ich verstehe die in diesem Beitrag eingangs zitierte Textpassage in diesem Licht. Wir hören von einem Menschen, der sich der ihm zugewiesenen Stellung bewusst wird und an der Tragweite dieses Wissens verzweifelt: Angesichts der unermesslichen Weite und der Urgewalt der Natur muss er sich überfordert und alleingelassen fühlen, in die Welt geworfen und ohne Perspektive. Er begreift, dass er Gott dort nicht findet, keine Hilfe erlangen wird und auf kein Mitleid oder Erbarmen. Die Welt ist eben nicht gut! Sie ist einfach da und wir in ihr.

    Da ich bereits in dieser Hinsicht von den Darlegungen des Verfassers differiere, konnte ich mich bisher nicht ganz dem dortigen Gedankengang widmen. Dies gilt es baldmöglichst nachzuholen. Ich hoffe, der dieser tut desgleichen mit meinen hier vorgetragenen Überlegungen 😉

    1. Um an dieser Stelle über die Prämissen hinaus die Auseinandersetzung zu ermöglichen, möchte ich einige Dinge klarstellen. Begriffe implizieren wesentlich nichts, sondern bezeichnen etwas – die Verwendung von Begriffen kann demgegenüber etwas implizieren. Die Implikationen ergeben sich demnach nicht unabhängig vom Rezipienten. Ich möchte jedoch hier nur über die intendierte Bedeutung, nicht über alternative Interpretationen sprechen.

      Die Bedeutung des Ausdrucks „Natur“ im obigen Text ist ausschließlich ästhetisch als objektive Referenz des Naturschönen zu verstehen, nicht ontologisch wie es vermutet wurde. Descartes Ausführungen tangieren deswegen den Begriff der Natur, der hier gemeint ist, nicht. Seine Überlegungen betreffen gleichermaßen wie Sartres Existenzialismus ausschließlich Natur als ontologisches Konzept. Der hier verwandte Begriff der Natur definiert sich durch seine Opposition zur Kultur und ist damit nicht Bestandteil der theoretischen Philosophie (philosophia prima), sondern der praktischen Philosophie (philosophia civilis), spezifischer: Der Ästhetik. Diese Ambiguität sollte nicht vernachlässigt werden. Kultur als Gegensatz zum hier gewählten Begriff der Natur bezeichnet nicht die res extensa, sondern den Wirkungsbereich der menschlichen Geschichte. Natur und Kultur sind in diesem Sinne beide substantiell, es besteht kein existenzieller, lediglich ein essentieller Unterschied. Naturschönheit steht in analoger Opposition zur Kunstschönheit.

      Die alttestamentarische Bibelpassage mag tatsächlich eine nennenswerte Referenz bieten, aber nicht hinreichend Malapartes Ausführungen erschöpfen. Die gnostizistische Vorstellung einer Separierung von Schöpfung und Himmelreich ist eine triviale Vorstellung, die dem orthodoxen und reformierten Christentum fern steht. Die Schöpfung hat nach entsprechender Vorstellung eine Ordnung, die sich auf den Menschen hin ausrichtet, sie ist nicht Chaos jenseits des imago dei – wie hier nahe gelegt wurde: Strittig ist einzig, welchen Wert die Natur fern von der Kultur (auf deren Weg zur civitas dei) hat. Klassisch lässt sich meinen, sie diene dem Menschen, sie habe bloß einen Gebrauchswert, sie helfe ihm. Der vorliegende Aufsatz versucht stattdessen das Fremde in der Natur zu betonen, deren Schönheit.

      1. Zunächst folgendes: Da Begriffe nicht einfach existieren, sondern geschaffen werden und sich entwickeln, versteht es sich von selbst, dass sie nicht ohne Betrachtung des sie verwendenen Subjektes untersucht werden können. Schließlich sind sprachliche Zeichen und Lautbild zunächst arbiträr und werden erst dadurch zu einem Begriff, dass mit ihnen eine Vorstellung, eine Idee, ein Bild, ein Konzept oder ähnliches verknüpft wird. Die Betrachtung eines Begriffes ist somit die Betrachtung von beidem, dem Begriffsträger und dem ihm zugewiesenen Inhalt. Das Vorhandensein eines Begriffes kann daher sehrwohl etwas implizieren. Dies weiter zu vertiefen würde jedoch nur zu Haarspaltereien und Streit um bloße Begrifflichkeiten führen.

        Hinsichtlich der eigentlichen Kritik frage ich mich, ob du mir überhaupt widersprichst oder lediglich die Verschiedenheit bestimmter Fragestellungen ohne eigentlich inhaltliche Stellungnahme postulierst.
        In jedem Fall möchte ich widersprechen: Egal ob man sich dem Begriff „Natur“ unter ontologischen oder ästhetischen Gesichtspunkten nähert, bleibt das Konzept selbst im Kern doch dasselbe. Denn wie will man beurteilen wie die Natur aussieht oder wie sich der Mensch zu ihr verhält, ohne zu wissen, was Natur ist? Der Begriff geht gerade nicht isoliert auf eines der Denkkonzepte zurück, sondern verbindet vielerlei Einflüsse. Letztlich kommt man nicht umhin, sich der Frage als ganzer zu widmen ohne sie künstlich in verschiedene Bereiche aufzusplittern. Hinsichtlich dieses Begriffes stimmen wir beide aber gerade überein: Natur ist der Gegensatz zur auf menschlichem Wirken beruhenden Kultur. Wir differieren nur hinsichtlich des Fokusses der hierauf aufbauenden Gedankengänge. Da mein Kommentar jedoch bewusst nicht als inhaltliche Auseinandersetzung mit deinem Beitrag konzipiert war, sollte dies nicht weiter stören.

        Hinsichtlich der weltanschaulichen Betrachtungen möchte ich sicherhaltshalber klarstellen, dass weder bei Descartes noch in den meinigen Ausführungen nahegelegt wird, jenseits des Menschen herrsche Chaos. Im Gegenteil: die Natur gehorcht eigenen Gesetzen, ist durch sie geordnet und (bei deren Kenntnis) vorhersehbar. Das menschliche Wirken dagegen ist aufgrund dessen Willkür am ehesten als chaotisch zu bezeichnen.

        Wenn ich meine Kritik kurz zusammen darf: Du statuierst kategoriale Unterschiede, wo keine bestehen! Nur weil etwas üblicherweise einer Denkrichtung zugeschrieben wird, scheidet es das noch lange nicht von den Ansätzen, die anderen zugeschrieben werden. Oft ist deren Bezeichnung der größte Unterschied und verstellt den Blick auf die gemeinsame Fragestellung und die Ähnlichkeit der Sichtweisen.

        Jetzt bin ich schon wieder nicht dazu gekommen mich mit dem Inhalt deines Beitrags auseinanderzusetzen 😉

        1. Es gibt Sachverhalte, die unabhängig vom Standpunkt gelten – hierzu verweise ich auf Immanuel Kants transzendentale Analytik: Wir brauchen hier nicht darüber zu sprechen, ob Menschen anders als räumlich und zeitlich wahrnehmen können, weil es apriorisch gilt, ebenso wie mathematische Wahrheiten. Dieses gegeben ist es nicht ausgeschlossen, dass derselbe Sachverhalt für Begriffe vorliegt. Es geht nicht um irgendeine kulturelle Nutzung von Begriffen, sondern um deren logischen Status: Die Bedeutung eines Begriffs (Semantik), dessen Stellung (Syntax) und Verwendung (Pragmatik) sind hier nur nachgeordnet, denn das Wesen eines Begriffs ist, auf etwas zu verweisen, die sogenannte Denotation, die situationsunabhängige Grundbedeutung. Begriffe sind situationsunabhängige Grundbedeutungen, ich rede hierbei nicht über die Bedeutung und Stellung, erst recht nicht über die Verwendung dieser selbst, sondern was apriorisch für die Möglichkeit eines Begriffs gilt. Die Bedingung der Möglichkeit eines Begriffs ist, dass er unabhängig von seiner Schöpfung/Stiftung Geltung hat; ob dieser Umstand sich tatsächlich realisiert, ist eine Frage der Geschichte – wir nutzen Begriffe aber nur, weil sie den Anspruch auf situationsunabhängige Geltung erheben, nicht in der Befürchtung ihrer Situationsabhängigkeit. Du hast also Recht dahingehend, dass der Begriff anders verstanden und verwendet werden mag, aber seine Verwendung erhebt stets den Anspruch auf exakt einen semantischen Gehalt, ansonsten ist sie vollkommen überflüssig. Dass die Setzung von Begriffen – wie es die Linguistik seit Ferdinand de Saussure vertritt – willkürlich ist, tut dabei nichts zur Sache. Denn hiermit ist nur ausgedrückt, dass weder Ideen, noch materielle Gegenstände eine distinkte sprachliche Form evozieren (trotz aller Onomatopoesie).

          Der Begriff Natur ist deswegen nicht frei interpretierbar, sondern durch seine semantische Setzung beschrieben. An dieser Stelle ist er als ästhetisch gesetzt. Ontologisch ist die Landschaft stets res extensa (während deren Repräsentation res cogitans ist) – ästhetisch ist die Landschaft heute unberührte Bergkette, also Natur, morgen kitschiges Alpenpanorma, Kultur.

          Das Chaos, von dem ich spreche, ist gleichfalls nicht ontologischer Art, Naturgesetze ändern es nicht. Chaos ist hier eschatologisch zu verstehen; in Deinen Worten: „Die Welt ist eben nicht gut! Sie ist einfach da und wir in ihr.“ Der Unterschied zur tatsächlichen Heilslehre ist, dass die Natur für den Menschen und dessen christlichen Bedürfnisse relevant ist, sie ist nicht der bloße Hintergrund.

          1. Zunächst bestreite ich, dass wir über eine Interpretation des Begriffes Natur streiten. Wie bereits gesagt, stimmen wir diesbezüglich überein. Wir behandeln lediglich verschiedene Aspekte dieses gemeinsamen Ganzen. Man kann eine Genitalwarze unter medizinischen oder ästhetischen Gesichtspunkten betrachten, es ist und bleibt aber immer noch dieselbe Genitalwarze und der dazugehörige Begriff wird hierdurch auch icht anders interpretiert (Danke Michael für das tolle Beispiel!). Das ist kein Streit über eine Begriffsinterpretation, sondern ein solcher über den Fokus der Diskussion. Dieser besitzt aber keinerlei Relevanz, da unsere Ausführungen bewusst nicht aufeinander bezogen sind. Nur hinsichtlich der Interpretation der eingangs zitierten Textpassage gibt es einen solchen Bezug. Hier ist der Streit jedoch mangels des Kontextes müßig.

            Ferner schmunzele ich darüber, dass du andererseits postulierst, Begriffe seien nicht frei interpretierbar, ihnen aber zugleich Bedeutungen zuweist, die in keinem Wörterbuch zu finden sind: Der Begriffshof des Wortes „Chaos“ dürfte damit weit überschritten sein.

            1. Nun, glücklicher Weise hängt der Stand der Diskussion nicht von Meinungen, sondern von Argumenten ab. So sehr ich Deine Bemühung um Konvergenz also zu schätzen weiß, kann ich nicht zustimmen, dass es um Fokus statt Begriff geht. Ich möchte deswegen rekapitulieren, dass nach Deiner Aussage das Verständnis des Aufsatzes an Prämissen scheitere. Die theologische Hermeneutik des Schöpfungsaktes steht am Scheidepunkt des Begriffs Chaos, die terminologische Desambiguierung hält sich mit dem Begriff der Natur auf – es gibt hier kein anderes Problem. Ein Fokus ist, wie Du es zu verstehen gibst, wählbar, sobald es an einem Gegenstand zwei Betrachtungsoptionen gibt. Ich leugne, dass das hier der Fall ist, und behaupte, es am Beispiel der Landschaft verdeutlicht zu haben. Erneut: Ontologisch ist der Status der Landschaft invariant extensional und intensional fixiert: Die Landschaft ist Außenwelt, res extensa, Naturobjekt. Ästhetisch mag die Landschaft Kunstobjekt als touristischer Kitsch oder Naturobjekt als unkultivierter Ort sein. Diese beiden Auffassungen sind inkommensurabel, hier hilft kein Fokus: entweder – oder.

              Zum Begriff des Chaos scheint erneut klargestellt werden zu müssen, was ich über Begriffe gesagt habe: Es gibt zwei Operationsebenen, apriori die Möglichkeit des Begriffs, aposteriori Bedeutung (Semantik), Stellung (Syntax) und Verwendung (Pragmatik). Sämtliche Ausführungen über die Situationsunabhängigkeit des Begriffs beziehen sich auf den apriorischen Teil – vor jeder Erfahrung heißt vor jeder Verwendung und Interpretation. Es geht hier schlicht um die logische Möglichkeit der Denotation, auf die jedes animal symbolicum zurückgreift – alles andere wäre Relativismus und es blieben nur Privatsprachen, die auf den Zufall zur Kommunikation angewiesen wären. Aposteriori sind Begriffe selbstredend strittig, ähnlich aller Wahrnehmung und Gewissheit. Das ändert nichts daran, dass Begriffe in Bezug auf die Möglichkeit ihrer Situationsunabhängigkeit verwandt werden – sie ist der Anspruch des Begriffs.

              Wenn ich das Wort „Chaos“ verwende, bin ich, wie Du mit Deinem Satz: „Schließlich sind sprachliche Zeichen und Lautbild zunächst arbiträr und werden erst dadurch zu einem Begriff, dass mit ihnen eine Vorstellung, eine Idee, ein Bild, ein Konzept oder ähnliches verknüpft wird“, markiert hast, nicht auf irgendeine lexikalische oder konsensuelle Konvention angewiesen. Ich verknüpfe das Lexem mit einem eschatologischen Denotat, nämlich dem Fehlen an Ordnung in der Schöpfung. Ob mir es gelingt, verständlich zu machen, welchen Verweis ich beabsichtigt habe, d. h. auf den Anspruch auf Situationsunabhängigkeit zurückgreife, ist – und hier hast Du recht – im Kontext der Kommunikation wichtiger als Haarspaltereien. Haarspalterei ist unser Gespräch jedoch nur insofern, als wir über Worte statt deren Denotationen sprechen: Die Funktion des Wortes „Natur“ ist primär und hier einzig der Verweis. Wir sollten über das Denotat sprechen: Das Objekt des Naturschönen.

              Ich möchte Dir keine normative Setzung des Begriffs aufzwingen, sondern verwende ihn, um einen Verweis auf sein Denotat argumentatorisch aufzugreifen. Deswegen ist es tatsächlich müßig, sich mit Begriffen aufzuhalten: Allerdings steht an dieser Stelle mein Widerspruch – müßig ist es, die begriffliche Dissonanz zu leugnen, nicht sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die argumentatorische Auseinandersetzung wird erst durch den Mitvollzug der Dynamik (aposteriorischer) intersubjektiver Terminologie möglich.

              Ich definiere deswegen breviter die beiden fraglichen Termini nach meiner Überzeugung und für diesen Aufsatz unter Berücksichtigung der Reihenfolge – für Missverständnisse kein Gewähr:
              Natur: Das Objekt des Naturschönen
              Chaos: Das Fehlen an Zweck und Ordnung in der Natur

              Ich leugne damit selbstredend weder die ontologische Fassung des Naturbegriffs, noch die nicht-eschatologische des Chaos. Ihre Denotationen helfen allerdings nicht beim Verständnis der obigen ästhetischen Abhandlung.

              Ich bin vorfreudig ob Deines Kommentars zum Naturschönen.

              1. Ich habe die Vermutung, dass wir entweder an einander vorbeischreiben oder einen Streit nur um des Streites willen führen.

                In dem Moment, in dem du die Natur unter ontologischen Gesichtspunkten betrachtest und dies von einer Betrachtung unter ästhetischen Gesichtspunkten differenzierst, greifst du doch gegenüber demselben Betrachtungsobjekt auf zwei verschiedene Betrachtungsweisen zurück. Wie kannst du dies bestreiten wollen?
                Dass in deinem Aufsatz nur die eine Betrachtungsweise vertreten war, ändert nichts, da ich mich ja ausdrücklich nicht hierauf beziehen, sondern die eingangs zitierte Textpassage gerade aus dem anderen, mir zu diesem Zeitpunkt attraktiver erscheinenden Blickwinkel erörtern wollte. So ist auch meine Äußerung hinsichtlich der Prämissen des Aufsatzes zu verstehen: Ich wollte ausdrücken, dass sich aus meiner Sicht der zitierten Textpassage eher Gehalt für eine ontologische Betrachtung der Natur entnehmen lässt, als für eine ästhetische Betrachtung, weshalb mich die diesbezüglichen eigenen Gedankengänge zunächst von einem Genuss der deinigen abhielten.

                Hinsichtlich des Begriffes Chaos stimmen wir überein, dass es das Fehlen jeglicher Ordnung bezeichnet. Wenn du nur die göttlich vorgegebene Ordnung als solche anerkennst, mag deine Verwendung des Begriffes schlüssig sein. Hierin differieren wir jedoch. Das ist der eigentliche Streitpunkt zu dieser Frage. Der muss aber nicht hier erörtert werden, wenn wir den Rahmen dieser Seite nicht sprengen und das eigentliche Thema deines Beitrags nicht durch unsere Nebendiskussion überlagern wollen.

                Zu deinem Artikel selbst werde ich mich bei Gelegenheit noch äußern 😉

  2. Vielleicht bin ich eine zu ehrfűrchtige Natur. Vielleicht auch ausnahmsweise mal nicht verkopft genug. Aber: mich hat dieser Artikel ehrlich überrascht. Er bringt mir noch eindringlicher sein emotionales Moment hervor, als es die anderen Artikel hier bis jetzt getan haben – und dann auch noch zu solch einem gewaltigen Thema, der Frau (man möchte in diesem Zusammenhang fast von einer Naturgewalt sprechen). Dementsprechend meine hier gefasste Antwort: Mir hat dieser Artikel sehr gut gefallen, wenn ich ihn auf etwas reduzieren müsste, dann darauf, dass er vorzüglich das ästhetische Mit-Empfinden in mir katalysiert hat, Darin auch der Kern für mich: Der Versuch, hier eine Art der ästhetischen Wahrnehmung zum Ausdruck zu bringen.
    Diese ganze Semantik, die du darüber betreiben magst, befremdet mich, Marcel. Du schreibst, dass du dich noch nicht mit dem Inhalt des Artikels auseinander gesetzt hast und man entnimmt es deinem Kommentar: du schlitterst an dem vorbei, worum es hier geht, bringst sogar etwas vollkommen nicht der Kategorie zugehöriges ins Gespräch; für mich fast von so atmosphärischer Dramatik, wie jemand, der plötzlich bei einem Geschäftsessen anfängt, von seiner Genitalwarze zu erzählen (das Beispiel ist arbiträr und nicht für voll zu nehmen, es geht mir wirklich nur darum, es zu illustrieren). Während ich deine Impulse zur Frage, was Natur ist, gerne gelesen habe, sind sie meines Erachtens hier falsch. Besser aufgehoben wären sie in einem eigenen Artikel.

    1. Für solche Gespräche bei Tisch bin ich ebenfalls zu haben 😀

      Nun aber genug des Spottes! Vielleicht liegt es ja an der zu künstlich-theoretischen Sprache, dass ich ebenfalls ins Theoretisieren verfalle. Denn natürlich ist nur die Natur selbst, nicht der Eindruck, den man durch einen Text von ihr vermitteln könnte. Wenn man gerade nicht in der Stimmung ist, diesen durch die eigene Erlebenswelt zu ergänzen, fehlt der entsprechende Zugang und es bleibt bei bloßer Theorie.

  3. Es freut mich, dass Ihr beide Euren Spaß an diesem sprachlichen Duell hattet. 😉

    Ich finde das Thema sehr schön, berührt es mich als Ingenieur doch im Herzen! Einerseits bewundere ich die Schönheit und Rafinesse einer gelungen Konstruktion und andererseits kenne ich das Gefühl der Ehrfurcht und der Erkenntnis der eigenen Unbedeutsamkeit, betrachtet man von Menschenhand unberührtes. Dazu zählen nicht nur Landschaften, oder der Himmel. Denkt mal über die Schönheit einer DNA Doppelhelix, einer Lichtbrechung an einem Prisma, oder der Vollkommenheit einer akustischen Szenerie bei geschlossenen Augen nach (z.B. im Wald?)

    Eine Sache vermisse ich allerdings bei deinem Artikel: Etwas Neues! Deinen eigenen Gedanken, den es vor diesem Text noch nicht gab.
    Oder habe ich etwas übersehen?

    1. Im Wesentlichen etwas übersehen zu haben, kann Dir nicht vorgeworfen werden, insofern ich die Autoren ja selbst anführe, um auf sie zu verweisen. Indes, die Interpretation ihrer Worte, die Wahl der Textstellen und die Assoziation derselben sind ihnen womöglich selbst weder in den Sinn gekommen, noch werden sie ihnen gerecht. Im Übrigen bin ich der festen Überzeugung, dass der Großteil, beinahe jeder Gedanke bereits gedacht wurde und ein Geniestreich, eine Innovation oder eine tanzender Stern (wie es sich mit Nietzsches Zarathustra formulieren lässt) keine Alltäglichkeit ist, sondern eine ehrenwerte Rarität. Der Vorteil der Quelle ist also, dass der Vordenker einiger Gedanken bekannt ist – die Herkunft der Mehrzahl unserer Vorstellungen kennen wir allerdings erst gar nicht.

  4. Okay, dann muss ich mich dahingehend präzisieren, dass ich mit „Etwas Neues“ vorrangig etwas für mich neues meine. Ein Gedanke also, bei dem ich nicht nur nickend zustimme und hier und da anmerke, dass man auch noch folgende Aspekte betrachten könnte, sondern der in mir einen Aha-Effekt auslöst.

    Abgesehen davon stimme ich Dir zu, dass ein nach deiner Definition neuer Gedanke keine alltäglichkeit ist. Allerdings erscheinen hier ja auch nicht mehrmals täglich Publikationen von Dir 😉

    Ein neuer Gedanke wäre zum Beispiel etwas, dass man in einer Dissertation findet, und was ich als wissenschaftlichen Mehrwert bezeichnen würde. Aber vielleicht öffnet dieses Beispiel das Feld auch zu weit, weil man unter Disseratationen mittlerweile ja vieles fasst…
    leider keine Zeit mehr, daher hier ein Cut.

  5. Zu den Eingangsworten und den theoretischen Bezügen des Textes habe ich mich bereits geäußert. Nun will, wie versprochen, ich ein paar Überlegungen zu dem eigentlichen Thema, dem Naturschönen anstellen:

    Die Beobachtung des Autors, das Naturschöne bestünde außerhalb des Menschen, sei ihm fremd und müsse von ihm aktiv gesucht werden, hat einiges für sich, bedarf meiner Meinung nach aber weiterer Konkretisierung: Wie in meinen früheren Kommentaren dargelegt, bezieht sich der Begriff der Natur im ursprünglichen Sinn auf das vom Menschen Unberührte um uns herum, während das aus unserem Tun Hervorgegangene als künstlich empfunden wird. Sucht man nach Natur überhaupt, egal ob schöner oder sonstwie gearteter, muss der Blick daher stets nach außen gehen. Je weiter die Zivilisation um sich greift, desto weniger ist im eigentlichen Sinne noch natürlich und desto schwieriger ist es, mit der Natur in Kontakt zu treten. Und hat man sich dieser zu nähern versucht, ist oft der menschliche Einfluss auch dort zu spüren und macht sich in Gestalt von Spaziergängern, Strommasten, Radfahrern etc. bemerkbar. All dies kann, je nach Aufdringlichkeit des Eindrucks, den Blick für das Natürliche verstellen und das Erlebnis stören. Aber auch die eigenen Gedanken vermögen eine Barriere darzustellen, wenn sie sich mit Externem, mit Alltäglichem, mit den weltlichen Sorgen beschäftigen. Dann ist unsere Aufmerksamkeit bestenfalls geteilt zwischen der Umwelt und dem eigenen Innenleben.
    Insofern gebe ich dem Autor also Recht: das Erlebnis des Natürlichen bedarf der richtigen momentanen Geistehaltung und der Aufnahmefähigkeit des eigenen Gemüts. Ist diese aber vorhanden, ist der Rest einfach nur Erleben. Besondere Konzentrationsbemühungen oder Geistesanstregung wären geradezu schädlich und störend. Der natürliche, ungefilterte Eindruck erfolgt von selbst. Alles andere ist nicht natürlich, sondern nur die Rezeption des Natürlichen. In diesem Sinne verstehen ich das angeführte Adorno-Zitat: „Das Wort ‘wie schön’ in einer Landschaft verletzt deren stumme Sprache und mindert ihre Schönheit; erscheinende Natur will Schweigen, während es jenem, der ihrer Erfahrung fähig ist, zum Wort drängt, das von der monadologischen Gefangenschaft für Augenblicke befreit”

    Was aber macht das Naturschöne aus? Ist Natur, wenn sie natürlich ist, stets schön? Oder hängt ihre Schönheit von weiteren Faktoren ab? Hierzu mag jeder eigene Spekulationen anstellen. Ich für meinen Teil möchte auf meine Ausführungen zum Waldgang verweisen und postulieren, dass es von allen auf uns einwirkenden Faktoren in ihrem Zusammenspiel miteinander abhängt, ob wir den Eindruck von Schönheit erlangen.
    Über die Beschaffenheit der Natur ist damit aber nichts ausgesagt. Lediglich die Wirkung der sinnlichen Reize auf uns wird mit dieser Wertung beschrieben. Dieselbe Szenerie vermag sich uns in einem Moment als schön, im anderen als abstoßend darzustellen, weil sie entweder anders rezipiert wird oder sich einzelne Einflussfaktoren geändert haben.

    Ein Beispiel: Bei einem Spaziergang durch den winterlichen Wald über eine unberührte Schneedecke mag man die bewegungslose Stille, das Glitzern der Sonne auf den schneebedeckten Wipfeln und die Weite des darübergewölbten Himmels bewundern und für sich als schön betrachten. Es genügt jedoch eine kleine Änderung, ein Schwinden des Lichts, eine Wolke, die vor die Sonne kriecht, oder einsetzender Regen und unser Empfinden vermag sich ins Gegenteil zu verkehren, das zuvor für schön Gehaltene sich nun als öd und trist, als trostlos darzustellen.

    Schönheit ist der Eindruck eines Moments. Sie existiert nur für den Betrachtenden und nur für den Moment der Betrachtung. Sie ist die Folge eines fragilen Geflechts von Eindrücken und ebenso vergänglich wie diese selbst.
    Die Pointe hierbei ist, dass letztlich wir selbst es sind, von denen das Wesen der Naturschönheit, der Schönheit generell abhängt: Verschiedene Menschen haben verschiedene Wertungsmaßstäbe, sind unterschiedlich empfindlich für verschiedene Eindrücke und haben sogar rein physisch einen anderen Blickwinkel auf ihre Umgebung. Dass wir dennoch vom Naturschönen sprechen, liegt daran, dass wir die Quelle dieser Eindrücke in der Natur verorten. Tatsächlich ist es aber die eigene Natur (im übertragenen Sinne), die wir offenbaren, wenn in dieser Weise zu unserer Umwelt Stellung nehmen.

    Was ich als schön empfinde (falls das tatsächlich jemanden interessiert), mag deutlich davon differieren, was weniger morbid veranlagte Gemüter für schön halten. Schön ist für mich der Strudel, der im Sturme tosend sich zu Füßen des jungen Werther auftut, bereit ihn aufzunehmen. Schön ist eine dräuende Gewitterfront am klaren Sommerhimmel, das Zwielicht, das sie mit sich bringt, die Schwüle mit dem nahen Hauch der Kühle, zugleich Erleichterung und Bedrohlichkeit verheißend. Schön ist aber auch der Wald, die über den Köpfen tanzenden Blätter, das Licht, das durch sie dringt, das allgegenwärtige Rauschen, das Knacken der Zweige, der flüchtige Eindruck vorbeihuschender Tiere.
    Gemeinsam ist alldem jedoch, dass es stets ein Panorama der Eindrücke ist, das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren, das mich zu dieser Empfindung gelangen lässt.

    Deshalb wage ich, dem Autor insoweit zu widersprechen: Nichts ist wesentlich schön oder unschön, wie auch nichts wesentlich groß oder wesentlich klein ist. Diese Wertungen haben Geltung nur für den Moment, beschreiben nicht das Wesen der Dinge, sondern nur unseren momentanen Eindruck von ihnen, mag der Autor dies auch bestreiten. 😉

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