Drei Worte an Paracelsus und andere Träumer

Tatkraft

Des Frühlings ist der letzte rege Tag
im Jahr, bevor der Sommer es verwöhnt,
um uns zu rauben unsrer Kraft Ertrag.

Noch ist der Wind nicht mit der Haut versöhnt,
solange Zweigen erst das Grün entbricht  –
im Wald noch nicht der Stamm mit Last gekrönt.

Nimmt dann die Sonne uns die weite Sicht,
lässt langer Tag den Wert der Stunde ruh’n,
so bleibt nur Müßiggang und kein Gewicht.

Du Narr, kein Einziger ist hier immun:
Die Fallsucht reißt Germanen tief hinab
ins sommerliche Wohlbehagen nun.

Die Dorfjugend

Ein Ball rollt herab
Getreten, um zu ruhen
Wo ist mein Smartphone?

 Aufforstung

Schon Wildverbiss, Waldsterben plagen,
Insekten bald verzehren Setzling
wie urwäldlich Relikt als Unding,
den Fichtenwald – Försters Versagen?

Will Forstwirt nur Nutzen bezwecken,
wird Geisteskraft keimend verloren.
Ist Weitblick statt Nutzwald erkoren,
kann Freisinn sich würdig verstecken.

Cover der Zeitschrift "New York Dada" (1921) von Man Ray; Quelle
Cover der Zeitschrift „New York Dada“ (1921) von Man Ray; Quelle

4 Gedanken zu „Drei Worte an Paracelsus und andere Träumer“

  1. Meine Kennntnisse über das Wirken des Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, halten sich leider derartig in Grenzen, dass ich den konkreten Bezug nicht zu erfassen vermag. Doch besitzen die vorliegenden Gedichte unabhängig vom übergeordneten Kontext einen gewissen literarischen Eigenwert, den ich nicht missen möchte. Insbesondere das zweite über die Dorfjugend könnte es mit so manchem Dada-Erzeugnis aufnehmen. Doch wo ist mein Tablet…

  2. Mops
    Unwillig den schweren Kopfes hebend,
    trübe Augen den Raum durchsuchen.
    Nichts scheint den Blick zu fesseln,
    nichts wert genug um zu verweilen.
    Ein Seufzer entweicht dem Betrachter,
    der Hoffnung doch nicht müde,
    weiter die Umgebung betrachtend,
    schiebt sich in das Sichtfeld,
    den Blick nun an sich bindend,
    die Neugier zu entfachen,
    jegliche Gedanken zu verdrängen,
    etwas Wundersames,
    etwas Bekanntes,
    etwas Ersehntes.

    Nun heißt es nicht mehr rasten.
    Jeglichen Zweifel ignorierend,
    kaum eines klaren Gedanken fassend,
    hebt sich der Körper dem Ziel entgegen.

    Aufkeimende Hoffnung ist des Antriebs Treibstoff.
    Die Bewegung wird zur Beschleunigung
    immer schneller und schneller in Richtung des Verlangtem.
    An Stoppen nicht zu denken,
    von Gier ganz angetrieben,
    die Lust weiter steigend,
    fliegend geht es dem Ziel entgegen.

    Wird der Hoffnung gar zum Trotze,
    zum Scheitern doch verurteilt,
    unterbrochen die wilde Jagd
    durch gläserne Grenzen.

    null
    Quelle: http://www.mopsseite.de/wp-content/uploads/2013/02/Der-Mops.jpg

    HA!
    Du hast da drei schöne Texte der Fallsucht zum Trotze erschaffen.

    1. Das Gedicht „Mops“ spielt mit einer fluoreszierenden, nicht aber phosphoreszierenden Atmosphäre. Mir drängen sich hier drei Motive als ihre Angelpunkte auf – die Leiblichkeit des Blicks, die psychische Manifestation der Hoffnung und die tierische Allegorie auf das menschliche Triebesleben -, die sich über die Strophen im wechselseitigen Einfluss etablieren. So sind das Durchsuchen des Raumes und die Betrachtung der Umgebung in der ersten Strophe Akte der leiblichen Passivität. Als Betrachtung wird hier ein Zustand skizziert, dem es eines Objekts ermangelt, und dem der Betrachter ausgeliefert scheint: Er ist gleichsam darauf angewiesen, dass sich die fremde Aktivität „in das Sichtfeld“ schiebt – bisweilen ist die Passivität des Betrachters nicht einmal in der Lage, das Sichtfeld zu seinem eigenen zu personalisieren. Dieses Thema radikaler Passivität ist die Grundierung für das Sujet reiner Hoffnung, die mit dem Auftritt des Objekts aktiviert wird. Der auf den Engepol des Fremden reduzierte Beobachter scheint fast rasend euphorisch, bald manisch in Gewahrwerdung des Anderen zu werden. Seine Passivität schlägt in reinen Akt und Streben um. Die Hoffnung wird hier auch stilistisch durch das Stakato am Ende der ersten Strophe als eine stürmerische Raserei präsentiert. Allein, und hier schließt sich die allegorische Darstellung, ist diese Hoffnung nicht genug. Sie scheitert an der ambigen Metapher der gläsernen Grenze, die hier nicht nur die Glasscheibe für den Mops bedeuten mag, sondern die fast fichteanische Opposition von Ich und Nicht-Ich: Das auf Hoffnung und Aktion reduzierte, selbstentäußerte Selbst findet eben nicht im Begrehungsobjekt Erfüllung, sondern nur in der Vermittlung zwischen der eigenen Identität und der Welt. Jeder Sinn schwebt zwischen Subjekt und Objekt, Interpretation und Werk, Explanans und Explanandum. Nicht zuletzt ist also die Selbstaufgabe an das Begehrungsobjekt keine Salvation, sondern eine gläserne Illusion.

  3. Vielen Dank für diese schöne Interpretation. Ich hatte am Anfang meine Zweifel, ob es so angemessen sein würde, aber deine Antwort gibt mir die benötigte Bestätigung(, die mich sehr erfreut.)
    Ich hab nicht mal mit so einer Interpretation gerecht!

    Kurz noch drei Gedanken zu deinem Beitrag:

    Was ich mir bei deinem Gedicht Tatkraft denke ist, dass doch gerade der Sommer die Grundlage für spätere Arbeit bringt. Als Beispiel: sommerlichen Abende, die zum Sparzieren einladen, der als Müßiggang ausgelegt werden kann, aber auch zum Nachdenken benutzt wird. Wie du auch sagt, fällt mit solchem Gang auch das Gewicht von den Schultern, was man so den Rest des Jahres so mit sich rumschleppt. Dieser sommerliche Müßiggang bietet später den Boden für die darauffolgende Arbeiten.

    Zu der Dorfjugend kann ich nur sagen, dass das Gedicht die heutige junge Gesellschaft recht gut wiederspiegelt, obwohl ich stark annehme, dass in Zukunft wieder Tedenzen in die andere Richtung spielen werden, da ich doch von Bekannten immer häufiger das Murren über das Smartphone und die moderneren Kommunikationsmöglichkeiten im Alltag höre.

    Zur Aufforstung kommt mir der Gedanke, dass recht viel nun immer mehr generalisiert und verallgemeinert wird, aber gleichzeitig auch spezialisiert. Diese zwei Vorgänge verpaaren sich dann zu einer Abnahme der Diversität der Gedanken. Als Beispiel wären da Studien: erst ist im Bachelor möglichst alles grob verallgemeinert und nur angeschnitten, sodass man kaum Wind von den Ideen der verschiedenen Unterrichtungen bekommt und später im Master ist es dann so speziel, dass man kaum was von den anderen Richtungen mitbekommt. Das finde ich tendenziel recht schade, da gerade Brücken zwischen zwei Fachrichtungen zu neuen Ideen und Herangehensweisen führen. Das ist nun das übliche rumjammern, wenn man selbst was gegen den allgemeinen Fichtenwald machen will, besorgt man sich halt nen Schrebergarten und pflanzt sich seine eigenen Arten….

    Zudem gebe ich Marcel da recht, dass ich Paracelsus nicht ganz dazu einordnen kann….

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