Paratheologische Bissen

Vom Sinn der Bildkritik

 Kulturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche Reflexionen über symbolische Bedeutung und ästhetischen Wert von Kunstwerken sind im akademischen Selbstverständnis moderner Kulturen etabliert. Sie sind eine bewährte Tradition, deren Gegenstand im Regelfall der Menge geschichtlich relevanter Klassiker oder zeitgenössischer Avantgarde entstammt. Die Auseinandersetzung mit dem instrumentellen Einsatz von Bildern, etwa zur medialen Kommunikation oder politischen Meinungsbildung, lässt sich demgegenüber vielmehr in Medien- und Politikwissenschaften finden. An dieser Stelle soll nun allerdings keines der beiden Lager bezogen werden; zunächst weil ein Blog keinen unmittelbaren Beitrag zum gesellschaftlichen System der Wissenschaft leisten kann, dann weil der Gegenstand der Bildkritik selbst aus dem Rahmen der genannten Disziplinen fällt.

Französischer Originaltitel der "Mythen des Alltags" (1964/57)
Französischer Originaltitel der „Mythen des Alltags“ (1964/57); Quelle

Ich möchte stattdessen einen unvoreingenommenen undmethodologisch naiven Blick auf etwas werfen, was ich mit Roland Barthes die „Mythen des Alltags“ nennen möchte. Das Internet bietet eine billige Verfügbarkeit diverser, suggestiver Reize, die in zahlreichen Fällen nur oberflächlich und peripher verarbeitet werden. Die Wahrnehmung dieser Inhalte ähnelt demjenigen des Mythos, d. h. sie geschieht ohne Berücksichtigung ihrer internen Struktur und ihrem Bezug zur eigenen Person. Ich meine, dass ein entschleunigender Beitrag zur αἴσθησις (aisthesis: Wahrnehmung, Empfindung) der flüchtigen Inhalte des Internets deren Genuss bereichern kann.

Über Paratheologie

Als ich mich auf die digitale Suche nach dem fraglichen Begriff begeben habe, stieß ich auf folgende Definition:

Paratheology recognizes that despite the tremendous advances in mankind’s understanding of the world around him, there are still phenomena that can only be classified as unexplained. (http://www.alienjesus.com)

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„Der gemeinsame Hintergrund von Religion, Wissenschaft und dem Paranormalen“ – Ebenfalls eine missverstandene Interpretation des Begriffs Paratheologie, denn hier reicht der etablierte Begriff „Esoterik“; Quelle

Dies‘ ist hier gewiss nicht gemeint. Mehr noch – der Definitionsversuch scheint am rudimentären Unwissen des Autors zu scheitern, der eine akzeptable Definition des Agnostizismus liefert. Nach meinem Dafürhalten, ergibt es wenig Sinn, diese beiden Termini als synonym zu verstehen. Für diese Behauptung spricht allerdings keine lexikalische Autorität, denn der Begriff der Paratheologie findet keine verbreitete Verwendung. Es handelt sich um ein Kompositum
der Theologie als wissenschaftlicher Beschäftigung mit Religion und dem Präfix para-, das im übertragenen Sinne gleichermaßen neben wie gegen bedeuten kann. Im Spannungsfeld dieser beiden Varianten möchte ich die Paratheologie an dieser Stelle verstanden wissen: Die Überlegungen widersprechen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Religion oder stehen neben ihr. In beiden Fällen ist wichtig, dass es sich hierbei in erster Linie um einen formalen Unterschied handelt, denn im Gegensatz zu den Erwartungen des Autors des obigen Zitates kann sich die Theologie selbstredend auch mit unreligiösen Phänomenen auseinandersetzen. Paratheologie jedoch weicht entschieden von der Methodik der Theologie ab, ist bisweilen ihr unwissenschaftlich Stiefkind. Einen paratheologischen Gedanken zu fassen, soll hier heißen,  dass ein Pfad beschritten wird, der einer orthodoxen Theologie verborgen bleibt, weil ihre Prämissen ihr die Einsicht verbieten.

Das strittige Exponat

Paratheologie
Quelle

Dem Bild, das mich dazu angeregt hat, die Bildkritik und den paratheologischen Standpunkt zu bemühen, begegnete mir durch Zufall in den Weiten des Internets, in einer namenlosen Bildersammlung, die die Luft des „optischen Zeitalters“ (Karl Pawek) atmete, d. h. dem kulturell erzeugten Bedürfnis nach visueller Reizflut genügt. Es handelt sich um eine graphisch komprimierte, minimalistische Kombination einer Nahaufnahme einer Figur aus der Fantasie des amerikanischen Autors George Lucas mit einem in das Bild geschriebenen Kommentar. Hier soll nun die Geschichte des Bildes skizziert werden, um seine Bedeutung anschließend voll entfalten zu können. Die Wirkung des Bildes konstituieren drei stilistische Komponenten: Der Diskurs um Gottesbeweise im Medium des Internets, die Analogie zu sportlichen Erfolgsmaßen und die Fiktionalität des Imaginären.

Gottesbeweise

Anselm von Canterbury: Autor der Urform des ontologischen Gottesbeweises: aliquid quo maius nihil cogitari potest - das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann
Anselm von Canterbury: Autor der Urform des ontologischen Gottesbeweises: aliquid quo maius nihil cogitari potest – das, worüber nichts Größeres gedacht werden kann; Quelle

Der Gottesbeweis ist der philosophische Zugang zu Fragestellungen der Theologie. Der Schein mag trügen, dass sie in erster Linie eine Angelegenheit der Theologie seien, doch tatsächlich insofern diese sich mit göttlicher Existenz auseinandersetzt, ist sie unstrittig. Erst philosophisch lässt sich nämlich nach der Gültigkeit dieses Axioms fragen. Die Relevanz dieser Grundfrage theologischer Philosophie indes reicht in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals über den akademischen Diskurs hinaus. Intuitiv verständlich fragen sich Religiöse in einem rationalistischen, aufgeklärten Kulturkreis nach den Bedingungen ihres Glaubens. Diese Fragestellung kontinuiert sich selbst im Internet und kulminiert in Phrasen, die den Beweis ex negativo wagen: „If god isn’t real, then how come[s]…“. Die Philosophiegeschichte liefert hier zahlreiche Prototypen. Klassisch lassen sich der ontologische, kosmologische und der teleologische Gottesbeweis unterscheiden. Sie werden durch die nicht-klassischen Beweise flankiert, etwa der moralische oder der grammatische. Für eine Übersichtsarbeit empfiehlt sich bei Interesse Joachim Bromands und Guido Kreis‘ „Gottesbeweise“ (Frankfurt am Main 2011).

Im vorliegenden Fall handelt es sich jedoch nicht um einen Gottesbeweis im argumentativen Sinne. Worum es sich tatsächlich handelt, ist dieweil höchst fragwürdig. Zunächst aktiviert die erwähnte Phrase, mit der die Bildinschrift beginnt, die Assoziation eines Gottesbeweises. Was folgt, ist auf den ersten Blick sprachlich nicht konsistent mit derselben. Selbst unter Bezugnahme auf den Kontext der fiktionalen Äußerung des Textes lässt sich nicht von einem Verweis auf einen Gottesbeweis sprechen. Aus diesem Blickwinkel ist das Bild scheinbar kein Beitrag zum philosophisch-theologischen Diskurs. Die naheliegende Option zur Erklärung dieser Inkonsistenz scheint nun zu sein, dass es sich um eine Parodie des Diskurses selbst, also um Meta-Kommunikation handelt. In diesem Fall kann das Bild entweder den hämischen Vergleich zwischen den Teilnehmern des tatsächlichen Diskurses mit thematisch irrelevantem Nonsens bedeuten, oder diesen Vergleich zumindest inhaltlich anstellen, um zu zeigen, dass der Regelfall des Gottesbeweises absurd ist. Es ist gewiss nicht auszuschließen, dass der Autor des Bildes diese satirische Intention gehabt hat, doch interessant wird dessen Auslegung in diesem Fall nicht. Deswegen soll hier eine alternative Lesart vorgeschlagen werden.

Der Punktestand

Einen Vorsprung oder Sieg durch Ziffern zu illustrieren, scheint eine Selbstverständlichkeit. Es erinnert an den sportlichen Wettkampf, bei dem erzielte Tore, Körbe oder Punkte auf diese Weise festgehalten werden. Die Analogie nicht-sportlicher Wettkämpfe zu dieser Zählweise ist in die Alltagssprache übergegangen. Selbst die Übertragung auf andere Wettkämpfe als Zweikämpfe stört nicht, sodass es keiner Verrenkung bedarf, um den Punktestand im vorliegenden Bild deuten zu können. Diese Griffigkeit allerdings täuscht schnell darüber hinweg, dass es eigentlich fragwürdig ist, ob hier eine dritte Partei teilnehmen kann. Der Wettstreit von „Christians“ und „Atheists“ hat ein offensichtliches Thema, die Existenz oder Inexistenz Gottes. Logisch handelt es sich um ein exklusives Verhältnis: entweder existiert Gott, oder er ist illusionär. Die Beweislast liegt beim Nachweis seiner Existenz, beim Gottesbeweis. In anderen Worten: Wäre der Pseudo-Gottesbeweis, der hier auf Jabba the Hutt attribuiert wird, tatsächlich nur eine Karikatur, die aller authentischen Versuche des Gottesbeweises spottet, hätte Jabba für die Atheisten gescoret. Wird der Punktestand jedoch genaugenommen, liegen die Atheisten im Rückstand.

Hier mag nun eingewendet werden, dass das tertium non datur (der Ausschluss einer dritten Alternative) nicht notwendig ist. Statt für Atheisten oder Religiöse („Christians“) zu argumentieren, könnte Jabba Agnostiker sein, d. h. die Ungewissheit über die Existenz des Göttlichen behaupten. Diese Sichtweise ist verkürzt, denn Gottesbeweise sind keine Glaubenssätze, sondern logische Formalisierungen – sie unterstehen eindeutiger Beurteilung durch logische Regeln. Der Gottesbeweis muss gültig oder ungültig sein (richtig oder falsch) und zudem gelungen oder ungelungen (wahr oder unwahr). Obwohl es keine dritte Position geben kann, bezieht Jabba diese. Was bedeutet dieser Umstand für das Bild?

Über Fantasie

Jabba the Hutt hat nie einen theologisch-philosophischen Diskurs geführt, er wurde auch im eigentlichen Sinne nicht geboren, wuchs nicht heran und seine Sprache ist womöglich nicht einmal grammatikalisch vollständig. Er ist das Produkt der Fantasie und bloß in einer möglichen Welt stipuliert. Das bedeutet jedoch nicht, dass für ihn andere logische Wahrheiten gelten. Sein Universum ist eine Variation des unsrigen, und sich Jabba vorzustellen, bedeutet, die identischen Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz zu berücksichtigen, wie sie für alles Reale vorliegen. Wie nun kann Jabba mit Religiösen und Atheisten in Konkurrenz treten, ohne Atheist zu sein?

Die Antwort auf diese Frage kann nicht auf der Objektebene des Gottesbeweises und Jabbas Verhältnis‘ zu diesem gefunden werden. Stattdessen müssen wir seinen Mythos regressiv – von hinten – dekonstruieren. Zu beginnen ist also unter der Annahme, dass Jabbas Argument gültig und gelungen ist. Um dies‘ zu rechtfertigen, muss die Phrase „If god isn’t real, then how come[s]…“ neu interpretiert werden. Statt sie als stereotypen Anfang eines im Internet anzutreffenden Gottesbeweises zu interpretieren, muss sie wörtlich genommen werden. Normaler Weise ist die Funktion dieser Satzkonstruktion, durch inneren Widerspruch aufzuzeigen, dass sofern Gott nicht existierte, etwas evidenter Weise Wahres nicht wahr wäre. Jabba jedoch nennt etwas für Gottesbeweise Bedeutungsloses. „[P]eecha chakka  no wookie boonowa tweepi solo“ ist zwar sprachlich, doch es bezeichnet nur im Star-Wars-Universum etwas. Die Fantasie des Star-Wars-Universums jedoch beinhaltet keine Gespräche über die Existenz des Göttlichen. Jabbas Argument funktioniert also anders, als bloß etwas Absurdes zu behaupten. Während nach der Eingangsphrase strukturell etwas Evidentes, ein Gottesbeweis gefordert ist, nennt Jabba etwas, das einem Kontext bar jeden Gottesbeweises entstammt. Mit anderen Worten: Hier gilt die logische Wahrheit „ex falso quodlibet“:

Quelle
Quelle

Die Crux dieses Gedanken ist jedoch, dass Jabba keinen Gottesbeweis nennen kann, er kennt keinen. Sein Schluss aus dem Argument kann also weder sein, dass Gott existiert, noch dass er nicht existiert.

Die paratheologischen Chromatinfäden des Skurrilen

Eine von Andy Warhols "Campbell’s Soup Cans" (1962)
Eine von Andy Warhols „Campbell’s Soup Cans“ (1962); Quelle

Gewiss ist es angesichts des Mediums Internet kontraintuitiv, die vorgestellte Alternativinterpretation zur Karikatur für die Intention des Künstlers zu halten. Indes, Kunst hat nicht nur eine produktionsästhetische Seite, sondern wichtiger noch eine rezeptionsästhetische. Oft steht in Anbetracht junger Kunststile wie etwa Andy Warhols Pop-Art die Frage im Raum, weswegen sie Kunst betitelt wird. Zurecht antworten Künstler auf diese Provokation damit, dass es des richtigen Publikums bedarf. Auch Jabbas Argument kann auf die vorgestellte Weise nur gewürdigt werden, wenn es außerhalb seines reizüberfluteten Kontextes interpretiert wird.

Insgesamt sind wir also zu dem Ergebnis gekommen, dass Jabbas Pseudo-Gottesbeweis gelungen ist, weil er misslungen ist. Erst die Referenz auf die Star-Wars-Fantasie gestattet mit einem Taschenspielertrick, zugleich auf den Internetdiskurs nach Art „If god isn’t real“ Bezug zu nehmen, und seine logischen Limitationen zu transzendieren, indem ein Argument angeführt wird, das in einer Welt evident sein mag, in der Gottes Existenz irrelevant ist. Der Gewinn dieses Gedankenspiels zuletzt ist, dass zur Distanz gegenüber der logischen Dichotomie von Existenz und Inexistenz des Transzendenten eingeladen wird. Der Diskurs dieser Art muss nicht lächerlich gemacht werden, um sich nicht mit ihm beschäftigen zu müssen – er muss aber auch nicht ernst genommen werden.