Satyr

Träge Zeit des Müßiggangs, eine sorgsame Mutter oder einen Platz braucht es, um einen Jäger zu knechten. Es ist ein leiblicher Fall vom Jäger zum Bürger. Stolz einst das von seinen Sehnen in die Gerade gezwungene Bein des Wilden, des Treibenden und des Rastlosen; verlustig nun seiner Macht. Hängen, nicht Stehen, ist die Gegenwart des Knechts, der nur weiß und meint. Es kommt ihm gelegen, dass zurück zu sehen herab zu schauen erlaubt – waren sie nicht klein und flüchtig tot? Frei von der Last seiner selbst steht er, der Zeitgenosse, hier, irgendwo anonym und traurig frei im Büro: also im Büro eines anderen, seines Vorgesetzten, nie seines eigenen. Wäre er gefragt, und er fragt sich selbst mitnichten, so bliebe ihm nichts anderes, als zu meinen, er missbillige das Warten, doch gewiss ist nur, dass er wartet.

Geistlose Räume haben keine schmucklosen Wände. Sie sind seine, des Manns, der nie Jäger sein durfte, trostlose Rettung, denn würde er nicht warten wollen, so muss er doch ruhen: und er lehnt sein träges Selbst gegen ein Bild, das hier hängt, ohne dass es ausgewählt worden ist. Er blickt auf eine Landschaft, ein Panorama des Sichtbaren, Kontur und Objekt. Nichts gibt es hier zu finden, keine Beute und kein Licht. Es ist, als sei dieses zierende, nicht schöne Bild im Büro seines Vorgesetzten der Platz, der für ein Wartezimmer nicht gewesen ist. Den Mut, sich zu ärgern, bringt er nicht auf, mag sich die eigene Hüfte noch so sehr nach der Einladung, Platz zu nehmen sehnen. Ein Krampf bleibt zwischen der Emotion, die gewesen wäre, wenn der Jäger die Tiefe der Landschaft gesehen hätte, und der Tapete.

Dieses Behagen des Bürgers Unbehagen zu nennen, ist falsch. Es ist die Kniekehle, die er nicht gehabt hätte, wäre er Jäger geblieben, die seine Hüfte, seine Wirbelsäule ins Schwanken stößt. Was für ein jämmerlicher gerechter Ort, die Kniekehle des Stehenden! In ihrem bürgerlichen Anstand weist sie ihn beständig drängender darauf hin, dass er zum Platz Nehmen verkommen ist. Er ist kranke Beute – ein Tier hätte ihn bisweilen verschont, der Sorge um schlechtes Fleisch wegen. Der erbärmliche Tanz beginnt, von einem Bein auf das andere. Das Bild will ihm langweilig werden: Ausrede zwar, doch keine Linderung für diesen Ödipus. Er wendet sich und greift nach Halt, der Uhr, dem Termin. Seine Sys- und Diastole verstreicht, dazwischen der Moment, doch was Ödipus erst begreift ist das springende Uhrwerk. Ein Winkel rechtfertigt sein Leid, sein Behagen. Die Sonne hat er noch nie gesehen. Er weiß nicht, was Zeit ist, doch hat er einen Termin.

Nicht zu merken, dass der Körper auf dem Leib lastet, ist der Triumph des Jägers. Er steht, weil zu sitzen seiner Natur widerstrebt, weil er leben und nicht warten soll. Es gibt keine kranken, keine gesunden Jäger und auch die Verletzung ist keine Ruptur seines Soseins, es ist ein sanfter und kräftiger Übergang. Nicht beweglich, sondern in Bewegung zu sein, schenkt seinem Auge die Tiefe – keinem Jäger ist ein Bildschirm genug. Wild durchaus, aber nicht rasend steht er am Hang, um die Welt, derer er sich ermächtigt hat, zu überblicken. Sein Gegenstand ist kein Objekt, er begreift ihn nur, weil er ihn ergreift – erst im Besitz der Welt beginnt der Wille des Jägers. Dieser Puls seines Lebens schlägt im Einklang mit der Tat.

Das Büro ist die Ekstase der verwalteten Welt. Knechtisch am Schreibtisch dienend, weiß doch jeder um die bittere Weisheit des Silenos, dass das größte Glück ist, nie gearbeitet zu haben, und das Zweitbeste, früh in den Feierabend zu gehen. Und doch ist sich dieser eine Ödipus hier sicher, welches Warten die Überlastung seiner schwachen Knie rechtfertigt: Une sorte de prière, une vague supplique. Er ist sich Untertan zu sein verpflichtet, verpflichtet dem Ordentlichen – einerlei, wofür er hier die Hände in den Rücken stößt, um mit einem letzten blinden Atemzug den Nacken zu einer berstenden Entspannung zu verzerren. Jedes Glied schreit nach Entspannung von Spannung, die es nie gegeben hat, in der Leere des Wartens im ortlosen Büro, das nur der Termin zusammenzuhalten scheint.

Endlich tritt ein anderer Knecht ein. Die Magie der Tür ist es, zwei entfernte Atmosphären zu vermischen, Neues, Wandel, Antrieb zu versprechen. Sie schließt sich. Hier stehen nun zwei – und jeder Blick wäre zu viel. Ein Bürger blickt nicht, er weiß und meint. Dort jedoch, wo zwei freie Geister, zwei Jäger in doppelter Kontingenz aufeinander stoßen,  treffen, prallen, ist die Gegenwart des Anderen im Blick, ist es ein heftiger Speer in die eigene Deckung, die im Kampf um das Dasein miteinander zu ringen, zur Freude der lebendigen Begegnung machen. Die Furcht vor dieser lebendigen Begegnung lässt diesen hier nicht aufblicken. Er grüßt freundlich und verbindlich – verbunden werden zwei in alltäglicher Gewohnheit, in der Verlässlichkeit, nichts voneinander zu erwarten zu haben.

Eines bleibt: Der Sessel, die Verheißung. Er wird die Zeit des Wartens purgieren, vergessen machen, ihr ihre Bedeutung schenken. Mögen es Minuten oder Viertelstunden gewesen sein, die Ödipus hier hing, ihr Tribut wird dankbar sein, sobald er stürzen kann, denn um sich zu setzen, ist er nun zu schwach. Dort, im Sessel, wird er nicht mehr kein Jäger sein, sondern geschäftig, beschäftigt. Fast leichtfüßig, wäre ihm sein Körper nicht fremd, schreitet, nein, tänzelt er seinem Vorgesetzten, keinem Menschen entgegen, um ihm die Hand zu geben. Nun wird niemand mehr fliehen können. Die offene Hand weist auf das Polster. Er fällt.

Lovis Corinth (1924): Walchensee-Panorama
Lovis Corinth (1924): Walchensee-Panorama; Quelle

7 Gedanken zu „Satyr“

  1. Gelungene prosaische Aufbereitung, die dein Drängen nach Veränderung von dir und deinem Umfeld Nachdruck verleiht. Aber den Umstand zu benennen, ändert ihn noch nicht. Verbleiben wir vermutlich weiterhin in der Senke des pluralistischen Allerlei träge und huldigen weiterhin dem Potenzial.

  2. Super Artikel! Liest sich echt gut. Dein prosaischer Gedanke gibt angenehm malerisch das Verhalten vieler Menschen wieder, obwohl zu hoffen ist, dass es da draussen noch einige Freigeister gibt, die sich vom Alltag noch nicht haben unterjochen lassen.
    Vielen Dank für diesen Text, es war mir eine Freude diesen zu lesen.

  3. Liest sich wirklich fantastisch. Gerade die Zeilen „Jedes Glied schreit nach Entspannung von Spannung, die es nie gegeben hat […]“ haben es mir angetan! Ich lese mich ja zur Zeit mit fast religiösem Eifer durch Fromms Werke und fand in diesem Texte dazu stimmungstechnisch schöne Überschneidungen. Gerade in seinem Buch „Wege aus der kranken Gesellschaft“ legt er die Problematik des unfreien unter einer unsichtbaren Autorität geknechteten Menschen dar. Dieser fühlt sich auf dem Gipfel seiner Freiheit, aber lässt sich durch verstandlose Arbeit in einem entfremdeten System unterjochen um dann in den wenigen Abendstunden der Freiheit seine Zeit vor dem Fernseher oder eben auf dem Sessel buchstäblich tot zu schlagen. Kurzum, schöner Text, genau meine Interessenlage gerade, gerne mehr davon!

    Der Stephan

  4. Denn der Gedanke ist für mich tiefgründig und wichtig, aber auch nicht zu wichtig. Jeder sollte sich damit beschäftigen und entscheiden, wie er damit umgeht. Ob er seinen gesellschaftliche Position anpassen muss, sie passt oder den Gedanken oder die Schlussfolgerung ignoriert.
    Ich wüsste gerne, wie du auf die Idee für die Szene gekommen bist.

    1. Da ich das Kommentar leider zwischen Tür und Angel schreiben musste fängt es seltsamerweise mit „Denn….“ an.
      Liegt daran, dass der letzte Satz mal der erste war.
      – Moment – auch dann ist es blödsinn…
      Naja. 🙂

  5. Nun muss ich dir endlich mal das versprochene Lob aussprechen: Du meisterst einen neuen, sowohl lesbaren als auch genießbaren Stil und sprichst etwas an, das uns alle betrifft. Zugleich wird der bloße Akt des Sich-Nichtsetzens und des Niedersinkens mit solch immenser Bedeutung aufgeladen, das dies wahrlich Stoff einer greichischen Tragödie sein könnte. Der tragische Protagonist, der nichts gegen sein Schicksal auszurichten vermag und schlussendlich fällt. Ein Ödipus, fürwahr.

    Auch wenn es dem Text nicht angemessen erscheint, nach der Bedeutung seiner Glieder zu fragen, will ich in einem Punkte näher nachfragen: Was genau willst du mit Satyr bezeichnen?
    Du zitierst Silenos, einen der wenigen namentlich bekannten Satyrn in der griechischen Mythlogie, zugleich Chorführer beim Satyrspiel. Stellt er die Brücke zum Tragischen dar? Aber das Satyrspiel ist doch gerade das Kontrastprogramm zur Tragödie bei den Satyrspielen. Er kommt als Herold für das tragische Schicksal unserers Helden somit nicht in Betracht.
    Oder hat der Satyr für dich noch eine andere Funktion, eine andere Bedeutung? Willst du vielleicht gar den Protagonisten hierdurch charakterisieren? Ich bin bei Wikipedia auf folgendes Zitat gestoßen, das mich letzteres vermuten lässt:
    “Bei den namengebenden Satyrn handelt es sich um mythologische Figuren, halb Mensch, halb Tier. Es sind Walddämonen, die sich gern um Dionysos scharen, dessen Schwäche für Sinnesgenüsse sie teilen. Konfrontiert werden die Satyrn mit Situationen und Umgebungen, die nicht ihrem „natürlichen“ Umfeld entsprechen. Sie müssen Aufgaben lösen, die nicht in ihrem Wesen liegen, und Göttern dienen, die so ganz andere Eigenschaften aufweisen, als der von ihnen verehrte Dionysos.“ (Manfred Brauneck, Gérard Schneilin: Theaterlexikon. Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensembles. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 817).
    Dies entspricht dem Dilemma unseres Ödipus, der einst Jäger hätte sein können, aber in der verwalteten, widernatürlichen Welt zum Bürgerdasein unter der Herrschaft fremder Vorgesetzter verdammt ist. Doch ist die Natur des Menschen noch die des Jägers? Ist er nicht längst schon in seiner gegenwärtigen Rolle etabliert. Beweist nicht gerade die von dir beschriebene Kniekehle, dass sich seine Natur bereits gewandelt hat? Er ist kein Satyr mehr. Er ist nur noch Knecht.

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