Viswanathan Anands zwei Minuten ätherischer Größe

Nachdenken

Denken ist eine psychische Tätigkeit und lässt sich in der akademischen Psychologie strukturell von Emotion, Motivation, Sprache, Lernen, Wahrnehmung und Gedächtnis abgrenzen. Die Mechanismen des Denkens werden hierbei im Regelfall im Gehirn lokalisiert und lassen sich logisch formalisieren. Es scheint dabei fraglos wahr zu sein, dass Menschen gemeinhin eine Fähigkeit zur Tätigkeit des Denkens eigen ist. Zugleich werden jedoch quantitative differentialpsychologische Unterschiede im Ausprägungsgrad dieser Fähigkeit erkennbar, die sich auf die Merkmale Intelligenz und Kreativität, aber auch Problemlösefähigkeit partialisieren. In philosophischer Reflexion wird der Mensch bereits bei Aristoteles zum ζῷον λόγον ἔχον, zum denkenden Lebewesen, also einer Existenz, die durch ihr Denken qualifiziert wird – cogito ergo sum, sofern der Mensch denkt, ist er, ist die cartesianische Pointe.

Das Nachdenken nun ist in Abgrenzung zum Denken als transitive Tätigkeit ein gerichtetes Handeln, es bindet ein Objekt: Wir denken einer Sache nach, verfolgen sie im Geiste. Gleichsam ist das Nachdenken eine Teilmenge der Akte des Denkens, jedes Nachdenken ist ein Denken, aber nicht jedes Denken ein Nachdenken. Die differentia specifica, die die Gattung des Denkens in dessen Arten unterteilende Abweichung, ist die Objektbindung, d. h. jedes Nachdenken hat ein θέμα, ein Thema, eine Behauptung. Hier stellt sich also die Frage, ob Nachdenken durch Verbalisierbarkeit ausgezeichnet ist, beziehungsweise sprachlich, also in erster Linie grammatisch erfolgt. Im Nachfolgenden steht ein Ereignis im Fokus, das einen Grenzfall dessen darstellt, was als Nachdenken zu verstehen ist, und einen phänomenologischen Zugang zur Frage nach der Verbalisierbarkeit des Nachdenkens eröffnen soll.

 Die Magie der Exzellenz

Auf dem 1994 in New York ausgetragenen PCA World Grand Prix im Blitzschach kam es in der Halbfinalbegegnung zwischen Ilya Smirin und Viswanathan Anand, dem späteren Weltmeister der Jahre 2000 bis 2002 und 2007 bis 2013, im entscheidenden Spiel zu einer gleichermaßen kuriosen wie unverständlichen Situation. Trotz einer starken Zeitbegrenzung von fünf Minuten nahm sich Anand beinahe zwei Minuten Bedenkzeit für seinen vierten Zug, einen Zug, der gewöhnlicher Weise nicht mehr als wenige Sekunden in Anspruch nimmt, meistens kaum eine Sekunde.

Der hier präsentierte Mitschnitt birgt den Vorteil eines Livekommentars durch zwei Experten, Maurice Ashley, dem ersten afrikanischen Schachgroßmeister der Geschichte, und Daniel John King, einem britischen Schachgroßmeister, welcher suggestiv nachvollziehen lässt, welche Bedeutung das Verhalten des Inders hatte.

Die Pointe dieses Ereignisses ist, dass im Laufe zweier magischer Minuten beide kommentierenden Experten größten Zweifel daran äußern, dass Anand bei Sinnen ist: Sie vermuten einen Formverlust, gar Besinnungslosigkeit. Dennoch gewinnt Anand die Partie letzten Endes souverän ohne einen merklichen Nachteil durch den Verlust eines Drittels seiner zeitlichen Ressourcen. Was ist hier passiert?

Der Begriff Größe

Karls Jaspers hat in seinem Werk über „Die maßgebenden Menschen“ (1964) den Begriff der Größe umrissen:

Ehrfurcht vor den Großen schließt ein die Achtung vor jedem Menschen. Nur wer den Menschen achtet, ist fähig, auch in der gegenwärtigen Welt leibhaftig die Größe zu sehen, wie sie diesem Zeitalter vergönnt ist. Das Maß dieser Größe, mag sie noch so winzig sein, bleibt der Leitfaden zu der Größe in der Geschichte, die durch sie erst glaubhaft sichtbar wird. Die gegenwärtigen in Liebe und Ehrfurcht erblickten Menschen geben das Maß für die Schätzung des Menschen überhaupt und seiner Möglichkeiten. (S. 11)

Karl Jaspers; Quelle
Karl Jaspers; Quelle

Die Kommentatoren des Schachspiels sind nicht empfänglich für die Größe des Augenblicks, weil sie keine Ehrfurcht vor der ἐνέργεια,  der Energie, also Schaffenskraft, Anands aufbringen konnten. Lässt man sich auf den Gedanken ein, dass Smirin sich nicht durch Anands ungewöhnliche Verhaltensweise hat irritieren lassen, so hat selbige diesem das Spiel gewonnen. Bereits einem Schachlaien oder -amateur mögen die Überlegungen eines Großmeisters ein Rätsel sein, doch was innerhalb dieser zwei Minuten durch den Kopf des späteren Weltmeisters gegangen sein mag, ist selbst den Großmeistern verborgen. Mehr ist hier jedoch nicht gesagt, als dass es Voraussetzungen gibt, um Größe anzuerkennen, was sie jedoch ist, gilt es noch zu klären. Jaspers schreibt im Weiteren, zunächst darstellend, was Größe gerade nicht ist:

Größe ist für uns noch nicht da, wenn wir Quantitatives bestaunen, wenn wir etwa am Maß unserer Ohnmacht die Macht derer wahrnehmen, die uns beherrschen. Wir sehen auch noch nicht menschliche Größe, wenn unser Drang zur Unterwerfung uns die Verantwortung abnimmt, wenn diese Lust am Sklavesein unseren Blick trübt und einen Menschen übersteigt. (Ebd.)

Die feinen Unterschiede

Pierre Bourdieu; Quelle
Pierre Bourdieu; Quelle

Von feinen Unterschieden zu sprechen, heißt auf Pierre Bourdieus „La distinction. Critique sociale du jugement“ (1979) Bezug zu nehmen, ein Schlüsselwerk der modernen Soziologie. Es thematisiert den sozialen Charakter des Geschmacks, also etwa die Erklärung von persönlichen Vorlieben für Musik durch Erziehung und Sozialisation. Diese Überlegungen werden im Kontext der Größe relevant, wenn wir uns die Frage danach stellen, ob uns der Sinn überhaupt nach Größe steht; oder vielmehr, ob wir nicht lieber stattdessen etwas für Größe halten wollen, was unserem zeitgenössischen Geschmack entspricht.

Heimito von Doderer; Quelle
Heimito von Doderer; Quelle

Der Titel des Romans „Das letzte Abenteuer“ (1953) von Heimito von Doderer ist mir ein Sinnbild für den Gedanken, den es zum Thema der Größe zu denken gilt. Unser Zeitalter hat sich von der Ehrfurcht vor Großem befreit. Es bedarf keiner Abenteurer und Helden mehr, um die Bedürfnisse der zur Mitte integrierten Masse zu befriedigen – an ihre Stelle ist die Fiktion einer Schwundstufe der Größe getreten, die sich in der massenmedialen Kultursphäre realisiert. Das letzte Abenteuer liegt bereits hinter uns und auch kein Extremsport oder sexuelle Liaison vermag einen gleichwertigen Ersatz zu stellen. Dieser Wandel manifestiert sich nicht zuletzt auch in den Wissenschaften, die unseren Alltag dominieren; oder in Jaspers Worten:

Größe sehen wir nicht mehr, wenn wir nur forschend untersuchen. Sie verschwindet daher im Raume psychologischer und soziologischer Wissenschaft. Die Denkweisen der Psychologie und Soziologie, wenn sie absolut werden, machen blind für Größe. Diese löst sich für sie auf in Begabungen, Eigenschaften, in das, was durch „Tests“ und durch historische Wirkung objektiv und quantitativ feststellbar ist. (Ebd.)

Der Denker

Welche Gedanken auch immer durch Viswanathan Anands Kopf gegangen sind, sie verlangen mir Ehrfurcht und Demut ab. Gewiss sind die „maßgebenden Menschen“, von denen Jaspers spricht, nicht notwendigerweise Schachspieler, im Gegenteil mag er eher von Philosophen und Religionsstiftern sprechen, doch erst durch die Achtung vor jedem Menschen auch das winzige Maß der Größe, das in diesem Schachspiel gegenwärtig gewesen sein mag, zu erleben, statt kleingeistig mehr nicht als eine mentale Hemmung zu vermuten, gestattet eine abenteuerliche Lebenswelt, die der verwalteten Welt der Moderne trotzt.

Auguste Rodin: Der Denker; Quelle
Auguste Rodin: Der Denker; Quelle

Auguste Rodins „Le Penseur“ ist der Archetyp der Größe, die auch in Anands zwei Minuten zum Ausdruck kommt. Es ist die reine geistige Gegenwart, das Nachdenken über einen Gegenstand im Entwurfstatus. Verbalisierbar ist diese Größe nicht – gerade weil sie kein quantitatives „mehr desselben“ (Paul Watzlawick) ist, sondern einen Unterschied in der Welt bedeutet.

13 Gedanken zu „Viswanathan Anands zwei Minuten ätherischer Größe“

  1. Was soll man hierzu sagen? Hatte Sokrates wirklich keinen Apfel? Existierte er überhaupt? Oder war er ein Blumenkohl? Wir wissen es nicht.
    (Ein weiteres Beispiel für das Verständis des Eingeweihten, das keiner Erklärung bedarf) 😉

    1. Mir will scheinen, es läge im Diskurs zur „Größe“ ein doch kapitales Missverstehen vor, wenn es wörtlich heißt:

      „Von feinen Unterschieden zu sprechen, heißt auf Pierre Bourdieus ‚La distinction. Critique sociale du jugement‘ (1979) Bezug zu nehmen, ein Schlüsselwerk der modernen Soziologie. Es thematisiert den sozialen Charakter des Geschmacks, also etwa die Erklärung von persönlichen Vorlieben für Musik durch Erziehung und Sozialisation. Diese Überlegungen werden im Kontext der Größe relevant, wenn wir uns die Frage danach stellen, ob uns der Sinn überhaupt nach Größe steht; oder vielmehr, ob wir nicht lieber stattdessen etwas für Größe halten wollen, was unserem zeitgenössischen Geschmack entspricht.“

      Bourdieus Bestreben ist es nicht allein, den Geschmack, sei es als Vorliebe z. B. für bestimmte Musik, als Destinktionsmerkmal zu erfassen (woraus sich trivial auf „Größe“ schließen ließe), sondern Geschmack als Ausdruck obwaltender gesellschaftlicher Verhältnisse (und als Relation von ökonomischen, kulturellen, sozialen oder symbolischen Kapitalien) zu beschreiben, die sozialen Status (nicht aber „Größe“) modellieren helfen und Habitus begründen.

      Hierum geht es dem Franzosen; insoweit liegt – mit Jaspers – auch mehr vor: ein fundamentales Missverstehen der zeitgenossischen Soziologie. Deren Sichtweisen machen nciht „blind“ für Größe; es interessiert sie „Größe“ mithin überhaupt nicht. Sie empfindet diese Begrifflichkeit allenfalls als aus der Zeit gefallenes Konstrukt einer nicht diesseitigen Philosophie.

      1. Indes wäre dieser kritische Einwand erst dann in aller Strenge gerechtfertigt, wenn behauptet würde, Bourdieu schriebe von Größe. Vielmehr wird hier aber eine Analogie zwischen Geschmack und dem Urteil über Größe gesucht. Dennoch ist im Sinne des Kommentars und der Methodologie der Sozialwissenschaften gewiss richtig, dass sich Größe nur schwerlich als soziale Tatsache verstehen lässt. Dass Größe als Auswahlkriterium gewisser sozialstruktureller Institutionen – seien es bloß Heere, Kirchen oder Universitäten – zu leugnen sei, ist meines Erachtens jedoch voreilig geurteilt. Insofern ist es bisweilen inakkurat – ja eilfertig -, den indirekten Einfluss der Größe auch auf den Themenkreis der Sozialwissenschaften zu ignorieren.

        1. Der Autor ist – trefflich fürwahr – bemüht, den irrigen Gedankengang zu heilen. Es mag wohl angehen, auch den Sozialwissenschaften im weiteren Sinne (worunter etwa die Psychologie zuweilen noch zu zählen sein wird) den Aspekt der Größe zur Betrachtung anheimzustellen – die Rede war freilich von der Soziologie im engeren Sinne (worauf Wert zu legen ist) und Bourdieu (was besonderer Sorgfalt bedarf): Und damit bleibt das Missverstehen des Bourdieu’schen Zugangs und seiner Deutung der Welt als soziologischesVerstehen weiter aufzuhellen.

  2. Und nun etwas nicht ganz so Kryptisches:

    Alles ist relativ. Auch die Größe!
    Es gibt Menschen, die erscheinen kleiner als andere, welche anderen gegenüber wiederum klein erscheinen, zugleich aber anderen gegenüber groß und größer erscheinen als andere. Deshalb gibt es keine objektive Größe, sondern allenfalls zu beschränkte Vergleichsmaßstäbe um die Möglichkeit des noch Größeren zu erkennen.

    Wenn es einen Gott gäbe, der aus dem Nichts das All erschuf – Materie, Raum und Zeit, die Dimensionen, in denen wir uns bewegen, alles, woraus wir bestehen und was um uns ist – müsste er dann nicht etwas sein, das aus nichts von dem bestünde, was um uns ist, das keinen Platz in unserer aus Materie zusammengesetzten, von Raum und Zeit begrenzten Wirklichkeit hätte? Wie könnten wir ihn dann erkennen?
    Und wenn wir ihn kennten, hieße das dann nicht, dass er selbst aus dem bestünde, was wir sind, denselben Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen wäre und ebenso einen Anfang besäße wie vielleicht auch ein Ende, kurz: dass er selbst Teil der Schöpfung wäre? Wo wäre dann Gott?
    Nun könnte man spekulieren, was zuvor war und was danach, doch stieße man auf dasselbe Problem.

    Was folgt daraus?
    > Wahre Größe gibt es nicht! Und wenn es sie gäbe, könnten wir sie nicht erkennen! Also gibt es sie zumindest für uns nicht!
    > Wir können spekulieren und fingieren, dass es Größe gäbe, müssten uns dann aber die Frage gefallen lassen, ob es nicht etwas noch Größeres gäbe, das, was wir für Größe hielten, klein erscheinen ließe.
    > Wer wahrhaft Großes im Sinn hat, darf sich damit nicht begnügen, sondern muss nach Größerem streben! Wer sich dagegen für groß hält, macht sich damit klein, weil ersterer größer ist als letzterer.

    Damit wende ich mich wieder Größerem zu. So gehe hin und tu desgleichen! 😉

  3. Nach – vermutlich erwünschter – Verwirrung in zwei Beiträgen möchte ich dem Dritten widersprechen.

    Zuerst in der Prämisse der Relativität. Ja, Zeit vergeht relativ zur Geschwindigkeit, mit der wir uns im Raum fortbewegen. Daraus folgt aber noch lange nicht die Relativität von allem. Ein Kleeblatt ist entweder drei- oder vierblättrig, man isst eine Pizza oder man isst keine (man kann zwar relativ zu seinem Nachbarn mehr oder weniger Pizza essen, aber bei der Frage ob überhaupt gibt es keine Relativität), ebenso lebt man (um das philosophisch strittige Sein mal außen vor zu lassen) oder ist tot. Es gibt keinen Limbus dazwischen, selbst wenn wir im Hinterkopf behalten, dass der medizinisch für Tot erklärte noch am Leben zu sein scheint, die Frage wo wir die Grenze setzen ändert nichts daran, dass sie eine Grenze ist und kein „mehr oder weniger“.

    Zweitens (abgesehen davon, dass ein Theist einen Gottesbeweis schuldig ist, bis dieser erbracht ist aber ein Atheist nichts) sieht die Orthodoxie des Christentums, des Judentums aber auch des Islam eine relativ einfache Lösung vor: wo ein allmächtiger Schöpfer, der außer seiner Schöpfung ist (mit Ausnahme vielleicht des Christentums, aber selbst hier stellt dies keinen Widerspruch dar), kann dieser allmächtige Schöpfer selbstverständlich in seine Schöpfung eingreifen, also auch dem Menschen sichtbar werden. Natürlich transzendiert das unser Verständnis von etwas, das vollständig „außer uns“ (der wahrnehmbaren Wirklichkeit) sein müsste, aber all unsere (der Menschheit) Modelle eines nicht uns (als dem „Schicksal“ (Raum, Zeit, Gesetze der Physik, etc., pp.) unterworfene) entsprechenden Gottes lassen diese Transzendenz zu und verwickeln sich dadurch nicht in Widersprüche; D.h. ein „Größtes“ in Form eines Gottes ist nicht unter diesem Gesichtspunkt zu negieren.

    Am wichtigsten aber, und ich entschuldige mich, dass ich damit bis hierher hinter dem Berg gehalten habe: Die von Alex hier beschriebene Größe hat weiterhin damit nichts zu tun, sie ist, wenn sie heilig ist, eine säkulare Heilige, keine theistische.

    Drittens deine Konklusionen:
    Den ersten beiden ist begründet auf der Fehlerhaftigkeit ihrer Prämissen die Gültigkeit abzusprechen.

    Deine dritte „Konklusion“, die vielmehr eine Forderung ist, könnte so in jedem Selbsthilfebuch stehen (wenn auch nicht ganz so konfus), wenngleich sie als Maxime des zur Größe fähigen Menschen dienlich und erstrebenswert ist.

    Man muss nur in der heutigen Zeit (welch ewiges Motiv! die Unzufriedenheit mit der eigenen oder der jüngeren Generation – hier aber auch: der älteren!) damit rechnen, dass wahrhafter Größe alles andere als Ehrfurcht entgegen gebracht wird, bestenfalls Desinteresse, schlimmstenfalls Neid, Hass und Furcht. Nicht, weil sie relativ kleiner oder größer geworden ist sondern weil das Gros der Menschen nicht mehr in der Lage ist, sie (absolut!) zu erkennen (an dieser Stelle würde ich dir, Marcel, raten, nochmal in Alex‘ Text nach zu lesen, was unter Größe, insbesondere in Bezug auf Jaspers, zu verstehen oder nicht zu verstehn ist). Sie ist – wie viele Dinge unseres Lebens – fast vollständig trivialisiert. Trivialisiert vor dem Hintergrund unseres (der individuellen Menschen) eigenen, (teils) verblendeten Geltungsdranges, der (selbstverschuldeten) Überflutung mit Reizen, dem Drang, alles zu „dekonstruieren“ und zu „relativieren“ – da sonst unser so hoch geschätztes Bild von uns selbst zusammenzufallen droht.

    So. Und damit genug Kulturpessimismus in einem Kommentar. 😉

    1. Zunächst möchte ich das (wohl bewusste) Missverständnis meiner ersten Aussage ausräumen: Die Aussage “ Alles ist relativ“ ist in der Tat verkürzt. Sie ist im Kontext der Diskussion zu sehen. Gemeint ist „Alles Werten ist relativ“. Größe ist, wie auch Länge, Breite, Höhe, Tiefe zwar messbar; die Aussage, etwas sei groß, breit, hoch, tief erfordert dennoch eine Wertung. Noch stärker ist dies bei Worten, die auf eine charakterlich-ethische Beurteilung abzielen. So auch der hier verwendete Begriff der Größe.
      Diese Wertungen können nicht erfolgen ohne einen Referenzrahmen, mit dem verglichen sich das Beurteilungsobjekt in der beschriebenen Weise darstellt.

      Zweitens möchte ich darauf hinweisen, dass die hier durchgeführten Spekulationen über die Existenz Gottes als Gleichnis zur Frage nach der Existenz und der Zugänglichkeit eines höchsten Wertes zu verstehen sind. Deshalb rede ich gar nicht von Heiligem, sondern verwende dies nur als Metapher für diesen höchsten Wert. Wie man ihn genau besetzt, soll hierdurch gar nicht vorgeschrieben werden.

      Ich will keineswegs leugnen, dass sich innerhalb der bestehenden Glaubensmodelle Lösungen für das hier angesprochene Dilemma finden lassen. In dem Moment, in dem sich Gott uns aber zugänglich machte, indem er sich (sei es auch zeitlich begrenzt) den Gesetzen unserer Existenz unterwürfe, also „Fleisch würde“, würde er sich sich selbst gegenüber erniedrigen und wäre folglich nicht mehr das absolut Größte. Was ich damit meine, ist das Folgende: Zugänglich ist uns stets nur ein Schwundstufe wahrer Größe, die wir so lange für groß halten, bis wir etwas Größeres erkennen. Wir können uns aber dennoch eine Vorstellung von absoluter Größe fingieren und uns als Ideal vorhalten. Dies ist dann aber Glaubenssache und vermag in keinen Fall einen Eindruck von objektiver Größe zu gewährleisten. Ebenso können wir bloß glauben, dass es einen Gott gibt und unsere Vorstellung von ihm muss notwendig hinter dem zurückbleiben, was er ist, wenn er denn ist.

      Somit stellen sich meine Thesen durchaus als stimmige Folgerungen aus dem oben Gesagten dar. Dass die dritte Konklusion ein Appell ist, ändert daran nichts, kann dieser doch auch auf einer zuvor festgestellten Erkenntnis beruhen und durch diese bedingt sein. So ist es auch hier.
      Und sie ist bewusst nicht weniger konfus als die Appelle, die man in biblischen Gleichnissen oft findet. Das regt zum Nachdenken an und persifliert zugleich erneut die hier zum Vergleich herangezogenen Glaubenssätze.

      Zu deinem letzten Absatz habe ich nicht viel zu sagen. Dass es darum in dem Text ging, will ich nicht leugnen. Das heißt aber nicht, dass ich mich auch darauf beziehen muss 😉

    1. Mir fallen ein paar Unterschiede ein:

      1) Das Eichhörnchen ist essbar, das Klavier nicht.
      2) Die relative Größe ist verschieden. Ebenso Masse, Gewicht, Dichte und Volumen.
      3) Das Eichhörnchen ist organisch, während das Klavier anorganisch ist.
      4) Das Eichhörnchen würde wegrennen, wenn ich mit ihm spielen wollte, das Klavier kann dies hingegen nicht, würde es aber, wenn es könnte 😉
      5) Klaviere sammeln keine Nüsse.

      Was ist denn nun der Unterschied, den du als den Wesentlichen ansiehst?

    1. Das ist auch keine Antwort! Wie kannst du nur eine Frage ohne Antwort verbreiten! Pfui! ;-P

      Ich will jetzt wenigstens deine Antwort hören (lesen)

      1. Wenn es sich hierbei um einen dadaistischen Witz handelt, scheint mir die folgende, bei meiner Internetrecherche mehrfach aufgefundene Antwort die passende zu sein:

        „Das Eichhörnchen springt von Baum zu Baum und das Klavier ist auch aus Holz“

        Das klingt zu blöd um nicht die gesuchte Antwort zu sein.

        Alternativ möchte ich anmerken, dass es leichter ist, auf einem Klavier mit einem Eichhörnchen zu spielen als auf einem Eichhörnchen mit einem Klavier.

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